Donnerhall(en)

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Schlagwort: krisenmodus (Seite 1 von 5)

Don’t you forget about me

Will you recognize me?
Call my name or walk on by
Rain keeps falling, rain keeps falling
Down, down, down, down

Ein bisschen Schwund ist immer, das weiß man, sobald man einmal Bekanntschaft mit dieser walzenden Muräne im eigenen Gemüt geschlossen hat. Menschen bleiben auf der Strecke. Entweder weil sie freiwillig die Flucht ergreifen, auf Abstand gehen – oder, weil sie letztendlich aufgeben, zu oft zurückgewiesen letztendlich resignieren.

Das ist nämlich eine Krux an der Schatten-Krankheit. Der wilde Widerspruch aus maximaler Zurückgezogenheit, den abgesagten Treffen, den vorgeschobenen Beschwerden und dem gleichermaßen dringenden Wunsch danach bemerkt, wahrgenommen und aufgenommen zu werden. Dieses Paradox muss man im Hinterkopf behalten, wenn man verstehen will, warum Menschen mit Depressionen manchmal so seltsam reagieren.

Als ich im Laufe der letzten Wochen von mindestens zwei Gelegenheiten erfuhr, zu denen ich sonst dazugehört hätte, oder zumindest ursprünglich mal eingeladen war, merkte ich wieder, wie sehr mein Blick auf die Realität momentan getrübt wird. Mit nüchternem Verstand betrachtet, gibt es für beide Instanzen vollkommen nachvollziehbare Erklärungen. Bei der ersten, von deren Stattfinden ich überhaupt nur durch Dritte erfuhr, ging man traditionsbedingt vermutlich schlicht davon aus, dass ich – mich noch mehr oder minder in Trauer befindlich – nicht in irgendeiner Gruppe verlustieren wollen würde. Tatsächlich hätte ich, wäre ich formal dazu geladen worden, wohl auch sehr lange überlegt.
Bei der zweiten Sache, überhaupt nur auf Twitter erwähnt, hatte ich in der Planungsphase eine Art Einladung bekommen, aber dann nichts mehr Genaues gehört. Ich hätte in der schlussendlich geladenen Gruppe auch wirklich nichts verloren gehabt, um Gotteswillen. Was mich nicht davon abhält über Schrödingers Partyeinladung zu spekulieren.

Vom unabsichtlichen Vergessen der ursprünglichen Email über vorausseilende Rücksichtnahme zu bewusstem Abstandnehmen ist da alles dabei. Das nämlich, ist der Dämon im Kopf. Vergessen Sie Ockhams Rasiermesser (Von vielen Erklärungen ist immer die nächstliegendste vorzuziehen.), hier befinden wir uns mitten im Gewirr von Aristoteles – “Eine wahrscheinliche Unmöglichkeit ist immer einer wenig überzeugenden Möglichkeit vorzuziehen.”

Als jemand, der dieses dunkle Meer bereits einmal mehr oder minder erfolgreich durchschwommen hat (I’m still here, so that counts, right?), ist man dafür erst recht in einer kalten, zynischen Schleife gefangen. Mit dem Wissen um die Menschen im eigenen Leben, die es vielleicht nicht aushalten, beginnt man derlei Kleinigkeiten als Grundlage für eine Berechnung zu nehmen.

Ist es Vielleicht Person X, in deren Leben gerade gute Dinge passieren und für die ich darum erst recht eine zu aufwändige Anomalie darstelle? Oder Mensch Y, der obwohl aktuelle noch sehr bemüht, am Ende die Segel streichen wird? Diese gefährliche ‘ihr haltet mich eh nicht aus, ich habe völlig recht mich euch nicht aufzudrängen’-Attitüde ist vielleicht der längste Arm der Krakenkrankheit, die sich in alle Lebensbereiche mischt.

Natürlich wird mir nicht Bescheid gesagt, selbstverständlich werde ich übergangen, ich hätte mich auch nicht eingeladen.Den größten Schaden richtet oft nicht das Feuer, sondern das Löschwasser an.

How to care for the depressed person in your life?
Keep bugging them.

