Not okay (Bella’s Version)

November ist schwierig, sehr schwierig. Noch nicht Jahresende, oder Weihnachten (wobei das ja dieses Jahr auch…mei.), aber dunkel und kalt und unangenehm. Weil das noch nicht langt, um die deutsche Seele zu repräsentieren, holen wir jetzt also auch nochmal die hohen Inzidenzen aus dem Keller und hängen sie in die Fenster, um den Rest zu unterhalten.

Seit ein bisschen mehr als 18 Monaten gehört man hier in Südostoberbayern ja zu den Early Adoptern jeder neuen Welle. Dieses Mal langt es zwar nicht für die Top5, das macht der Nachbar-Landkreis, aber so wirklich Pläne für dieses Jahr hab ich nun auch keine mehr. Keine Pläne, keine Geduld, kein Wohlwollen mehr für irgendjemanden oder irgendwas. Eine düstere, kalte und rauchige Wut beherrscht eigentlich alles. “Die Ungeimpften” sind natürlich längst keine anonyme Masse mehr, weil sie sich plötzlich fast zwangsweise zu erkennen geben, im eigenen Umfeld. Rücksichtslos und egozentrisch ziehen sie sich eine Maske aus Bedenken und Angst auf, der man angeblich mit keiner rationalen Erklärung mehr bei kommt. Dafür gibt es Therapeuten, möchte ich sagen, aber es kommen nur noch kreischende Vorwürfe.

Die Kommunikation um die Drittimpfung meanwhile ist so wacklig, dass ich bereits geimtpfte Menschen kenne, die das jetzt eigentlich nicht wollen. Oder wollen und noch nicht dürfen, können, abgewiesen werden. Alles sehr aufbauend.

Ich bin weiß Gott mehr für diese Situation konzipiert als die meisten Leute, aber umso deutlicher liegt meine Einsamkeit mir auch gerade auf den Schultern. Es ist die traditionelle Jahreszeit dafür, in der ich daran erinnert werde, wie isoliert ich grundsätzlich in meinem Leben bin. Es sollte nicht so einfach für mich sein in den Pandemie-Lockdown-Modus zurückzukehren, but here we are.

Auch ansonsten ist es halt November. Ich experimentiere mit alkoholischen Getränken und nehme mir vor wieder mehr zu schreiben, weil ich eigentlich ja weiß, dass das hilft. Oder sogar richtig heftig Endorphine freisetzt, wenn es gelesen wird. Aber dafür sollte man auch etwas zu sagen haben und das habe ich grade nicht.

Mein Hirn wird gerade noch von einer Erkältung gebremst, die Ausrede sämtlicher uns regierenden und verwaltenden Menschen hab ich noch nicht gehört.

Die ewige Wiederholung. Von außen zugeführte Schockstarre, innen drin aufgewühltes Chaos. Immer mal wieder der Impuls irgendetwas zu kreieren, an etwas zu feilen und sich komplett darin verlieren, das klingt gut. Ich denke, so werde ich mein Jahr ausklingen lassen.

Apropos ausklingen lassen, diesen Fragebogen habe ich gestartet *checks notes* 2018. Motherfudger, was da noch alles bevorstand. Das war ein halbes Jahr nach dem Tod meines Vaters und ich merke jetzt erst, wie lang ich das als Thema mit mir rumgetragen habe. Es war auch die Zeit als ich *checks andere Dinge* einen letzten Versuch zur Klärung einer schmerzhaften zwischenmenschlichen Sache unternahm und wieder ge – bzw. enttäuscht wurde. Ach ja, die Naivität.

Heute hätte Papa Geburtstag und ich kann mir nicht helfen, ich bin froh, dass er den Untergang des Planeten und der Zivilisation nicht mehr so mitbekommt. Es wäre so zornig, noch viel zorniger als ich und das will was heißen. Er wäre aber vor allem auch so besorgt. Nein, so ist es besser. Auch wenn er fehlt.

1000 Fragen / 976-1000

976. Wer ist dein Vorbild?

Kennen Sie diese schönen, faulen Katzen, die einen kompletten Haushalt im Griff haben und dafür auch noch gelobt werden?

977. Wann hast du zuletzt einen Tag am Strand verbracht?

Wenn wir auch kalte, nasse Strandtage zählen, dann … letztes Jahr im Herbst, glaub ich?

978. An wem orientierst du dich?

Orientierung ist ganz generell was mir fehlt im Leben.

