Still fighting – 20 Jahre “Stripped”

Es ist Herbst 2002. Die Erinnerungen sind ein bisschen trübe, aber das müsste das Knacks-Jahr gewesen sein. Knacks heißt, nach 4 Jahren Realschule unter härtesten Bedingungen, suizidal und allein, ist die Kraft zu Ende. Im Nachhinein sind die Prüfungsleistungen eine sehr hübsche Metapher. In Mathe und Rechnungswesen von Tendenz 5 auf 4 korrigiert und dafür in Deutsch und Englisch die Steilvorlagen zur 1 verwandelt. Ich starte zwar noch ins Jahr auf der Fachoberschule, aber dann kam der Platz in der Psychosomatischen Klinik und ich verbrachte meinen Spätsommer in einer Einrichtung in Niederbayern, mit Gruppentherapie und Erkenntnissen. Schicksalshaft sollte ich dort in einer Frauenzeitschrift über den Artikel stolpern, in dem eine Beinverlängerungsmethode ohne Fixateur und der Arzt der sie erfunden hat, beschrieben werden.

Nach 6 Wochen Klinik habe ich eine Telefonnummer für den brillanten Prof. Dr. med. Dipl. Ing., der sich 15 Monate später dem Fuß annehmen wird und das dumpfe Gefühl, dass ich auf die Dauer nicht in das dunkle Dorf im Chiemgau zurückkehren kann, wo der kurze Horizont der meisten Einheimischen dazu führt, dass ich noch einsamer bin als sonst schon. Als ich das später meiner Therapeutin erkläre, strahlt sie und sagt “Na endlich.”

Dass ich bis dato überhaupt am Leben geblieben war, hatte viel mit meiner ersten Clique aus Internet-Freundinnen zu tun, einem Rudel aus höchst unterschiedlichen jungen Frauen, die sich über wilde Leidenschaften für Musik, Bücher und Filme gefunden hatten. Und Fanfiction, aber das ist ein ganz anderer Blogeintrag. (Foren, Chats, die jungen Leute wissen ja gar nicht mehr wie das zu ISDN-Zeiten war!)

Wir haben uns Mixtapes auf CD gebrannt und dauernd mit fieberhaftem, religiösen Eifer gegenseitig Dinge empfohlen. N. brachte Alternatives, skandinavische Dunkelheit und Schrammelgitarren mit (wir hörten beide Nirvana und empfanden uns als entsprechend alte Seelen). A. war die Romantikerin, die uns Songwriterinnen und Lyrik näherbrachte. Ich war gerade dabei mich über India.Arie, Jill Scott und Alicia Keys neu zu definieren. (Mir ist, als hätte ich auch allen Norah Jones aufgedrängt, gerade noch kurz bevor sie quasi aus dem Nichts untefähr 300 Grammys für “come away with me” gewann und überall war.) Obwohl C. die resident Punk und Stadionrock-Expertin war, bilde ich mir ein, dass sie damals das Album mitgebracht hat. Sie hatte ja auch schon einen richtigen Job und einen Mann und war uns überhaupt in Meilensteinen voraus. Zumindest existiert in meinem Kopf das Bild, wie wir bei N. in ihrem Dachboden-Zimmer sitzen und uns durch mitgebrachte CDs hören.

Jedenfalls, dear Reader, zur Orientierung: MTV war damals noch a thing. In dem September war dem zweiten Album einer Künstlerin eine erste Single vorausgeeilt und zwar mit Ansage: Der Genie ist aber mal sowas von aus der Flasche. Aus Christina Aguilera war Xtina geworden, mit risque Fotoshoot, rotzigen Interviews und ganz generellem Getöse. Sie war halt auch 21, hatte jetzt Piercings und war nicht zu unrecht der Meinung, dass sie eh besser singen kann als die anderen Pop-Mädchen und, dass das jetzt alle hören sollten. (Im Jahr davor hatte die Welt mit “Lady Marmalade”, dem Brecher-Song zu Moulin Rouge schon einen Teaser bekommen.)

Albumcover von "Stripped", Christina Aguilera

Anyway, wo waren wir? Das Knacks-Jahr war in Sachen Musik ein formendes (gucken Sie bei Zeiten mal was da alles raus kam, Escapoloy von Robbie, Phrenology von den Roots, Heathen von Bowie, Full Moon von Brandy, Debut-Alben von Norah Jones, the Streets, Black Rebel Motor Cycle Club und Interpol.) Aber keines haut bis heute so rein wie Stripped. In völliger Klarheit darüber wie uncool, rufschädigend und generell anstrengend das jetzt wird, bekommt die Platte darum pünktlich zum 20. Geburtstag die notwendige Würdigung. Song für Song. Interludes und alles. Wer bis jetzt schon dachte, ich wäre nabelschau-affin, we’re gonna go so much deeper, buckle up.

Hier der Link zur Album-Playlist auf Youtube

Stripped (Intro)

So here it is
No hype, no glass, no pretense
Just me
Stripped

Lyrics, Christina Aguilera.

