Autor: DonnerBella (Seite 1 von 210)

KW Zweiundzwanzig/Dreiundzwanzwig

Langsam werd ich müde vor lauter Ambivalenz. Yay sinkende Zahlen, yay mehr Impfungen, aber halt auch Blergh keiner hält sich mehr an was und blergh damit wird jetzt auch noch Wahlkampf gemacht. Nachrichten frustrieren mich wahnsinnig, Menschen, die mir Nachrichten lückenhaft nacherzählen oder mir gleich dazu erklären, warum das Blödsinn ist, frustrieren mich noch mehr.

Letztendlich möchte ich nur noch auf meinem Balkon sitzen, aufs Wasser gucken und so vor mich hin existieren. Gut, eventuell bin ich urlaubsreif. Zuletzt hatte ich theoretisch 4 freie Tage, aber die fielen der Vorbereitung der Schwesternvermählung anheim. Außerdem wird es warm und ich bin sehr damit beschäftigt meinen Körper zu hassen, der zu viel Raum einnimmt, dem dauernd irgendwas weh tut und der halt ganz generell nicht sommergeeignet ist. Ich kann nicht barfuß oder in Flipflops laufen, ich kann überhaupt nur sehr begrenzt laufen, dieser Organismus verweigert sich jeder sommerlichen Leichtigkeit, Spontanität und Unkompliziertheit und so sehr ich an mir arbeite, ich verabscheue ihn dafür schon arg.

Besonders auffällig ist das dann natürlich, wenn man mit einem Rudel normschöner junger Frauen auf Jungesellinnenabschiedstour am Lago die Bonzo (aka Tegernsee) unterwegs ist und sich einfach wie die begleitende Gouvernante vorkommt, vom Anblick der Fotos ganz zu schweigen. Geimpift, gechipt und vereinzelt schon gebräunt charmiert sich so eine Gruppe ganz eingespielt durch Gastronomie und Abenteuer, quasi mit einkalkuliertem hofiert werden.

Vielleicht bin ich auch gut im Planen, weil ich nie auf die Idee gekommen bin, dass jemand mir Dinge möglich macht oder mir weiterhilft, weil ich niedlich oder sowas bin. Und womöglich hab ich eine scharfe Zunge entwickelt, weil ich so entsetzlich tumb, polternd und unästhetisch bin, wer weiß. Bitte kein Mitleid, in 90% der Zeit bin ich ganz okay damit wer ich bin, ja sogar ganz froh drum in keine Mädchenfallen zu tappen, aber die ersten Sommerwochen, die sind einfach immer schwierig.

Ich turne dann möglichst lange Videos nach, freue mich einerseits, dass ich mithalten kann, bin aber trotzdem nicht das, was ich fit oder stark nennen würde. Vielleicht muss ich das mal wirklich mit Plan angehen. Ich will Muskeln, die innere Zähigkeit auch nach außen tragen. Hm.

Wenn man dann eh schon beim Rumhadern ist, kann man auch gleich noch begleitend Sinnkriseln, das passt halt. Darum gleitet der Kopf nebenher immer so in die Abteilung “was tu ich den hier und will ich das so ab”. Klar, weil jetzt hab ich den Job, den ich immer wollte, mit den Optionen, die ich mir immer vorgestellt hab und die Kollegen sind nett und das Geld okay und ich fange natürlich an zu überlegen, ob es die ganze Verantwortung und Kommunikation wirklich sein muss. Ich bin einfach auch zu merkwürdig.

Gottseidank war Eishockey-WM und u21-EM und jetzt ist Erwachensen Jungs-EM. Solange fand ich es albern und blöd, dass Profisport unbedingt wieder stattfinden muss, aber ein bisserl froh bin ich über die Ablenkung dann doch. Über die Euphorie, die Geschichten, das gemeinsame Thema das man hat, ohne, dass es gleich so ganz dramatisch ist. (Was auch nicht stimmt, siehe Dänemark-Finnland, ist das alles fürchterlich.)

Eine Wurzel des Problems ist mit Sicherheit, dass ich zu viel Zeit habe, um mir diese Gedanken zu machen. Zu wenige Routinen, zu wenig Zeit, die automatisch vergeht, weil ich sie mit notwendigen Dingen verbringe. Langsam werd ich dann doch mal wieder ins Büro fahren, um die innere Nabelschnur zeitlich mit Kaffee und Smalltalk zu substituieren. So dramatisch ist die Situation nämlich.

