reality bites

Ich mag keine Fotos von mir, mochte ich noch nie. Dabei hasse ich mich und meinen Körper längst nicht mehr so, wie das früher der Fall war. Mit meinen Haaren habe ich mich arrangiert, das krumme Lächeln, naja. Es ist alles nicht so schlimm.

Zumindest bis ich ein Bild von mir sehe, selbst, wenn es mich mit guter Laune, aufgeputzt und in toller Gesellschaft zeigt. Ich glaube, das Problem ist, dass ich mich nicht wiedererkenne. Diese erschreckend bleiche, noch ausufernde, matronenhafte Gestalt, die komplett undynamisch und altbacken wirkt. Wer ist diese Frau? Ich finde sie nicht hässlich oder komplett unsympathisch, aber ich komme nicht damit zurecht, dass sie es ist, die andere sehen, wenn sie es mit mir zu tun haben. Weil jedesmal, wenn ich sie sehe, frage ich mich, ob dieser Wahrnehmungsfehler auch für meine Persönlichkeit gilt.

Womöglich bin ich noch viel lauter und unangenehmer, tollpatschiger und verurteilender in meiner Mimik als mir klar ist. Vielleicht habe ich kaum Kontrolle darüber was von mir registriert wird.

Ich denke gerade viel über Wahrnehmung nach. Was das bedeutet, echt zu sein oder real. Bei der letzten Gelegenheit bei der Fotos von mir gemacht wurden (und sie sind gut geworden, aber das bin halt nicht ich auf den Bildern), traf ich einige von diesen Menschen “aus dem Internet” zum ersten Mal. Sie waren im Grunde alle so, wie ich es mir vorgestellt hatte – nur besser. Interessanter, lebendiger, noch klüger. Bei keinem von ihnen hatte ich den Eindruck, dass die online dargestellte Persona – und die ist immer nur ein Ausschnitt – nicht zur tatsächlichen Person passte. Selbst in dem einen Fall der Person, die dann doch noch überraschend und von weit her gekommen war, um dabei zu sein. Charmant, eloquent und zur großen Erleichterung auch sehr fröhlich. Es war ein schöner Abend.

Seit einiger Zeit ist mir klar, dass die wirklich furchtbar verzerrenden Dinge im Internet nicht nur die retuschierten Selfies und die Fokussierung auf Highlights (Urlaub, Feiern, berufliche Erfolge. Also außerhalb von Twitter) sind, sondern, dass eine gefühlte Distanzverringerung zustande kommt, die jedes Ereignis und jede Person näher erscheinen lassen als sie sind.

Das kann sehr gut sein, weil man überraschend auf verwandte Seelen trifft oder Verbindungen knüpft, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie möglich wären. Weil man von unterschiedlichen Leben liest und mit etwas Glück realisiert, dass es mehr als einen Standardweg zur Zufriedenheit gibt. Darum war ich immer anfällig für Geschichten, die nicht in den coolen Städten mit schönen Menschen spielen. Die langsamer und auf Umwegen funktionieren. Man fühlt sich dann als Teil eines Netzwerks der Sonderlinge. Das hilft, wenn Tage sehr grau werden.

Eine Woche nach dem schönen Abend saß ich schon wieder mit Menschen aus dem Internet zusammen, dieses Mal im hohen Norden, bei sehr guten Gesprächen und leckerem Essen. An dem Abend erschien plötzlich ein Artikel über die charmante, eloquente Person mit der ich vor einer Woche noch Scherze zum Thema bayerisches Balzverhalten gemacht hatte.

Der Boden unter mir fing an sehr zu wackeln. Die Person war echt, ich hatte sie ja gesehen und der Ton war so gar derselbe, aber offensichtlich der Inhalt nicht. Und ohne in das ganze Tohuwabohu einzusteigen, dafür bin ich auch gar nicht belesen genug, ich musste an meine Anfangszeit im Internet denken. An junge Mädchen oder zumindest die, die sich als solche Ausgaben und ihre intimsten Geheimnisse teilten. Die Ängste und Träume besprachen und Freundschaften knüpften, um hier und da die Erfahrung zu machen, dass Dinge nicht so sind wie sie scheinen.

Ich habe damals bestimmt auch nicht über alles die Wahrheit gesagt. Wobei ich nicht einmal sagen könnte, ob das immer ganz bewusst oder mit Absicht war. Man wollte ja dazugehören. Wenigstens im Internet. Weil da draußen, in der Realität, wurde ich eh schon als jemand wahrgenommen mit dem man nichts zu tun haben wollte.

An dem Abend, mit zwei der tollsten Frauen, die ich durch dieses Internet kennenlernen durfte, dachte ich darüber nach wie unvorsichtig ich geworden bin. Durch Therapien und Diagnosen, durch Freundschaften und Feste war ich an einen Punkt gekommen, wo ich manchmal aufhören kann darüber nachzudenken wie ich gesehen werde und umgekehrt tatsächlich Menschen so nehme wie sie sind.

Sei nicht immer so misstrauisch, Bella. Menschen werden dich überraschen, Bella. Nein, es wird kaum jemand die Flucht ergreifen, wenn sie merken, dass du auch Gefühle und Bedürfnisse hast, Bella.