Dass ich diese kleine Plattform nutze, um offen – manche nennen es offensiv – über solche Dinge zu schreiben ist für sich selbst genommen die nächste Hürde. Wenn wir sagen, dass zu wenig über psychische Krankheiten gesprochen wird, dann meinen wir nicht, dass kein Interesse daran besteht – zumindest fachlich. Aber die persönlichen Geschichten, oft extrem unterschiedlich aber in sich auch ähnlich zäh und grau, sind nichts mit dem jeder erstmal konfrontiert werden möchte. Ich sage das, weil ich selbst nur bedingt Geduld für Me&My Depression&I Stories habe, in denen sich jemand nicht mal Hilfe holt. (Allein für die Stories sollten viel mehr von uns zum Therapeuten gehen. Trust me, that shit is hilarious.)

Meine quasi öffentliche Auseinandersetzung mit der Malaise wird zusätzlich Menschen abschrecken. Freunde, Bekannte – ein paar werden irritiert und mit leicht rümpfender Nase viel Raum zwischen mich und sie selbst bringen. Man spricht nicht über Krankheiten, außer vielleicht in einem Wartezimmer, aber dann auch nur im Flüsterton.
Bis zu einem gewissen Grad bin ich sogar Fan von dem Konzept, wir behelligen uns alle heute viel zu oft mit Zipperlein und fordern Rücksichtnahme wegen Kleinigkeiten. Ein bisschen mehr Zähne zusammenbeißen würde etliche von uns weniger anstrengend machen – ohne, dass uns etwas fehlen würde.

However – sagte sie, nach 600 Worten über ihren Zustand.

Ich schreibe das hier auf, weil ich nichts anderes referenzieren kann. Weil belehrende Twitter-Threads nicht dasselbe sind wie eine aufgeschriebene Erklärung für widersinniges Verhalten.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Vergesst meiner nicht. Auch wenn ich wieder absage, vielleicht nicht auf die Email antworte oder mich anderweitig rar mache. Es hat nichts, aber auch nicht das Geringste mit meiner tatsächlichen Wertschätzung euch gegenüber zu tun. Im Gegenteil.
Aber ich weiß, dass ich die gleiche Logik nicht auf mich selbst anwenden kann, zumindest nicht jetzt. Wenn die Kontakte also ausbleiben, die Feiern ohne mich stattfinden und ich aus der Ferne sehe, dass alle Spaß haben, wenn ich nicht dabei bin – dann werde ich nicht denken, dass es trotz meiner Abwesenheit sondern wegen meiner Abwesenheit so ist.

Das sind die Fake News, die das eigene Hirn auf die Titelseite druckt.

Ich will nicht behaupten, dass ich ohne Depressionen in meinem Leben plötzlich extrovertiert wäre, um Himmelswillen, nein.
Aber objektiv betrachtet weiß ich, dass die guten Zeiten in meinem Leben durch eine geschickten Balance aus allein verbrachter Zeit und anregender Gesellschaft identifizierbar waren.

Es ist nicht nur die Antriebslosigkeit, die fehlende Perspektive, die innere Düsternis. Es ist, und vielleicht steckt hier das größte Schadenspotential, die tiefe Überzeugung nicht gewollt zu werden. Alle Self-Acceptance, jedes Selbstbewußtsein und die größte innere Unabhängikeit ersetzen nicht die beruhigende Wirkung von ehrlich gemeinter Aufmerksamkeit von Außen. Am Ende braucht man die innere Stärke und die äußere Bestätigung.

Am Ende muss aus dem inneren Widerspruch etwas werden, das ineinander greift. Ich hoffe, es dauert dieses Mal nicht so lang.

Retro

Neulich schrieb ich jemandem, dass ich keine beste Freundin habe. Mich sogar kaum daran erinnern kann jemals eine gehabt zu haben. Natürlich kann man an dieser Stelle darüber diskutieren, schließlich habe ich eine Schwester und zwar eine von der fantastischen Sorte. Aber eben keine erste-Person-die-informiert-wird außerhalb der Familie.
Auch keine klassische Clique.
Klar, es gibt diese Kreise, die man ansammelt. Frühere Kolleginnen oder andere Verbindungen, die sich über den Job aufgetan haben. Die Rest der ersten Online-Clique anno Jahrtausendwende. Bekannte der Familie. Freunde von Freunden, die man mal hatte. Ich wohne in einem Dorf, da bleiben immer ein paar hängen. Die aktuellen, großartigen Menschen aus diesem Internet, wenn auch leider quer über die Republik verstreut.