Ich habe es zuletzt mit schlechten Serien (Suits – wieso hatte das mehr als zwei Staffeln, wenn immer dasselbe passiert??), mit guten Dokumentationen (I’ll be gone in the dark – Herrje Michelle McNamara, herrje.) und dem fluffigen neuen Buch von Taylor Jenkins-Reid (Malibu Rising ) versucht – es funktioniert wirklich immer nur ganz kurz.

Sagte ich schon, dass ich mal wieder ein Projekt brauche? Und Urlaub. Ein Projekt für den Urlaub vielleicht.

KW Zwanzig / einundzwanzig

Das war dann wohl der Crash nach dem anstrengenden High. Zwei Wochen sehr, sehr ‘in my feelings’ verbracht. Desorientiertes rumgestöpsel an allen Fronten und dass draußen auch schon wieder Monsun-November war, half auch nicht.

Vorletzten Freitag dann Shot Nummer 2. Dem Horizont ein Stück näher, sehr gutes Gefühl. Gesagt bekommen, dass ich dringend Kopien/Scans von der Impfbestätigung machen soll, auch vom Impfpass. Wichtig! Danach eine volle Woche gegen Dauermüdigkeit gekämpft, Nachts ohne Probleme 8, wenn möglich auch 10 Stunden geschlafen. Freaky, aber durchaus gut.

Am Samstag danach bis Mittag geschlafen, Nachmittags zum Bundesligafinale auf die Couch geschleppt. Mit Javi Martínez geweint. Überhaupt nah am Wasser und die ganzen unerlaubten Veränderungen helfen nicht. Die Inzidenz ist jetzt auch hier weit genug unten für Außengastronomie und als ich kurz darauf rausgehe (Eurovision-Date), ist jeder freie Platz vor Bistros und Italienern besetzt. Diese Stadt, die so gern little Italy spielt (foreshadowing!), hatte schon seit Wochen Phantomschmerzen und stand in kleinen Gruppen unter den Arkaden rum, mit Coffee to go oder Eis. Endlich wieder draußensitzen, endlich Normalität, ein ganzes Städtchen atmet und guckt dankbar in den Himmel.

Wir sind noch nicht durch, der Virus ist nicht weg, zu viele haben noch kein Impfangebot, aber da ist endlich ein kleines Stück Beweglichkeit und ich hoffe, dass dieses kleine Durchatmen uns alle ein wenig entspannt. Lord knows, die allgemeine Befindlichkeit braucht ein bisschen Beruhigung.

Und vielleicht hat man überhitztes Hirn, mein leeres Herz darum Samstagabend so dankbar auf den Eurovision-Zirkus reagiert. Klatschend bei Malta und Finnland, seufzend bei Portugal und schließlich Kurzschluss-Schockverliebt-Kreischend bei Italien.

https://www.youtube.com/watch?v=RVH5dn1cxAQ
E buonasera, signore e signori, fuori gli attori

HACH.

Da sind diese Kids (Jahrgänge 1999 bis 2002), die sich offensichtlich durch die Rock- und Popgeschichte gehört und geguckt haben, sich passend zu GenZ mit maximaler Ambiguität inszenieren und dabei durch Leidenschaft und Charme so authentisch wirken, dass ihnen halb Europa vom ersten Riff weg verfällt. Bassistinnen, what can you do.

Dieses attraktive Quartett hat wohl irgendwas in meinem Kopf getriggert, ich höre mich seitdem durch den Måneskin-Katalog und bin zunehmend verzückt. Deutliche Einflüsse von Old School Rock, Punk, Britpop aber auch feinstem Bombast-Pop garniert mit Texten, die nur Zwanzigjährige so ernstgemeint singen können, aber auf Italienisch klingt eh alles gut. Ich gucke mir dabei zu, wie ich gedanklich lustig durch die Themen hüpfe. Die Musikindustrie: Spotify wird aktuell von BTS, dem koreanischen Band-Phänomen beherrscht, außerdem hat eine gewisse Olivia Rodrigo mit ihrem ersten Album gut eingeschlagen – frisch aus dem Disney-Stall, also die komplette Maschine dahinter. Der Weg für eine junge europäische Band in die internationalen Charts ist aktuell kaum planbar und auch der ESC ist weißgott keine Garantie für tatsächlichen Erfolg außerhalb des Wettbewerbs. Es müssen schon ein paar Faktoren zusammen kommen.

