Agiler Feminismus oder – was der Impfstatus von Joshua Kimmich mit dem Patriarchat zu tun hat*

*Klickbait? Maybe.

(Copyright https://twitter.com/JasonAdamK/ )

I would beg to disagree, but begging disagrees with me

Meine berufliche Vita ist so seltsam, dass ich erst im aktuellen Job in einem a) wirklich großen Unternehmen und b) einer deutlichen weiblichen Minderheit arbeite. Und obwohl ich die Feminismus-Fahne schon lang vor mir her trage, führe ich erst oder eigentlich immer noch bei Kollegen alter Altersstufen und jeden Bildungshintergrundes bizarre Grundlagengespräche. Weil Frauen werden nicht mehr diskriminiert, das war früher. Jetzt müssten wir nur endlich alle Vollzeit arbeiten und halt ordentlich netzwerken, dann klappt das mit der Karriere auch. (Der Kollege fand sich selbst für seine 6 Monate Elternzeit quasi einen Superhelden.)

Auch die Quote, oh Gott, so überzeugt man doch Männer nicht, so schafft man nur Ressentiments. Wirklich, das war das Argument.

Oder man ist die “Mutti vom Team”, soll Dinge mit “weiblicher Intuition lösen” statt mit Kompetenz. Die Beispiele waren jetzt alle junge Kollegen. Vor kurzem hat sich dann auch ein sehr weit oben in der Hierarchie verorteter, sehr viel älterer Kollege bei einer internen Firmenveranstaltung zu dem Thema in die Nesseln gesetzt. Jetzt soll gekittet werden. Alles schön im Silo, im sicheren Raum der weiblichen Belegschaft bleiben.

Vom offenen Brief an alle wurde runtergehandelt auf ein persönliches Gespräch mit Vertreterinnen der weiblichen Belegschaft. Statt Strategie und Maßnahmen, zeigte man sich “bereit zum Dialog” und “interessiert an Feedback”.

Keine Sorge, your girl legt Feuer in der Sache as we speak. Von wegen, man sollte doch konstruktiv reden und bitte niemanden in die Enge drängen. Weil Gesichtwahren geht vor Entwicklung, Status vor Veränderung.

Das ist das eigentliche Patriarchat: Der Schutz von Männern in allen Belangen. Der Arbeiter bei VW ist wichtiger als die Krankenschwester, der Mann mit Missbrauchsvorwürfen hat ja eine Karriere, Forschung für Frauenthemen ist Kokolores.

Und es geht jung los. Der junge, kompetente, gebildete weiße Mann ohne Probleme in seinem Leben weiß nicht, was strukturelle Diskriminierung überhaupt ist, er sieht sie nicht. Er ist die Matrix. Während Männer in ihren 20ern lernen, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind, verstehen junge Frauen, warum wir immer noch Feminismus brauchen. Ein paar Jahre später, wenn diese Gruppen dann gemeinsam arbeiten, Familien gründen, Parteien leiten sollen, denkt man dummerweise man hätte dasselbe Verständnis und erkennt den Irrturm erst, wenn es fast schon zu spät ist.

Kick me under the table all you want

Darum nennen sie Konsequenzen plötzlich Cancel Culture. Weil sonst haben wir sie immer davon kommen lassen. Das erste Gebot ist der Schutz des fragilen weißen männlichen Egos. Besonders, wenn sie in irgendeiner Domäne herausstechen. Tatort-Kommissare, die Corona-Maßnahmen nicht verstehen, Fußballprofis, die denken sie verstünden was von Impfschutz und Comedians, die sich als echte Gefahr für Frauen rausstellen.

Sie alle sind in einem Bereich kompetent, erfolgreich und schließen daraus, dass ihre Meinung auch an anderer Stelle nicht nur relevant, sondern entscheident ist. Sie sind beleidigt, empört und wütend, wenn ihr Allwissen in Frage gestellt wird wird.

Je höher der Status des Mannes, desto wilder die Reaktion. Desto größer auch die männliche Solidarität. Weil wir jahrhundertelang gelernt haben, uns unter dem Schirm von Macht und Autorität zu verstecken, der fast ausschließlich von Männern gehalten wird.

Wir alle, auch Frauen – gerade Frauen, sind darauf getrimmt. Sie wollen “schlichten” oder “die Schweiz” sein oder “können sich nicht entscheiden”, wenn ein Mann sich fürchterlich verhalten hat, weil das Licht seines Status doch bitte weiterhin auf einen herab scheinen soll. Darum sind Opfer und Kämpferinnen so oft isoliert. Als wäre Diskriminierung eine Meinung, Respektlosigkeit eine valide Weltanschauung. (Hier scharfen Seitenblick zur Buchmesse denken, wo man auch noch das mit dem WEIßEN Mann hervorheben muss. Herrgottnochmal.)

