long way home

  • Heute ist internationaler Welt-Autismus-Tag, ich weiß noch nicht was das heißt, aber wenn ich in noch einem Artikel irgendwas von Leiden und Störung lesen muss, hole ich die Axt.
  • Am Wochenende einen Moment erlebt, der sich wie Freundschaft angefühlt hat. So richtig und fast schon schockierend. Immer noch sehr geflasht davon. Überhaupt, bemerkenswertes Wochenende.
  • Den anderen Moment, den ich versuche herbei zu materialisieren nicht erlebt. Vielleicht sind es die Worte, vielleicht ist es das Timing, zumindest bin ich wohl doch nicht ganz alleine schuld.
  • Seitdem langes Nachdenken darüber was ich hier noch schreiben kann, darf. Wenn ich im „echten“ Leben Skrupel habe andere Menschen in meine Probleme hineinzuziehen, warum sollte ich das dann hier?
  • (Andererseits, wenn man eh schon die ganze Zeit öffentlich leidet und selbst das an manchen Menschen offenbar spurlos vorbei geht, kann man dann Schaden anrichten? Vermutlich.)
  • Habe angefangen Kolleginnen im Büro zu sagen, wenn sie fachlich richtig gute Arbeit gemacht haben, besonders wenn sie in Meetings toll waren – damit kann man Frauen geradezu aus der Fassung bringen
  • Viel Arbeit, sehr, sehr viel Arbeit. Very müde much Hadern mit der Gesamtsituation.
  • Mama Donnerhall hat meine Tomatenpflänzchen gelobt und alle Töchter von Müttern mit grünen Daumen wissen, das einem das bedeutet.
  • Muss dringend öfter schwimmen gehen. Überhaupt, Wasser, kann man gar nicht genug haben. Irgendwann werde ich ziemlich sicher auf einer Insel leben.
  • How the fuck did we end up here
  • Wenn man sich, wenn auch widerwillig, daran gewöhnt hat gesehen zu werden und dann erst im Nachhinein merkt wie verstörend es sein kann übersehen zu werden.

Aufbaumusik. So mit allem.

Machen wir hier mal weiter

Fragen 701-725

701. Wie zufrieden bist du mit deinem Körper? 

Falscher Tag für diese Frage, ganz falscher Tag.

702. Wenn du für eine Wand in deiner Wohnung eine Farbe aussuchen solltest: Für welche Farbe würdest du dich entscheiden? 

Nachdem ich schon ein meeriges Blaugrün (Wohnzimer), ein verruchtes Aubergine (Schlafzimmer) und einen Gang komplett in Cupcake-Türkis mein eigen nenne…. Ich glaube ich fände ein schmutziges Oliv ganz spannend. Mit Holzmöbeln dazu und vielleicht einer Lampe oder einem Sessel in Senfgelb. (Semftgeyb.)

703. Was hast du gestern Schönes getan? 

Oy vey. Aber manchmal ist es ja auch ganz schön, sich die Augen aus dem Kopf zu heulen, nech?

704. Was machst du, wenn dir etwas nicht gelingt?

Ärgern. Analysieren. Dinge werfen, Universum anklagen, nochmal versuchen. 

705. Was ist das Unheimlichste, das du jemals getan hast? 

Im Sinne von…gruselig? Das kann ich nicht einschätzen, weil für mich ist es dann ja nicht unheimlich. Aber ich beobachte mich gern dabei wie ich zu Vorhaben ja sage ohne den Hauch einer Ahnung zu haben wie ich das hinkriegen soll. Ist das scary genug?

706. Sind andere gern in deiner Nähe? 

Ich kann es mir nicht vorstellen. 

707. Was schwänzt du manchmal? 

So mit Zusagen und dann doch nicht kommen? Das hab ich mir abgewöhnt, dafür reagiere ich zu beleidigt, wenn es umgekehrt passiert.

708. Wann ist die Welt am schönsten? 

Aktuell denke ich, wenn man sie in Ruhe lässt.

709. Was hast du erst vor Kurzem herausgefunden? 

Dass der schmuddelige Typ von The Walking Dead nicht nur die schöne Frau Krüger sondern auch die noch schönere Frau Christensen irgendwie rumgekriegt hat. Und, dass Autismus auch heißen kann eine wilde Sehnsucht nach Dingen zu entwickeln, die man eigentlich nicht mag. (it’scomplicated)

710. Magst du Kostümpartys? 

Oh Gott, nein. Wer sind diese Menschen, die das gut finden?

711. Wie schnell weichst du vom vorgegebenen Pfad ab? 

Welcher vorgegebene Pfad?

712. Was ist das beste Gefühl der Welt? 

It took many years of vomiting up all the filth I’d been taught about myself, and half-believed, before I was able to walk on the earth as though I had a right to be here. (James Baldwin, thank you Billy Porter)

713. Was machst du meistens um drei Uhr nachmittags? 

Arbeiten. Naja, panisch mehr Zucker in meinen Milchkaffee kippen. 

714. Mit welcher berühmten Persönlichkeit würdest du dich sehr gut verstehen? 

Caitlin Moran seems extremely like my kind of woman. Und dann ist da noch Hannah Gadsby, aber vielleicht wäre ich vorlauter Bewunderung auch ganz seltsam.

715. Was würdest du servieren, käme die Königin von England zum Tee? 

Zum Tee? Also Kuchen? Nun, es gibt da diesen Gin Tonic Kuchen, der könnte….

716. Was kannst du einfach auf morgen verschieben?

Wenn sich niemand anderes darauf verlässt, dass ich es heute mache: ja. Also hauptsächlich den Haushalt.

717. Was macht ein Spaziergang durch die Natur mit dir? 

Naja, schon auch nett, dieses Draußen, irgendwie. Wenn auch feindselig. 

718. Welches Lied passt am besten zu deiner Beziehung? 

Haven’t met you yet von Michael Bublé, schätze ich.

719. Wie sieht deine ideale Welt aus? 

Langsamer, leerer, mehr Herbst. 

720. Was bedeutet für dich Geselligkeit? 

Uff. Mehr als ein Vierertisch, weniger als ein Bierzelt?