Gedankliches Weiterhüpfen: Die Wirkung von Charisma und Souveränität, die man mit 22 nicht haben sollte, aber die halt da ist und Frontmann Damiano binnen einer Woche in eine Art internationale Ikone verwandelt hat. Mit Ohrringen und Smokey-Eye oder ohne. Es ist faszinierend. Das hätte auch ein PR-Profi nicht besser planen können. Der Sieg via Zuschauer-Voting über die traurigen Chancons, die Szene die kurz so aussieht als würde da Schnee auf dem Tisch liegen, die Pressekonferenz, der Look – you can’t make this stuff up. Wie das sein muss, so durch die Welt zu gehen, so gesehen zu werden. Nicht immer ganz einfach, aber mit Sicherheit auch guter Türöffner.

ICONICO

Noch ein Sprung. Die Inspiration die von so einer Initialzündung ausgeht. Einfach mal machen, drauflos, selbstbewusst und exzentrisch. Insbesondere über das letzte Jahr ist der Graben zwischen meiner inneren Wahrnehmung von mir und meinem nach außen gelebten ich nochmal größer geworden. Nicht wegen der Neurodiversität oder meinem Hintergrund, sondern weil mir momentan eine kreative Spielwiese fehlt. Something’s gotta give und zwar bald. Man muss die Muse nehmen wie sie erscheint, notfalls lernt man dafür halt Italienisch und kauft neuen Kajal.

Anyway. Donnerstag dann ins fancy neue Büro, endlich zentral und cool und überhaupt plötzlich sehr dieses “I work in IT” Gefühl. Ich kann mir wirklich nicht mehr vorstellen, da einfach so in Zukunft 5 Tage die Woche zu verbringen, aber Kollegen, Kaffeemaschine, so andere Kleinigkeiten – gefehlt hat das schon. Langes Gespräch mit dem Lieblingskollegen über Situationen und Perspektiven die sich aktuell ergeben. Die Integration in den Mutterkonzern wirkt erst jetzt richtig. Gut und schlecht. Wird wohl ein Jahr mit wegweisenden Entscheidungen. No more effing around.

Vielleicht ist es das intensive Nachdenken über die Zukunft, oder die herzergreifende Musik über die ganze Woche, aber nebenher entstehen im Kopf spannende neue Verbindungen über alte Dinge. Einflüsse, die mir nicht klar waren. Ich hatte mein Bedürfnis nach Ehrlichkeit, meine Priorität auf definitive Ansagen im Nachhinein immer nur auf meine Neurodiversität geschoben, aber es ist auch was mir vorgelebt wurde. Ich glaube Menschen nette Dinge dann, wenn sie keine Angst davor haben unangenehme Sachen zu sagen, mich auch zu kritisieren. Dreieinhalb Jahre ist mein Vater nicht mehr da und es dauert bis jetzt zu begreifen, dass ich mir seiner bedingungslosen Liebe sicher war, weil er auch sehr direkt und grob sein konnte. Es war alles gleich echt. Daran werde ich noch eine Weile arbeiten müssen. It’s a lot.

Der Sommer schleicht sich ein bisschen an, die Infektionszahlen sinken, man will übermütig werden. Natürlich beim Italiener, stundenlang mit Wein, Pasta, Fisch und viel Gelächter. Man hatte vergessen wie das ist. Ich schicke ein kleines Gebet an eine nicht näher definierte höhere Entität und wünsche mir einen wilden, dichten Sommer, voller aufreibender Momente, direkten Emotionen, großen Gelegenheiten und allem worauf wir sonst noch gewartet haben.

So, so adorable.

KW Achtzehn/Neunzehn 2021

Zwei Wochen durchgearbeitet, mit Wochenende und Feiertag. Nicht zu empfehlen. Hauptsächlich, weil andere Leute Zeit verbummelt haben oder sich nicht entscheiden konnten. Auch so ein Pandemie-Ding – solche Arbeitstage sind im Büro gar nicht möglich bzw. nichts was ich mit meiner Pendlerei einfach mitmache. Mantra: Das ist nicht für immer, ich bin sehenden Auges diesen Schritt gegangen, um irgendwann gewisse Optionen zu haben. Unabhängigkeits-Ambitionen halt.

Noch dazu, wenn man 12 Stunden pro Tag arbeitet und dabei stündlich zwischen “ich kann gar nix” und “ohne mich wärt ihr völlig aufgeschmissen” schwankt und dann noch merkt, dass man immer lauter werden muss, weil die Herrenrunde um einen herum denkt, man müsste nur zuliefern, aber keine Meinung haben.

Sehr, sehr lehrreiche Wochen. Unsagbar lehrreich.

