XXXVII – WWTID

(*WhatWouldTheInternetDo)

7 bis 37, dieses Mal also mit Vorlauf. Vor 10 Jahren habe ich das Internet anlässlich meines Geburtstags mal um Ratschläge gebeten. Um Perspektive und Erfahrungen, um Gelerntes und Erlebtes. Damals bekam ich viele Antworten, großzügige und kluge, alberne und pragmatische Hinweise auf vielen Kanälen.

Viel ist in der Zwischenzeit passiert. Unter anderem ist mir die Blog-Datenbank einmal abgeraucht und das Backup der Kommentare ist so groß, dass ich es nie geschafft habe, sie wieder einzuspielen. Ich bin, wenn man es wörtlich nehmen bin, ratlos. So kann man seine dreißiger natürlich nicht zu Ende spielen und womöglich gewappnet in die 40 starten, wo soll das denn enden?

Ein bisschen bin ich auch eine andere als vor einer Dekade. Auf eine Art wieder die, die ich ganz ursprünglich mal war. Eher radikal und kompromisslos, eher laut und zu direkt als gezähmt und zivilisiert.

Etliches ausprobiert, meist gescheitert, immer gelernt. Gelernt vor allem zu Fragen, die, die es besser wissen könnten, es vielleicht schon erlebt haben oder einfach klüger sind als ich. Auch gelernt, um Hilfe zu bitten, wo es geht, wo ich überhaupt verstehe, dass ich Hilfe brauche. Wusste ich vor 10 Jahren ja auch nicht, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr lernen werde, weil mein Hirn in seiner Basis-Konfiguration schon so anders ist, dass Manches sich mir nicht erschließt. Es gab mal eine Studie, da hat man verblüfft herausgefunden, dass autistische Menschen sowohl allein als auch unter Beobachtung ihre eigene Moral und Ethik gleich anwenden. Weil etwas richtig oder gerecht ist, unabhängig davon, ob man dafür beurteilt wird. Neurotypische Menschen waren in der Studie aber anders und haben sich signifikant besser verhalten, wenn sie unter Beobachtung standen. Das Fazit von der Studie war, dass neurodiverse Menschen offensichtlich Schwierigkeiten haben, ihre Vorstellungen an die restliche Gesellschaft anzpassen, weil sie immer versuchen ihre Version von richtigem Verhalten durchzusetzen.

Daran muss ich oft denken. Meine Windmühlen sind immer noch da. Ich erkenne sie jetzt oft als solche und verstehe, warum ich allein darauf zureite, weil der Rest klug genug ist, es zu lassen – aber darum nichts tun kann ich halt auch nicht.

Darum vielleicht eines vorneweg: Mir zu raten vernünftiger oder strategisch klüger zu werden, das ist womöglich nett gemeint, aber eher nutzlos. Aber alles, was mehr Freude bringt, mehr Freiheit schafft, mehr Einklang mit sich selbst – dafür wäre ich wirklich dankbar.

Apropos Dankbar: Die letzten 10 Jahre, mit allen Abenteuern, Diagnosen, Verlusten, Pandemien und anderen Unwegbarkeiten wäre ohne euch verpeiltes Internet-Volk niemals so gut aushaltbar gewesen.

So here’s to you, fellow crazies. Und jetzt lasst ihr mir bitte ein Sprüchlein fürs Poesiealbum da. (Oder das beste Kuchenrezept, den wichtigsten Cocktail oder das Buch, das ich unbedingt noch lesen muss.)

Links Papa Donnerhall, Rechts Bella

I am (not) my hair

Ja, ich weiß, dass hier mittlerweile zentimeterhoch der Staub liegt, da hängen überall Spinnweben und gelüftet müsste auch mal werden. *hilfloses Gestikulieren*

Neulich fand ich mich in einem Gespräch wieder, wo darüber sinniert wurde, welche seltsamen Dinge wir von Eltern und Ahnen erben. Gesten, Formulierungen, komplette Gesichtstopographien.

