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KW Nullzwei 2021

Hatte mir ja so gut wie nix vorgenommen, aber – einmal mehr – wieder regelmäßig hier Dinge zu notieren. Naja, klappt so mittel. Es ist aber auch alles sehr zäh. Ich arbeite viel, ich schlafe noch mehr. Dazwischen gehe ich zu Ärzten, habe lustige Medikamenten-Nebenwirkungen und gucke frustriert Pressekonferenzen von Leuten die sich vor Entscheidungen fürchten. Dann ärgere ich mich kurz und mache weiter. Ich habe ein Rudergerät bestellt und trinke ein kleinwenig zu viel Wein. Es ist zu kalt.

Langsam wird die Zeit zu lang. Diese…Situation. Weiß Gott, nicht in den dunkelsten Wochen des Jahres ins Büro pendeln zu müssen ist schon okay, aber nicht zu wissen, ob das womöglich auch im nächsten Frühling noch so sein wird…es fängt an zu nagen.

I miss people. (Nein, ich wurde nicht entführt, es ist nur Pandemie.) Die Müdigkeit ist so tief, sie schlägt in Melancholie um. Wie das alles wohl einmal werden soll. Ob wir uns dann trauen? Oder wird ein Teil von uns eskalieren und der Rest mit der Angst vor dem nächsten unbekannten Virus leben? Langsam bin ich es leid in interessanten Zeiten zu leben, obwohl es mir vergleichsweise gut geht. Worauf sollen wir uns bloß freuen?

Fragen 801-825

801. Wie sieht deine Traumküche aus?

Holz, aber modern. Mit einem Hauch mediterran und natürlich allen Luxus-Einrichtungen. Apotheker-Schränke, verstellbare Arbeitshöhe, Ofen auf Augenhöhe, das ganze Programm. (Googeln Sie jetzt nicht Team7. Schauen sie nicht auf die Preisliste.)

802. Was ist deine früheste Erinnerung?

In unserem ersten Haus gab es diesen Boden. Schiefer, aber schimmernd in diversen Farben und nicht glatt, sondern ziemlich grob strukturiert. Meine Mutter hatte unvorsichtigerweise gesagt, dass sie den nett findet und weil mein Vater mein Vater war, wurde der auch gekauft. Dass er nicht ins Budget passte und man ihn die ersten 14 Tage auskehren und ölen musste – egal. Ich erinnere mich daran, wie sich dieser sehr lebendige Boden unter meinen Füßen angefühlt hat. Kalt, aber weich und griffig.

803. Bei welchen Gelegenheiten steht dir dein Ego im Weg?

Ha. Haha. Hahahaha. Beim anderen recht geben. Beim Entschuldigen. Beim klein bei geben.

804. Hast du eine gute Menschenkenntnis?

Nein. Ich kann nach intensiver Beobachtung oft einiges sagen, aber da sind dann gern auch Dinge dabei von denen die Menschen gar nicht wollen, dass man sie weiß. Es ist kompliziert. 

805. Wie wird die Welt in 100 Jahren aussehen?

Aktuell gefällt mir der Gedanke, dass sich die Menschheit dann erledigt hat und die Natur sich den Planeten zurückerobert.

806. In welcher Beziehung sind Kinder angenehmer als Erwachsene?

Sie haben weniger Probleme mit der Wahrheit.

807. Würdest du an einem Talentwettbewerb teilnehmen?

Mit welchem Talent denn? Also nein.

808. Gibt es Tage, an denen du überhaupt nicht sprichst?

Ja, was ich meist leicht irritiert am Ende des Tages merke und über mich selbst den Kopf schüttle.

809. Was sagen die Falten in deinem Gesicht?

Das sind keine Falten, ich habe schlecht geschlafen. (oder das Cortisol schlecht abgebaut. Man lernt nie aus.)

810. Was bedeutet Ausschlafen für dich?

Tatsächlich warte ich noch auf den Zustand bei dem man so viel und so gut geschlafen hat, dass man energiegeladen aufsteht, weil man tatsächlich aus dem Bett raus will. (Bett. Bester Ort.)