979. In welcher Hinsicht bist du immer noch ein bisschen naiv?

Manchmal nehme ich Menschen beim Wort. Meistens einfach, weil ich glaube, dass sie sagen was sie meinen, weil alles andere ja unpraktisch ist. Vereinzelt aber auch, weil sie erfolgreich vorgeben gewisse Ansprüche an sich selbst zu haben und diese kommunizieren, aber eben nicht umsetzen. Das ist natürlich auch so eine Autismus-Geschichte. Ich dachte lange, ich könnte das nicht sein, weil ich Metaphern benutze und Sarkasmus verstehe. Aber das sind ja nur Formeln, die man auflösen kann. Aber wenn Leute einfach nur etwas sagen und man es genauso interpretiert, dann fühlen sie sich oft missverstanden oder werden zornig. Es ist ermüdend und man kommt sich dann relativ dumm vor. Gleichzeitig sage ich halt auch was ich meine, bzw. meine genau das was ich sage. Das macht andere manchmal auch zornig. Schwierig, alles.

980. Trägst du Schmuck, der für dich einen Erinnerungswert hat?

Selten. Mir werden mittlerweile gern Ohrringe geschenkt und ich freue mich immer besonders, diese zu tragen, weil sie für Menschen stehen, die an mich gedacht haben.

981. Wie sieht dein Auto innen aus?

Isch ´abe gar kein Auto (Hallo Gen-Z, kennt ihr das überhaupt noch?)

982. Hast du in den letzten fünf Jahren neue Freundschaften geschlossen?

Aber hallo. Vor fünf Jahren um diese Zeit ungefähr, führte ich gerade Gespräche über den neuen (jetzt schon wieder alten) Job, der dann viele Grundlagen gelegt hat. Seitdem ist dermaßen viel passiert, wozu immer auch neue, wichtige Menschen gehören. So viele ich verloren hab, weil ich von einem getäuscht wurde – die, die es stattdessen in mein Leben verschlagen hat, sind 17x besser.

983. Wer bist du, wenn niemand zuschaut?

Annähernd dieselbe Person wie mit Publikum, das ist ja das Problem. Ein bisschen verzweifelter, momentan, aber wer ist das nicht.

984. Welche inneren Widersprüche hast du?

Ich will unabhängig und frei sein, halte die Rolle von romantischen Beziehungen in unserer Gesellschaft für absurd überhöht. Aber manchmal, manchmal, ist da schon ein Stimmchen. Man wäre schon auch mal gern gut genug für jemanden, für eine einzige Person, für so viel Nähe, dass es gefährlich wird.

985. Wann warst du über dich selbst erstaunt?

Manchmal guck ich mir zu, wie ich so relativ radikale Entscheidungen treffe und denke, och, das ist aber jetzt doch einschneidend und das obwohl Plan B nicht festgezurrt ist. Jobs gekündigt, zwischenmenschliche Brücken angezündet, Ideen verteidigt. Meine kleinen Inseln des Selbstbewusstseins.

986. Leihst du gern Sachen aus?

Prinzipiell ja, ich hänge kaum an Sachen.

987. Bist du auf dem richtigen Weg?

Ich schreibe diese Zeilen, dear gentle Reader, in einem ICE auf dem Weg nach Dortmund. Also im Wortsinne: Nein, bin ich nicht. Ganz generell: Och, bisschen wenig Beschilderung, gerade für unsere Breitengerade, aber man findet schon wohin.

988. Wie lautet dein Kosename für deinen Partner?

Mein WAS für WEN?

989. Bei wem hast du immer ein gutes Gefühl?

Ich sehe mittlerweile davon ab, mich auf Gefühle zu verlassen, das ist bei mir immer etwas diffus.

990. Wie zeigst du den anderen, dass sie für dich wertvoll sind?

Mei, ich bin ja eh mehr so für’s Grobe gemacht, ich bin da wenn es hässlich wird, ich halte Dunkelheit und Stille mit aus. Oh, und Geschenke kann ich gut, hab ich mir sagen lassen.

991. Was machst dich richtig zufrieden?

Abgesehen von einer Badewanne, einem angewärmten Schlafanzug, frischer Bettwäsche und einem Glas Whisky? Wenn ich jemanden helfen konnte.

992. Was ist das schönste Geschenk, das du jemals bekommen hast?

Zeit. Ehrlichkeit. Ausgehalten werden.

