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I am (not) my hair

Ja, ich weiß, dass hier mittlerweile zentimeterhoch der Staub liegt, da hängen überall Spinnweben und gelüftet müsste auch mal werden. *hilfloses Gestikulieren*

Neulich fand ich mich in einem Gespräch wieder, wo darüber sinniert wurde, welche seltsamen Dinge wir von Eltern und Ahnen erben. Gesten, Formulierungen, komplette Gesichtstopographien.

Dass ich mich nach und nach in meine Großmutter bzw. eine Kopie von meinem Vater verwandle, ist indes nicht überraschend, weil ich seit Tag 1 nichts anderes war. Während das Krankenhauspersonal nach meiner Geburt bei meiner Mutter immer erstmal nach dem passenden Kind fragen musste, wurde mein Vater ohne weiteres Wort zu mir geführt, weil der großgewachsene Mann mit den dunklen Locken, blauen Augen und schmaler Oberlippe jawohl nur zu dem quasi identischen Mini-Geschöpf gehören konnte.

Wie der Direktvergleich sehr schön zeigt:

Links Papa Donnerhall, Rechts Bella

Die dunklen Locken muss man wissen, im familiären Genpool heiß begehrt, haben sich in meiner Generation extrem rar gemacht. Während sowohl mein Vater als auch seine beiden Geschwister als bajuwarisch “ruassig” bezeichnet wurden, teilen sich nur meine Schwester und ich die dunkleren Pigmente – sie Haut, ich Haare.

Hier jetzt bitte irgendeinen klugen Satz zu Wurzeln, Haarwurzeln oder Verwurzelung und der dazugehörigen Metapher denken. Es hat 400 Grad da draußen, also bitte.

Wie das so ist, die, mir tut das jetzt auch weh, Mähne, wurde zum Markenzeichen. Ich war “die mit den Haaren”. Erst hauptsächlich qua Volumen und Farbe, weil mir niemand beigebracht hat, was man mit Locken tut. (Praise be Black-Hair-Instagram, all Coconut-Oil, Silk-Pillowcases and Diffuser-Routines!) Außerdem fühlen sich alle wohler, wenn sie bei der Beschreibung auf Haare ausweichen können, anstatt Körperumfang oder unrunden Gang zu erwähnen. Und während ich mich nicht als außergewöhnlich eitel bezeichnen würde, wurden meine Haare die eine Sache, die ich unumwunden an mir mögen konnte. Natürlich erst nachdem ich jahrelang die Jennifer-Aniston-Frisur haben wollte. Die 90er haben niemandem gutgetan. Außerdem, abgesehen von horrendem Verbrauch von Conditioner, waren sie unkompliziert. Ich gehe zum Friseur, falls mir danach ist. Zum Spitzenschneiden. Haarschnitt, what’s a Haarschnitt?

Jedenfalls: Haare sind wichtig, aber wem sag ich das.

Das hier schreibt schließlich auch die Begründerin der Montagslocken. Der letzte Post dazu, soweit ich ihn finde, vom 6. Juli 2020.

https://www.instagram.com/p/CCSdDSVsTeG/

Man muss das alles wissen, um sich grob vorstellen zu können, wie sich der Herbst 2020 angefühlt hat. Sie wissen schon, nach der Sache. Man lernt in Sachen Humor des eigenen Kadavers schließlich nie aus und meiner fand es lustig, sich infolge der quasi Vergiftung durch etwas zu viel Cortison des Haupthaares zu entledigen.

Yes, you read that right, sie sind ausgefallen. Büschelweise. Bürsten, Hände, Badewannen voller langer, dunkler Lockenstränge und meine Tränen hinterher. Zuerst wollte ich es gar nicht begreifen, dachte das wäre nur ein bisschen mehr als sonst. Aber innerhalb eines Monats hatte ich einen soliden, unfreiwilligen Undercut und nur noch dünne Strähnen am Oberkopf.

Nach wochenlanger Krankheit, grade so wieder selbständig unterwegs und auf dem Weg zurück ins Leben ist einfach mal ein Teil der Identität futsch. Wann es aufhören würde, ob sie wiederkämen – es war alles nicht klar. Meine Hausärztin, ohnehin schon in mehrfacher Hinsicht am Rande ihrer Kapazitäten bei mir, verschrieb erstmal diverse Sanierungsmaßnahmen. Und eine Perücke.