811. Wie hätte dein Liebesleben auch aussehen können?

Oh dear. Über die Sache mit dem Tinder-Account wollte ich jetzt eigentlich nicht sprechen. Ich glaube ja, unter den richtigen Umständen wäre ich durchaus…aktiv, aber Menschen machen gerne alles kompliziert.

 812. Hast du mal eine Kerze für jemanden angezündet?

Das ist irgendwie die eine Sache, die vom Katholizismus geblieben ist. Ja, tue ich öfter. Auch in Kirchen schon. Ich kann gar nicht genau beschreiben warum, aber der Akt wie aus Nichts ein Licht entsteht und man dabei an jemanden denkt… vielleicht hilft die Flamme auch beim inneren zentrieren.

813. Wie viel mal pro Woche isst du deinen Lieblingssnack? 

Äh, ist hier Obst gemeint? Oder Schokolade? Was spezifisches? Ich habe Phasen, da esse ich bestimmte Dinge (getrocknete Mangos, Nüsse, Müsliriegel) fast jeden Tag und dann wieder monatelang nicht.

814. Freust du dich für andere immer aufrichtig?

Mit wenigen Ausnahmen: ja.

815. Hat schon einmal jemand gesagt, dass du grossartig bist? 

Mhm. (guckt zu Boden)

816. Wofür stehst du jeden Tag wieder auf?

Das fragt ihr wirklich die falsche.

817. Würdest du gern in einem anderen Land leben?

Mittlerweile: Ja. Für eine Weile, nicht für immer.

818. Wie verhältst du dich, wenn du nervös bist?

Ich mache schlechte Witze.

819. Weichst du auf deinem Arbeitsweg manchmal von der üblichen Route ab?

Arbeitsweg. Ha, haha. (winkt in 2021)

820. Welche Garantien hast du in deinem Leben?

So mit Reparatur-Service? Keine. Wie denn auch.

821. Wie gut gedeihen Pflanzen bei deiner Pflege?

Es wird. Nachdem ich jahrelang alles gekillt habe, sind Tomaten, Kräuter und ein paar unzerstörbare Kletterer bei mir heimisch. Nächstes Challenge: Was mit Blümchen!

822. Fühlst du dich auf einem Campingplatz wohl?

Ich mag Concierge-Service. (eingeweihte stellen sich das im Toby Ziegler Ton vor.)

823. Ist es wichtig für dich, was andere Leute von dir denken?

Immer so lange nicht, bis ich es weiß. Dann ist es plötzlich sehr wichtig.

824. Wie heißt dein Lieblingszitat? 

„Don’t look at me in that tone of voice.” Dicht gefolgt natürlich von “Of course I talk to myself. I like a good speaker and I appreciate an intelligent audience.” Dorothy Parker und ich, wir wären gute Freundinnen geworden.

825. Gehst du gern auf Flohmärkte?

Zum Menschen gucken, oh ja. (Aus der Reihe: Dinge, die einem irrational stark fehlen AUFGRUNDDERAKTUELLENSITUATION)

As it takes its hold
And it won’t let you go
I’m reminded of the cold
And how it’s taken so much from me
Are you worthy of being saved?
All your fears and insecurities

Du mich auch 2020, du mich auch

Machen wir halt wenigstens den obligatorischen Kram, ne?

Ich glaube aber, wir haben jetzt alle genug darüber gelesen wie bescheuert und übel 2020 war. Für mich ist es eh so ein 50/50 Ding und das war auch schon mal schlimmer. Ernsthaft. Ich bin Single, Profi im Alleinsein, kann im Homeoffice arbeiten (sogar sehr viel arbeiten) und habe erträgliche Familie in ganz naher Distanz. Mal von der insgesamt maroden Weltlage und diesem, äh, kleinen Ausrutscher im Spätsommer abgesehen: Och ja.

Zu wenig geschrieben, definitiv. Aber 1. sage ich das jedes Jahr und 2. fehlte mir dazu wohl auch die Abwechslung im Leben. Ich kann nicht Tagebuchbloggen, meine Tage sind viel zu gleichförmig. Wochentags stehe ich auf, trinke Chai, setze mich an den Schreibtisch und versuche Chaos in Struktur zu wandeln, Egos zu bändigen und mich nicht zu oft zu fragen wie fürchterlich ich im Videocall aussehe. (Ernsthaft, ich bin ganz kurz davor so ein fucking Ringlicht anzuschaffen, weil mein eh schon fragiles Ego und das ständige sich-selbst-begutachten nicht gut miteinander können. Pfuideife.)