721. In welchem Beruf wärst du wahrscheinlich ebenfalls gut? 

Eine erschreckende Anzahl von Menschen bescheinigen mir, dass ich Anlagen für eine gute Assistentin/Sekretärin habe. Ich behaupte hingegen, ich könnte auch einen mittelständischen Betrieb leiten. Irgendwas mit Handwerk.

722. Was waren die liebsten Worte, die du jemals zu einer Person gesagt hast? 

„Dich mag ich viel mehr als ich normalerweise gewillt bin zuzugeben.“

723. Was von der Einrichtung deiner Wohnung hast du selbst gemacht? 

Die Truhe im Wohnzimmer hab ich selbst hergerichtet, den Messingtisch auch wieder auf Vordermann gebracht. So komplett selbstgemacht? Nein, das würde ich der Wohnung nicht antun. 

724. Wie würden dich Leute beschreiben, die dich zum ersten Mal sehen? 

„So á Festere, mit án Haufn Haar, richtige Lockn.“ Also, wurde mir kolportiert. 

725. Was würdest du mit einer zusätzlichen Stunde pro Tag anfangen? 

Theoretisch: Dinge erledigen, Freundschaften pflegen. Praktisch: Schlafen. 

626. Welche deiner Eigenschaften magst du nicht?

Der Standard an dieser Stelle ist, dass ich nachtragend bin. Allerdings lerne ich gerade über mich, dass das nur bedingt der Fall ist. Ich kann vergeben und vergessen, wenn ich Gelegenheit bekomme mich durch die Situation zu arbeiten, wenn es Kommunikation, notfalls eine Eskalation gibt. Sonst halte ich einfach diesen emotionalen Level die ganze Zeit und kann es nicht hinter mir lassen. Es ist anstrengend.

627. Welches Gericht würdest du am liebsten jeden Tag essen?

Nee, dann wäre es ja nicht mehr das Lieblingsgericht. Ich meine, wenn es sein muss, kann ich mich an 5 von 7 Wochentagen von Nudeln ernähren, aber doch nicht von denselben Nudeln!

628. Mit welchem Gefühl spazierst du durch den Zoo?

Klassischerweise mit einer Mischung aus…beeindruckt sein und das alles nicht richtig finden.

629. Bei welcher Angelegenheit hättest du deine Grenzen früher aufzeigen müssen?

Oh boy, wie viel Zeit haben wir?
Ich habe sehr lange zugelassen, dass Menschen mich nicht gut behandeln, weil ich davon überzeugt war, nicht mehr verdient zu haben. Ich arbeite daran, es zu ändern. Aber… es stellt sich als komplizierter heraus als man denkt.

630.Welcher Film ist für dich der beste/ resp. schlechteste Film, der jemals produziert wurde?

Herrje, so cinephil bin ich dann doch nicht. Ein Film, der eigentlich hätte scheitern müssen und mich darum bis heute fasziniert: Amadeus. Die schlechtesten Filme sind immer die, bei denen man sich fragt wie so viel Talent vor und hinter der Kamera mit womöglich noch viel Geld und allen Ressourcen eine komplett tote, gefühlsfreie Story erzählen kann.

631. Ist jeder Tag ein neuer Anfang?

Das wäre mir zu anstrengend.

632. Wo gehst du beim ersten Date am liebsten hin?

Genausogut könnte man mich nach den neuesten Trends für Kurzhaarfrisuren fragen, wasweißdennich.

633. Wann musstest du dich zuletzt zurückhalten?

Angesichts meiner großen Klappe und meinem Hang zur brachialen Ehrlichkeit ist das ein Dauerzustand.

634. Kannst du jemanden imitieren?

Überhaupt nicht. An manchen Tagen kaum mich selbst.

635. Was hättest du viel früher tun müssen?

Mich mit etwas auseinandersetzen, dass ich zwar erst jetzt offiziell weiß aber ehrlicherweise schon länger geahnt habe.

636. Singst du im Auto immer mit?

Da ich da nur Beifahrer bin und selten die Musik aussuche: Wenig.

637. Mit wem würdest du gern tauschen?

Vorübergehend? Mit jemandem der das Leben liebt und möglichst alles rausholt, so anstrengend das klingt.

638. Wann hast du zuletzt heftig gejubelt?

Ich neige nur in Extremsituationen zum Jubeln, die kamen eine Weile nicht mehr vor.

639. Wie läuft es in deinem Liebesleben?

Mein was?

640. Wodurch wirst du inspiriert?

Was andere erschaffen, großes Glück, großes Unglück, ein Nebensatz, eine verblassende Erinnerung, die Sehnsucht nach dem was fast passiert wäre, sein hätte können.

641. Welches Musikinstrument würdest du gern spielen?

Klavier natürlich, wie jedes Mädchen, dass die höheren Töchter um ihren makellosen Teint und komplett abgestimmte Garderobe beneidet hat. (Im Herzen bin ich eher ein Bass-Girl, denke ich.)

642. Hast du eine umfassende Ausbildung?

Ich meine, sie umfasste einige Zeit…? Nicht wirklich. Viel von dem was ich gelernt habe, ist längst überholt, dafür fehlen mir Grundlagen in etlichen Bereichen. Ich bin unkultiviert, bedingt konversationsbegabt und auch handwerklich nur dank passender Erziehung zu gebrauchen.

643. Für wen hast du eine Schwäche?

Für kluge, eloquente Menschen, selbst wenn sie dafür eher schwachen Charakters sind. (zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Don’t talk to me like I’m PEOPLE.)

644. Was ist dein größtes Hemmnis?

Immer ich selbst.

645. Was machst du heute?

Arbeiten, Pilates, nach den gekeimten Tomaten sehen, eventuell mal über meinen Lebenslauf drüber schauen.

646. Worüber hättest du länger nachdenken sollen?

Über vieles was ich gesagt habe, aber letztendlich vor allem was ich mit meinem Leben anfangen will.

647. Bist du lieber im Recht oder hast du lieber Glück?

Meine Quoten sind an beiden Fronten recht niedrig, aber ich befürchte ich gebe mir mehr Mühe wenn es darum geht Recht zu haben

648. Was hältst du von den Partnern deiner Freundinnen?

Ich frage mich im allgemeinen wo sie diese ungemein brauchbaren Exemplare aufgetan haben.