Glauben Sie mir, im Winter 2020 war niemand so dankbar über verpixelte Webcams und pandemiebedingtes Homeoffice wie ich.

Ich hatte nie vor, sie länger zu tragen oder wollte mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, entsprechend sollte es “irgendwas in dunkel und länger” werden, was Herausforderung genug war. (Perückenindustrie, schwierig. Aber da kennen sich andere besser aus.) Der Gedanke daran, es als Option für einen neuen Look, etwas ganz anderes zu sehen, kam mir erst mal gar nicht. Zu verstört, entwurzelt war ich. Wer bin ich und wenn ja welche Frisur? Ich dachte an all die Frauen, die Farbe und Länge wild wechseln, die sich den Kopf rasieren oder gleich alles unter ein Tuch packen. An Krebspatientinnen, die nicht nur ihre Haare am Kopf verlieren, während sie um ihr Leben kämpfen. Kein Jahr vorher, war genau das meiner Mutter passiert, hatte meine Schwester zum Rasierer gegriffen und mit ihr eine Perücke ausgesucht. Es erschien von außen nicht so dramatisch, zumindest im Kontext. Es waren bloß Haare, die sie eh immer kurz geschnitten hatte. Wichtig war die Therapie, war die Gesundung, Haare kämen wieder. (Karma? That you?)

Ich kam mir gleichzeitig lächerlich und verletzt vor, als wäre mir eine große Ungerechtigkeit widerfahren, die für mich nochmal schlimmer war als für andere, weil meine Haare doch mehr waren als nur tote Hornzellen.

Bei jedem Waschgang des traurigen Rests wurde nachgezählt, wie viele sich wieder verabschiedet hatten. So viele Tränen. Parallel saß ich zur Nachsorge der ganzen Angelegenheit immer noch mindestens wöchentlich bei irgendeinem Arzt, einer von denen sagt irgendwann “Regain”, ein Mittel das mal für Herzpatienten entwickelt worden war, sich aber als Haarwuchskatalysator entpuppte (Science!). Zweimal am Tag sprühte ich also brav überall die klebrig-ätzende Flüssigkeit quasi den ganzen Kopf entlang. Ein Dutzend von den Fläschchen musste ich bis Ende des Jahres verbraucht haben. Ständig fuhr ich mit den Fingerspitzen auf meiner Kopfhaut umher, wartend, dass die ersten Stoppeln zurückkommen mögen.

Die übrigen Strähnen schnitt ich langsam kürzer, bis sie nur noch auf die Schulter fielen. Als würde Pandemie, gesundheitliches Chaos und Weltlage nicht reichen, dachte ich also darüber nach, wer ich bin, wenn nicht Haare. Wenn nicht all das, was man damit verbindet. Lange Locken, feminines Bat-Signal, bei gleichzeitiger Ungezähmtheit. Krone, Stilmittel, Beschäftigung für Hände beim Denken.

Könnte ich jemand anderes sein? Vielleicht ein kurzer Wuschelkopf, eine quirrlige (puh), unkonventionelle Person, die hellgrüne Dinge im Schrank hat? Eher in der French-Bob-sophisticated-blasiertheit Variante? Oder für immer hochgesteckt, nach hinten gestriegelt, streng und professionell? Warum zur Hölle habe ich solche Assoziationen im Kopf und kann daran bitte auch das Patriarchat Schuld sein?

Die Perücken-Phase dauerte gut ein Vierteljahr und die Akwardness der “hast du was mit deinen Haaren gemacht” Kommentare macht mir jetzt noch Gänsehaut. Wobei die vor allem von Männern kamen und ich mich seitdem sehr ernsthaft frage, ob sie womöglich etwas leicht zu täuschen sind. Weil ich bin absolut dilettantisch in solchen Dingen und das Ding saß zwar ordentlich, aber meine Güte, nicht so gut? (Ich denke nicht, dass es ein derart durchdachter Move war, wo Mann es als Perücke registriert hat und dann erst recht etwas Nettes sagen wollte. Komplimente als sozialer Schachzug sind dann doch eher selten und tendenziell ein weibliches Werkzeug. Den Aufsatz, dass ich damit weibliche Sozialisierung meine und nicht Genetik oder Biologie, den kann ich mir sparen, okay?)