Die erste Anlaufstelle?
Mein Blog.

Ich schreibe mehr oder weniger regelmäßig in einem mehr oder weniger Blogformat ins Internet seit ich, puh, 13 ? war. (What up Greymatter-Crowd!) Die erste Isabella, die ihr Herz dem Internet ausgeschüttet hat, war bereits depressiv. Sie war es schon so sehr und so mitten in der Krankheit, dass sie dachte, das wäre einfach ihre Persönlichkeit. Depressionen zu haben, während die gleichaltrigen auf Partys gehen (zu denen ich ja ohnehin nicht eingeladen war) oder die Etikette des gegenseitigen sozialen Austausches lernen, in dem sie über andere Lästern (ich war die, über die gelästert wurde), heißt leider auch, dass die Krankheit versucht sich in die eigene Persönlichkeitsentwicklung einzumischen.

Also habe ich immer alles aufgeschrieben. Nicht zwangsläufig für andere. Auf “publish” zu klicken, hieß schon damals auch Dinge rauszulassen. In den späten Neunzigern, als nur wir Freaks schon online waren und nur die Merkwürdigsten unter uns anfingen über sich selbst Dinge zu verfassen, war ein Blog ein wenig Therapie, ein wenig beste Freundin, ein wenig Abenteuer. Alles, was ich damals nicht hatte.
Erst später ist mir klar geworden, wie sehr dieser Automatismus mein Reaktionsverhalten geprägt hat. Ich rufe niemanden an, um mich auszuheulen. Ich schreibe in keine Whatsapp-Gruppe wie es mir geht. Ich gehe auf Twitter und verlinke traurige Musik. Dann führe ich in meinem Kopf eine komplette Debatte zum Thema, schiebe schon dort Stichworte und Chronologie herum. Ich schreibe im Kopf. Ob es dann ins Blog kommt oder nicht – irgendwo im Hinterstübchen sitzt ein komplett verfasster Eintrag, der schon versucht Dinge in Kontext zu setzen oder Reaktionen vorzugreifen.
Ich bin Redakteur, Kommentator und Historiker meines eigenen Lebens. Es auf andere Weise zu teilen, habe ich kaum gelernt.

Dadurch habe ich ein paar Stärken entwickelt, die mir sogar beruflich nützen. Ich kann in Meetings zum Punkt kommen und alle am Thema halten, weil mein Kopf es ja vorher schon protokolliert hat und daran erinnert, dass wir keinen Platz für mäandernde Themen haben – als gäbe es eine Zeichenbegrenzung. Tatsächlich ist es eine Zeitbegrenzung, aber die Funktionalität ist ähnlich. Wenn ich meinen Standpunkt einbringen muss, dann habe ich dazu im Kopf schon sehr lange Gespräche geführt, pro und contra abgewogen, vielleicht sogar einen weiterführenden, konstruktiven Vorschlag erarbeitet. Ich weiß auch oft welche Wortwahl die gewollte Wirkung erzeugt. Feedback antizipieren und darum sachliche Kritik gut einbauen können – check und check.

Einer der größten Idioten hinsichtlich zwischenmenschlicher Kommunikation sein, die ich so kenne? CHECK.
Referenzen, Meta-Kommentare, anderen Schleifen bauen in denen sie sich verheddern, Pointe vor Freundschaft – alles kein Problem.
Entschuldigen, Hilfe erfragen, um Zeit oder Abstand bitten? I’d rather not. In Krisenzeiten neige ich zu drei Kommunikations-Varianten: Dem aggressiven Wegschubsen (niemand versteht mich!), die vollkommene Tauchstation (niemand will mich tatsächlich verstehen!) und, am perfidesten, passiv-agressives Rumpöbeln bis die Gegenseite irritiert auf Abstand geht (niemand soll es einfach so verstehen!).

[Bei Nr. 3 hege ich aktuell den Verdacht, dass ich mir damit mentale Lesezeichen setze, um den Zeitpunkt zu Kennzeichnen an dem sich ein schlechter Tag oder ein kleines Problem in die ersten Anzeichen eines Rückfalls verwandeln. Zumindest hoffe ich, dass dem so ist. Sonst ist es der unnützeste, anstrengendste und mit größter Überwindung wieder zu reparierende Tick, den ich mir zugelegt habe.]