649. Welche Eigenschaft deines Vaters hättest du auch gern?

Die naturwissenschaftliche Begabung. Okay, vielleicht noch mehr die Kaltschnäuzigkeit mit der er neue Verbindungen und Freundschaften aufgetan hat. Den Charme hat wirklich nicht jeder verstanden, aber erfolgreich war er.

650. Welche Idee musst du irgendwann noch aufgreifen?

Ich soll mich für eine entscheiden? Aktuell wäre das der Frauen-Netzwerk-Supper-Cocktail-Club.

Ausatmen

Man trippelt sehr vorsichtig und möglichst leise ins eigene Blog, nach solchen Tagen. Nach so einem Beitrag, nach solchen Reaktionen. Einfach so weitermachen geht ja fast nicht, Gottseidank.

Da sind immer noch viele unbeantwortete Nachrichten und Kommentare, neue Ansätze, Gedanken. Ich hoffe, niemand fühlt sich nicht wahrgenommen, ich sehe das alles, es ist nur wirklich, wirklich viel.

Dann war da noch ein Päckchen, einfach so. Leserin B. (die ich leider nicht in den Kommentaren finde, um mich bei ihr persönlich zu bedanken, vielleicht mag sie sich ja melden, ich würde mich sehr freuen) schickte mir etwas von meinem Wunschzettel, nämlich die Jahreszeiten-Kochschule: Winter von u.a. Katarina Seiser deren Kochbücher man eh alle haben sollte. Ich habe mich unendlich darüber gefreut. Leser, tolle Sache.

Das Päckchen lag am Ende eines Tages vor der Tür, der mich ein bisschen durch die Mangel genommen hatte, weil ich eigentlich Konsequenzen aus einer Situation gezogen hatte. Die wurden mir mittlerweile wieder ausgeredet, aber die Angst wuchert halt jetzt noch ein paar Tage vor sich hin. Vielleicht sollte ich anfangen solche Konstellationen in Zukunft konkret aufzuschreiben, um zu verstehen warum ich damit wie umgehe.

In diesem Fall ist es eine von diesen Geschichten, über die andere Gras wachsen lassen können, Abstand dazu herstellen. Manchmal zerbrechen Dinge, stellen Menschen fest, dass sie sich eigentlich gar nicht mögen, das ist normal. Ich mag die wenigsten Menschen. Aber ohne einen Schlusspunkt, ein letztes Wort bleibt bei mir die Frage zurück was ich falsch gemacht, welche fürchterliche Sache ich der anderen Seite angetan haben könnte, um durch Schweigsamkeit kommuniziert zu bekommen, dass man auf mich keinen Wert legt. Und anstatt das alles einfach akzeptieren zu können, gärt eine trübe Mischung in mir, aus dem Gefühl unerwünscht zu sein und der Angst auch in Zukunft unwissend und unabsichtlich Menschen zu verjagen.

Das ist die Krux am Asperger-Hirn. Es kann sich sehr gut an Details orientieren und oft viel zu konkret an Dinge erinnern. Insbesondere schmerzhafte, traumatische Erinnerungen sind so intensiv abrufbar, dass jede Konfrontation die ganze emotionale Spirale aus Fragen und Selbstzweifeln hervorzieht.

Um dem aus dem Weg zu gehen, hatte ich letzte Woche etwas abgesagt. Eine Gelegenheit, auf die ich mich doch so wahnsinnig gefreut hatte. And thus the altbekannte Teufelskreis beginnt. Ich habe aus meinen Lebensabschnitten immer so gut wie niemanden behalten, mitnehmen können. Weil meistens musste ich recht rabiat alle Brücken hinter mir abbrennen – zu groß war die Panik am Ende abgewiesen zu werden, wenn rauskommt wer ich wirklich bin. Also habe ich Dinge einschlafen lassen, Einladungen abgesagt, die automatischen Facebook-Geburtstags-Gratulationen aufgehört. Bis ich in Vergessenheit geriet. One lost to the stream.

Meine diversen Neuanfänge waren nicht immer ganz freiwillig.

Dieses Mal wollte ich es eigentlich anders machen, um nicht am Ende alle zu verlieren. Ich bin es müde dauernd von vorn anzufangen und diese Menschen, sie sind gut, sie halten viel aus. Nur, in diesem Fall wurde mir die Klärung, das letzte Wort verwehrt und ich habe die letzten Monate damit verbracht das einerseits hinzunehmen und andererseits nicht über potentielle Begegnungen nachzudenken. Aber die Panik unerwünscht zu sein, auch wenn nur von einer einzigen Person ausgelöst, ist eine mächtige Bestie.

An diesem Abend also, an dem das hinreißende Päckchen vor meiner Tür lag, hatte ich genau deswegen eine Einladung abgesagt und trug die Trauer über den Anfang vom Ende mit mir herum. Erst sage ich die gemeinsamen Momente ab, dann werde ich nicht mehr eingeladen und irgendwann bin ich nur noch eine vage Erinnerung, jemand, der maximal in alten Anekdoten vorkommt. Wie absurd das von Außen klingen muss. Alles, weil jemand nichts mehr zu sagen hat.

Vielleicht nehme ich diese Dinge seit der Diagnose anders wahr, aber ich saß an meinem Esstisch, mit einem Buch-Geschenk als Symbol für all die tollen Reaktionen vor mir und den trübsten Gedanken der letzen Wochen im Kopf. Als würden eine Kaltfront und Warmluft im Kopf aufeinander treffen. Erst jetzt ist mir klar, dass sich solche Momente für andere nicht so anfühlen, als würde unter ihnen der Boden plötzlich rotieren.

Es ist mein großes Glück in diesen Tagen Menschen zu haben, denen ich mein unsortiertes Kopfgewitter hinwerfen kann und die es sich anhören. Auch, wenn ich nach wie vor große Skrupel habe mich und meine Zustände anderen zuzumuten. Aber zumindest dahingehend haben die vielen positiven Reaktionen der letzten Wochen das Rädchen ein wenig weiter gedreht. (Es ist ein sehr, sehr langsames Rädchen.)