2002 waren Konzeptalben gerade völlig out, es musste ja auch alles auf eine CD passen. Kleine Spielerein, versteckte Songs oder Interludes – sowas machten nur noch die Bands, die Väter hören. Mir doch egal sagt Christina und gibt ein Mission-Statement ab. Das Album beginnt mit einem Mix aus fremden Stimmen, Carson Daily, Fred Durst, Reporterinnenzitaten zum angeblichen Beef mit Britney. Wir starten also mit einem Eff You. Mal ganz abgesehen davon, dass man heute erst recht nochmal anders auf die schizoide Bewertung von weiblichen Popstars in den frühen 200ern schaut, weiß bis heute fast jede junge Frau wie es ist, sich von Gerüchten und Kommentaren verfolgt zu fühlen. Ob Schulhof oder Instagram. Die folgenden 19 Songs sind auch ein Tagebucheintrag.

Can’t hold us down (Feat. Lil’ Kim)

Call me a bitch cause I speak what’s on my mind
Guess it′s easier for you to swallow if I sat and smiled

20 Jahre später und was soll man sagen? Das ist immer noch in Arbeit. Ich weiß nicht, ob ich mich mit 17 schon Feministin nannte. Ich wusste theoretisch, dass Dinge faul sind, gerade was die unterschiedliche Wahrnehmung von sexueller Freiheit zwischen den Geschlechtern angeht. Aber ich dachte auch, ich könnte mich mit Leistung und Argumenten immer durchsetzen. Darum ist der Song mit dem rollenden Beat und der Godmother des Pussy-Rap Lil’Kim vielleicht auch mehr darauf ausgerichtet, es war das offensichtlichere Problem. Slut-Shaming, jedes Dorf hatte eine “Matratze” – während das Modediktat Freiluftnabel, Skinny-Alles und generelle optische Verfügbarkeit gegenüber dem männlichen Geschlecht vorgab. Es ist kein Wunder, dass wir older Millenial-Frauen alle ein bisschen am Rande der geistigen Zurechnungsfähigkeit oszillieren, wie denn bitte nicht?

Walk Away

I’m about to break
I can’t stop this ache
I’m addicted to your allure
And I’m fiendin’ for a cure

Vielleicht der Song, den ich heute am stärksten anders bewerte, wo plötzlich Alarmglocken angehen. Das Arrangement mit dem Jazz-Klavier und einem Bass, der einen dunklen Unterton ankündigt, funktionieren wie der Score zu einer unheimlichen Geschichte. Darüber erzählt Christina mit seufzender, später klagender Stimme, dass sie da in etwas festhängt, einer ungesunden Beziehung, von der sie nicht loskommt. Ob Toxic-Boyfriend, Essstörung oder Depression – die bittersüße Beschreibung einer Verlockung von Dunkelheit, eine Falle, in die man sehenden Auges immer wieder tritt – der Schlag sitzt mit 37 anders als mit 17. Ich fühlte mich so viel souveräner in meiner Gefühllosigkeit. Fast könnte man ein Essay darüber schreiben, wie der Song im Climax, wenn sie beschreibt, wie sie einfach nicht loskommt, auch Social Media ganz gut einfängt.

Fighter

After all you put me through
You′d think I’d despise you
But in the end, I wanna thank you
′Cause you made me that much stronger

Mitten ins Nervenzentrum, bis heute. Let me explain. Es gibt keine Pause zwischen “Walk Away” und “Fighter”, sondern einen einsetzen Streich-Akkord, der wie ein Messer der gerade noch wehklagenden Christina ein Ende setzt. Die Streicher legen nach, besetzen den Raum, das Klavier kommt kaum hinterher. Ich habe eine fast pawlowsche Reaktion auf diesen Song, auf das Intro. Der Song traf mich nach Jahren der schulischen Hölle, der Ablehnung und Ausgrenzung, des nicht mehr am Leben teilhaben-wollens. Cause you made me that much stronger? Konnte ich damals noch nicht eindeutig für mich beantworten, aber nach Therapie und erstmals umgeben von Freundinnen, war es das Lied, an das ich mich klammern konnte, weil das mit den Nine Inch Nails zum Schlafengehen konnte so ja nicht weitergehen. Es kreischt dann eine Rockgitarre dazwischen und Madama Aguilera singt in der Art, wie ich heute “alles anzünden” sage. “You’re Wrong” singt der Background und sie antwortet mit “Thanks for making me fighter”. Das Musikvideo wurde meine Religion.

You. Wont. Stop. Me. So endet die Bridge. Wer jetzt nicht steht, weiß nicht wie es ist am Boden zu liegen.

Primer Amor Interlude / Infatuation

“I am full blood Boricua”
Reads the tattoo on his arm

Ja okay, we get it. Nach der spanischen Version von Come on over hat Frau Aguilera übrigens gerade wieder ihre Latin Roots (Ihr Vater stammt aus Ecuador) für sich entdeckt – dieses Jahr erschien “Aguilera” ein dreiteiliges, komplett spanischsprachiges Album. Jedenfalls, zupfende Gitarren, ein bisschen Storytelling zum Start, dann aber, klar: Darf ich bitten oder tanzen wir zuerst? So ein anbiederndes Latino-Arrangement hatte damals irgendwie jedes Pop-Album, es war etwas unangenehm, aber man wollte Ricky Martin und Enrique Iglesias halt nicht allein den Markt überlassen.