Und lange, sehr sehr lange, dachte ich, das sei meine Persönlichkeit. Ich bin halt mehr so kühl. Ich mache alles mit mir selber aus.
Aber in diesen Tagen, in denen so viel in mir vorgeht und meine größte Sorge ist, wie ich darüber schreibe, merke ich, wie viel davon einerseits die Krankheit, wie viel davon andererseits mein erlernter Selbstschutz ist.

Noch vor drei Monaten war ich regelrecht High. Ich hatte die magische Balance gefunden. Leben und Arbeit, Kontakte – privat oder beruflich, andere Projekte, plötzlich ging alles. Es war zum ersten Mal seit ich mich daran erinnern kann genug Zeit, genug Raum, vor allem aber genug Energie für alles da. Mir passierten unfassbar viele, sehr positive Dinge. Die meisten davon konnte ich nicht verbloggen, es hätte auch kaum Sinn ergeben, aber das war plötzlich halb so wild. Dadurch, dass ich einige dieser Entwicklungen selbst angestoßen hatte, kam ich mir auch auf einmal nicht mehr untalentiert, unliebenswert und als generelle Zumutung für andere vor. Im Gegenteil, ich konnte mich geradezu aufdrängen.
Ein lichterloher, grenzenloser Horizont ganz für mich allein und die Sicherheit, dass es in meiner eigenen Hand lag aus meinem Leben das zu machen, was ich wollte.

Dann wurde es finster. Innerhalb von 24 Tagen im Dezember war der Horizont weg, der Boden unter meinen Füßen verwandelte sich in Treibsand und auch sonst können wir uns die Szenerie eher apokalyptisch vorstellen. Aber ich bin keine plucky Katniss, die sich den grauen Mächten stellt. Versucht hatte ich es durchaus und brachte die Zeit bis zum Jahreswechsel irgendwo zwischen Zähigkeit, Apathie und solider Fassade nach Außen hinter mich.
Aber was zuviel ist, war wohl zuviel.

So wird dieser Eintrag wieder von einer Isabella formuliert, die ganz schön weit unten hängt, in einem schwarzen Tunnel. Allerdings um eine interessante Entdeckung reicher: Die Krankheit ist die Krankheit und die Persönlichkeit ist die Persönlichkeit. Klingt das simpel. Ist das fundamental. Das letzte Jahr hat mich viel gelehrt und einiges davon wollte ich nie wissen. Aber zumindest das habe ich nun verstanden – wenn es nur 8 Wochen vom bestmöglichen Gefühl zur kompletten Absenz von Gefühl braucht, beweist das in erster Linie, das ich zu dieser Bandbreite in der Lage bin. I do, in fact, contain multitudes.

Ursprünglich wollte ich im neuen Jahr als erstes über meinen Vater schreiben. Über Abschied, über das was bleibt. Aber es wäre duster geworden, irgendwo zwischen falschem Mythos und der Traurigkeit über Dinge, die nicht waren. Stattdessen gibt es jetzt diesen fast 1100-Wörter Disclaimer. (Brevity is for Twitter, this is my Sandbox.)

Verehrtester Leser: Dies ist kein Hilfeschrei. Ich hole mir Hilfe. Dies ist nur der Hinweis darauf, dass ein fieser Virus grade die innere Stromleitung gekappt hat und ich dabei bin, sie zu reparieren.


(There’s a line for everything.)

von der digitalen Unversehrtheit und analogen Hindernissen

My body is a cage that keeps me
From dancing with the one I love
But my mind holds the key

You’re standing next to me
My mind holds the key

Set my spirit free
Set my spirit free
Set my body free

(“My Body is a cage” ; Arcade Fire)

Weil das Problem ist das Danach. Nein, nicht ganz. Das wahre Problem ist die Angst vor dem Danach. Vor der Zeit, die man wieder mit möglichst wenig Bewegung verbringt. Weil schon der Augenblick, in dem der erste Zeh den Boden berührt, Schmerz von dort bis direkt unter die Kopfhaut schickt. Als wäre man mit dem Bein in eine Bärenfalle getappt und würde mit sie mit jedem Schritt weiter ins Fleisch treiben.

Dazu die steifen Sehnen. Das Hinken. Der ganze Bewegungsapparat, der nach kurzer Zeit stellvertretend mitschmerzt, pocht.
Davor habe ich Angst. Und darum kalkuliere ich.