Darum an dieser Stelle noch ein mal: Danke. Für die Hinweise und die Bestätigung, für die Fragen, für das gesehen-werden. Ich tue mich schwer damit es besser zu artikulieren, aber, es hilft.

The Big A

Es gibt Dinge im Leben, für die ist so ein Blog geradezu prädestiniert. Die kleinen Alltags-Seltsamkeiten. Oder auch das Verarbeiten von größeren Angelegenheiten, zumindest so sie einen hauptsächlich selbst angehen.

Schreiben ist ja auch Therapie, gerade für mich. Und Therapie… nun, merken Sie sich mal das Stichwort.

Ich muss 15 gewesen sein, als ich das erste Mal bei einer Psychologin saß. In einem kleinen Behandlungszimmer, das eigentlich für noch jüngere Patienten gedacht schien. Zentrum für Jugendpsychiatrie hieß das damals. Einer der ersten Sätze den ich zu ihr sagte war, dass ich ein Alien bin. Jemand der hier nicht hergehört , sondern immer nur von außen zuguckt und nicht versteht was das alles soll.

In der Schule wurde ich damals, wie man heute sagt, gemobbt. Eine Wortführerin in derselben Klasse hatte mich mit Beginn der Realschule als nervtötenden, andersartigen Streber ausgemacht und fortan dafür gesorgt, dass niemand der nicht komplett durchs soziale Raster fallen wollte, mit mir reden durfte. Ich wurde melancholisch, dann verängstigt und schließlich hochgradig suizidal, die schulischen Leistungen fingen an zu schwanken. (Ich schrieb also Dreien.) Die Therapie kam ziemlich kurz vor knapp. (Und das auch nur weil ich sauber aus dem Leben scheiden wollte und mir als isolierter Teenager auf dem Land nicht viele Optionen blieben. Ich war dahingehend pragmatisch.) Ich sah mich als Alien in der Sigourney Weaver – Variante, also nicht putzig und friedlich.

Depressionen, natürlich. Womöglich war die Erlebte Ausgrenzung nur der letzte Tropfen, der ein schon lang zu volles Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Zu viel Zeit hatte ich womöglich in Krankenhäusern und bei Ärzten verbracht, zu wenig mit Gleichaltrigen oder in “normalen” sozialen Situationen. Dass ich die Spielkameraden und, naja Freundinnen, so sie denn da waren beizeiten daran erinnerte, dass sie nach Hause müssen – nun, ich war es halt nicht gewohnt.

Wie praktisch, dass ich mich am besten und am liebsten allein beschäftigt habe. Ich und mein Sandkasten. Ich und meine Schaukel. Ich und meine Bücher. Später ich und der Computer.

Anders, nicht anders genug

Also Therapie. Erst wöchentlich, später sogar einige Wochen stationär, schließlich in einer betreuten WG-Einrichtung (wo ich vergleichsweise die mit dem kleinsten Hau war. Das half auch.). Bis zum Studium ging ich als… okay durch. Das mit der Heilung von Depressionen ist so eine Sache, wenn sie nicht einfach von Hormonen ausgelöst werden.

Zwischendurch gab es wenigstens im Internet Menschen, die mich mehr oder minder verstanden. Die gelesen haben, was ich schrieb und die zumindest während der Adoleszenz ähnlich abgeschottet vom Rest der Welt waren.

Das Abi habe ich an einer anderen Schule gemacht, in einer extrem sozialverträglichen Klasse mit Menschen, die sich tatsächlich getraut haben sich mir zu nähern (Schwerpunkt Pädagogik/Psychologie, what was I thinking?) . Ich wurde ein bisschen mitgezogen. Wirklich hineingefunden, dazugehört habe ich aber weiterhin nirgends. Immer noch ein Alien, nur eben mittlerweile E.T. Womit ich aber leben konnte, schließlich wollte ich studieren und dann, soviel stand fest, dann würde das Leben wirklich losgehen. Mit anderen jungen Menschen, die auch viel debattieren wollten und nicht nur auf Partys gehen. Mit anregenden, neuen Impulsen. Endlich, endlich würde ich Gleichgesinnte finden und mich nicht mehr wie ein Alien fühlen. Ganz bestimmt.

Es war für sehr lange Zeit das letzte Mal, dass ich mich trauen würde optimistisch zu sein. Vielleicht, wenn ich etwas geisteswissenschaftliches an einer großen Hochschule studiert hätte und nicht einen Irgendwas-mit-Medien-Studiengang an einer winzigen FH in einem Städtchen von dem alle nur den großen Bruder mit dem Münster kennen. Ich meine, ich hatte schon… Freunde. Oder sowas in der Art. Kompagnons?

Es fanden sich WG-Feiern und unterschiedlich erträgliche Mitbewohner, lange Nächte, Knutsch-Partner auf Zahnmediziner-Partys, hier und da sogar Debatten, wobei hauptsächlich mit Dozenten die ich eine nach dem anderen in den Wahnsinn trieb.(Some things never change) Aber nach wie vor schienen alle einen Schlüssel, einen Code für etwas zu haben, zu dem ich keinen Zugang hatte. Tiefe, unverwüstliche Freundschaften. Verliebtheit. Spontanität.

Wenn ich auf eine Party mitkommen sollte, dann brauchte ich eine Woche vorher Bescheid, alle zur Verfügung stehenden Informationen und im Zweifel eine Exit-Strategie. Auf der Party selbst dann: Alkohol. Viel Alkohol. Weil meistens war es zu laut, zu seltsam, die anderen betrunken nicht so witzig wie sie dachten und überhaupt, warum können wir nicht einfach an einer Bar sitzen, reden und Cocktails trinken? Wo war meine gottverdammte Boheme, mein Tisch im Algonquin?

Für jeden Tag den ich komplett unter Menschen verbrachte, für jede durchgefeierte Nacht brauchte ich ein Wochenende allein in meinem Studentenzimmer, mit einer großen Schüssel Pasta und einer Serienstaffel. (Vor Netflix gab es Studentenwohnheim-Server.)