Außerdem: Bis heute dachte ich die Liedzeile hieße “I am from Puerto Rico” und damit zeigt sich auch, wie intensiv ich mich mit dem Song beschäftigt habe. Das groovt schon immer noch ganz gut und man ist ja fast froh, dass es mal latin Dancesongs gab, die ohne brachial-Bass-Gestampfe und einen plärrenden Regaeton-Rapper auskamen.

Loves Embrace Interlude / Loving me 4 me

I’ve been kissed by destiny
Oh, heaven came and saved me

Nein. Es geht bis heute nicht. Gott weiß, wer das für eine gute Idee gehalten hat, aber Sincerity ist schön und alles, aber das ist Schmalz. Unerträglicher, schmerzhafter Schmalz. Der einzige Edit-Fehler auf dem Album. Vogelgezwitscher, Bachrauschen, es ist wirklich nur damit zu erklären, dass man auch die ganz junge Teenagermädchen-Zielgruppe einfangen wollte. Was fast schon schade ist: Mit minimalem Vibrato und dezenter Phrasierung glänzt sie hier durchgängig im Mezzo-Sopran und singt relativ aufwandslos den Rest der damals angetretenen Grazien an die Wand. She has the range, she always had the range.

Impossible

Impossible to make it easy
If you’re always tryin’ to make it so damn hard

Zur Erinnerung: ein Jahr vorher war “Songs in A Minor” erschienen und hatte Alicia Keys aus dem Nichts zur legitimen Nachfolgerin von Stevie Wonder gemacht. Dass man hier das Gefühl hat in einer kleinen Bar zu sitzen, während Alicia in die Tasten haut und Christina ihr Leid über den emotional nicht ganz so available Herren klagt, macht den Charme des Songs aus. Keys hat mitproduziert und man hört an vielen Kleinigkeiten ihre Einflüsse, aber auch wie sie uns später über Jahre hinaus Ohrwürmer einpflanzen würde. Heute würde man Christina vielleicht nahelegen dem Kerl nicht ewig die emotionale Arbeit abnehmen zu wollen – wenn er gern mauert, soll er halt, aber Beziehungen sind ja nicht zur Therapie da.

Underappreciated

How I missed those days when you stayed awake
Now you roll over and snore instead

Apropos wozu Beziehungen nicht da sind: Ich war damals ja meilenweit von gesunden zwischenmenschlichen Verbindungen entfernt, konnte aber um mich herum schon sehr schön sehen, was ich bestimmt mal nicht tun wollte (quasi unfreiwillige Frühradikalisierung): Frauen, die allein dafür sorgen, dass eine Beziehung noch irgendwas außer Routine ist. Die Produktion des Songs unterstützt die Klageschrift sehr smart, mit reduzierten Snares und Akzent-Bläsern, die unterstreichen, wie zurecht genervt sie ist. Vielleicht sollte man den Song nochmal stärker platzieren? (Oder fallen romantische Gesten nicht unter Mental Load?). Außerdem ist “I’m feeling underappreciated” als Frau ja quasi dauernd und in jedem Kontext brauchbar, so isses nicht.

Beautiful

To all your friends you’re delirious
So consumed in all your doom
Trying hard to fill the emptiness
The pieces gone, left the puzzle undone
Is that the way it is?

Linda Perry

Auftritt Linda Perry, mittlerweile anerkannte Therapie-Producer von feministischen Hymnen für Pop-Divas. Linda wer? Sie wissen schon, die 4nonBlondes, what’s up und so? (Der Song wird nächstes Jahr übrigens 30. Ja, ich weiß. Wir sind alle alt.) Sie schrieb und produzierte den Song und war damals wie ein Stamp of approval für die “coolen” Vertreterinnen des Pop. Ja okay, Faith Hill vielleicht nicht, a girl’s gotta eat. Es war natürlich ein Volltreffer. Zur Erinnerung: Ich war 17 und auch da bereits das absolute Gegenteil des gängigen Schönheitsideals, irgendwo zwischen Kate Moss und Gwyneth Paltrow. Ich erinnere mich an das Musikvideo, mit allen Varianten von Menschen, die damals wie heute verspottet werden. Zu dick, zu dünn, zu feminin, nicht feminin genug – an Bedeutung hat das Stück nicht verloren. Die Dynamik hat es dann auch zum perfekten Closer des Konzerts in, ich möchte sagen, Frankfurt (?) gemacht, auf dem wir später waren. Ein Stadion singt mit und weint und für einen Moment fühle ich mich jung, fast normal, fast akzeptiert. So don’t you bring me down today. Wie groß für meinen Moment meine Pläne waren, wie ich ganz kurz daran glauben konnte, dass mir diese Welt auch offen steht.