Kann ich es mir erlauben diesen oder jenen Schritt nach draußen zu tun? Ist es das wert? Will ich etwas unbedingt sehen, erleben und habe ich ein Sicherheitsnetz, wenn der Fuß schon früher versagt?

Der Fuß. Mein Fuß. Mein dummer, unfähiger rechter Fuß.

Wußten sie welcher der Peroneus-Nerv ist? Der Nervus peroneus profundus um präzise zu sein? Das wissen tatsächlich nur sehr wenige Menschen. Warum auch, der ist nur interessant wenn er nicht funktioniert. Sie merken, worauf ich hinaus will1?

Wenn Frank Ribery den Ball auf seinem Vorfuß balanciert und zwar so, dass die beiden letzten Zehen quasi einen Rand bilden der den Ball dort hält, dann sehen sie sehr gut, wofür man besagten Nerv braucht.
Nun kommt man im Allgemeinen durchaus durchs Leben, ohne einen Fußball auf dem Vorfuß zu balancieren. Aber es gibt natürlich gute und schlechte Tage. Phasen. Schmerzen, manchmal ohne Grund.

Dann verwandle ich mich in eine grimmige, vom Leben verwundete, alte Frau, die unbedingt alle Menschen aus ihrem Leben vertreiben will, damit keiner kommt und irgendwas von mir will. Damit keiner will, dass ich irgendwohin komme. Weil ich dann kalkuliere, Angst habe. Und darüber werde ich traurig, depressiv.

Momentan ist eine schlechte Phase.
Momentan stehe ich schon bei der kleinsten Unwegbarkeit vor einem mittleren Nervenzusammenbruch. Dann werde ich ein wenig sprachlos. (Ich! Sprachlos!) Wie soll man es den Menschen, die einen nicht kennen auch erklären ?(Hallo Internet! )

Ich habe so viele Jahre damit verbracht zäh und widerstandsfähig zu werden, nicht um Hilfe zu bitten oder wegen der Schmerzen zu schreien, dass ich jetzt lieber einfach Nein sage, anstatt zu erklären. Was dämlich ist, ich weiß. Aber, wenn jemand mit einem Problem wie meinem, einer quasi unsichtbaren Behinderung (und eigentlich ist das ein komplett übertriebener Begriff dafür) geschlagen ist, macht man so seine Erfahrungen.

Man steht das ein oder andere Mal im Leben außen vor, während die Anderen weiter ziehen. Lachen. Einen Weg in Kauf nehmen. Man selbst steht vor der Wahl den Weg entweder anders zu bewältigen, nach Hause zu gehen oder die Zähne zusammen zu beißen, um den Tag danach mit der Bandage und Eisbeuteln zu verbringen.
Egal wofür man sich entscheidet, es tut weh.

Früher war das weniger ein Problem für mich, ich war schließlich glücklicher Eremit.

Wenn es dann, was selten war, etwas gab, dass es Wert war, das sein musste – dann ging das irgendwie. Ein langer Einkaufsbummel im Monat. Ein Konzert im Vierteljahr. Alles abhängig von einer filigranen Zusammensetzung aus Tagesform, dem Wetter (!), den begleitenden Menschen, eventuell beigefügtem Alkohol und dem zu erwartenden Endorphinaustoß.

Deswegen waren Konzerte immer gut. Konzerte halte ich durch, irgendwie. Ich hüpfe2 ein wenig, kann noch aus der Halle schlendern. Nach Hause schaffe ich es irgendwie. Dann wird der Fuß schon mal bandagiert, bevor ich schlafen gehe. Am nächsten Morgen erinnere ich mich dann krampfhaft daran, wie großartig der Abend war. Dass es den Schmerz Wert ist.

Darum, liebe Menschen die mit mir in Zukunft interagieren wollen, seit mir nicht böse, es liegt nicht an euch. It’s not you, it’s me. Bin ich nebenbei eine depressive Sozialphobikerin? Ja, schon. Aber diese Angst, die in meinem Kopf, die kann ich überwinden, das tu ich gerne. Nur die Angst vor den Schmerzen, mit der kämpfe ich jeden Tag.