Als ich gegen Ende des Studiums den Anschluss verlor, weil ich zuerst nicht gleich fürs Praxissemester zugelassen wurde und nach dem Praktikum dann eine Meningitis hatte, war das zarte Geflecht aus Studien-Bekanntschaften auch schon wieder größtenteils dahin. Das neue Semester war zwar ein ausgesprochen kuscheliges, aber ich hatte zu viele Kämpfe hinter mir, um mich wirklich darauf einzulassen. Das war so ein Umarm-Haufen, was nochmal eine spezielle Sache ist. Aus, nun, seinerzeit ungeklärten Umständen reagiere ich auf spontane Berührungen tendenziell mit abwehrendem Zucken oder zumindest Anspannung. Was insofern bescheuert ist, als, dass es wenig gibt, was mich zuverlässiger beruhigt als eine völlig übertriebene Umarmung. So eine, nach der man kaum noch Luft bekommt. Ich weiß, I contain multitudes and contradictions.

Umzingelt von Windmühlen

Weil es so exemplarisch ist: Die Sache mit dem Praxissemester. Nur wer bis zum Ende des dritten Semesters alle Prüfungsleistungen der ersten beiden zusammen hatte, konnte ins Pflichtpraktikum. Aufgrund eines eher inkompetenten Dozenten, (“Frauen sind für so technische Studiengänge auch weniger geeignet. “), hatten am Ende knapp 30% des Semesters diese Leistungen trotz Zweitversuchen nicht zusammen, mir inklusive. Das Praktikum war aber schon besorgt, darum ging ich zurück nach München, mit der Idee eben dazwischen die Prüfung nachzuholen. Als ich genau deswegen später an der Uni war, wurde ich darüber informiert, dass aus unbekannten Gründen für 4 männliche Studenten eine Ausnahme gemacht wurde. Sie bekamen ihr Praktikum trotz fehlender Prüfungsleistung anerkannt.

Mein (feministischer) Don Quixote Modus war aktiviert. Ich trommelte einige der anderen Betroffenen zusammen und führte Gespräche mit dem Dekan, der Beauftragten für das Praxissemester und bekam schließlich einen Termin, bei dem wir unsere Fragen zu der Sache vorbringen konnten.
Und jetzt raten wir alle mal, wer bei diesem Termin am Ende allein saß und sich sagen lassen musste, dass man so nicht mit Dozenten spricht, während niemand zugeben wollte, dass man irgendetwas falsch gemacht hatte?

Damals habe ich die Welt nicht mehr verstanden, wie mich alle so hatten hängen lassen können. Ein Dutzend irritierte Studierende hätten eine andere Wirkung gehabt als eine wütende Isabella, die den Professoren Ungleichbehandlung, Missachtung der Regeln und letztendlich auch das fehlende Rückgrat zur Wahrheit vorwarf. (Ich weiß, wie man sich beliebt macht.) Was für gute Ausreden die Mitstudenten alle hatten. Schließlich ist es selbstverständlich strategisch unklug sich mitten im Studium mit den entscheidenden Menschen der Fakultät anzulegen. Gerechtigkeit hin oder her.

Das habe ich bis heute nicht gelernt, diese Art des langfristigen Entscheidens, picking the right battles. Manchmal komme ich mir deswegen ausgesprochen dumm vor. Sonst scheine ich nicht auf den Kopf gefallen, aber wenn sich jemand nicht an die Regeln hält, egal wie wichtig, werde ich sehr uneinsichtig und trotzig.

An dem Tag des Gesprächs hatte ich einen kleinen Nervenzusammenbruch und meldete mich recht verzweifelt bei einer Freundin, eine von diesen bemerkenswerten Internet-Menschen. Sie hatte keine Zeit für mich und ein paar Wochen später kappte sie alle digitalen Verbindungen. Auf Emails erhielt ich keine Antwort. Ask me again why I don’t trust people.

Then again, then again, then again
You’re always first when
No one’s on your side
Then again, then again, then again
The day will come when
I want off that ride

(Incubus)

Und immer wieder bei 0 anfangen

Meine rosarote akademische Brille ging an dem Tag zu Bruch. Ich wollte nur noch diesen blöden Wisch und dann nie wieder einen Fuß in die hässliche Institution setzen. Mit Mitte 20 fühlte ich mich vollkommen allein, als kompletter Loser und dachte erneut, dass es keinen Sinn hatte irgendwie weiterzumachen. Schließlich zog ich mich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf und beendete das Studium, irgendwie.

Wo andere ein erstes Netzwerk haben, durchstarten, eine Karriere beginnen, war ich verbittert und orientierungslos. Wieder und wieder hatte ich gelernt, dass ich trotz meines Wissens, trotz meiner Fähigkeiten als Menschen nirgendwohin passte. Immer noch ein Alien.

Bis zu einem gewissen Grad hatte ich mich damit abgefunden. Es war auch später nicht unpraktisch diejenige im Start-up zu sein, die nicht bis um 4 Uhr morgens feiern geht und am nächsten Tag mit der Sonnenbrille ins Büro kommt. Weil ich mich nicht um Egos und Pseudo-Hierarchien, sondern um Probleme gekümmert hab, wurde mir viel erklärt und schnell einiges zugetraut. Gescheitert bin ich am Ende trotzdem immer an persönlichen Animositäten. Die erste Chefin, die dachte ich würde ihren Job wollen, weil ich ein einem Gebiet mehr als sie wusste und mich nicht zurücknahm. Der Bereichsleiter, der es nicht gut fand, wie selbständig ich mein Team führte, der Geschäftsführer, dem die Gunst der Shopmanagerin so wichtig war, dass ich verzichtbar wurde, als ich sie sachlich kritisierte.

Ich kann es nicht. Selbst wenn ich wollte. Mir fehlt das Radar, der Dolmetscher. Je älter ich wurde, desto dümmer und nutzloser fühlte ich mich deswegen. Es ist anstrengend, wenn man nur fragile Bindungen hat im Leben, weil man nicht einschätzen kann, was Menschen tatsächlich über einen denken. Was sie wollen. Warum sie mal da und mal weg sind. Depressiv, introvertiert, anders. Diese Labels hatte ich allel akzeptiert und ich dachte, ich bin eben einer dieser merkwürdigen Menschen, der keinen richtigen Anschluss findet. Den darum auch niemand will.