Da war der Chor aus Therapeuten und Begleitern, der in meinem Kopf dröhnte und versuchte die Dämonen in Schach zu halten, die in diesen Tagen an frisches Futter gekommen waren. Sie zählten auf, wovon ich mich hatte täuschen lassen und wie weit ich mich herausgewagt hatte.

In einem dunklen Moment direkt an jemanden wenden und meinen du wärst auch nur 3 Minuten Aufmerksamkeit wert? Wie dämlich von dir. Einfach so glauben was jemand ins Internet schreibt? Gott, du naives Ding. Denken, es gäbe Menschen, die dich wirklich um sich haben wollen, selbst wenn du nicht nur lustig und unkompliziert bist? Dumme, dumme Bella.

Im Nachhinein muss ich sehr dankbar sein, dass an dem Abend zwei fantastische Personen in meiner Nähe waren, die nicht mit den Augen rollten, als ich zum xten Mal mein Unverständnis über ausbleibende Erklärungen zum Thema machte, weil es einfacher war eine einzelne Sache zu Tode zu analysieren als sich den Dämonen zu stellen. (Wobei da Zusammenhänge bestehen.)

Trotzdem schlief ich mit einem Knoten im Magen.

Zwischen mir und der Welt ist diese hauchdünne Glasscheibe. Ich kann hören und sehen was alle tun, aber auf meiner Seite ist es ein paar entscheidende Grad kälter und die Zeit vergeht anders, darum verstehe ich vieles nicht. Ich bin schwer von Begriff was das Verhalten von Menschen angeht. Am Meisten helfen mir Erklärungen. Präzise und notfalls brutal.

Vielleicht komme ich darum so gut mit Norddeutschen aus. Weil am Tag danach fanden sich abends noch mehr Menschen aus dem Internet zusammen und einen hatte ich so sehr noch nie gesehen, dass ich hier und da seine Existenz anzweifelte. Aber schon wieder stellte sich heraus, dass da jemand exakt so wie im Internet war, nur noch sympathischer und, äh, größer.

Es ist kompliziert und ich realisiere erst jetzt, dass genau diese Dinge mich mehr Kraft kosten als “normale” Menschen. Darum kommt mir das ganz ordinäre Leben oft schon sehr anstrengend vor.

Einer der Gründe warum ich das Netz und die Menschen darin immer ein bisschen weniger anstrengend fand, war, dass ich mich seltener fragen musste wie ehrlich ihre Reaktionen waren. Weil selbst wenn viele hier waghalsige, kaum wahrhaftige Geschichten erzählen, die Reaktionen darauf und damit auf den Erzähler erschienen mir immer angenehm direkt, echt. Hier musste ich mich weniger damit rumschlagen, ob ich nur toleriert oder tatsächlich akzeptiert werde, weil niemand “gezwungen” wird, sich mit mir auseinander zu setzen.

Mit der Zeit hat es dazu geführt, dass ich bei Menschen, die ich online kannte, ihre dortige Reaktion aufs “echte” Leben übertrug. Wobei sich die Belastbarkeit dieser These als… inkonsistent erwiesen hat. Manche sind noch besser als man denkt, manche sagen sie sind da und meinen es auch so. Andere haben online nur wegen des Applaus reagiert und wollen ansonsten bitte nicht belästigt werden. Und manchmal sind sie charmant, eloquent und das ist das einzig Wahre an ihnen.

Momentan kreisen meine Gedanken darum, ob uns allen klar ist, welche Macht auch kleine Reaktionen haben. Die besternten Tweets, die geteilten Blogposts, der Geburtstagswunsch, die Beileidsbekundung. Jetzt, wo ich weiß, dass ich nicht gut unterscheiden kann was davon wie gemeint ist, wie groß die Distanz zu meiner Glasscheibe tatsächlich ist, merke ich noch mehr wie das alles in mir arbeitet.

Vielleicht, wenn ich darin besser wäre, würde ich online auch eine andere Version von mir präsentieren. Souveräner, weniger irritiert, weniger lautmalerisch. All die Dinge, die ich im echten Leben lange versucht habe, weil ich dachte, wenn man mich tolerieren kann, werden sie mich irgendwann akzeptieren. Womöglich, wenn es eine größere Distanz zwischen mir und meiner digitalen Person gäbe, könnte ich die anderen besser verstehen und wäre weniger auf die Schnauze geflogen.

So, wie ich gerne schmäler und unauffälliger und angenehmer auf Fotos wirken möchte, wollen andere wohl gern aufregender und cooler und empathischer sein. Auch wenn ich das Ziel dahinter oft nicht verstehe, ich schätze, ich weiß wie ungefährlich es wirkt sich im großen weiten Netz ein bisschen zu verstellen.

Weil der Kreislauf aus Aufdecken, Empören und mit großem Abstand neu Bewerten ist das eine, der Schmerz über den wir nicht reden, weil er ein bisschen zu peinlich, einen Hauch zu nah ist, das andere. Naja, oder es kratzt einfach nur an mir so stark, weil ich das Misstrauen und die Angst vor der Reaktion anderer Menschen auf mich nie mit ins Netz tragen wollte.

Die Internetmenschen haben geholfen mich stark genug zu mache, um die echte Welt auszuhalten. Dabei hab ich wohl übersehen, dass die Menschen im Internet woanders auch nur die aus dem realen Leben sind.

22