Makeover

I just want to get away
Saving all your bullshit for another day
I’m the only one that can rescue me from me

Wollen wir ein bisschen Sample-Raten spielen? Na, was treibt da unter der elektrischen Verzerrung? Anyone? Es wird einfacher an der Stelle, wo Xtina singt “it’s overloaded and I’m outta control”. Die smarte Frau Perry hat sich doch glatt bei den Sugababes und ihrem Fürimmer-Hit “Overload” bedient, was dem Song zusammen mit den Kastagnetten (?) einen herrlich psychotischen Vibe gibt, in dem man sich mit 17 und 37 wiederfindet. Sich in gehetzter Atmosphäre wünschen, dass einen einfach mal alle in Ruhe lassen, keine Anforderungen, Änderungswünsche stellen. So falsch wie ich mich damals gefühlt hab, ein ultimativer Schlachtruf. “I’m the only one that can rescue me from me” und auch das muss man erstmal wollen. Die Frage habe ich glaube ich erst heute, mit sehr viel mehr wissen darüber wer ich bin, eindeutig beantwortet. I just wanna live simple and free, indeed.

Cruz

Celebrating a fantasy come true
Packing all my bags
Finally on the move

Ich habe immer schon eine große Schwäche für Songs, die wie Road Trips klingen. Nach Freiheit und Neuanfang, Entdeckung und Verwirklichung. Wenn man grade erwachsen wird, obwohl man bis vor kurzem selbst nicht damit gerechnet wird, bekommen solche windverwehten Lieder aber nochmal eine andere Bedeutung. Aufbruch ist auch so ein Thema. Als junger Mensch fühlte ich mich sehr viel unfreier als heute, obwohl ich keinen festen Job, keine Versicherungen oder Miete zu zahlen hatte. Aber da war bereits eine Ahnung, dass Kapitalismus und Gesellschaft nicht gut mit all zu wilden Lebensplänen kombinierbar wären. Während der smart gelayerte Stimm-Chorus aus multiplen Xtinas singt, überlege ich, ob ich mich verändert habe, die Welt oder ein bisschen beides? Slowly drifting into a peaceful breeze, vielleicht auch weil man das Gefühl nicht los wird, dass einen keine gesicherte Zukunft irgendwo halten kann, schließlich wissen wir alle, dass nichts und niemand vor Veränderung oder sogar Zerstörung sicher ist. Okay, so fatalistisch sollte das jetzt nicht klingen, aber wie gesagt, Aufbruch-Songs funktionieren bei mir.

Soar

We start to look outside ourselves
For acceptance and approval
We keep forgettin’ that
The one thing we should know is

Ich merke beim Schreiben, wie fast schon irrational emotional ich der zweiten Hälfte des Albums verbunden bin. Da wo es, spöttisch gesagt, um die eigenen Sehnsüchte geht. Darum als man selbst zu leben und geliebt zu werden, den Weg zu finden, das eigene Begehren zu erkennen. Das Trio aus “Make Over”, “Cruz” und “Soar” sind wie eine kleine Therapiestunde und sie wirkt nach wie vor. Womöglich war es damals mein kleiner Rest Überlebenswillen, der mich zu so offensichtlich aufbauender Musik geführt hat. Gospelchor you say? Yes please. Das ist alles nicht unsagbar innovativ oder mehrdeutig, im Gegenteil. Aber dafür hat Popmusik auch da zu sein, zum manchmal offensichtlich und nahbar sein. What it is in us, that makes us feel the need, to keep pretending, gotta let ourselves be. Das muss nicht cleverer sein, das ist nämlich einfach exakt wie wir Aliens uns fühlen. Ob Neurodivers oder einfach nur anders – aus einem krampfhaften Beugen in die Erwartungen ein selbstverständliches Selbstsein zu entwickeln ist der ultimative Kampf, egal wie sehr es heißt “sei du selbst” – da findet sich schon immer wieder mal ein “aber doch nicht so.”

Get mine, get yours

If you can handle the fact
That what we have has got to be commitment free
Then we can keep this undercover lovin’ comin’
Hidden underneath the sheets

Fast schon irrtierend, wie sexuell befreit dieses Pop-Album 2002 war. Vor Tinder und der offenen Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Monogamie. Ich gebe zu, dass ich dahingehend immer schon zu logisch, zu pragmatisch unterwegs war, als dass ich mich verpflichtet gefühlt hätte, irgendwelche konventionellen Dinge einzugehen. (Ist auch ein Weg sich das ewige Single-Sein schön zu reden, aber es ist wirklich okay.) “Put your hands on my waistline” ist die Art von direkter Bedürfnis-Kommunikation, die wir heute immer noch predigen. Dazu natürlich Synthesizer deluxe, die Produktion hat entsprechend rote Ohren. Aber jenseits von Anaconda und co. – wo findet das den heute statt??

Dirrty (feat. Redman)

Gonna get rowdy
Gonna get a little unruly
Get it fired up in a hurry
Wanna get dirrty
It’s about time that I came to start the party

Nun, wo wir schon beim körperlichen sind. War das damals skandalös. Das Video (David LaChapelle, what did people expect?), der Song, die gottverdammten Chaps – so unfassbar viel künstliche Aufregung, man kann es sich heute gar nicht vorstellen. Aber ja, knallen, tut das Ding bis heute. Ich erklär da jetzt nicht weiter rum, dreht mal lieber auf.