Nicht gut für die Gesundheit. Wenn mein Prozessor durchgehend so heiß läuft, entwickle ich eine Ernährung, die sich hauptsächlich aus Rohkost und Schokolade zusammensetzt. Gemüse, um das Kiefer zu beschäftigen und Süßes, um Energie auszugleichen. Bitte räumt überall die Schoko-Variante dieser Giotto-Kügelchen aus den Regalen, es hat ein übles Ausmaß erreicht. Wenn man lange genug vom Schreibtisch direkt ins Bett fällt, baut die gar nicht so kleine Spinne ihr Nest übrigens vom Esstisch zur Wand und an die Hausbar. Beeindruckend und verstörend gleichermaßen.

Das einzige, was noch zum Luftholen ging, waren Folgen von Schitt’s Creek. Ja, ich weiß, ich dachte auch nicht, dass ich es mögen würde, aber ich hatte Dan Levy (Showrunner und Darsteller von David) unterschätzt. Schauen Sie das, es erheitert und wärmt das Herz.

Apropos. Am Freitag dann endlich mal Grenzen gezogen und Menschen ihren Baustellen bzw. Verantwortlichkeiten überlassen. I’m not the nanny. Mittags Burger geholt und bei Mama Donnerhall zusammen mit einer Portion Pommes inhaliert. Danach noch ein bisschen Dinge fertig gearbeitet und gegen Nachmittag mit dem Lieblingskollegen, der die zwei Problemwochen mit durchgestanden hat, in den Feierabend gequatscht. 3 Stunden und ein paar Rum-Cocktails später, ging es mir schon besser. Über Arbeit und Präsenz gesprochen, eine vielleicht neue Wertschätzung von Anwesenheit aber auch der Normalität von remote arbeiten. Über die eigene Resilienz und die Beobachtung, dass andere mittlerweile die Wände hochgehen. Was das auch zum Thema Fürsorge und Kollegialität bedeutet. Der Lieblingskollege ist nicht nur sehr klug, sondern auch die Sorte vorzüglicher Mensch, dass ich die alten Narben spüre, weil ich schon mal geglaubt habe, einen Menschen in dem Kontext kennengelernt zu haben. (Also der Lieblingskollege hat ungefähr 3x das Format der vorangegangenen Enttäuschung, aber man wird halt vorsichtig.)

Anschließend mit der Freitagsrunde in sensationelle Albernheit ausgebrochen, so müssen Drogen wirken. Früher hätte ich nach so viel Arbeit nicht 7 Stunden lang geredet und in einen Bildschirm geschaut, aber es fühlte sich wie die gesunde Alternative an. Manchmal hilft es, auch die letzte Kraft noch rauszuhauen, wenn man dafür etwas zurückbekommt. Darüber muss ich nochmal in Ruhe nachdenken.

Samstag dafür aber auch emotional Hangover deluxe. Gegen all die juckenden alten Narben mit maximalem Aufräumen und Haushaltsdingen angegangen. Je näher das Ende der Pandemie rückt, desto näher rücken gefühlt auch wieder die Enttäuschungen und die Momente, wo ich nicht dabei sein kann. Dieses Jahr mit allem im selben Boot, das war für jemanden der oft außerhalb steht, fast ein wenig heilsam.

Der ReBoot Modus rückt überall näher. Wenn ich das nächste Mal ins Büro fahre, dann in ein neues, schickes Gebäude im Zentrum. Keine Ahnung, wo mein Schreibtisch ist. Ich versuche Routinen zu entwickeln, die ich in Zukunft an wechselnde Verhältnisse anpassen kann, das wird interessant. Gemüsekiste und Rudermaschine kann man beibehalten, die Yogahosen gehen nur im Homeoffice, dafür sitze ich vielleicht in ein paar Monaten mit Kollegen mal wieder bei einem Getränk zusammen.

Ich glaube, dieses Jahr im Nebel, das wird uns erst mit Verspätung richtig einholen. Viele werden so schnell wie möglich zu ihrer “Normalität” zurückgehen, aber ein paar werden das nicht können und langsam, wenn eine Generation nachkommt, die das mit heranwachsenden Augen beobachtet hat, werden Dinge womöglich nochmal ganz anders hinterfragt. Meine Normalität war eh immer anders, jetzt muss ich sie vielleicht weniger rechtfertigen, das wäre nett. Weniger Zwangssozialisierung und mehr geplantes Zusammensein, mit Wertschätzung und Intention. Less Smalltalk, more big events.

Bis dahin, atmen. (Dieses Album <3 )