Vor allem wo die Muse für Make-up und Schmuck mit der Zeit eh immer geringer wird. Ich kann zwar im Homeoffice meine spektakulärsten Ohrringe tragen, aber wenn ich rausgehe ist das Blödsinn, weil haben Sie mal lange Haare und lange Ohrringe und Masken so lässig zusammenbekommen, dass es nicht im Knoten und Tränen endet? Eben. Aber was heißt schon rausgehen. Das tut man ja eh nur noch im Ausnahmefall. Stattdessen lernt man in welchem Rhythmus welcher Paket-Dienstleister kommen könnte und welches Meeting das eventuell sprengt. Weil natürlich bekamen auch die Auslieferer mit, dass jetzt wirklich immer jemand im Haus ist, da kann man schon mal klingeln.

Ich merke gerade, im Grunde besteht das ganze Jahr nur aus DerAktuellenSituation, obwohl es fast 3 Monate gab, in denen es noch eine Nachrichtenlage auf einem anderen Kontinent war. Im Januar gab es hier sogar mehrere Einträge und deren gemeinsamer Tenor war ungefähr: Oh je, mir geht es grade gut, gleich fällt mir ein Klavier auf den Kopf, was mach ich dann?

Ja gut Bella, so kann man sich die Welt auch präventiv kompliziert machen. Das war sogar ganz gut an diesem bizarren Jahr, in dem Traumurlaube verschoben, Feiern abgesagt und stattdessen wöchentliche Video-Call Umtrunke angesetzt wurden – mein Geduldsfaden in Sachen “ach da versäum ich nix” ist nicht nur gerissen, der ist weg. Sobald es wieder möglich ist, wird alles mitgenommen. Alles, ohne Rücksicht auf Verluste. (Hier denken wir uns jetzt alle unseren Teil was der hedonistische Backlash nach ca. anderthalb bis zwei Pandemiejahren dann mit unserer Gesellschaft macht. Andererseits ist mein Exzess ja eines anderen gemütlicher Abend.)

Notfalls mit Tinder, LSD und Bier, das außerhalb von Bayern gebraut wurde. Ich bin jetzt schmerzfrei, buchstäblich. (Das große Reflektieren zur prägenden Körperlichkeit des Jahres 2020 dann ein andermal an dieser Stelle. Es war…lehrreich.)

Anyways, wo war ich? Ach so, was ich tue, wenn ich nicht arbeite. Nicht viel, wie sich rausstellt. Bis zu der Sache mit dem Kopf war da noch Sport, den versuche ich ganz langsam wieder zu integrieren. Überhaupt erschien es im Sommer alles für einen Moment mal aushaltbar. Homeoffice, aber mit geöffneten Eisdielen und Balkon-Drinks in ausgesuchter Begleitung. Das hatte so einen winzigen Hauch von Boheme, ich hätte es so noch eine Weile ausgehalten. Aber is nich, weil gibt’s nich, sagen die Experten.

Natürlich auch nicht, weil das nur die Blase um meinen Kopf herum war. Ich habe genug “essenzielle” Menschen in meiner Umgebung, die seit März fast durchgehend schuften, über die Klatscherei nur verächtlich schnaufen und jetzt gern mal wüssten, wann sie endlich geimpft werden. Die kleine Stadt am Inn hat es im Frühjahr schon mal richtig durchgeschüttelt – auch jetzt sind die Zahlen wieder hoch, Hotspot ist hier eh der neue Untertitel *winkt in Rosenheim*. Die ersten gspinnerten Demonstranten hatten wir aber erst im November und das war dann auch mehr Theatralik als irgendwas anderes. Hier hat die Alternative für Doofe damals kein Bein auf die Erde bekommen und auch die Corona-Leugner mussten importiert werden, immerhin.