Stripped Pt. 2

To all my dreamers out there, I’m with you
All my underdogs, (ha) I feel you
Lift your head high and stay strong
Keep pushin’ on

Luft holen, das high von den Power-Songs und Dancefloor-Abräumern mitnehmen, wir fahren jetzt runter, hold on.

The Voice within

No one reaches out a hand for you to hold
When you look outside, look inside to your soul

Du kannst keine 4-Oktaven-Stimme haben und nicht eine Power-Ballade auf dem Album haben, wo kommen wir denn da hin. Die große Wiederauferstehung, Willkommen zur Triumphabteilung. Es ist auch ein kleines bisschen die ausgestreckte Hand an das jüngere Selbst und das kann ich heute im Gegenzug zu 2002 sogar verstehen. Diese “es wird besser” Haltung, das Bitten darum irgendwie durchzuhalten. Plus: I’m a sucker for a dramatic key change. Wenn nach zwei Dritteln der dramatische Background-Chor einsetzt, das Timing ein bisschen anzieht und Christina jede Note bis zum Anschlag singt, wie soll man da bitte nicht für sie sein? Mehr Power-Balladen braucht die Welt, das ist ohnehin das Revival auf das ich warte. Wir machen wieder Hüfthosen und klobige Schuhe, aber Vokalistinnen, die völlig überzogen dramatische Liebeslieder mit Terzen in Hochsprungrekordhöhe singen, das kommt nicht zurück? Was ist denn hier kaputt?

I’m Okay

Shadows stir at night through a crack in the door
The echo of a broken child screaming “please no more”

Damals auch noch eher untypisch, derart autobiografische Trauma-Aufarbeitung auf gefälligen Pop-Alben, aber die endeten ja auch nach 12 Songs, also let’s go. Christinas Vater war nach ihrer Aussage gewalttätig gegenüber ihrer Mutter, bis die beiden gegangen sind. Ich habe zu dem Thema, Gottseidank, keinen Bezug, aber zur heilenden Wirkung von Oversharing. Ich schreibe jetzt sei über 20 Jahren ins Internet, auch den dunklen Kram. Als ich jünger war auch noch viel direkter, klarer. Es ist egal wie groß die Bühne ist, die Überwindung eigene Geschichten zu teilen, Anknüpfpunkte und Wiedererkennung zu schaffen – das war ursprünglich gar nicht meine Absicht, aber es war genau dieses Feedback, diese Verbindungen, die mich durch diese Zeiten gebracht haben. Das ist auch der oft unterschätzte Wert von Social Media: Jenseits von Inszenierung und Memes wird Leben geteilt, mit Niederlagen, Verlusten und Wunden. Es ist, gerade aus der Sicht von jemanden, der sich im “echten” Leben sehr schwertut genuine Beziehungen zu Menschen herzustellen, die beste Art von Signal zu zeigen, dass man einander gegenüber verwundbar ist, sein möchte. Ich bin so dankbar für alle, die sich mitteilen, sich mit mir teilen.

Keep on singing my song

Every time I tried to be what they wanted from me
It never came naturally
So I ended up in misery
Wasn’t able to see
All the good around me

Der Song ist ein Mantra und existiert vermutlich nur wegen einer einzigen Note, aber meine Güte es funktioniert halt. Der begleitende Chor, die immer offenere werdende Stimme. Bis heute halte ich die Luft an, wenn sie nach über 4 Minuten Hymne ansetzt und mit einem fast 13 Sekunden-Ton nochmal alle Tore öffnet. Als würde jemand meinen Brustkorb aufmachen, damit noch mehr Luft in die Lungen, mehr Blut ins Herz, mehr Sauerstoff in alle Zellen können.

Jetzt, wo ich den Song höre, nachdem ich tief in meinen Erinnerungen und meiner eigenen Entwicklung gewühlt habe, öffnet es auch die Befreiungs-Tränen, die den Blick auf eine lange Reise klären. Eine Reise die vermutlich kaum ihre Mitte erreicht hat, aber deren Meilensteine mittlerweile öfter aus Brücken den aus versperrenden Felsen bestehen. (Ja, ich hör ja schon auf, is mir auch ein bisschen peinlich.)

I Will Be

Pünktlich zum Zwanzigsten hat Christina einen neuen Song zur Sonderedition ergänzt und tja, manchmal passen Dinge einfach.

I will be strong on my own
I will see through the rain i will find my way
I will keep on traveling this road
’till i finally reach my dream till I’m living and I’m breathing my destiny

Für N., C. und A. (auch wenn du einfach aufgehört hast mit mir zu sprechen.)

XXXVII – WWTID

(*WhatWouldTheInternetDo)

7 bis 37, dieses Mal also mit Vorlauf. Vor 10 Jahren habe ich das Internet anlässlich meines Geburtstags mal um Ratschläge gebeten. Um Perspektive und Erfahrungen, um Gelerntes und Erlebtes. Damals bekam ich viele Antworten, großzügige und kluge, alberne und pragmatische Hinweise auf vielen Kanälen.

Viel ist in der Zwischenzeit passiert. Unter anderem ist mir die Blog-Datenbank einmal abgeraucht und das Backup der Kommentare ist so groß, dass ich es nie geschafft habe, sie wieder einzuspielen. Ich bin, wenn man es wörtlich nehmen bin, ratlos. So kann man seine dreißiger natürlich nicht zu Ende spielen und womöglich gewappnet in die 40 starten, wo soll das denn enden?