Dass ich mich nach und nach in meine Großmutter bzw. eine Kopie von meinem Vater verwandle, ist indes nicht überraschend, weil ich seit Tag 1 nichts anderes war. Während das Krankenhauspersonal nach meiner Geburt bei meiner Mutter immer erstmal nach dem passenden Kind fragen musste, wurde mein Vater ohne weiteres Wort zu mir geführt, weil der großgewachsene Mann mit den dunklen Locken, blauen Augen und schmaler Oberlippe jawohl nur zu dem quasi identischen Mini-Geschöpf gehören konnte.

Wie der Direktvergleich sehr schön zeigt:

Links Papa Donnerhall, Rechts Bella

Die dunklen Locken muss man wissen, im familiären Genpool heiß begehrt, haben sich in meiner Generation extrem rar gemacht. Während sowohl mein Vater als auch seine beiden Geschwister als bajuwarisch “ruassig” bezeichnet wurden, teilen sich nur meine Schwester und ich die dunkleren Pigmente – sie Haut, ich Haare.

Hier jetzt bitte irgendeinen klugen Satz zu Wurzeln, Haarwurzeln oder Verwurzelung und der dazugehörigen Metapher denken. Es hat 400 Grad da draußen, also bitte.

Wie das so ist, die, mir tut das jetzt auch weh, Mähne, wurde zum Markenzeichen. Ich war “die mit den Haaren”. Erst hauptsächlich qua Volumen und Farbe, weil mir niemand beigebracht hat, was man mit Locken tut. (Praise be Black-Hair-Instagram, all Coconut-Oil, Silk-Pillowcases and Diffuser-Routines!) Außerdem fühlen sich alle wohler, wenn sie bei der Beschreibung auf Haare ausweichen können, anstatt Körperumfang oder unrunden Gang zu erwähnen. Und während ich mich nicht als außergewöhnlich eitel bezeichnen würde, wurden meine Haare die eine Sache, die ich unumwunden an mir mögen konnte. Natürlich erst nachdem ich jahrelang die Jennifer-Aniston-Frisur haben wollte. Die 90er haben niemandem gutgetan. Außerdem, abgesehen von horrendem Verbrauch von Conditioner, waren sie unkompliziert. Ich gehe zum Friseur, falls mir danach ist. Zum Spitzenschneiden. Haarschnitt, what’s a Haarschnitt?

Jedenfalls: Haare sind wichtig, aber wem sag ich das.

Das hier schreibt schließlich auch die Begründerin der Montagslocken. Der letzte Post dazu, soweit ich ihn finde, vom 6. Juli 2020.

https://www.instagram.com/p/CCSdDSVsTeG/

Man muss das alles wissen, um sich grob vorstellen zu können, wie sich der Herbst 2020 angefühlt hat. Sie wissen schon, nach der Sache. Man lernt in Sachen Humor des eigenen Kadavers schließlich nie aus und meiner fand es lustig, sich infolge der quasi Vergiftung durch etwas zu viel Cortison des Haupthaares zu entledigen.

Yes, you read that right, sie sind ausgefallen. Büschelweise. Bürsten, Hände, Badewannen voller langer, dunkler Lockenstränge und meine Tränen hinterher. Zuerst wollte ich es gar nicht begreifen, dachte das wäre nur ein bisschen mehr als sonst. Aber innerhalb eines Monats hatte ich einen soliden, unfreiwilligen Undercut und nur noch dünne Strähnen am Oberkopf.

Nach wochenlanger Krankheit, grade so wieder selbständig unterwegs und auf dem Weg zurück ins Leben ist einfach mal ein Teil der Identität futsch. Wann es aufhören würde, ob sie wiederkämen – es war alles nicht klar. Meine Hausärztin, ohnehin schon in mehrfacher Hinsicht am Rande ihrer Kapazitäten bei mir, verschrieb erstmal diverse Sanierungsmaßnahmen. Und eine Perücke.