Es gab genug andere Dinge, mit denen ich mein Leben füllen konnte. Dachte ich. Bis Ende 2017. Da machte es mehrfach hintereinander ziemlich laut PENG in unterschiedlichen Bereichen meines Lebens und ich saß auf dem Boden eines tiefen Brunnens, aus dem ich kaum herausfand.

So fand ich mich zu Beginn 2018 mal wieder vor einer Therapeutin. Einer ausgesprochen direkten, geradlinigen Lady. Die machte sich furchtbar viele Notizen. Beunruhigend viele Notizen. Ich war ja einfach nur mal wieder depressiv, die Antidepressiva halfen nicht und was auch immer da gerade im Argen lag, musste sich doch fixen lassen. Kannjanichsoschwersein.

Kein Alien, aber sowas ähnliches

Natürlich hab ich mit 11 Streit vom Zaun gebrochen als meine Mutter mich aufgefordert hat etwas aufzuräumen und sie mir nicht erklären konnte wohin. Ich kann doch nicht ordnen, wenn es dahinter kein System gibt. Sachen einfach irgendwohin platzieren ist keine Ordnung, es braucht doch einen Plan wo alles hin soll.

Selbstverständlich überwerfe ich mich regelmäßig mit Menschen, wenn nicht alles genau nach Plan passiert, wenn Dinge spontan verändert werden. Selbst wenn Dinge spontan gut gemeint sind.

Ich plane von Makro bis Mikro. Von der Uhrzeit des Weckers am nächsten Morgen rückwärts zu mindestens 6 Stunden Schlaf, zu genug Zeit für Erledigungen, zu Pendelzeit inklusive Puffer zu maximaler Arbeitstag. Und innerhalb dieser Bereich dann nochmal genauer. Das tun alle vernünftigen Menschen, richtig? Ich kann doch nicht einfach… Dinge irgendwann tun?

Irgendwann stapelten sich die Notizen auf dem Schreibtisch der Therapeutin.

Natürlich habe ich es nie kommen sehen, die Zaunpfähle nicht verstanden, wenn Menschen aus meinem Leben verschwunden sind. Diese Grenzen, die man überschreitet oder eben nicht – wo sind die eigentlich eingezeichnet?

“Wären Sie einverstanden, wenn wir ein paar Tests machen?”

Sommer 2018, es war wahnsinnig heiß

Der Begriff war noch nicht gefallen, aber es schien auch nicht mehr nötig. Eine leise Ahnung hatte sich über den Sommer in meinem Kopf nach vorn geschoben. Der innere Sturm der depressiven Episode schien sich wieder zu beruhigen und ich machte erste vorsichtige Schritte zurück in die Realität. Aber die Fragen waren immer noch da und der Gedanke, dass noch etwas anderes nicht mit mir stimmt, der war schon viel länger ein treuer Begleiter.

Die nächsten Wochen bestanden aus Fragebögen, Interviews und beobachtet werden. Dieselben Situationen, wieder und wieder. Was war zuerst da, die Depressionen oder das Alien-Dasein? Natürlich, das Alien.

Isabella, spiel doch auch mit den anderen Kindern. Isabella, du kannst nicht immer andere Leute korrigieren, das ist unhöflich.

Bella, was machst du da mit den Tümpeln? Ich habe die Wasserschnecken gezählt und jetzt trage ich welche in den anderen, damit es gleich viele in beiden sind.

Bella, wo gehst du denn hin? In den Keller, der Trockner ist fertig. Woher willst du das wissen? Ich hab das Piepsen gehört.

Ich kann nicht schlafen, wenn auch nur ein Stand-By Licht eines Gerätes an ist. Meistens ist es mir zu hell. Auch, weil an den meisten Abenden alle Bilder des Tages immer noch durch meinen Kopf wirbeln und ich sie wie durch ein Sieb drücken muss, damit mein Hirn Ruhe gibt. Ich meine, das tun alle, richtig?

Die meiste Zeit verbringe ich allein. Aber eben auch, weil ich mir sicher bin, dass mich niemand dabei haben will. Ich dränge mich nicht auf und stelle keine Ansprüche, schon gar nicht, dass sich jemand für mich interessiert oder mit mir beschäftigt. Immer, wenn ich das versuche, bin ich am Ende erst recht allein. Vielleicht habe ich darum angefangen ins Internet zu schreiben. Da kann man wegklicken und ich bin es aber losgeworden. Weil nur, wenn ich unkompliziert bin und vielleicht lustig, dann darf ich mitmachen. Sonst hält mich niemand aus. Ich verstehe nicht, wie das für andere funktioniert.

Aber auch kein Android

Manchmal macht mich das traurig, aber nicht lange. Überhaupt hält kein Gefühl bei mir wirklich dauerhaft an. Wobei ich sie eigentlich erst merke, wenn sie halt am Anschlag sind. Ich bin nicht emotionslos, auch, wenn es oft so wirkt und ich selten von spontanen Gefühlen übermannt werde. Es ist ein Druck, der sich langsam aufbaut, den ich oft lange nicht deuten kann und der schließlich überläuft. Dann kann alles passieren. Ich dachte immer, so schnell wie mein Kopf ist, kommt alles andere eben langsamer hinterher. Darum hielt ich mich auch für so nachtragend. Ich erinnere mich an Dinge nicht aus der Distanz. Ich fühle sie, es ist jedesmal alles wieder da. Aus einer ungelösten Situation wird ein schneller, dunkler Loop in meinem Kopf, der meine Aufmerksamkeit wie ein schwarzes Loch bündelt.

Leidensdruck…so hätte ich das nie genannt. Ich bin halt nicht besonders liebenswert und habe manchmal auch noch Pech. Ich nenne mich auch nicht ernsthaft behindert, nur, weil mein Fuß nicht voll funktionsfähig ist. Ich komme zurecht. Mit allem. Es sind nur manche Dinge anstrengender. So, wie ich keine langen Strecken gehen kann, merke ich nicht was Menschen über mich denken, solange es sie mir nicht sagen. Es hat sich als relativ verlässlich herausgestellt anzunehmen, dass die meisten Menschen mich nicht besonders mögen.

Das ist eben meine Persönlichkeit, dachte ich.

Was es jetzt ist…ich bin mir nicht ganz sicher. Nur, weil die Alien-Sache jetzt einen Namen hat, heißt das nicht, dass es nicht auch Teil von mir ist.