993. Zu wem hast du blindes Vertrauen?

Oh no we don’t go there.

994. Was hast du einmal ähnlich wie ein warmes Bad empfunden?

Der Mensch hat an sich kein wirkliches Schmerzgedächtnis, aber ich erinnere mich gut an Moment, wo Schmerz nachgelassen hat. Also die fiese Sorte. Das ist schön.

995. Was ist das Spannendste, das du jemals erlebt hast?

Ich hoffe sehr, dass das noch kommt. Bis jetzt war mehr so Anspannung.

996. Was ist ein grosser Trost?

Endlichkeit.

997. Wovon hast du gedacht, dass du es nie können würdest? 

Mich manchmal ganz okay finden. Kommt immer noch nicht flüssig aus dem Handgelenk, aber hier und da komme ich mit mir zurecht.

998. Was kannst du heute noch ändern?

Im Kleinen fast alles. Also meine Umstände, meine Ziele, da ist Spielraum. Im Großen kommen wir gerade an so einen kritischen Punkt, da werden sich ein paar Dinge nicht mehr umkehren lassen.

999. Wie wird dein Leben in 10 Jahren aussehen?

Gut, denke ich. Anders. Ich mag den Gedanken, dass es in der Zwischenzeit noch so ein paar Momente mit radikalen Entscheidungen geben könnte, die alles auf den Kopf stellen.

1000. Welche Antwort hat dich am meisten überrascht?

Nur, dass ich durchgehalten habe, angesichts so mancher Frage. Meine Güte.

Ach ja, Novembermusik, mussja.

You’ve got to just keep on pushing it
Keep on pushing it
Push the sky away

Agiler Feminismus oder – was der Impfstatus von Joshua Kimmich mit dem Patriarchat zu tun hat*

*Klickbait? Maybe.

(Copyright https://twitter.com/JasonAdamK/ )

I would beg to disagree, but begging disagrees with me

Meine berufliche Vita ist so seltsam, dass ich erst im aktuellen Job in einem a) wirklich großen Unternehmen und b) einer deutlichen weiblichen Minderheit arbeite. Und obwohl ich die Feminismus-Fahne schon lang vor mir her trage, führe ich erst oder eigentlich immer noch bei Kollegen alter Altersstufen und jeden Bildungshintergrundes bizarre Grundlagengespräche. Weil Frauen werden nicht mehr diskriminiert, das war früher. Jetzt müssten wir nur endlich alle Vollzeit arbeiten und halt ordentlich netzwerken, dann klappt das mit der Karriere auch. (Der Kollege fand sich selbst für seine 6 Monate Elternzeit quasi einen Superhelden.)

Auch die Quote, oh Gott, so überzeugt man doch Männer nicht, so schafft man nur Ressentiments. Wirklich, das war das Argument.

Oder man ist die “Mutti vom Team”, soll Dinge mit “weiblicher Intuition lösen” statt mit Kompetenz. Die Beispiele waren jetzt alle junge Kollegen. Vor kurzem hat sich dann auch ein sehr weit oben in der Hierarchie verorteter, sehr viel älterer Kollege bei einer internen Firmenveranstaltung zu dem Thema in die Nesseln gesetzt. Jetzt soll gekittet werden. Alles schön im Silo, im sicheren Raum der weiblichen Belegschaft bleiben.

Vom offenen Brief an alle wurde runtergehandelt auf ein persönliches Gespräch mit Vertreterinnen der weiblichen Belegschaft. Statt Strategie und Maßnahmen, zeigte man sich “bereit zum Dialog” und “interessiert an Feedback”.

Keine Sorge, your girl legt Feuer in der Sache as we speak. Von wegen, man sollte doch konstruktiv reden und bitte niemanden in die Enge drängen. Weil Gesichtwahren geht vor Entwicklung, Status vor Veränderung.

Das ist das eigentliche Patriarchat: Der Schutz von Männern in allen Belangen. Der Arbeiter bei VW ist wichtiger als die Krankenschwester, der Mann mit Missbrauchsvorwürfen hat ja eine Karriere, Forschung für Frauenthemen ist Kokolores.

Und es geht jung los. Der junge, kompetente, gebildete weiße Mann ohne Probleme in seinem Leben weiß nicht, was strukturelle Diskriminierung überhaupt ist, er sieht sie nicht. Er ist die Matrix. Während Männer in ihren 20ern lernen, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind, verstehen junge Frauen, warum wir immer noch Feminismus brauchen. Ein paar Jahre später, wenn diese Gruppen dann gemeinsam arbeiten, Familien gründen, Parteien leiten sollen, denkt man dummerweise man hätte dasselbe Verständnis und erkennt den Irrturm erst, wenn es fast schon zu spät ist.