Glauben Sie mir, im Winter 2020 war niemand so dankbar über verpixelte Webcams und pandemiebedingtes Homeoffice wie ich.

Ich hatte nie vor, sie länger zu tragen oder wollte mich mit dem Gedanken nicht anfreunden, entsprechend sollte es “irgendwas in dunkel und länger” werden, was Herausforderung genug war. (Perückenindustrie, schwierig. Aber da kennen sich andere besser aus.) Der Gedanke daran, es als Option für einen neuen Look, etwas ganz anderes zu sehen, kam mir erst mal gar nicht. Zu verstört, entwurzelt war ich. Wer bin ich und wenn ja welche Frisur? Ich dachte an all die Frauen, die Farbe und Länge wild wechseln, die sich den Kopf rasieren oder gleich alles unter ein Tuch packen. An Krebspatientinnen, die nicht nur ihre Haare am Kopf verlieren, während sie um ihr Leben kämpfen. Kein Jahr vorher, war genau das meiner Mutter passiert, hatte meine Schwester zum Rasierer gegriffen und mit ihr eine Perücke ausgesucht. Es erschien von außen nicht so dramatisch, zumindest im Kontext. Es waren bloß Haare, die sie eh immer kurz geschnitten hatte. Wichtig war die Therapie, war die Gesundung, Haare kämen wieder. (Karma? That you?)

Ich kam mir gleichzeitig lächerlich und verletzt vor, als wäre mir eine große Ungerechtigkeit widerfahren, die für mich nochmal schlimmer war als für andere, weil meine Haare doch mehr waren als nur tote Hornzellen.

Bei jedem Waschgang des traurigen Rests wurde nachgezählt, wie viele sich wieder verabschiedet hatten. So viele Tränen. Parallel saß ich zur Nachsorge der ganzen Angelegenheit immer noch mindestens wöchentlich bei irgendeinem Arzt, einer von denen sagt irgendwann “Regain”, ein Mittel das mal für Herzpatienten entwickelt worden war, sich aber als Haarwuchskatalysator entpuppte (Science!). Zweimal am Tag sprühte ich also brav überall die klebrig-ätzende Flüssigkeit quasi den ganzen Kopf entlang. Ein Dutzend von den Fläschchen musste ich bis Ende des Jahres verbraucht haben. Ständig fuhr ich mit den Fingerspitzen auf meiner Kopfhaut umher, wartend, dass die ersten Stoppeln zurückkommen mögen.

Die übrigen Strähnen schnitt ich langsam kürzer, bis sie nur noch auf die Schulter fielen. Als würde Pandemie, gesundheitliches Chaos und Weltlage nicht reichen, dachte ich also darüber nach, wer ich bin, wenn nicht Haare. Wenn nicht all das, was man damit verbindet. Lange Locken, feminines Bat-Signal, bei gleichzeitiger Ungezähmtheit. Krone, Stilmittel, Beschäftigung für Hände beim Denken.

Könnte ich jemand anderes sein? Vielleicht ein kurzer Wuschelkopf, eine quirrlige (puh), unkonventionelle Person, die hellgrüne Dinge im Schrank hat? Eher in der French-Bob-sophisticated-blasiertheit Variante? Oder für immer hochgesteckt, nach hinten gestriegelt, streng und professionell? Warum zur Hölle habe ich solche Assoziationen im Kopf und kann daran bitte auch das Patriarchat Schuld sein?

Die Perücken-Phase dauerte gut ein Vierteljahr und die Akwardness der “hast du was mit deinen Haaren gemacht” Kommentare macht mir jetzt noch Gänsehaut. Wobei die vor allem von Männern kamen und ich mich seitdem sehr ernsthaft frage, ob sie womöglich etwas leicht zu täuschen sind. Weil ich bin absolut dilettantisch in solchen Dingen und das Ding saß zwar ordentlich, aber meine Güte, nicht so gut? (Ich denke nicht, dass es ein derart durchdachter Move war, wo Mann es als Perücke registriert hat und dann erst recht etwas Nettes sagen wollte. Komplimente als sozialer Schachzug sind dann doch eher selten und tendenziell ein weibliches Werkzeug. Den Aufsatz, dass ich damit weibliche Sozialisierung meine und nicht Genetik oder Biologie, den kann ich mir sparen, okay?)