(Und leider ist es nicht meine Anekdote, sonst müsste ich jetzt von der Frauenärztin erzählen die zwischen “schönen Cervix haben Sie da” und “nur noch schnell die Vorsorge” auch so Dinge sagt wie “dieses 5G, also ich weiß ja nicht, die ganze Strahlung kann nicht gesund sein, das beeinflusst bestimmt auch den Virus und die Chinesen haben sich da schon was dabei gedacht, also…”.)

Man lernt ja im Zweifel das Thema zu wechseln. Oder sehr direkt zu werden. Gut, dass ich Laut und Besserwisserisch bin und auf Twitter von den richtigen Leuten die richtigen Artikel zugespielt bekomme, um solchen Personen zu erklären, wo der Bartl an Most holt. Nämlich.

Meine Arztbesuche waren alle eher langweilig bis enttäuschend und hauptsächlich in der Anzahl zu groß. Für Januar hängen hier schon wieder 3 Post-its. (“Wir haben jetzt nix gefunden, aber kommen sie für einen Nachfolgetermin bitte nochmal rein!”)

Und sonst? Ach, naja, so halt.

Weil nach dem ramponierten Schädel das Lesen und das Gucken (außer Fußball und das ist nochmal sein ganz eigener Kulturschock) nur so bedingt gut waren, hab ich viel gehört. Podcasts und Hörbücher, vor allem mit weiblichen Sprechern. Überhaupt Zuhören. Auch in den sozialen Netzwerken aufmerksamer verfolgen und weniger reingrätschen. Das nehme ich mit ins neue Jahr. Andere anfeuern, für die da sein, auf die es ankommt.

Vor kurzem habe ich irgendwo aufgeschnappt, dass wir dieses Jahr alle so müde sind, weil wir alle ein bisschen mehr gebraucht haben als wir in der Lage waren einander zu geben – so sehr wir uns auch bemüht haben. Selbst, wenn man in der Lage war einen Teil der generellen Lage auszublenden, es gab und gibt genug Baustellen, die das große Bild zu düster machen. Egal wie autark, egal wie wirtschaftlich sicher, egal wie eingebunden man durch Freunde oder Familie ist – irgendwo im Kuddelmuddel aus Trumpism, Merzism, der Klimakatastrophe, BlackLivesMatter, MeToo, Naturkatastrophen und Kapitalismus ganz allgemein stürzen zu viele Dinge auf uns ein, um jeden Moment das Rückgrat durchzustrecken, die Lungen mit Sauerstoff zu füllen und dann womöglich noch lächeln und optimistisch zu bleiben.

Sollten Sie jemanden kennen, der es trotzdem hinkriegt – fragen Sie welche Substanzen man dafür einnehmen muss und wo man die bekommt – nein, Yoga ist keine glaubwürdige Antwort.

Na 2021, was hast du so zu bieten? Ich weiß, dass der Job fordernd aber auch fördernd wird, ich habe Hoffnung, dass ich ein paar Menschen endlich wiedersehe, mit denen ich schon lange mal wieder mehr als telefonieren will. Vielleicht, ganz ganz vielleicht gibt es im zweiten Halbjahr genug Impfungen, dass sich auch mal wieder eine kleine Gruppe treffen kann. Zum Grillen, zum Trinken, zum Rumblödeln. That would be nice.

Schreiben muss ich wieder mehr, also drastisch. Weil: Es ist so wie das mit dem Sport. Das Überwinden ist nahezu unmöglich, aber wenn man es dann tut, fühlt man sich halt so viel besser. Es ist und bleibt meine beste Therapie.

Womöglich muss irgendwas Kreatives her, irgendwas nur zum Spaß. Irgendwas außer Brotbacken.

Silvester habe ich zuletzt schon allein verbracht, das wird nicht so anders. Nur leiser. Oder ich drehe doch wieder die Musik auf. Am Abend wird nochmal die hiesige Gastronomie unterstützt und der Lieblingsitaliener geplündert (Is there such a thing as too many Vorspeisen? I don’t think so.)