Es wurde 2021 und langsam, ganz langsam, natürlich zu langsam, kamen die Kringel zurück. Erstmal weiterhin irgendwie zusammengebunden, weggesteckt, weil einzelne fliegende Löckchen nur in Sofia Coppola Filmen gut aussehen.

Im Juli 2021 gab es dann die große Nervenprobe für mich. Ein Fest stand an, eins wo man sich zurechtmacht und aufhübscht und über Kleid, Schuhe und Lippenstift nachdenkt. Wo ich normalerweise die Locken mit dem Föhn bearbeite und dann keck mit einer Blume oder einer glitzernden Spange ein bisschen zurechtrücke. Aber noch waren da nur ein paar Zentimeter Gewuschel auf dem Kopf. Es war am Ende eine Versöhnung. Mit dem, was da war, mit dem, was kam, auch mit den Wurzeln – sehe ich mit Dutt doch endgültig aus wie eine leicht jüngere Version meiner Großmutter.

Hochsteckfrisur von Hinten, Locken, gehalten von einem blumengeschmückten Kamm

Es sind jetzt knapp zwei Jahre, seit ich mich etwas orientierungslos im Krankenhaus wiederfand, ein bisschen weniger als zwei, seit mein Körper sich der Zellen entledigt hat, die vielleicht zu viel Erinnerung daran enthielten.

Über allem lag Pandemie und Pandämonium, Stille, Distanz und für fast jeden von uns wenigstens eine Gelegenheit zum Neuerfinden, Wiederentdecken, Zeigen wer man ist. Manchmal frage ich mich, ob die Zeit ohne Montagslocken, ohne viele persönliche Treffen, mit ausreichend Raum zum Sinnieren sogar die einzig mögliche Option war, um mich damit auseinanderzusetzen, warum ich so an meinen Haaren hänge. Vielleicht war es auch mein Weg, Empathie mit denen zu entwickeln, für die die Veränderung zu viel war. Die Angst davor hatten nicht mehr genug gesehen zu werden oder, dass sich ihr Aussehen verändern könnte, weil das Fitnessstudio zu hat.

Es ist mehr als Darstellungsdrang, wenn wir unsere physische Erscheinung mit dem eigenen Charakter oder einer aktuellen Gefühlslage in Einklang bringen wollen. Es ist ausgeprägter denn je zuvor, keine Frage, people do it for the ‘gram, for the likes.

Von den immer noch nachwachsenden Haaren sind erschütternd viele Weiß. Ich hadere damit, weil mich quasi gerade erst gefunden habe und zupfe diese oft noch robusteren, sich genauso kringelnden Exemplare aus. Soviel zum neuen Selbstbewusstsein und der Unabhängigkeit von der Frisur. Nur, solange ich so tun darf als ob ich jung wäre, ähem.

Vor ein paar Wochen, als ich die ersten Montagslocken seit, you know, everything, gepostet habe, starrte ich die ganze Zeit auf die längeren dünnen Strähnen und wie unperfekt sie sind, wie offensichtlich. Aber sie sind jetzt eben auch Teil der Geschichte. Wie meine Narben, meine Kratzer und Flecken. Lädiert, aber brauchbar.

Aus den alten Wurzeln sind neue Haare gewachsen, mindestens so stark wie die davor. (Metapher bitte auch wieder selber denken.) Vor kurzem war es erstmal so heiß und meine Haare wieder so lang, dass ich sie nach oben stecken musste, um aus meinem Nacken keinen Wärmespeicher zu machen. Zum ersten Mal verstand ich, warum manche Menschen sich für einen “praktischen” Haarschnitt entscheiden. Die haben sich einfach eher unabhängig gemacht, sind vielleicht einen Schritt voraus.