Ein bisschen bin ich auch eine andere als vor einer Dekade. Auf eine Art wieder die, die ich ganz ursprünglich mal war. Eher radikal und kompromisslos, eher laut und zu direkt als gezähmt und zivilisiert.

Etliches ausprobiert, meist gescheitert, immer gelernt. Gelernt vor allem zu Fragen, die, die es besser wissen könnten, es vielleicht schon erlebt haben oder einfach klüger sind als ich. Auch gelernt, um Hilfe zu bitten, wo es geht, wo ich überhaupt verstehe, dass ich Hilfe brauche. Wusste ich vor 10 Jahren ja auch nicht, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr lernen werde, weil mein Hirn in seiner Basis-Konfiguration schon so anders ist, dass Manches sich mir nicht erschließt. Es gab mal eine Studie, da hat man verblüfft herausgefunden, dass autistische Menschen sowohl allein als auch unter Beobachtung ihre eigene Moral und Ethik gleich anwenden. Weil etwas richtig oder gerecht ist, unabhängig davon, ob man dafür beurteilt wird. Neurotypische Menschen waren in der Studie aber anders und haben sich signifikant besser verhalten, wenn sie unter Beobachtung standen. Das Fazit von der Studie war, dass neurodiverse Menschen offensichtlich Schwierigkeiten haben, ihre Vorstellungen an die restliche Gesellschaft anzpassen, weil sie immer versuchen ihre Version von richtigem Verhalten durchzusetzen.

Daran muss ich oft denken. Meine Windmühlen sind immer noch da. Ich erkenne sie jetzt oft als solche und verstehe, warum ich allein darauf zureite, weil der Rest klug genug ist, es zu lassen – aber darum nichts tun kann ich halt auch nicht.

Darum vielleicht eines vorneweg: Mir zu raten vernünftiger oder strategisch klüger zu werden, das ist womöglich nett gemeint, aber eher nutzlos. Aber alles, was mehr Freude bringt, mehr Freiheit schafft, mehr Einklang mit sich selbst – dafür wäre ich wirklich dankbar.

Apropos Dankbar: Die letzten 10 Jahre, mit allen Abenteuern, Diagnosen, Verlusten, Pandemien und anderen Unwegbarkeiten wäre ohne euch verpeiltes Internet-Volk niemals so gut aushaltbar gewesen.

So here’s to you, fellow crazies. Und jetzt lasst ihr mir bitte ein Sprüchlein fürs Poesiealbum da. (Oder das beste Kuchenrezept, den wichtigsten Cocktail oder das Buch, das ich unbedingt noch lesen muss.)

Links Papa Donnerhall, Rechts Bella

I am (not) my hair

Ja, ich weiß, dass hier mittlerweile zentimeterhoch der Staub liegt, da hängen überall Spinnweben und gelüftet müsste auch mal werden. *hilfloses Gestikulieren*

Neulich fand ich mich in einem Gespräch wieder, wo darüber sinniert wurde, welche seltsamen Dinge wir von Eltern und Ahnen erben. Gesten, Formulierungen, komplette Gesichtstopographien.

Dass ich mich nach und nach in meine Großmutter bzw. eine Kopie von meinem Vater verwandle, ist indes nicht überraschend, weil ich seit Tag 1 nichts anderes war. Während das Krankenhauspersonal nach meiner Geburt bei meiner Mutter immer erstmal nach dem passenden Kind fragen musste, wurde mein Vater ohne weiteres Wort zu mir geführt, weil der großgewachsene Mann mit den dunklen Locken, blauen Augen und schmaler Oberlippe jawohl nur zu dem quasi identischen Mini-Geschöpf gehören konnte.

Wie der Direktvergleich sehr schön zeigt:

Links Papa Donnerhall, Rechts Bella

Die dunklen Locken muss man wissen, im familiären Genpool heiß begehrt, haben sich in meiner Generation extrem rar gemacht. Während sowohl mein Vater als auch seine beiden Geschwister als bajuwarisch “ruassig” bezeichnet wurden, teilen sich nur meine Schwester und ich die dunkleren Pigmente – sie Haut, ich Haare.

Hier jetzt bitte irgendeinen klugen Satz zu Wurzeln, Haarwurzeln oder Verwurzelung und der dazugehörigen Metapher denken. Es hat 400 Grad da draußen, also bitte.

Wie das so ist, die, mir tut das jetzt auch weh, Mähne, wurde zum Markenzeichen. Ich war “die mit den Haaren”. Erst hauptsächlich qua Volumen und Farbe, weil mir niemand beigebracht hat, was man mit Locken tut. (Praise be Black-Hair-Instagram, all Coconut-Oil, Silk-Pillowcases and Diffuser-Routines!) Außerdem fühlen sich alle wohler, wenn sie bei der Beschreibung auf Haare ausweichen können, anstatt Körperumfang oder unrunden Gang zu erwähnen. Und während ich mich nicht als außergewöhnlich eitel bezeichnen würde, wurden meine Haare die eine Sache, die ich unumwunden an mir mögen konnte. Natürlich erst nachdem ich jahrelang die Jennifer-Aniston-Frisur haben wollte. Die 90er haben niemandem gutgetan. Außerdem, abgesehen von horrendem Verbrauch von Conditioner, waren sie unkompliziert. Ich gehe zum Friseur, falls mir danach ist. Zum Spitzenschneiden. Haarschnitt, what’s a Haarschnitt?