“Bloß da Noud koan Schwun lossn” wie meine Sippe gern sagt und das kann man zwar übersetzen, aber halt nur wörtlich und nicht…so vom Sinn her. Es ist vielleicht die Kernaussage für mein 2020. Alles ist Dreck, aber es sind Antipasti und Champagner im Kühlschrank, vor meinem Fenster fließt der Inn als wäre nichts geschehen und so wird es auch nächstes Jahr sein. Alles ändert sich, alles fließt, alles hinterlässt Spuren.

Wohl an 2021, mögest du deinen Eindruck anders hinterlassen.

P.S. Ich gebe nicht Ruhe, bis ihr nicht alle dieses Album gehört habt, HERRGOTTNOCHMAL. All hail Fiona und meiner Seelenrettung 2020.

And I’ve been used so many times
I’ve learned to use myself in kind
I try to drum, I try to write
I can’t do either well, but alright, it’s fine, I guess
‘Cause I know how to spend my time
(Rake of his // Fetch the Bolt Cutters)

Equilibrium and other fun things I’ll never try again.

Äh, hi. *klopft auf Mikro* Does this thing work?

(Warnung, es wird hier etwas medizinisch, sehr befindlich, dezent oversharing und nur bedingt unterhaltsam. Aber da müssen wir jetzt durch. Zweng da Dokumentation.)

Weil, wissen’s, zuletzt hat so gar nichts funktioniert. Also vor allem ich nicht. Ich wollte das zwischendurch schon mal aufschreiben, aber da wusste ich nicht, dass ich grade erst die Mitte der Reise hinter mir hatte. Follow me zu Anfang August.

“Schöne Aussicht haben Sie da, bissl viel Wasser aber grade.” Das ist so ziemlich der letzte Satz an den ich mich erinnern kann, von der kompetenten Notärztin. Da musste der Inn grade über die 6 Meter gegangen sein, die rote Holzbrücke längst gesperrt, der Notarzt stand auf der anderen Seite des Marienplatzes und startete ein kleines Verkehrschaos um mich abzuholen. Es war Mittwoch.

Am Dienstag war ich noch im Büro gewesen, da hatte mich die Schwindligkeit aber Mittag schon im Griff, ich war mit Alibi-Hochwasser Mittag nach Hause gefallen und hatte mich an einem Zwischenbahnhof aber schon abholen lassen. Die Entzündung im Gleichgewichtszentrum, die Neuronitis Vestibularis war da längst voll ausgebrochen. Ich aber, zäh und überhaupt alles nie so shchlimm, bestimmt nur der Kreislauf, wollte davon nix wissen. Mittwochmorgen dann doch die Kapitulation. Hier stimmt was nicht, überhaupt nicht, ich kann nicht geradeaus sehen oder mich bewegen, mein Zentrum war weg.

Verstehen’s mich nicht falsch, mein unkooperativer Kadavaer und ich, das geht bald 35 Jahre so. Ungehorsame Extremitäten, Schmerzen, fehlende Kraft, Rollstuhleinsätze, Arme die nutzlos sind und auch mal das ein oder andere komplett-Ausfall-Medikament – Herrschaft, zäh sein ist mein zweiter Vorname. Aber nein, once more into the breach. Dieseses Mal Hashtag Stroke-Unit. Aufregend, naja. Dafür 3 Tage jede Untersuchung, Röhre, Stich, Sensor und Kontrolle die es so gibt. If there’s a Diagnostik for it, I know it now. Aber auch 3 Tage nichts und niemand, zu doof für ein Smartphone, zu Corona für eine Info nach Draußen, zu Datenschutz für einen Austausch in Richtung Familie oder Chef (der erstmal die Polizei ruft und Gottseidank war ich zu schwach um mich damit wirklich auseinandner zu setzen.) Nach 3 Tagen dann: Congratulations, es ist kein Schlaganfall, keine Hirnblutung, kein Tumor. Hurra! Man ist ja zu schwach, um sich nicht drüber zu feuen.

Erste vorsichtige Nachrichten nach draußen – man kann grade wieder Sprachnachrichten formulieren, die Familie geht längst die Wände hoch. Ab dem Wochenende wird dann de Cortison-Bazooka gezogen. Jetzt aber mal richtig.