Ein Teil von mir würde, gäbe es ein nächstes Mal, zur blonden Pixie-Perücke greifen, glaube ich, hoffe ich. Haare sind wichtig, aber vielleicht auch, weil sie sich ändern können. Manche kommen zurück wie sie waren, oder werden anders oder sie bleiben einfach weg.

Ich bin nicht meine Haare, aber meine Haare werden ab jetzt immer nach mir aussehen.

Ausatmen

Man trippelt sehr vorsichtig und möglichst leise ins eigene Blog, nach solchen Tagen. Nach so einem Beitrag, nach solchen Reaktionen. Einfach so weitermachen geht ja fast nicht, Gottseidank.

Da sind immer noch viele unbeantwortete Nachrichten und Kommentare, neue Ansätze, Gedanken. Ich hoffe, niemand fühlt sich nicht wahrgenommen, ich sehe das alles, es ist nur wirklich, wirklich viel.

Dann war da noch ein Päckchen, einfach so. Leserin B. (die ich leider nicht in den Kommentaren finde, um mich bei ihr persönlich zu bedanken, vielleicht mag sie sich ja melden, ich würde mich sehr freuen) schickte mir etwas von meinem Wunschzettel, nämlich die Jahreszeiten-Kochschule: Winter von u.a. Katarina Seiser deren Kochbücher man eh alle haben sollte. Ich habe mich unendlich darüber gefreut. Leser, tolle Sache.

Das Päckchen lag am Ende eines Tages vor der Tür, der mich ein bisschen durch die Mangel genommen hatte, weil ich eigentlich Konsequenzen aus einer Situation gezogen hatte. Die wurden mir mittlerweile wieder ausgeredet, aber die Angst wuchert halt jetzt noch ein paar Tage vor sich hin. Vielleicht sollte ich anfangen solche Konstellationen in Zukunft konkret aufzuschreiben, um zu verstehen warum ich damit wie umgehe.

In diesem Fall ist es eine von diesen Geschichten, über die andere Gras wachsen lassen können, Abstand dazu herstellen. Manchmal zerbrechen Dinge, stellen Menschen fest, dass sie sich eigentlich gar nicht mögen, das ist normal. Ich mag die wenigsten Menschen. Aber ohne einen Schlusspunkt, ein letztes Wort bleibt bei mir die Frage zurück was ich falsch gemacht, welche fürchterliche Sache ich der anderen Seite angetan haben könnte, um durch Schweigsamkeit kommuniziert zu bekommen, dass man auf mich keinen Wert legt. Und anstatt das alles einfach akzeptieren zu können, gärt eine trübe Mischung in mir, aus dem Gefühl unerwünscht zu sein und der Angst auch in Zukunft unwissend und unabsichtlich Menschen zu verjagen.

Das ist die Krux am Asperger-Hirn. Es kann sich sehr gut an Details orientieren und oft viel zu konkret an Dinge erinnern. Insbesondere schmerzhafte, traumatische Erinnerungen sind so intensiv abrufbar, dass jede Konfrontation die ganze emotionale Spirale aus Fragen und Selbstzweifeln hervorzieht.

Um dem aus dem Weg zu gehen, hatte ich letzte Woche etwas abgesagt. Eine Gelegenheit, auf die ich mich doch so wahnsinnig gefreut hatte. And thus the altbekannte Teufelskreis beginnt. Ich habe aus meinen Lebensabschnitten immer so gut wie niemanden behalten, mitnehmen können. Weil meistens musste ich recht rabiat alle Brücken hinter mir abbrennen – zu groß war die Panik am Ende abgewiesen zu werden, wenn rauskommt wer ich wirklich bin. Also habe ich Dinge einschlafen lassen, Einladungen abgesagt, die automatischen Facebook-Geburtstags-Gratulationen aufgehört. Bis ich in Vergessenheit geriet. One lost to the stream.

Meine diversen Neuanfänge waren nicht immer ganz freiwillig.