Es wurde 2021 und langsam, ganz langsam, natürlich zu langsam, kamen die Kringel zurück. Erstmal weiterhin irgendwie zusammengebunden, weggesteckt, weil einzelne fliegende Löckchen nur in Sofia Coppola Filmen gut aussehen.

Im Juli 2021 gab es dann die große Nervenprobe für mich. Ein Fest stand an, eins wo man sich zurechtmacht und aufhübscht und über Kleid, Schuhe und Lippenstift nachdenkt. Wo ich normalerweise die Locken mit dem Föhn bearbeite und dann keck mit einer Blume oder einer glitzernden Spange ein bisschen zurechtrücke. Aber noch waren da nur ein paar Zentimeter Gewuschel auf dem Kopf. Es war am Ende eine Versöhnung. Mit dem, was da war, mit dem, was kam, auch mit den Wurzeln – sehe ich mit Dutt doch endgültig aus wie eine leicht jüngere Version meiner Großmutter.

Hochsteckfrisur von Hinten, Locken, gehalten von einem blumengeschmückten Kamm

Es sind jetzt knapp zwei Jahre, seit ich mich etwas orientierungslos im Krankenhaus wiederfand, ein bisschen weniger als zwei, seit mein Körper sich der Zellen entledigt hat, die vielleicht zu viel Erinnerung daran enthielten.

Über allem lag Pandemie und Pandämonium, Stille, Distanz und für fast jeden von uns wenigstens eine Gelegenheit zum Neuerfinden, Wiederentdecken, Zeigen wer man ist. Manchmal frage ich mich, ob die Zeit ohne Montagslocken, ohne viele persönliche Treffen, mit ausreichend Raum zum Sinnieren sogar die einzig mögliche Option war, um mich damit auseinanderzusetzen, warum ich so an meinen Haaren hänge. Vielleicht war es auch mein Weg, Empathie mit denen zu entwickeln, für die die Veränderung zu viel war. Die Angst davor hatten nicht mehr genug gesehen zu werden oder, dass sich ihr Aussehen verändern könnte, weil das Fitnessstudio zu hat.

Es ist mehr als Darstellungsdrang, wenn wir unsere physische Erscheinung mit dem eigenen Charakter oder einer aktuellen Gefühlslage in Einklang bringen wollen. Es ist ausgeprägter denn je zuvor, keine Frage, people do it for the ‘gram, for the likes.

Von den immer noch nachwachsenden Haaren sind erschütternd viele Weiß. Ich hadere damit, weil mich quasi gerade erst gefunden habe und zupfe diese oft noch robusteren, sich genauso kringelnden Exemplare aus. Soviel zum neuen Selbstbewusstsein und der Unabhängigkeit von der Frisur. Nur, solange ich so tun darf als ob ich jung wäre, ähem.

Vor ein paar Wochen, als ich die ersten Montagslocken seit, you know, everything, gepostet habe, starrte ich die ganze Zeit auf die längeren dünnen Strähnen und wie unperfekt sie sind, wie offensichtlich. Aber sie sind jetzt eben auch Teil der Geschichte. Wie meine Narben, meine Kratzer und Flecken. Lädiert, aber brauchbar.

Aus den alten Wurzeln sind neue Haare gewachsen, mindestens so stark wie die davor. (Metapher bitte auch wieder selber denken.) Vor kurzem war es erstmal so heiß und meine Haare wieder so lang, dass ich sie nach oben stecken musste, um aus meinem Nacken keinen Wärmespeicher zu machen. Zum ersten Mal verstand ich, warum manche Menschen sich für einen “praktischen” Haarschnitt entscheiden. Die haben sich einfach eher unabhängig gemacht, sind vielleicht einen Schritt voraus.