Die Betonung dieser letzten Sätze wird später noch wichtig.

Und ab hier gerieten die Dinge erst richtig außer Kontrolle. Weil trotz jahrzehntelanger, professioneller Erfahrung als Patient hielt sich mein Cortison- Know How in Grenzen und ich hab einfach nur ärztliche Anweisungen befolgt. Als ich nach 3 Tagen Stroke-Unit und einer Woche Normalstation (hauptsächlich um mich so lange in MRT-Röhren zu schieben bis das mit dem alles doppelt sehen endlich geklärt war. Die Entzündung hatte eine vorhandene Verdickung der Augenmuskulatur mit in den Abgrund gezogen. Fun!) durfte ich dann wieder in die eigenen 4 Wände. Ramponiert, entkräftet und genervt, aber eigentlich auf dem Weg der Besserung. Gottseidank gibt es Podcasts und Hörbücher, weil das mit den Augen war erstmal sehr anstrengend. Spezielle Ausnahmen wie Champions League Spiele gegen Barcelona mal ausgenommen.

Meine sehr kompetente und genaue Hausärztin übernahm die Behandlung. Das erste Mal kam ich vor etlichen Jahren in ihre Praxis mit unsagbaren Kopfschmerzen und leichten grippalen Symptomen. Ich hatte damals auch so ein Gefühl und sie überwies mich noch am selben Tag ins Krankenhaus. Das MRT war zwar ohne Befund aber einer Ärztin dort kam der Patient in den Sinn, den sie gerade frisch entlassen hatten – nach einer Meningitis. Ich bekam damals meine erste Lumbalpunktion (die große Nadel mit der ins Rückenmark gestochen wird, um Nervenflüssigkeit zu ziehen. Sag noch einer ich weiß nicht wie man sich amüsiert.) und wouldn’tyouknow, es war eine Hirnhautentzündung. Seither weiß Frau Dokter, wenn ich in die Praxis komme, erstmal alle Optionen offen lassen.

Was ich gelernt habe: Es gibt Cortison in unterschiedlichen Konzentrationen und Darreichungsformen. Im Krankenhaus bkeam ich Infusionen, später Tabletten. Prednisolon, von 100mg langsam runter. Ausschleichen, so nennen sie das.

Ich weiß nicht wie es ist, in diesen Zeiten Arzt zu sein. Ich stelle es mir aber außergewöhnlich anstrengend vor. All this to say, Menschen machen Fehler. Vielleicht war es Corona. Oder die Vertretung. Die letzte Woche vor dem Praxis-Urlaub oder die neue Software. We’ll never know.

Am Ende stand auf meinem Rezept aus der Praxis jedenfalls Dexamethason. Was im Nachhinein natürlich wirklich, wirklich komisch ist. Weil ein paar Wochen später ging das bis dato unbesungene, hochkonzentrierte Steroid als Teil der Behandlung eines gewissen amerikanischen Präsidenten durch die Presse. Ich Trendsetter.

Aber noch war es August, dann September und während die Neuronitits-Symptome besser wurden, wollte sich mein Körper nicht so wirklich fitter fühlen. Ich war Matsch, bestand nur noch aus Durst und Müdigkeit, ließ mich sogar länger krank schreiben – dann bei der Vertretung meiner Hausärztin. Dort schilderte ich auch, dass das Cortison wohl ganz schön drastisch wirkt, erntete aber nur ein Schulterzucken. Anfang September fühlte ich mich zwar wirklich nicht gut, plante aber fleißig meine Rückkehr in den Job.

Und dann kam das Wochenende an das ich mich nicht mehr ganz erinnere. Ich verbrachte es hauptsächlich schlafend, dazwischen trank ich bis zu 6 Liter am Tag. Wasser, Tee, Saft, nichts kam mehr an. Am Sonntag war ich eigentlich zu einem Familienessen verabredet, aber offensichtlich war ich mit dem Konzept Zeit überfordert und schaffte es nicht pünktlich überhaupt aufzustehen. Das nächste woran ich mich erinnere, ist meine Schwester die fassungslos in meinem Schlafzimmer stand (ich hatte ihr nach einem wirren Whatsapp-Austausch wohl noch die Tür geöffnet) und kurz darauf mal wieder ein Notarzt, der meine Werte nahm.