Kick me under the table all you want

Darum nennen sie Konsequenzen plötzlich Cancel Culture. Weil sonst haben wir sie immer davon kommen lassen. Das erste Gebot ist der Schutz des fragilen weißen männlichen Egos. Besonders, wenn sie in irgendeiner Domäne herausstechen. Tatort-Kommissare, die Corona-Maßnahmen nicht verstehen, Fußballprofis, die denken sie verstünden was von Impfschutz und Comedians, die sich als echte Gefahr für Frauen rausstellen.

Sie alle sind in einem Bereich kompetent, erfolgreich und schließen daraus, dass ihre Meinung auch an anderer Stelle nicht nur relevant, sondern entscheident ist. Sie sind beleidigt, empört und wütend, wenn ihr Allwissen in Frage gestellt wird wird.

Je höher der Status des Mannes, desto wilder die Reaktion. Desto größer auch die männliche Solidarität. Weil wir jahrhundertelang gelernt haben, uns unter dem Schirm von Macht und Autorität zu verstecken, der fast ausschließlich von Männern gehalten wird.

Wir alle, auch Frauen – gerade Frauen, sind darauf getrimmt. Sie wollen “schlichten” oder “die Schweiz” sein oder “können sich nicht entscheiden”, wenn ein Mann sich fürchterlich verhalten hat, weil das Licht seines Status doch bitte weiterhin auf einen herab scheinen soll. Darum sind Opfer und Kämpferinnen so oft isoliert. Als wäre Diskriminierung eine Meinung, Respektlosigkeit eine valide Weltanschauung. (Hier scharfen Seitenblick zur Buchmesse denken, wo man auch noch das mit dem WEIßEN Mann hervorheben muss. Herrgottnochmal.)

Selbst die Medien machen hier einen harten Schnitt. So klar die schlichten Gemüter und Verschwörungs-Fetischisten bei den Corona-Demos dargestellt werden, so sehr wird der opportunistische Virologe hofiert, wird dem Lügen verbreitenden Medienmacher seine “eigene Meinung” zugestanden.

It’s the partriarchy, stupid.

Während Männer bei MeToo plötzlich das Dasein als Verbündeter für sich entdeckt haben und Frauen unterstützen, hat sich selbst hier nicht viel daran geändert, wer zu Protokoll gibt, wenn Frauen zu Opfern werden. Frauen nämlich.

Ganz zu schweigen von Themen abseits dezidierter Gewalt. Ja, der Julian ist ein Arschloch, aber wäre er der Chefredakteur von etwas anderem gewesen, hätte es mehr offenen Diskurs darüber gegeben, dass “da zwei zu gehören” und “die Frauen sich auf darauf eingelassen haben”. Ich meine hey, mir wurde gestern noch mitgeteilt, dass es in der Medienbranche keine strukturelle Diskriminierung gibt. Von einem Mann.

Außerdem geht es da um Sex und das ist ja eh heikel und Consent und überhaupt, spitze Finger wohin man schaut. Anderer Machtmissbrauch, tagtägliche Sticheleien gegen die Expertise, Darstellung und Position von Frauen? Das ist doch nicht sexistisch, findet der Werksstudent, wenn er Annalena Bärbock “schrill” nennt. Wenn Frauen auf Twitter ein Katzenbild posten und Dudes in den Replys erklären, dass die Lampe schief steht. Da muss man sich doch nicht so aufregen, wir haben nichts gegen Frauen, echt nicht, man weiß halt nur alles und ich meine ALLES besser.

I won’t shut up

Es ist unsagbar, unendlich ermüdend dagegen anzugehen. Ob im Kleinen oder im Großen. Mit den Kolleginnen nicht aufgeben bis man Fortschritte sieht ist eins, aber ständig Männern erklären müssen warum sie Frauen nicht immer alles erklären müssen – my dude, I’ve got stuff to do.

Ich habe beruflich viel mit Anforderungen zu tun, mit Wünschen, die Leute an die Funktion von Dingen haben. Mit am schwierigsten ist es an der Stelle immer wieder herauszufinden, welche davon wichtig sind, welche tatsächlich sinnvoll und welche eigentlich gar nichts mit der Funktion, sondern der Beziehung zwischen Menschen zu tun haben.