Jedenfalls: Haare sind wichtig, aber wem sag ich das.

Das hier schreibt schließlich auch die Begründerin der Montagslocken. Der letzte Post dazu, soweit ich ihn finde, vom 6. Juli 2020.

https://www.instagram.com/p/CCSdDSVsTeG/

Man muss das alles wissen, um sich grob vorstellen zu können, wie sich der Herbst 2020 angefühlt hat. Sie wissen schon, nach der Sache. Man lernt in Sachen Humor des eigenen Kadavers schließlich nie aus und meiner fand es lustig, sich infolge der quasi Vergiftung durch etwas zu viel Cortison des Haupthaares zu entledigen.

Yes, you read that right, sie sind ausgefallen. Büschelweise. Bürsten, Hände, Badewannen voller langer, dunkler Lockenstränge und meine Tränen hinterher. Zuerst wollte ich es gar nicht begreifen, dachte das wäre nur ein bisschen mehr als sonst. Aber innerhalb eines Monats hatte ich einen soliden, unfreiwilligen Undercut und nur noch dünne Strähnen am Oberkopf.

Nach wochenlanger Krankheit, grade so wieder selbständig unterwegs und auf dem Weg zurück ins Leben ist einfach mal ein Teil der Identität futsch. Wann es aufhören würde, ob sie wiederkämen – es war alles nicht klar. Meine Hausärztin, ohnehin schon in mehrfacher Hinsicht am Rande ihrer Kapazitäten bei mir, verschrieb erstmal diverse Sanierungsmaßnahmen. Und eine Perücke.

Glauben Sie mir, im Winter 2020 war niemand so dankbar über verpixelte Webcams und pandemiebedingtes Homeoffice wie ich.

Ich hatte nie vor, sie länger zu tragen oder wollte mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, entsprechend sollte es “irgendwas in dunkel und länger” werden, was Herausforderung genug war. (Perückenindustrie, schwierig. Aber da kennen sich andere besser aus.) Der Gedanke daran, es als Option für einen neuen Look, etwas ganz anderes zu sehen, kam mir erst mal gar nicht. Zu verstört, entwurzelt war ich. Wer bin ich und wenn ja welche Frisur? Ich dachte an all die Frauen, die Farbe und Länge wild wechseln, die sich den Kopf rasieren oder gleich alles unter ein Tuch packen. An Krebspatientinnen, die nicht nur ihre Haare am Kopf verlieren, während sie um ihr Leben kämpfen. Kein Jahr vorher, war genau das meiner Mutter passiert, hatte meine Schwester zum Rasierer gegriffen und mit ihr eine Perücke ausgesucht. Es erschien von außen nicht so dramatisch, zumindest im Kontext. Es waren bloß Haare, die sie eh immer kurz geschnitten hatte. Wichtig war die Therapie, war die Gesundung, Haare kämen wieder. (Karma? That you?)

Ich kam mir gleichzeitig lächerlich und verletzt vor, als wäre mir eine große Ungerechtigkeit widerfahren, die für mich nochmal schlimmer war als für andere, weil meine Haare doch mehr waren als nur tote Hornzellen.

Bei jedem Waschgang des traurigen Rests wurde nachgezählt, wie viele sich wieder verabschiedet hatten. So viele Tränen. Parallel saß ich zur Nachsorge der ganzen Angelegenheit immer noch mindestens wöchentlich bei irgendeinem Arzt, einer von denen sagt irgendwann “Regain”, ein Mittel das mal für Herzpatienten entwickelt worden war, sich aber als Haarwuchskatalysator entpuppte (Science!). Zweimal am Tag sprühte ich also brav überall die klebrig-ätzende Flüssigkeit quasi den ganzen Kopf entlang. Ein Dutzend von den Fläschchen musste ich bis Ende des Jahres verbraucht haben. Ständig fuhr ich mit den Fingerspitzen auf meiner Kopfhaut umher, wartend, dass die ersten Stoppeln zurückkommen mögen.

Die übrigen Strähnen schnitt ich langsam kürzer, bis sie nur noch auf die Schulter fielen. Als würde Pandemie, gesundheitliches Chaos und Weltlage nicht reichen, dachte ich also darüber nach, wer ich bin, wenn nicht Haare. Wenn nicht all das, was man damit verbindet. Lange Locken, feminines Bat-Signal, bei gleichzeitiger Ungezähmtheit. Krone, Stilmittel, Beschäftigung für Hände beim Denken.

Könnte ich jemand anderes sein? Vielleicht ein kurzer Wuschelkopf, eine quirrlige (puh), unkonventionelle Person, die hellgrüne Dinge im Schrank hat? Eher in der French-Bob-sophisticated-blasiertheit Variante? Oder für immer hochgesteckt, nach hinten gestriegelt, streng und professionell? Warum zur Hölle habe ich solche Assoziationen im Kopf und kann daran bitte auch das Patriarchat Schuld sein?