“Was wissen Sie über das Asperger-Syndrom?”

und dann war es lange still

Der größte Zuwachs unter den diagnostizierten Menschen mit Asperger-Autismus kommt mittlerweile durch Frauen über 30. Es ist das Alter, wenn wirklich offensichtlich wird, dass Dinge nicht “normal” verlaufen, weil Beziehungen, Karrieren und Erfahrungen nicht dem Folgen, was man anhand von persönlichem Hintergrund oder der vorhandenen Intelligenz erwarten könnte. Bis dahin waren diese Frauen oft einfach nur “ein bisschen anders”. Aber nicht anders genug, schließlich investieren die meisten Autistinnen unsagbar viel Energie darin zu imitieren was ihnen als Standard vorgelebt wird. So kann man sich durch eine Teenager-Zeit mogeln, irgendwie auch durch die Zwanziger. Etliche werden in der Zeit stattdessen mit anderen psychischen Krankheiten diagnostiziert. Depressionen, Angststörungen, sogar Schizophrenie.

Solange junge Frauen und Mädchen keine Ticks, keine drastischen kognitiven Probleme haben oder die klischeebeladene Hochbegabung a la Sheldon Cooper vorhanden ist  (überhaupt, fuck Sheldon Cooper) , werden sie kaum als Autistinnen eingestuft. Die Wissenschaft ging lange davon aus, dass Autismus einen hauptsächlich genetischen Faktor hat, weil viermal so viele Jungen wie Mädchen damit diagnostiziert werden. Erst langsam wird klar, dass man dieses Pferd vielleicht vom falschen Ende her aufgesattelt hat. Wenn sich Kriterien nur an männlichen Personen auf dem Spektrum orientieren, werden natürlich auch mehr von ihnen erkannt. Genetik spielt womöglich trotzdem eine Rolle – weil oft mehrere Frauen innerhalb einer Familie Autistinnen sind.

Ich weiß nicht ob und wie es anders gewesen wäre, hätte ich früher eine Erklärung bekommen. Ein Alien ist ein Alien, ob es einen Grund gibt oder nicht. Oder eben schon. Mit der richtigen Therapie, mit der Akzeptanz von gewissen Dingen, que sera.

Aus 30 Jahren Fragezeichen wird ein stiller Punkt

Bis heute habe ich darauf gewartet, dass mir jemand erklärt was an mir so falsch, so abschreckend ist, dass man auf Distanz zu mir geht, sobald ich nicht mehr nur die robuste, unkaputtbare Bella bin. Warum ich nirgends dazu gehöre, keinen Platz finde. Vielleicht warum ich so “witzig” geworden bin.

Dass ich in größeren Runden mit die lauteste Person sein kann, ist so eine Sache die bei mir für große Zweifel an der Diagnose gesorgt hat. Aber letztendlich ist es ein antrainierter Mechanismus. Selbstschutz, um nicht unangenehm aufzufallen weil man stumm in der Ecke sitzt. Eine Situation zu kontrollieren, ist besser als ihr ausgeliefert zu sein – selbst wenn es mehr Kraft kostet.  Außerdem ist Asperger kein Charakter und bestimmte Dinge sind manchmal “trotzdem” vorhanden. Zum Beispiel eine große Klappe mit Hang zur schnellen Pointe. Keinen Höflichkeits-Filter zu haben, unterstützt das eher.

Offensichtlich habe ich mir ein paar bemerkenswerte Techniken zugelegt, um davon abzulenken wie groß der Orbit zwischen mir und anderen Menschen eigentlich ist. Hashtags können wahnsinnig hilfreich sein. Überhaupt, Internet-Alibis.

Ich schweife ab, versuche schon wieder mich selbst mit einer launigen Bemerkung zu untergraben. Um unter anderem auch das zu stoppen, wurde mir eine Verhaltenstherapie nahegelegt. Aktuell würde mich das noch überfordern. Es ist ein langer Weg, um sich selbst gleichermaßen als vollständige Person zu akzeptieren und auf dem Spektrum zu leben – ohne Aussicht auf “Heilung”.

In Ihrem Buch “Aspergirl” (ich finde den Titel auch nur so semi.) beschreibt Rudy Simone sehr gut, warum bei mir seit der Diagnose im Spätsommer 2018 so viel Zeit vergangen ist, bis ich es überhaupt jemandem erzählt habe. Sie nennt das Phasen – insbesondere bei Aspergern, die erst im Erwachsenenalter davon erfahren.

  • Wahrnehmung: Man beschafft sich Informationen, ohne sie zu verinnerlichen und sucht ggf. nach Diskrepanzen
  • Wissen: Die Erkenntnis, dass man Asperger hat, setzt sich fest.
  • Bestätigung: Die Diagnose erklärt vieles im Leben, vor allem Dinge, die man nie ganz verstanden hat. Muster, die einen schon das ganze Leben begleiten.
  • Erleichterung: Es kommt an, dass man tatsächlich “anders” ist, ohne an etwas “schuld” zu sein.
  • Sorge: Was wird das für die Zukunft bedeuten?
  • Wut: Über die Fehldiagnosen, über die vergeudete Zeit, die gemachten Fehler.
  • Akzeptanz: Stärken und Schwächen werden bewusst, der Umgang damit klarer.

Nach über einem halben Jahr habe ich vielleicht die Hälfte davon durch. Hovering around “Erleichterung”. Einer der ersten Sätze nach dem die Diagnose ausgesprochen wurde, war, dass es jetzt zu einer Art Verschlimmerung kommen könnte, dass abtrainierte Verhaltensweisen wieder zu Tage treten und ich eine Weile größere Wahrnehmungsschwierigkeiten haben könnte.

Aber doch nicht mit mir! War wohl zumindest der Gedanke. Ich streifte den Begriff ab, noch bevor ich ihn verstanden hatte und tat ein Vierteljahr so als wäre nichts. Da war ein Graben zwischen mir und meinem Bild von einer Autistin. Ich hatte doch nicht zwanzig Jahre lang auseinander codiert welcher Teil meine Persönlichkeit und welcher Teil meine Depression war, nur um festzustellen, dass das Problem noch viel größer ist. Pah! Ein einziges Mal formulierte ich die neue Information und das in einer Email, die vermutlich nie gelesen wurde. Ein paar Anspielungen hier und da, irgendwas mit Spektrum und höhö, aber bloß keine Positionierung.