Für Wiederworte langte es noch. (“Ihr seids doch hysterisch, ich bin nur müde. Nein, ich fahre nicht mit ins Krankenhaus.”) Aber natürlich fand ich mich dann doch in einer Notaufnahme wieder. Wir lernen: Sehr hoch dosiertes Cortison kann einen ins diabetische Koma befördern und die Nebennieren ausschalten.

Es dauerte dann ein paar Tage (Intensivstation, obviously, drunter machen wir’s ja nicht mehr) bis klar war, dass das Dexa der Schuldige war und ich erstmal vorübergehend Diabetikerin bin. Wieder tagelang zu wirr um nach draußen zu kommunizieren und dank Corona (schleich dich endlich) auch kein Besuch.

Das war dann der Rest des Septembers. Das Cortison wurde wieder ausgeschlichen, unter noch mehr Beobachtung als davor. Als ich am ersten Tag nach dem Praxis-Urlaub wieder bei meiner Ärztin vorstellig wurde und sie feststellte, dass sie nach 12 Jahren zum ersten Mal ein falsches Medikament verschrieben hatte – ausgerechnet mir, wie sie sagte – war dann auch nochmal sehr emotional.

Am Wochenende dann endlich die letzte Dosis Cortison. Dazwischen liegen ein halbes Dutzend blöde Nebenwirkungen (beim Haarausfall war der Spaß vorbei. NICHT DIE LOCKEN, DA WERD ICH GRANTIG.), ein wirklich so nicht geplanter Geburtstag und die Erfahrung wie es ist in Unterzucker zu fallen. Vor allem für Umstehende nur so mittel unterhaltsam. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran. (Nie bis zur Erinnerungslücke gesoffen, das überlasse ich den Amateuren.)

Die Zuckerwerte haben sich normalisiert, aber ich werde natürlich noch ein paar Monate dazu untersucht. Ich habe Termine beim Augenarzt (der verdickte Augenmuskel), dem Orthopäden (Koordination, schwache Muskulatur und der lustigen Physiotherapeutin im ersten Krankenhaus fiel noch was zum Fuß ein), der Neurologin (vereinzelte taube Stellen, die Doppelbilder, whathaveyou) und irgendwann mal einem Endokrinologen (offensichtlich die Einhörner unter den Ärzten. Wäre sehr dringend, niemand hat Termine). Wenigstens muss ich mir während eines eventuellen Lockdowns kein neues Hobby suchen.

But here’s the thing.

Als ich völlig hilflos und schwach war, hab ich gelernt welches Glück ich habe. Mit einer Familie die nah und zur Stelle ist. Ich wurde bekocht, umsorgt und musste mich um nichts kümmern. (Andererseits hat meine Schwester jetzt die Telefonnummer meines Chefs. Not sure about that one.) Das ist schon mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Dann sind da zu allem Überfluss auch noch diese anderen Menschen die mich mögen. Die nicht verwandt sind, aber trotzdem da waren. Die Nachfragen, mich aus dem Krankenhaus holen, mir motherfucking Geschenkkörbe zukommen lassen und auf mich acht geben, während ich mich immer noch orientieren muss. Notfalls mit Doughnots, Cola und Parmesanbutter.

Die Isolation während der Pandemie schien mir nicht viel auszumachen, bin ich doch weiß Gott kein social Butterfly. Weniger Reize, weniger Gelegenheiten in einer Welt voller neurodiverser Menschen Dinge falsch zu machen – eigentlich genau meine Atmosphäre. Aber nach allem was die letzten Monate passiert ist, weiß ich noch mehr als zuvor welchen Wert diese Bindungen im Leben haben können. Als jemand für den es noch ein kleines bisschen schwieriger ist diese Beziehungen am Leben zu halten und für den das immer mit der Angst vor Ablehnung verbunden ist, ging der Heilprozess dieses Mal wohl ein Stück weiter als geplant.

You came back to me around a distant axis
I didn’t even hear the door
I was looking up at the levels in between us
‘Cause I was sinking through the floor