Dieses Mal wollte ich es eigentlich anders machen, um nicht am Ende alle zu verlieren. Ich bin es müde dauernd von vorn anzufangen und diese Menschen, sie sind gut, sie halten viel aus. Nur, in diesem Fall wurde mir die Klärung, das letzte Wort verwehrt und ich habe die letzten Monate damit verbracht das einerseits hinzunehmen und andererseits nicht über potentielle Begegnungen nachzudenken. Aber die Panik unerwünscht zu sein, auch wenn nur von einer einzigen Person ausgelöst, ist eine mächtige Bestie.

An diesem Abend also, an dem das hinreißende Päckchen vor meiner Tür lag, hatte ich genau deswegen eine Einladung abgesagt und trug die Trauer über den Anfang vom Ende mit mir herum. Erst sage ich die gemeinsamen Momente ab, dann werde ich nicht mehr eingeladen und irgendwann bin ich nur noch eine vage Erinnerung, jemand, der maximal in alten Anekdoten vorkommt. Wie absurd das von Außen klingen muss. Alles, weil jemand nichts mehr zu sagen hat.

Vielleicht nehme ich diese Dinge seit der Diagnose anders wahr, aber ich saß an meinem Esstisch, mit einem Buch-Geschenk als Symbol für all die tollen Reaktionen vor mir und den trübsten Gedanken der letzen Wochen im Kopf. Als würden eine Kaltfront und Warmluft im Kopf aufeinander treffen. Erst jetzt ist mir klar, dass sich solche Momente für andere nicht so anfühlen, als würde unter ihnen der Boden plötzlich rotieren.

Es ist mein großes Glück in diesen Tagen Menschen zu haben, denen ich mein unsortiertes Kopfgewitter hinwerfen kann und die es sich anhören. Auch, wenn ich nach wie vor große Skrupel habe mich und meine Zustände anderen zuzumuten. Aber zumindest dahingehend haben die vielen positiven Reaktionen der letzten Wochen das Rädchen ein wenig weiter gedreht. (Es ist ein sehr, sehr langsames Rädchen.)

Darum an dieser Stelle noch ein mal: Danke. Für die Hinweise und die Bestätigung, für die Fragen, für das gesehen-werden. Ich tue mich schwer damit es besser zu artikulieren, aber, es hilft.

Anna and the Truthtellers

Ich liebe das Internet. Für die Rettung, die es mir während der Adoleszenz war. Für die Dinge, die ich dort gelernt habe und immer noch lerne. Für die Menschen, die ich hier gefunden habe. Vielleicht am allermeisten für die Nachweise davon, dass einem manche Dinge nicht exklusiv passieren.

Trotz allem, liebe ich das Internet sogar, obwohl diese Dinge manchmal alle zusammengehören.

Das wundervolle Fräulein Read On hat die traurige Geschichte vom J. und von Anna aufgeschrieben und damit gefühlt das ganze Internet an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen. Mich auch.
Auf ganz furchtbare Weise war es beruhigend zu lesen, dass der J. nie ganz darüber hinweg gekommen ist. Dass es auch…normalen Menschen passiert, dass sie nicht loslassen können, dass die Fragen bleiben.

Auch, weil oft am Ende diejenigen die gehen, die den Kontakt abbrechen die Protagonisten der Geschichte sind, wenn sie erzählt wird. Nicht diejenigen, die zurückbleiben und vielleicht Narben davon getragen haben. Klar, aufregender sind die Menschen, die sich “trauen” einfach alles abzubrechen und Menschen aus ihrem Leben zu verbannen. Die, auf die eine oder andere Art, weiterziehen.

Als wäre Stille eine Leistung. Als wäre das Ausbleiben einer Erklärung spannend, interessant.

Ich bin nicht gut mit Menschen, das habe ich mittlerweile schriftlich. Trotz intensiver Beobachtung verstehe ich sie die meiste Zeit über nur bedingt. Schon gar keine Nuancen, Andeutungen, Zaunpfähle. Darum bin ich ehrlich statt nett. Direkt statt höflich. Immer in der Hoffnung, dass es mein gegenüber dazu ermuntert im Zweifel auch unangenehme Dinge sagen zu können anstatt zu schweigen.
Lassen Sie es mich so sagen: Es funktioniert so mittelgut.
Vor einer Anna schützt es am Ende nicht.