Ein Teil von mir würde, gäbe es ein nächstes Mal, zur blonden Pixie-Perücke greifen, glaube ich, hoffe ich. Haare sind wichtig, aber vielleicht auch, weil sie sich ändern können. Manche kommen zurück wie sie waren, oder werden anders oder sie bleiben einfach weg.

Ich bin nicht meine Haare, aber meine Haare werden ab jetzt immer nach mir aussehen.

Kein Jahresrückblick

  1. Die Intention ist abhanden gekommen. Reines überleben, die große Müdigkeit. Ein bisschen als wäre bei mir die Welle mit Verspätung angekommen. Which is on brand. Während der Rest sich in einer Art Doomsday-Routine findet, zieht das Jahresende eine dunkle Decke über mich. Aber vielleicht sollte ich einfach mal wieder ordentlich ausschlafen.
  2. Die Bubble hat einen Shift durchlaufen. Weniger schmerzbehaftet, mehr Champagner. Letztes Jahr mit der großen Sense durch die Online-Bubble gelaufen, um die schmerzenden Extremitäten abzutrennen und dieses Jahr den gewonnenen Platz mit neuen und vereinzelt einfach auch intensiveren Verbindungen gefüllt. Gut, richtig. Prinzipien haben tut weh, kann aber ein Gewinn sein.
  3. Gesundheit, ganz generell. Nicht nur im eigentlichen und verwandten Sinne, sondern auch als Thema. Wir reden jetzt über alternde Eltern, über unsere Verwundbarkeiten. Dein Impf-Status ist jetzt einfach ein Ding und ja Datenschutz dies und Privatsphäre jenes, es ist das erste Mal, dass ich so etwas im Sinne der öffentlichen Sicherheit begrüße. Ich brauch nicht überall Kameras und staatliche Überwachung, aber ich muss dir trauen können, dass du auf deine und meine Gesundheit achtest.
  4. Immer schon “trotzdem”. Als Mensch der mit Schmerzen, Krankheit und Neurodiversität lebt und diese Hürden immer schon hatte, der faszinierende Blick auf eine “gesunde” Gesellschaft, die von Corona zermürbt wird. Where’s your productivity now? Wie okay es plötzlich ist, Dinge nicht zu schaffen, niemanden sehen zu wollen. Hey es ist Pandemie, du musst nicht funktionieren. Und wir von der Abteilung chronisch Angedingst so: “Ach wirklich?” Ich bin gespannt wie lang die Empathie bleibt, ob das mit den unsichtbaren Leiden in Zukunft weniger Rechtfertigung braucht.
  5. The big surprise. Kleine Gedanken, wilde Geschenke und absurde Überraschungsgäste – als wäre ich plötzlich Teil der Menschheit. Die große Dankbarkeit. Hier, ein Dings, ich hab an dich gedacht. Würde gern erklären können, was das bedeutet, wenn man als Kind nie auf die Geburtstagsparty eingeladen war, wenn überhaupt jahrzehntelang niemand einfach so mal eben was für einen getan hat, weil man ja eh immer Aufwand verursacht hat, nicht noch mehr stören wollte. Ein bisschen als würde jemand das eigene Mürbteigherz aus dem Kühlschrank holen und langsam wieder weich kneten.
  6. Große Themen. Alle sind jetzt Experten für alles. Viren, Supply Chain, Wahlen und Schiffe im Suez-Canal. Aber hey, es ist mehr Science Fuck yeah und weniger FußballerfrauenHabenPodcasts.
  7. Kleine Themen. Der enge Kreis, die Sorge um Familie. Das plötzliche Froh-Sein nicht dem Ruf in die weite Welt hinaus gefolgt zu sein. Aber dadurch auch die steigende Wut, die Sorge um Menschen in Krankenhäusern, die man nicht besuchen kann. Unverständnis, dass es noch so viel Unvernunft gibt und dass der Unvernunft aber auch so viel Raum gegeben wird.