In der agilen Entwicklung wird darauf reagiert, in dem man sehr regelmäßig darüber redet, immer wieder runterbricht und hinterfragt, möglichst aus der User-Sicht formuliert. Das tut man vor allem, um auf Veränderungen reagieren zu können.

Ein bisschen befürchte ich, muss Feminismus auch so werden.

Agilität: die Eigenschaft Prozesse, Geschäftsmodelle und Produkte reaktiv, flexibel und anpassungsfähig zu halten und gleichzeitig proaktiv, initiativ und antizipativ zu handeln. Oder: Die Fähigkeit sich mit zu verändern, wenn Umwelt, Feedback, Markt oder Rahmenbedingungen sich ändern.

Bitte was? Nun ja, es geht natürlich nicht darum, das Prinzip zu ändern, das Ziel aus den Augen zu verlieren. Das Endprodukt ist schon halbwegs formuliert. Aber auf dem Weg dahin muss man auf die aktuelle Situation reagieren können. Man muss da verändern, verbessern, neu-kalibrieren wo man gerade die Möglichkeit und den passenden Hebel hat.

Nicht pick your battles, mehr work for something.

Die eigene Herangehensweise, der Lösungsansatz und ja, auch die Erwartungshaltung muss zur Situation passen. Intersektionaler Feminismus ist ein Teamsport. Lewandowski muss manchmal auch verteidigen. (Manchmal.)

Ich lebe in sehr unterschiedlichen Blasen. Auf dem Land, wo viele Frauen sich die traditionelle Rolle auch wünschen, weil die Alternative keine “Karriere”, sondern nur ein Job ist. Hier muss meine Argumentation eine ganz andere sein als im Büro, wo zwanzigjährige IT-Halbgötter denken, das mit der Emanzipation sei ja nun geschafft, schließlich gehen sie auch in Elternzeit und Frauen müssen einfach nur besser verhandeln.

Online habe ich, das ist so, wenn man nach Interesse geht, natürlich nochmal ein anderes Level an grundsätzlicher Aufgeklärtheit. Umso mehr herrscht hier aber das Beziehungs-Argument. Der nette Kerl dem alle folgen war ein Drecksack? Ja, aber es ist ja bestimmt eine Sache wo “beide Seiten”, schließlich ist er doch sonst so ein ganz Netter. Er ist bestimmt einfach zu sensibel für eine Auseinandersetzung, Männer tun sich schwer mit solchen Sachen. Dass auch persönliche Konflikte eine strukturelle Natur haben können, haben viele zwar schon begriffen, aber die Konsequenzen daraus ziehen, tun die wenigsten. Man ist ja “befreundet” oder kann halt eben aus dem Status des Kerls noch mehr Vorteile ziehen als einfach auf die Frau Rücksicht zu nehmen. What’s in it for me?

Anstatt Männer zu konfrontieren oder wenigstens zum Schutz der anderen zu isolieren, unsere eigenen Standards zu heben, formulieren wir für sie Entschuldigungen, pochen auf Graubereiche, darauf “neutral” zu sein.

Unsere Argumente und unsere Reaktionen sind nicht agil. Und nein, das heißt nicht, dass man kein Rückgrat hat, dass Überzeugungen nicht absolut sein können. Es geht darum, wie wir diese Haltung kommunizieren und in unser Verhalten übertragen.

Als großer Fan von klarer Linie und eindeutigem Verhalten kostet es mich jeden Tag sehr viel, nicht einfach ständig zu eskalieren. Auszuhalten, dass andere die Welt völlig anders wahrnehmen oder Konflikt eben nicht austragen wollen, das treibt mich immer noch regelmäßig in den Wahnsinn.

Also warum rede ausgerechnet ich von agil, wenn ich offensichtlich nicht damit klar komme, welche Bedingungen mir der Markt vorgibt? Weil es nicht um mich geht.

And if I don’t wanna go, leave me alone, don’t push me

Eine der wichtigsten Faktoren in agilen Projekten ist, herauszufiltern welches Feedback, welcher Änderungswunsch wirklich wichtig und/oder ein Fortschritt ist. Zu erkennen, wo sich die Kursänderung lohnt. So versuche ich es mittlerweile mit meinem Feminismus zu halten.