Es macht, wenn es dann passiert, noch eine hübsche neue Baustelle auf. Weil so sehr man sich fragt was in der anderen Person vorgegangen sein mag, an irgendeinem Punkt fragt man sich noch viel mehr was man womöglich selbst falsch gemacht hat. Vielleicht bin ich besonders empfindlich weil meine “Annas” bevorzugt dann auf Distanz gegangen sind, wenn es mir nicht besonders gut ging. Womöglich gerade weil ich auch noch die Unverschämtheit hatte darüber zu sprechen – mit der digitalen Allgemeinheit oder direkt mit der Person.

Womit wir zu einem Punkt kommen müssen, der anstrengend werden könnte. Naja, zumindest für mich.
(Einschub: Es ist auch der Bereich, wo meine Geschichte nichts mehr wirklich mit Anna und dem J. zu tun hat. Es ist der Sonderfall Bella, der jetzt kommt.)

Weil einerseits ist es gut, dass es zumindest ein bisschen einfacher geworden ist, über die eigenen psychologischen Instabilitäten zu sprechen. Es hilft, die fellow crazies zu treffen. Es hilft zu begreifen, dass man ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft und trotzdem krank sein kann. Es hilft auch für sich selbst zu reflektieren, dass man nicht davon stirbt diese Schwäche zuzugeben.
Ich schreibe seit annähernd 20 Jahren ins Internet und immer wieder auch über die dunklen Schatten in meinem Leben.
Die oft überraschenden Reaktionen darauf waren immer auch Teil des Heilungsprozess. Da war Empathie, Besorgnis und manchmal auch einfach nur ein Angebot, obwohl Menschen kaum wussten, wie sie richtig reagieren sollten.

Thing is – diese Art von Validierung funktionierte damals wie heute genauso gut wie Likes, Herzchen oder Emojis. Meine Wahrnehmung ist verzerrt, weil mir das Internet überwiegend gesagt hat, dass meine Echokammer mich inklusive aller meiner Probleme aushält. Umso schockierter, gekränkter und verwirrter reagiere ich, wenn das bei Menschen nicht mehr der Fall ist. Vermutlich habe ich gelernt Hinweise darauf zu ignorieren und aufgehört darüber nachzudenken was es mit jemandem macht, wenn er mit einer Person mitten in einer depressiven Episode konfrontiert ist.

Normalerweise stehe ich der Triggerwarning-Kultur in den sozialen Netzwerken ein bisschen kritisch gegenüber. Mir ist klar, dass es Bilder und Szenarien gibt, die Menschen an Trauma oder Ängste erinnern und es sollte Optionen geben, diese Dinge zumindest zu reduzieren. Aber das völlige Ausblenden sollte vielleicht gar nicht möglich sein. Wir sollten uns manchmal mit Dingen auseinandersetzen müssen. Wobei das nicht die Debatte ist, die ich haben will.

Meine Frage ist: Was ist, wenn ich der Trigger bin?

Wenn ich nicht irgendetwas falsch gemacht habe, nicht zu viel oder nicht gut genug war, sondern einfach nur ich – mit der ganzen Dunkelheit? Was, wenn diese Kombination bei der anderen Person dazu geführt hat, dass die Worte ihren Weg erst gar nicht mehr finden konnten? Und in Konsequenz auch – was, wenn nicht nur meine Offenheit zum Thema psychische Erkrankungen bei anderen die umgekehrte Wirkung hat?
Auf die Gefahr hin wie jemand zu klingen der auch nach Jahren noch verzweifelt nach Erklärungen sucht – ich frage mich seit einer Weile inwiefern ich in Kauf nehme Menschen derart vor den Kopf zu stoßen, um auch weiterhin vom Internet aufgefangen zu werden.

Antwort habe ich noch keine. Ich will keine Beisshemmung entwickeln, nicht aufhören über Dinge zu sprechen, die unbedingt bei Licht betrachtet werden sollten. Aber wenn ich mitbekomme, dass meine Dunkelheit zu Überforderung bei anderen führt, dass sie nicht mehr recht wissen ob man mich nun anders behandeln muss oder ich am Ende halt einfach gemutet werde – dann macht diese erneute Isolierung nichts besser. Im Gegenteil, es bestätigt mich in all meinen finsteren Szenarien. Dass ich nur akzeptiert und gesehen werde, wenn ich unkompliziert, unterhaltsam und aufmerksam für die Bedürfnisse von anderen bin.
“Du solltest dankbar sein, dass sich jemand mit dir abgibt” – aber als verinnerlichtes Mantra.