“Dann sag halt einfach, wenn es nicht mehr geht!”. Tja, wenn das so einfach wäre.
Man will schließlich nicht der Spielverderber sein. Also zuckt man mit den Schultern und verabschiedet sich, bevor man erklärt, dass man das nächste angestrebte Ziel nicht mehr erreichen kann.

Auf der Exkursion in Kapstadt war ich nach einem langen Tag die erste, die zurück ins Hotel wollte. Also begann ich mich im Pub von den anderen zu verabschieden. Der wissenschaftliche Mitarbeiter (der bei den Meetings dank fehlender Englisch-Kenntnisse den Mund nicht aufbekam) meinte daraufhin “Höhö, in deinem Alter hab ich aber länger durchgehalten!”
In meinem Kopf tat es eine kleine Explosion. Ach ja? Hattest du in deinem Alter auch zwei Achilessehnenverlängerungen, eine Gelenkkapselöffnung, 5 frisch gestreckte Zehen und einen Titannagel als Rest einer Beinverlängerung hinter dir, IDIOT?
Ich habe mit den Schultern gezuckt. Ein “Tja” gemurmelt und bin weg.

So oder ähnlich ist es oft. Nicht immer. Ehrlich, ich habe so oft auch Verständnis und Zuwendung erfahren, dass es diesen Personen gegenüber allein schon unverschämt ist, nicht mehr Vertrauen in die Menschheit zu haben. Aber…nun ja. I’m not the type of girl to rely on the kindness of strangers.

Die Sammlung der Erfahrungen aus dieser kleinen, kaum ernsthaften Behinderung heraus, haben mich geprägt. Dr. House, anyone? Schmerzen, der Gedanke daran, das beeinflusst die Persönlichkeit. Von Anfang an.

Es gibt eine Geschichte, die meine Mutter gern erzählt. Darüber, wie ich mich mit einer Kindergärtnerin angelegt habe. Erst vor kurzem hab ich sie gefragt, was eigentlich passiert war.

Ihr habt einen Waldspaziergang gemacht und du warst eben nicht ganz so schnell. Du hattest dein eigenes Tempo, das war auch vernünftig. Weil die dumme Kuh aber nicht auf dich warten wollte, hat sie dir gesagt du sollst schneller gehen. Und sie hat dir auf die Finger gepatscht.
Und du hast ihre Hand genommen und zurück gepatscht.
Sie hat mich dann angerufen und wollte darüber reden, dass das so nicht geht. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich bei dir entschuldigen muss – sonst würde ich beim Elternabend über ihren Umgang mit beeinträchtigten Kindern reden, laut.
Und dir hab ich gesagt, dass du dir nie etwas gefallen lassen darfst, nur weil du nicht so schnell bist wie der Rest.

Ich bin kein fragiles Geschöpf. Dafür sind meine Oberschenkel auch zu nilpferdartig. Man sieht mir auch Schmerzen erst an, wenn es wirklich übel ist. 3Ich gehe keinem Streit aus dem Weg, ich halte was aus.
Ich gehe gar nicht immer mit Absicht auf Abstand. Ich bin nur ein wenig hinterher.
Ich habe eben mein eigenes Tempo.

  1. Wobei ich nicht ohne Stolz anmerken darf, dass meine Sorte Fall sich nicht in der Wikipedia wieder findet. Zu speziell. Weil, seit Geburt. Daher unerklärlich. Ein Rätsel der Medizin. Ist manchmal auch unterhaltsam. Also, wenn man sich die Mandeln rausnehmen lässt und morgens aufwacht, weil der Oberarzt nach dem faszinierenden Unterschenkel greift, um ihn gegen halb sieben Uhr in der Früh ALLEN Assistenzärzten zu zeigen, zum Beispiel. Das ist , im Nachhinein, lustig.
  2. Okay, seien wir ehrlich – ich wippe mehr so. Ich kann nicht hüpfen. Nicht springen. Nicht rennen. Nicht tanzen. Dafür bin mich gar nicht so übel im beobachten und dabei lästern. There’s always an upside.
  3. Auf Nachfragen wie “Geht’s noch? Hast du Schmerzen?” antworte ich blöder Profi dann gerne mit “Ist gleich vorbei. Halb so schlimm.” oder, der Klassiker “Jetzt noch, aber nicht mehr lang” (da ist es dann längst zu spät). Sollte mir für diese Gelegenheiten einen Klapp-Gehstock besorgen.