Bei den Beispielen oben, mit den Kollegen, bin ich erst in die Diskussion gegangen, dachte, ich könnte hier Aufklärungsarbeit leisten. Das war … naiv. Jetzt investiere ich meine Energie nach oben, dahin wo die Multiplikatoren der Organisation sitzen, um sie zu überzeugen und anzuschieben, diese Haltung weiterzugeben.

In meinem heimatlichen Umfeld mache ich kleine, sehr kleine Schritte. Hauptsächlich in dem ich auf Dinge hinweise, immer wieder draufzeige, wenn Frauen anders behandelt werden. Die Matrix sichtbar machen.

Online…habe ich vielleicht ein Problem. Zu viel Spaß am Streit, eine zu kurze Leitung und zu viel Enttäuschung erlebt. Ich sage geradeaus, wenn ich von Verhalten enttäuscht bin, versuche von anderen die Haltung einzufordern und nicht jedesmal wieder komplett enttäuscht zu sein, wenn mit den Schultern gezuckt wird, wenn ich weiche, weil mein persönlicher Problemfall bevorzugt wird.

Kurz: Weniger mit jedem Idioten diskutieren, nur da Aufklären wo Hoffnung besteht, sondern sofort klar abgrenzen. Soziale Konsequenzen, so schwierig es ist.

Aber mehr als alles, aber auch alles andere: Automatisierte Solidarität.

“Ich gehe mit dir zu HR. Ich bezeuge was du sagst.”,

“Ich komme auch nicht zur Party, auf der er ist. Du bist nicht allein.”,

“Du bist nicht verrückt. Du bildest es dir nicht ein. Es ist so passiert.”

“Du darfst so lange wütend und enttäuscht sein, wie du willst. Du musst dich nicht wieder einkriegen. Du bist nicht schuld.”

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Auch nicht bei der aufgeklärten Online-Crowd. Da gibt es die, die solche Dinge erlebt haben und untereinander solidarisch sind und den Rest, die bekanntermaßen toxischen Männern folgen, ihnen noch mehr Reichweite geben. Und offline sowieso. Der Typ, von dem alle wissen, wie mies er zu seiner Freundin ist, aber mit ihm kann man gut zocken. Der Kollege, der herablassende Kommentare über Mitarbeiterinnen macht, aber er ist so gut beim Pitchen, den brauchen wir.

Nein, brauchen wir nicht.

Macht es zu einem EPIC in eurem Backlog. Genies sind ersetzbar, Männer, die man nicht kritisieren darf,sind keine Freunde und solange wir Frauen mit ihrem Trauma allein lassen, braucht sich keiner von uns Feminist nennen.

Don’t “carry yourself with the confidence of a mediocre white man”, die treffen nämlich keine harten Entscheidungen, die führen keine schwierigen Gespräche, die machen nichts besser.

Hannah Gadsby (ihr dachtet wirklich ich würde sie nicht einbauen, nach den Chapelle-Wochen of all things?) hat gesagt:

There is nothing stronger, than a broken woman who has rebuild herself.

Das ist, als was wir durch die Welt gehen sollten. Als das stärkste Material, dass es gibt – eine Frau mit nichts zu verlieren. Eine Frau, die Dinge beim Namen nennt anstatt Frauen zu untergraben. Die männliche Solidarität gegenüber Idioten als das sieht, was es ist: ein lächerlicher Privilegien-Schutzmechanismus, ein armseliges Festhalten an der Vergangenheit.

Automatisierte Solidarität, kein Bohren, kein anzweifeln, kein abwägen des eigenen Vorteils. Und Jungs: Das dürft ihr auch machen. Es ist okay sich vom Alphatier abzuwenden, die Männerfreundschaft in die Luft zu jagen, Grenzen zu ziehen, Schwäche einzugestehen, etwas zu lernen anstatt zu wissen.

Als jemand der nicht immer ganz freiwillig hinter sich Brücken anzündet, um den Weg zu erhellen: Es kann sogar Spaß machen.

KW IstJetztAuchSchonEgal

Also, ein Teil Bourbon, ein Teil etwas kantiger Wermut, ein bisschen Rosmarin-Sirup, schon fängt man auch mal wieder an zu bloggen, ganz simpel.

Ne, also, natürlich nicht. Herrje, ich hab einen ganzen Sommer vorbeiziehen lassen. Nicht, dass er an mir vorbeigezogen werde, er hat mir eher in jedweder Hinsicht eins über den Schädel gezogen. Whiplash allererster Güte. Hier ein Fest, da eine Erfolgsmeldung, danach eine Schreckensnachricht, ein Grund zur Sorge und am Ende eine faustdicke Krise an allen Fronten. Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen und aufzuschreiben. Also hier. In meinem Kopf schreibe ich natürlich in einer Tour, eh klar.