Anders als sonst, habe ich in dieser dunklen Episode nicht nur mehr Zuspruch erfahren, sondern gab es auch Menschen die einen deutlichen Schritt auf mich zugemacht haben. Das ist bei meinem fragilen Ego mehr oder minder ein Erdbeben. Aber weil wir alle gerne einen guten Verriss lesen und Künstler sich ihre negativen Kritiken merken, klopf in meinem Kopf ein kleiner Hammer an den Ereignissen und Menschen herum, die mit Distanz oder Widerstand auf mich reagiert haben. Auch und gerade weil ich mit meinen Defiziten und Diagnosen (so nenne ich das Konzeptalbum) offensiv umgehe.
Zumindest ist das die naheliegende Erklärung, weil – und damit sind wir wieder bei Anna – man bekommt ja sonst keine.

being honest is being kind

Ich bin durch meine radikale Ehrlichkeit oft unangenehm aufgefallen. Aber ich glaube auch, dass sich meinetwegen noch nie jemanden fragen musste, woran er ist. Ich denke an den J. aus der Geschichte und die tiefen, tiefen Narben die er wohl mit sich rumträgt. Weil so einig sich alle um ihm herum sind, dass Anna egoistisch und grausam war, ein Teil von ihm wird sich immer fragen, warum er nicht genug sein konnte.
Vielleicht fragt er sich, ob das was an ihm am hellsten geleuchtet hat, für sie am Ende zu grell war.
Und das, ist der wahre Preis dieser individuellen Freiheit sich solchen Konflikten nicht zu stellen. Es bohrt ein Messer in Menschen, genau an der Stelle, an der sie am eigenwilligsten sind. Es ist ein Angriff auf die Eigenschaften, die uns definieren.
Man kann jetzt sagen, dass es doch keinen Unterschied macht, ob man gesagt bekommt, dass man zu anstrengend ist oder jemand einfach so geht – aber ich behaupte, dass es den Unterschied gibt. Der hat nicht nur etwas mit grundsätzlichem Respekt gegenüber einem Menschen zu tun, sondern kann auch Kontext geben. Vielleicht gibt es einen guten Grund warum ein Mensch so reagiert. Warum man ein Trigger geworden ist.

Ob Mensch oder Bild – je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass wir auch mit denen, die etwas in uns anrühren, uns vielleicht verstören in Dialog treten sollten. Im Stillen. Oder direkt. Aber selbst wenn es noch so anstrengend ist und uns aufreibt – aus Reibung entsteht Wärme. Dort, wo einst jemand war der ohne ein Wort gegangen ist, bleibt eine Stelle kalt.

Es langt jetzt auch mit der Kälte, so insgesamt.

Fragen 551-575


551. Welchen Wochenendtrip oder welche Kurzreise hast du gerade geplant?

Innerdeutsch dieses Jahr noch einige, international bis jetzt nur Mailand im Juli. Langes Wochenende, Konzert, Gelato. So muss das!

552. Bist du ein Landmensch oder ein Stadtmensch?
You can take the girl out of the bavarian countryside but not the countryside out of the girl

553. Mit welcher Person, die du nicht persönlich kennst, fühlst du dich verbunden?
Ich fühl mich manchmal kaum verbunden mit denen, die ich kenne… puh.

554. Was gibt dir in schweren Zeiten Halt?
Nix. Ich neige dazu mich umnieten zu lassen.

555. Bist du gut zu dir selbst?
Manchmal. Öfter. Es wird.

556. Was bedeutet Freundschaft für dich?
Wir haben’s aber heute mit den Minenfeldern. Es gibt diese Idee von Freundschaft in meinem Kopf, vielleicht auch als Abbild dessen was ich bei anderen beobachte – und manchmal wünsche ich mir das für mich. Aber ich weiß, dass das sowohl meinetwegen als auch wegen der Sorte Menschen mit der ich mich anfreunde so nicht geht. Wir sind alle nicht robust genug dafür. Heute bin ich einfach dankbar dafür, dass ich für annähernd alles was mir widerfahren kann jemanden habe, dem ich es erzählen kann und zumindest eine Antwort bekommen werde.