Die Perücken-Phase dauerte gut ein Vierteljahr und die Akwardness der “hast du was mit deinen Haaren gemacht” Kommentare macht mir jetzt noch Gänsehaut. Wobei die vor allem von Männern kamen und ich mich seitdem sehr ernsthaft frage, ob sie womöglich etwas leicht zu täuschen sind. Weil ich bin absolut dilettantisch in solchen Dingen und das Ding saß zwar ordentlich, aber meine Güte, nicht so gut? (Ich denke nicht, dass es ein derart durchdachter Move war, wo Mann es als Perücke registriert hat und dann erst recht etwas Nettes sagen wollte. Komplimente als sozialer Schachzug sind dann doch eher selten und tendenziell ein weibliches Werkzeug. Den Aufsatz, dass ich damit weibliche Sozialisierung meine und nicht Genetik oder Biologie, den kann ich mir sparen, okay?)

Es wurde 2021 und langsam, ganz langsam, natürlich zu langsam, kamen die Kringel zurück. Erstmal weiterhin irgendwie zusammengebunden, weggesteckt, weil einzelne fliegende Löckchen nur in Sofia Coppola Filmen gut aussehen.

Im Juli 2021 gab es dann die große Nervenprobe für mich. Ein Fest stand an, eins wo man sich zurechtmacht und aufhübscht und über Kleid, Schuhe und Lippenstift nachdenkt. Wo ich normalerweise die Locken mit dem Föhn bearbeite und dann keck mit einer Blume oder einer glitzernden Spange ein bisschen zurechtrücke. Aber noch waren da nur ein paar Zentimeter Gewuschel auf dem Kopf. Es war am Ende eine Versöhnung. Mit dem, was da war, mit dem, was kam, auch mit den Wurzeln – sehe ich mit Dutt doch endgültig aus wie eine leicht jüngere Version meiner Großmutter.

Hochsteckfrisur von Hinten, Locken, gehalten von einem blumengeschmückten Kamm

Es sind jetzt knapp zwei Jahre, seit ich mich etwas orientierungslos im Krankenhaus wiederfand, ein bisschen weniger als zwei, seit mein Körper sich der Zellen entledigt hat, die vielleicht zu viel Erinnerung daran enthielten.

Über allem lag Pandemie und Pandämonium, Stille, Distanz und für fast jeden von uns wenigstens eine Gelegenheit zum Neuerfinden, Wiederentdecken, Zeigen wer man ist. Manchmal frage ich mich, ob die Zeit ohne Montagslocken, ohne viele persönliche Treffen, mit ausreichend Raum zum Sinnieren sogar die einzig mögliche Option war, um mich damit auseinanderzusetzen, warum ich so an meinen Haaren hänge. Vielleicht war es auch mein Weg, Empathie mit denen zu entwickeln, für die die Veränderung zu viel war. Die Angst davor hatten nicht mehr genug gesehen zu werden oder, dass sich ihr Aussehen verändern könnte, weil das Fitnessstudio zu hat.

Es ist mehr als Darstellungsdrang, wenn wir unsere physische Erscheinung mit dem eigenen Charakter oder einer aktuellen Gefühlslage in Einklang bringen wollen. Es ist ausgeprägter denn je zuvor, keine Frage, people do it for the ‘gram, for the likes.

Von den immer noch nachwachsenden Haaren sind erschütternd viele Weiß. Ich hadere damit, weil mich quasi gerade erst gefunden habe und zupfe diese oft noch robusteren, sich genauso kringelnden Exemplare aus. Soviel zum neuen Selbstbewusstsein und der Unabhängigkeit von der Frisur. Nur, solange ich so tun darf als ob ich jung wäre, ähem.

Vor ein paar Wochen, als ich die ersten Montagslocken seit, you know, everything, gepostet habe, starrte ich die ganze Zeit auf die längeren dünnen Strähnen und wie unperfekt sie sind, wie offensichtlich. Aber sie sind jetzt eben auch Teil der Geschichte. Wie meine Narben, meine Kratzer und Flecken. Lädiert, aber brauchbar.

Aus den alten Wurzeln sind neue Haare gewachsen, mindestens so stark wie die davor. (Metapher bitte auch wieder selber denken.) Vor kurzem war es erstmal so heiß und meine Haare wieder so lang, dass ich sie nach oben stecken musste, um aus meinem Nacken keinen Wärmespeicher zu machen. Zum ersten Mal verstand ich, warum manche Menschen sich für einen “praktischen” Haarschnitt entscheiden. Die haben sich einfach eher unabhängig gemacht, sind vielleicht einen Schritt voraus.

Ein Teil von mir würde, gäbe es ein nächstes Mal, zur blonden Pixie-Perücke greifen, glaube ich, hoffe ich. Haare sind wichtig, aber vielleicht auch, weil sie sich ändern können. Manche kommen zurück wie sie waren, oder werden anders oder sie bleiben einfach weg.

Ich bin nicht meine Haare, aber meine Haare werden ab jetzt immer nach mir aussehen.