  8. Dafür Flucht in die Fiction. Netflix leergeguckt, über 40 Bücher gelesen und gehört, wie Extra-Luft zum Atmen. Viel Schrott dabei, aber auch Dinge, die hängenbleiben. Sich selbst durch Geschichten einordnen. Also das, womit ich vor 25 Jahren angefangen habe und was immer noch geholfen hat alles zu überstehen.
  9. Lernerei. Über 20 Tage Fortbildung dieses Jahr, dazu nochmal knapp 3 Wochen intensives lernen, für eine dann doch fast schon unspektakuläre Prüfung, aber halt auch mal so ein Zertifikats-Papperl, das in Zukunft nützlich sein könnte. Ich red mir immer ein keine Ambitionen zu haben, aber wehe wenn andere mir das unterstellen. Siehe auch die letzten Job-Wochen. Wo auch noch der eine Mensch, dem man das mit der Komplexität zu Diversität und Uncounsious Bias nicht erklären musste, geht und zurück bleibt man Frau mit weißen Jungs Vorgesetzten, die sagen “ich schau da gar nicht drauf, welches Geschlecht jemand hat.” (Hier schon mal ein Eselsohr machen, worüber ich mich nächstes Jahr intensiver aufregen werde.) Mit dem weiterziehenden Kollegen gleich noch alte und neue Wunden aufgerissen. Ich kann nicht ohne Verbündete, Herrgottnochmal.
  10. Wobei, Zukunft. Immer noch alles in Frage stellen. Karriere? Geld, ja, aber hm. Antiwork und Kapitalismus und doch lieber ein kleines Leben? Vorsichtshalber die Ideen-Schublade mal wieder auffüllen. Mit Botanicals und Businessplänen, vielleicht nochmal einer neuen Richtung. Womöglich werd ich nie irgendwo ankommen, solange es nicht “meins” ist.
  11. Andererseits, schon die kleinen Pläne lösen sich auf. Konzerte, Feste, Gelegenheiten: Puff. Im Sommer ein kurzes Luftschnappen, sogar einmal tpmuc, aber hm. Ein bisschen Kontakt brauche wohl sogar ich. Die Freude darüber, dass Menschen sich freuen einen wiederzusehen. Jedes mal Konfrontationstherapie weil mich mag doch keiner. Ich muss diese innere 13jährige jetzt echt mal in Griff kriegen.
  12. Oder mehr Abenteuer? Immer wieder Sehnsucht, immer wieder große Lebensplanfragen. Forever alone ist nicht für alle von uns ein Meme. Langsam werden die Witzeleien über den ferngesteuerten Tinder-Account müde. Ich weiß es doch auch nicht, am Ende ist das “ich kann mich niemandem zumuten” Argument stärker als jeder Wunsch nach Nähe.
  13. Gibt aber Alternativen. Der Tresen-Tribe, die anderen Mitkämpferinnen, zarte kleine Wurzeln in neue Gemeinschaften. Die Twittertimeline ist Kultur- und Buchlastiger, die Pegelwichtler jetzt irgendwie auch eine Gang, mein kleiner Kreis ist enger und verschworener geworden. We’re a champagne supernova. (Sorry.)
  14. Anderswo, die Axt. Impfzweifler, Corona-Beschwichtiger, man sägt sich durch die eigene Umgebung und der Rest tut es auch. Als immer-schon-radikale Schnittmacherin die kleine Hoffnung, in Zukunft mehr Verständnis zu ernten, wenn man Konsequenzen zieht, sich Dinge nicht gefallen lässt oder bestimmte Haltungen nicht neben sich erträgt. “Ja er/sie/ihr macht Witze über [Minderheit Ihrer Wahl] oder [ist egoistisch, heuchlerisch, unangenehm besserwisserisch] ABER so ein nett/lustig/schwer loszuwerden.” Cancel Culture ja bitte gern für Leute die eure Gesellschaft noch nie verdient hatten.