557. Wer hat dich in letzter Zeit überrascht?
Obacht: Ich! Aus Untiefen, die ich selbst vergessen hatte, hole ich gerade Motivation, Wahnsinn und Ambitionen hervor. Sehr überraschend.

558. Traust du dich, Fragen zu stellen?
Die eigentliche Frage ist: Traust du dich auch mal eine Frage nicht zu stellen? Was mir zugegebenermaßen schwer fällt.

559. Hast du Dinge vorrätig, die du selber nie isst oder trinkst?
Mir fallen eigentlich keine ein.

560. Setzt du dir Regeln, die du dir selber ausgedacht hast?
Ist das wieder eine von den Sachen von denen ich denke, dass alle sie tun und am Ende hab ich mir da wieder… Nevermind.

561. Bedauerst du etwas?
Einiges. Aber hauptsächlich Dinge, die ich nicht getan habe.

562. Welchen Zeichentrickfilm magst du am liebsten?
Dschungelbuch forever! (Erster Kinofilm, beste Musik, bestes alles.)

563. Was würdest du deinem Kind gern fürs Leben mitgeben?
Angst lohnt sich seltener als man denkt.

564. Welches Buch hast du in letzter Zeit mit einem tiefen Seufzer zugeklappt?
Es ist schon wieder ein paar Wochen her, aber „Darkness Visible“ von William Styron. Worte für etwas, das eigentlich unbeschreibbar ist.

565. Würdest du gern wieder in einer Zeit ohne Internet leben?
ARE YOU SERIOUS

566. Wann hast du zuletzt ein Bild ausgemalt?
Das war mir ja schon als Kind zu doof. Wirklich nicht.

567. Wer war deine Jugendliebe?
Zählen auch unerwiderte? Blöde Frage, andere hatte ich ja kaum. Dann vermutlich der F. Der war der große Bruder eines Klassenkameraden und ich fand seine 16jährige Schweigsamkeit „mysteriös“ und sein seltsames Verhalten „cool“. Er war natürlich auch bloß maximal pubertär und meines Wissens in seine beste Freundin verknallt. Aber er hat halt Schlagzeug in der Schulband gespielt, was soll man machen.

568. Für wen hast du zuletzt Luftballons aufgeblasen?
Oida. Jugendliebe, Bilder ausmalen, jetzt Ballons. Ich konnte mit 12 kaum erwarten Mitte 30 zu sein, leave me be.

569. Wie würden andere Personen deine Wohnung beschreiben?
Dafür müsste ich sie ja reinlassen.

570. Mit wem stöberst du am liebsten in Erinnerungen?
Mit dem Internet.

571. Wie viele Stunden am Tag verbringst du vor dem Computer?
An Arbeitstagen 9-11, an freien Tagen kann es alles zwischen 2-12 sein. (Netflix, du alter Zeitfresser.)

572. Verschweigst du deinem Partner manchmal Sachen, die du gekauft hast?
Ich bin ein Fan von Diskretion und Geheimnissen.

573. Wen oder was benutzt du als Ausrede, um etwas nicht machen zu müssen?
Ich bin da eventuell simpel gestrickt, aber ein „ich will jetzt nicht“ besonders in Kombination mit „ich muss das gar nicht (jetzt) machen“ langt oft völlig.

574. Gehst du gern ins Kino?
Immer, wenn ich es hin schaffe, freue ich mich eigentlich sehr, aber dafür gehe ich eigentlich zu selten.

575. Wie grosszügig bist du?
In Bezug auf? Ich beschenke andere gern und reichlich – auch weil ich sonst nicht zu großen emotionalen Gesten/Worten neige. Wenn es passt und mir danach ist, lade ich eine Begleitung auch mal ein. Und beim Trinkgeld runde ich sowieso auf.