24 Letters – Brief 6

Was es mit den 24 Briefen auf sich hat, steht hier.

Puh. Was habe ich mir bei der Frage denn gedacht? Vor allem momentan, wo ich an mehreren Fronten geradezu an Scheidewegen stehe und es viel mit dem Hinterfragen vom Vertrauen in Menschen zu tun hat. Ach Bella.

Ich hätte gern eine Antwort darauf, wem ich eine Entschuldigung schulde. Stattdessen, und auf eine Art ist das schlimmer als jedes Schuldgefühl, gehe ich mit dem fast sicheren Wissen durch die Welt, dass ich Menschen schwer enttäuscht oder vor den Kopf gestoßen, womöglich nachhaltig verletzt habe – und es nicht gemerkt habe. In der großen, wahrscheinlich für mich nie endenden Rückschau auf jemanden, der sich von der Welt nicht verstanden fühlte, weil sie darauf gewartet hat zu werden wie alle anderen, sehe ich mich auch auf sehr grausame Weise zurückschlagen, wenn ich mich missverstanden oder nicht gehört gefühlt habe. Mit einer Präzision, die ich in anderen Dingen gern hätte, kann ich die Schwachstelle in anderen feststellen und einen verbalen Pfeil darauf abzielen. Nicht alle zeigen eine Reaktion, aber spätestens, wenn ich Dritten davon erzähle oder es hier aufschreibe, bekomme ich immer noch das Feedback, dass ich ja ganz schön brutal sein kann.

Das, in Kombination mit meinem Hang zu ausführlichen E-Mails, langen Sprachnachrichten und kaum verhüllten Social-Media-Posts schafft eine quasi 99% Wahrscheinlichkeit, dass ich es bei einer Person mindestens übertrieben habe und um Entschuldigung bitten sollte.

Aber, und jetzt wird es wirklich schwierig, wenn das Gegenüber auf meine Spitzen, meine Wut, meine Analyse keine Reaktion zeigt, vermute ich halt auch keine und bin entweder gekränkt ob der augenscheinlichen Wirkungslosigkeit, meiner eigenen Bedeutungslosigkeit im Leben des Anderen oder schlichtweg noch wütender als vorher. Das ist die Krux, wenn alle zu cool für Gefühle, zu stoisch für Reaktionen sind. Es lässt jemanden wie mich ins Leere laufen.

Alex Thymian. Also so nenne ich es in meinem Kopf, weil ich mir Alexithymie so schlecht merken kann. Auf Deutsch heißt es auch mal Gefühlsblindheit, wobei ich das falsch finde, weil es den Anschein erweckt, dass da keine Gefühle wären. Im Gegenteil, sie sind meistens zu groß und unhandlich. Aber zumindest bei mir existieren die meisten Emotionen auf sehr niedriger Stufe, quasi runtergeregelt. Ich nehme “etwas” wahr, das ich kaum weiter identifizieren kann, mich darum aber auch nicht wirklich belastet und mache einfach so weiter. Bis es dann knallt. Bis der Regler hochgedreht wird, keine Dämmung da ist und die Emotion den Intensitätslevel erreicht, dass ich sie identifizieren kann.

Während ich also oft etwas kühl, desinteressiert oder wenig empathisch wirke, ist die Leitung zwischen Regung, Identifikation und Verhalten einfach meist zu lang, um in einer Situation zu reagieren. Umso größer die Irritation, wenn ich schließlich mit einem vollends kenntlichen Gefühl dastehe und keine Reaktion bekomme, because how dare you. Die lange Leitung kann manchmal dann auch dazu führen, dass die innere Lage erst Wochen, sogar Monate nach einem Vorfall tatsächlich im Nervenzentrum ankommt und dann im unpassendsten Moment zum Tragen kommt. Weil während der Rest der Familie damals Anfang Januar bei der Beerdigung meines Vaters geweint hat, habe ich ungefähr ein Vierteljahr später angefangen meine nähesten Menschen wegen relativer Kinkerlitzchen anzuschreien.

I am delightful, why do you ask?

Das ist die sehr, sehr lange Herleitung, um zu sagen: Ich arbeite daran, zu erkennen, wann ich eine Entschuldigung möchte und wann mir verändertes Verhalten oder Anerkennung meiner Gefühle viel mehr wert sind. Ich arbeite daran, mir bis zu einem gewissen Grad selbst zu vergeben und nicht in Selbsthass zu versinken, weil ich einem Gefühl, auch den negativen freien Lauf lasse, bzw. die Kontrolle darüber verliere.

Eine Entschuldigung, ob von mir oder von anderen, kann für mich nur glaubhaft sein, wenn man im Kontext auch die gegenseitigen Gefühle anerkennt, benennt und nicht versucht sie als falsch oder richtig oder unnötig einzuordnen. Es ist schwer das praktischer zu formulieren, aber ich habe gelernt, dass mich nichts so sehr bei Menschen enttäuscht, wie wenn sie versuchen mir die wenigen Emotionen, die ich erkennen und artikulieren kann auch noch abzusprechen oder versucht wird sie in irgendwelche Kanäle umzuleiten. Weil es “kindisch” ist andere wissen zu lassen, dass man verletzt wurde oder man “Verständnis” dafür haben soll, dass jemand anderes mit einer rohen Gefühlsäußerung überfordert ist. (Männer. Ich meine Männer, nicht Autist*innen. Wir sind nicht überfordert, nur ehrlich.)

Vergessen? Let’s not even go there, ich bin ein petty Elefantenhirn, ich bin Taylor Swift, die Buchstaben in Songs markiert, ich bin ‘wenn du mich ghostest bin ich nicht länger deine Geheimnisträgerin’. Und nur damit hier kein falsches Bild aufkommt: Ich arbeite jeden Tag daran, neurotypische Freaks besser zu verstehen und nicht alles persönlich zu nehmen, aber ich habe auch einen Punkt erreicht, an dem ich auch merke, wenn trotz besseren Wissens, meine Bedürfnisse ignoriert und mir die Inklusion verweigert wird und I’m no longer putting up with your bullshit.

Außerdem, fuck it, die erfolgreichste Künstlerin der Welt macht aus jeder mittelschweren Emotion einen Song in dem der Bösewicht traditionell gut zu identifizieren ist. TyTy, Schutzheilige der wackligen Emotionsregulierung ist vielleicht auch darum so ein gutes Symbol für unsere Zeit. (Keine zwei Monate mehr. HIBBEL. Ich muss mich langsam um Accessoires kümern.)

I was tame, I was gentle ’til the circus life made me mean
“Don’t you worry, folks, we took out all her teeth”
Who’s afraid of little old me?
Well, you should be

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