Lernen, wer man ist

Natürlich, ich habe gelesen was es zu dem Thema gibt (nicht viel, wenn es um erwachsene Frauen geht) und immer wieder gab es diese Momente, in denen etwas beschrieben wurde und ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, das jemand nachvollziehen kann wie es ist, ohne Handbuch durchs Leben zu kommen. Ein Handbuch, das offensichtlich alle anderen bekommen hatten.

Nach und nach kamen dann die Erinnerungen, die Momente in denen ich so offensichtlich befremdlich auf andere Menschen gewirkt haben muss, dass ich daraufhin mein Verhalten geändert habe. Die Literatur, meint meine Psychologin, war vielleicht meine Rettung. Sie hat mich nicht nur Sprache, sondern auch Ironie und Mehrdeutigkeit gelehrt. Dinge, die für Asperger-Menschen keine einfachen Konzepte sind.

Vier Monate nach der Diagnose kam es schließlich in meinem Kopf an. Sehr vorsichtig und in kleinen Dosen, manchmal geradezu in Nebensätzen, versuche ich jetzt meiner Umgebung beizubringen was das heißt. Und lerne dadurch noch mehr, was es für mich bedeutet.

Der wirklich schwierige Teil ist, dass ich mein komplettes Leben durch einen anderen Filter betrachten muss. Es mag eine Variante von mir ohne Depressionen existieren, aber eine “normale” – neurotypische – Version meiner Persönlichkeit hat es nie gegeben. Alles was ich bis hierher erlebt habe, woran ich gescheitert bin, was ich nicht verstanden habe – das lag womöglich weniger daran wie unfair und gemein alle waren (obwohl sie das vereinzelt wirklich und nachweislich waren), sondern eben auch daran, dass ich menschliches Verhalten, soziale Interaktion sehr viel weniger und sehr viel langsamer begreife als so ziemlich alles andere auf der Welt.

Es stellt sich raus: Ich erkenne was Menschen meinen und wollen noch viel weniger als ich dachte. Ich weiß überhaupt weniger als ich dachte. Auch über mich. Darum bis hierher nur soviel: Ich bin Autistin, da müssen wir jetzt alle erstmal mit klar kommen.

Und damit sind wir beim Einstiegs-Statement dieses Eintrags angekommen (die Älteren erinnern sich): Obwohl mir klar war, dass ich mich “outen” sollte, weil ich auch alle anderen prägenden Aspekte aus meinem Leben online zumindest in einem gewissen Rahmen offen darstelle, habe ich immer wieder gehadert, ob es diesen Eintrag geben sollte. Fast drei Monate habe ich daran geschrieben, geändert oder ihn in Frage gestellt. So viele meiner Kontakte, meiner Interaktionen finden hier im Netz statt und fielen diese weg, ich wäre endgültig ein isoliertes Alien. Ich bin immer noch ich. Die sarkastische Irre mit der Axt, dem Gin Tonic in der Hand und dem losen Mundwerk. Bitte ergreift nicht alle gleichzeitig die Flucht. Vielleicht könnt ihr euch ja absprechen?

Ich fange zwar an zu verstehen warum ich das bin und, dass ich diese Persona auch als Schutzanzug trage. Aber ich möchte nicht auf die Freude verzichten, die ich erlebt habe, weil es sie gibt. Ich kann und will niemandem sagen, dass man mich nun anders behandeln soll, muss, kann. Was weiß ich schon – ich schlage mich mit dem Thema auch erst seit Kurzem rum. Wenn überhaupt, dann ist es wohl eine Erklärung für manches Verhalten mit dem ich seit einigen Jahrzehnten Menschen vor den Kopf stoße. Das gute an uns Aspergern ist aber: Wir kennen keine falsche Höflichkeit, es gibt keine zu direkten Fragen und wir nehmen oft nicht mal Dinge persönlich, die so gemeint sind. Im Gegenteil: Je präziser formuliert, desto besser – das gilt auch für Kritik.

Ob ich alle Fragen beantworten kann, weiß ich nicht, aber ich werde es versuchen. Ich bin weder eine unicorn-colored-snowflake noch ab jetzt Aktivistin. Ich will, das ist ein bisschen die Tragik meines Lebens, dasselbe was alle wollen, nur, dass es für mich wesentlich komplizierter ist.

P.S.: Wer ein bisschen in das Thema einsteigen will, ohne gleich von Wissenschaft und Verhaltensregeln erschlagen zu werden, dem würde ich jederzeit Steve Silberman in die Hand drücken.

P.P.S.: Ich habe diesen Text auch und gerade wegen der Debatte um Greta Thunberg online gestellt. Weil mir die Berichterstattung über sie schmerzlich vor Augen geführt hat, wie massiv der Unterschied zwischen meiner relativ aufgeklärten Online-Bubble und der Allgemeinheit noch ist. Wann auch immer ich diese mutige junge Frau gesehen habe, konnte ich ihre Herangehensweise und ihre Klarheit vollkommen nachvollziehen. Sie hat ein Thema für das sie leidenschaftlich eintritt und sie versteht wahrscheinlich viele der um sie geäußerten Hinterhältigkeiten gar nicht komplett. Da ist ein Problem und niemand ist aufgeregt genug, um es zu lösen, also redet sie darüber. Sie verhält sich logisch, nicht möglichst auffällig. Für neurotypische Menschen ergibt das oft keinen Sinn, denn Aufmerksamkeit ist eine eigene Währung. Ich war immer zu laut, habe zu sehr auf Dinge gepocht, besonders wenn es um Ungerechtigkeiten ging. Dabei hatte ich gar nicht den Drang im Mittelpunkt zu stehen und habe mir immer nur gewünscht, dass ich nicht allein mit meiner Empörung bin. Vielleicht müssen noch viel mehr von uns den Hang zu Monologen, die fehlende Wertschätzung von sozialen Normen und unsere Andersartigkeit nutzen, um Lärm zu machen. Vielleicht ist es nicht einfach eine Diagnose, sondern ein Wegweiser.