  15. Because we’re all introverts now. Die Welt will nicht zurück, kaum noch raus, sagt sie. Aber dann halt doch. Als die ersten wieder umtriebig werden, setzt Traurigkeit ein. Das alte Gefühl zurückgelassen zu werden. Darauf bin ich jetzt wenigstens vorbereitet. Bis Ostern vergraben wir uns alle Zuhause, dann wieder Sommerfeste, Festivals und andere Sachen zu denen ich nicht eingeladen werde und nach den großen Ferien treffen wir uns wieder online zum Lamentieren, dass es keinen Lockdown gibt. And repeat.
  16. Körper? Hm, ja, soso. Nach dem kleinen gesundheitlichen Abenteuer letztes Jahr erstmal Wiederaufbau an allen Fronten. Dann plötzlich Ehrgeiz. Wenn man sich dauernd bewegt, kann man sich dauernd bewegen. Vielleicht, wenn man dauernd die Muskeln stärkt, stärkt man dauernd die Muskeln? Ich stemme Hanteln und esse Fleisch quasi nur noch auser Haus, vielleicht beginnt hier eine Transformation. Linsen, Kichererbsen und Quinoa mit allem was die jetzt hier aufschlagende Gemüsekiste hergibt. Don’t worry, dafür gibt es jetzt auch Champagner hier.
  17. Eigentlich will ich schreiben, sollte ich schreiben. Aber wie das so ist mit der Therapie – je nötiger sie ist, desto mehr sträubt man sich. (einziger Vorsatz 2022, mehr aufschreiben). Jetzt wieder ein ganzes Tool mit so kleinen To-Dos befüllt, um regelmäßig was schreiben zu müssen und vielleicht auch mal alle Ideen für Zeug festzuhalten worüber ich dringend blogen müsste. Über plötzlich Geld zum Verplanen haben, über das mit der unsichtbaren Neurodiversität in der IT, etc, etc. Es gibt jetzt eine Schublade dafür, let’s see.
  18. Mehr schreiben, weniger kaufen. Fast anderthalb Jahre zusammenreißen, aber dann die Contenance beim Warenkorb verlieren, am Ende ist alles voller Lidschatten. (Wir berichteten) Ein Teil war durchaus ordentlich investiert. Die Rudermaschine, die Hanteln, die Sportklamotten – alles nach wie vor regelmäßig in Benutzung. Der neue Alkohol in der Hausbar? Manchmal ist ja dann doch jemand hier und man ist präpariert. Bücherregal, Küchendinge – überfällig. Der Stapel ungelesene Bücher auf dem Regal? It’s an illness, let’s not make fun of it.
  19. No buy year? Youtube lässt das gut aussehen, aber ne, eine Couch muss endlich her, dafür aber kein Rouge mehr. Dieses Jahr mit „Investieren“ angefangen, mit Versicherungen und Tagesgeld und blabla und alles ist sehr nervig und Papierkram, aber was für ein Privileg, mehr als je zuvor, Geld zur Seite legen zu können.
  20. Außerdem, niemand weiß was kommt. Ich war auf einer Hochzeit, hab um ein Leben gebangt, beobachte Anbandlungen und neue Lebensentwürfe. I want to be there for all of it. Mit einem neuen Kleid und einer Flasche Champagner. Oder einer Axt und Müllbeuteln, was auch immer halt so gebraucht wird. Weil, stellt sich raus, was ich immer gesagt habe, ist wahr: I’m good in a crisis. The bitch gets stuff done. Ich bin immer noch da, vielleicht sogar stärker als vorher, weil ich gelernt habe, wie fragil die meisten anderen (auch) sind. Wäre ich fotogener, dürfte mein Bild durchaus neben “Resilienz” in der Wikipedia stehen. (Ich hatte eventuell einen kleinen Schluck Champagner.)
  21. Komm schon 2022, die Benchmark ist so verdammt niedrig, du musst nur kein Typ auf Tinder mit Foto vom geangelten Fisch sein, das langt schon.
Phoebe <3

Honorable Mention:

https://www.youtube.com/watch?v=RVH5dn1cxAQ