Aber vielleicht ist das ein neues normal. Unregelmäßig ins Büro fahren, mit geliebten Menschen darüber reden, dass sie besser auf sich aufpassen müssen, umso drastischer auf das Zusammensein mit anderen freuen. Womöglich, ich bin noch nicht fertig mit überlegen, mag ich das sogar. Let’s not go into politics.

Die Sache ist halt auch: Ich blogge wenig darüber was ich tue und viel darüber was ich denke, wie ich Dinge sehe. Diesen Drang mich zu erklären, rechtzufertigen, verständlich zu machen – woher der kommt, das lerne ich immer noch. Weil die letzten drei Monate waren nur so bedingt abwechslungsreich. Ich war auf einer schönen Feier, einmal im hohen Norden, einmal auf einer wilden Fortbildung (wo ich den Trainer nicht verwirren wollte, der meinte, dass Menschen mit INTJ Typ auch oft für Autisten gehalten werden. YOU DON’T SAY.) und habe ansonsten gearbeitet. Und darüber den Spaß an der Arbeit verloren. Nein, nicht an dem Job an sich, aber die Aufgaben haben so eine Verwaltungsschlagseite bekommen und ich will mein Leben nicht mit Excel verbringen.

Ich bin, eher zufällig, in spannende Gespräche mit fellow Neurodivergenten Personen geraten und hatte diverse Hirn-explodier-Momente. Da passiert etwas mit einem, wenn man gesagt bekommt, dass das Verhalten eines Menschen manchmal eben nicht nur gemein und verletzend ist, sondern auch unterlassene Inklusion sein kann. Wo keine Erklärung, da keine Teilhabe, da Abgrenzung zur neurodiversen Welt. Andererseits “Person X war ein blödes Arschloch” wirkt schon noch anders als “Person X hat meine spezifischen Kommunikations-Bedürfnisse ignoriert, mich damit von der Teilhabe ausgeschlossen und darum Inklusion unterlassen”, aber vielleicht finde ich da noch einen Mittelweg.

Wo ich eh grade beim Thema bin: Man sucht sich halt seine tatsächlich Inklusions-orientierten Menschen und trifft die dann so, wie es möglich ist. Das ist schön. Und gibt Kraft, dieses ja doch, Thema, vielleicht mal etwas offensiver vor sich her zu tragen. Als Gegengift zum vielen Excel also Dinge anzuschieben, sogar professionell. Zu Inklusion und Bewusstsein, zu unbewusstem Bias und schwer zu eliminierenden Vorurteilen. Neurodiversität, Mental Health und Diversity. Ich wollte einen IT-Job, jetzt hab ich einen IT-Job, dann machen wir jetzt das mit der Disruption. Also brechen wir mal mit zutiefst menschlichen Dingen die Technologie auf. Me and my bigh mouth, das wird halt auch nicht mehr besser.

Was reg ich mich auf, wenn man mich vor gar nicht so langer Zeit gefragt hätte, was mich so eine Pandemie kosten würde, dann hätte ich gesagt, den Kontakt zu allen, die ich mag. Aber nein, kaum, dass alle dieselben Barrieren haben, finde ich mehr Stabilität und Nähe als vorher. Jetzt kommt die Angst vor dem danach. Vor dem “kann ich da, darf ich da dabei sein, will man mich hier haben”. Und im Hinterkopf immer: Selbst wenn man einfach nur fragt, kann es schiefgehen.

Ich nehme also die positiven Überraschungen zur Kenntnis, die Geburtstagswünsche, die spontanen Verabredungen in fremden Städten, die Rückkehr des Fußballstammtisches (nein, hier heult keiner darüber doch nochmal dabei sein zu können, wo ich mich innerlich schon lang verabschiedet htte) und tapse sehr vorsichtig zurück. Nein, nicht zurück, voraus ins neue normal.

(Ja das war wirr, aber die fairy godmother des deutschen Bloggens hat gesagt, dass das so nicht geht und die einzig für mich funktionierende Motivation ist ja, wenn Leute die klüger sind als ich, sagen was ich tun soll. )

Machen wir noch ein bisschen Normalprogramm, ja? Außerdem ist meine a-Taste funky, irgendwas ist immer. Ich weiß, das mit meinen Auszeiten ist kritisch, wenn man solche Sachen anstellt, aber dieses Mal war es wirklich einfach nur Lethargie, kein kognitiver Ausfall. Besserung, hiermit gelobt.

Fragen 951-976

951. Kommst du eher mit Gefühlsmenschen oder mit Kopfmenschen klar?

Katzen. Ich komme gut mit Katzen klar.

952. Auf wen warst du in letzter Zeit eifersüchtig?

Auf alle, die wissen wo sie hingehören.

953. Hat dir schon einmal jemand einen Antrag gemacht?

Nüchtern? Nein.

954. Wann reisst dir der Geduldsfaden?

Das muss irgendwann Ende 2020 gewesen sein, die Enden liegen hier immer noch lose rum.

955. Was würdest du diesem einen Querkopf gern noch sagen?

Oh dear. Fragestellungen, die es 2021 in dem Kontext auch nicht geben würde. Man hat das Reden ein wenig aufgegeben. Die Areosole!

956. Bist du Optimist, Pessimist oder Realist?

‚stares in 2021‘

957. Welches selbst gemachte Dessert ist immer ein Erfolg?

Zählt Kuchen? Gin Tonic Cake. It’s a happiness-super-spreader

958. Wer spielt eine wichtige Nebenrolle in deinem Leben?

Es ist ein fokussiertes Esemble-Stück. Das Pandemie-Spin off „Tresen“ mit einer eher ungewöhnlichen Gruppe aus neuen Charakteren hat aber überraschend guten Eindruck gemacht.

959. Welches Ereignis hat dich stark beeindruckt?

Winkt aus dem Jahr 2021, ungefähr siebzehntes Pandemie-Quartal. Beeindruckt…irgendwie schon.

960. Bist du reif für eine Veränderung?

AHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAH. Ich bin ja gleichzeitig Ms Ritual, die aber auch eine Neigung zu zackigen, drastischen Konsequenzen und einhergehenden Veränderungen hat. It’s exhausting to be me, but someone hast o do it.

961. Wann hast du dich overdressed gefühlt?

Och, schon lang nicht mehr. Lieber extra als auffällig unauffällig

962. Was machst du mit den Erinnerungen an deine Expartner?

Mit bitte was?

963. Hast du schon einmal in einem Schloss geschlafen?

Zählt ein Schlosshotel?

964. Wofür schämst du dich?

Darüber soll ich jetzt wirklich nachdenken? Halten wir das für gesund? REALLY?

965. Schreibst du Geburtstagskarten?

Wenn ich was verschenke, gehört ein Geschenk dazu. Sonst nehm ich es mir gern vor, tue es aber natürlich nicht.

966. An welches ungeschriebene Gesetzt hältst du dich konsequent?

Wenn es nirgendwo steht und mir keiner darüber was sagt, besteht die eklatant hohe Chance, dass ich mich nicht daran halte und damit für Konfusion sorge.

967. Wann hast du zuletzt eine Wanderung gemacht?

Nein.

968. Kannst du dir für die Dinge, die dir Freude bereiten, mehr Zeit nehmen?

Kurzfristige Befriedigung, ja. Langfristige Freude – ich arbeite daran.

969. Welche Klassiker hast du gelesen?

Twilight, Interview mit einem Vampir, Harry Potter.

970. Welche Person aus deiner Grundschulzeit würdest du gern wiedersehen?

Den T. Der war anders, irgendwie cleverer, zäher als der Rest. (Pro Klasse immer ein Kind einer alleinerziehenden Mutter, Oberbayern, die 90er, es war schwierig.)

971. Malst du dir manchmal aus, wie es wäre, berühmt zu sein?

Mir langt berüchtigt vollkommen.

972. Welches Museum hast du in letzter Zeit besucht?

Nochmal für’s Protokoll: Frühherbst 2021.

973. Experimentierst du gerne beim Kochen?

Mei, was heißt das schon. Ich komme aus einer „was ist im Kühlschrank, damit wird gekocht“ Familie. Ich bin besser im improvisieren als im Kochen.

974. Wie wichtig sind Frauen in deinem Leben?

Im Vergleich zu was, Katzen?

975. Machst du gern Komplimente?

Unbedingt. Den Frauen für die Kompetenz, den Nerds ganz generell und den Egomanen für ihre Fehler.

Don’t be a drag, just be a queen