Selbst die Medien machen hier einen harten Schnitt. So klar die schlichten Gemüter und Verschwörungs-Fetischisten bei den Corona-Demos dargestellt werden, so sehr wird der opportunistische Virologe hofiert, wird dem Lügen verbreitenden Medienmacher seine “eigene Meinung” zugestanden.

It’s the partriarchy, stupid.

Während Männer bei MeToo plötzlich das Dasein als Verbündeter für sich entdeckt haben und Frauen unterstützen, hat sich selbst hier nicht viel daran geändert, wer zu Protokoll gibt, wenn Frauen zu Opfern werden. Frauen nämlich.

Ganz zu schweigen von Themen abseits dezidierter Gewalt. Ja, der Julian ist ein Arschloch, aber wäre er der Chefredakteur von etwas anderem gewesen, hätte es mehr offenen Diskurs darüber gegeben, dass “da zwei zu gehören” und “die Frauen sich auf darauf eingelassen haben”. Ich meine hey, mir wurde gestern noch mitgeteilt, dass es in der Medienbranche keine strukturelle Diskriminierung gibt. Von einem Mann.

Außerdem geht es da um Sex und das ist ja eh heikel und Consent und überhaupt, spitze Finger wohin man schaut. Anderer Machtmissbrauch, tagtägliche Sticheleien gegen die Expertise, Darstellung und Position von Frauen? Das ist doch nicht sexistisch, findet der Werksstudent, wenn er Annalena Bärbock “schrill” nennt. Wenn Frauen auf Twitter ein Katzenbild posten und Dudes in den Replys erklären, dass die Lampe schief steht. Da muss man sich doch nicht so aufregen, wir haben nichts gegen Frauen, echt nicht, man weiß halt nur alles und ich meine ALLES besser.

I won’t shut up

Es ist unsagbar, unendlich ermüdend dagegen anzugehen. Ob im Kleinen oder im Großen. Mit den Kolleginnen nicht aufgeben bis man Fortschritte sieht ist eins, aber ständig Männern erklären müssen warum sie Frauen nicht immer alles erklären müssen – my dude, I’ve got stuff to do.

Ich habe beruflich viel mit Anforderungen zu tun, mit Wünschen, die Leute an die Funktion von Dingen haben. Mit am schwierigsten ist es an der Stelle immer wieder herauszufinden, welche davon wichtig sind, welche tatsächlich sinnvoll und welche eigentlich gar nichts mit der Funktion, sondern der Beziehung zwischen Menschen zu tun haben.

In der agilen Entwicklung wird darauf reagiert, in dem man sehr regelmäßig darüber redet, immer wieder runterbricht und hinterfragt, möglichst aus der User-Sicht formuliert. Das tut man vor allem, um auf Veränderungen reagieren zu können.

Ein bisschen befürchte ich, muss Feminismus auch so werden.

Agilität: die Eigenschaft Prozesse, Geschäftsmodelle und Produkte reaktiv, flexibel und anpassungsfähig zu halten und gleichzeitig proaktiv, initiativ und antizipativ zu handeln. Oder: Die Fähigkeit sich mit zu verändern, wenn Umwelt, Feedback, Markt oder Rahmenbedingungen sich ändern.

Bitte was? Nun ja, es geht natürlich nicht darum, das Prinzip zu ändern, das Ziel aus den Augen zu verlieren. Das Endprodukt ist schon halbwegs formuliert. Aber auf dem Weg dahin muss man auf die aktuelle Situation reagieren können. Man muss da verändern, verbessern, neu-kalibrieren wo man gerade die Möglichkeit und den passenden Hebel hat.

Nicht pick your battles, mehr work for something.

Die eigene Herangehensweise, der Lösungsansatz und ja, auch die Erwartungshaltung muss zur Situation passen. Intersektionaler Feminismus ist ein Teamsport. Lewandowski muss manchmal auch verteidigen. (Manchmal.)

Ich lebe in sehr unterschiedlichen Blasen. Auf dem Land, wo viele Frauen sich die traditionelle Rolle auch wünschen, weil die Alternative keine “Karriere”, sondern nur ein Job ist. Hier muss meine Argumentation eine ganz andere sein als im Büro, wo zwanzigjährige IT-Halbgötter denken, das mit der Emanzipation sei ja nun geschafft, schließlich gehen sie auch in Elternzeit und Frauen müssen einfach nur besser verhandeln.

Online habe ich, das ist so, wenn man nach Interesse geht, natürlich nochmal ein anderes Level an grundsätzlicher Aufgeklärtheit. Umso mehr herrscht hier aber das Beziehungs-Argument. Der nette Kerl dem alle folgen war ein Drecksack? Ja, aber es ist ja bestimmt eine Sache wo “beide Seiten”, schließlich ist er doch sonst so ein ganz Netter. Er ist bestimmt einfach zu sensibel für eine Auseinandersetzung, Männer tun sich schwer mit solchen Sachen. Dass auch persönliche Konflikte eine strukturelle Natur haben können, haben viele zwar schon begriffen, aber die Konsequenzen daraus ziehen, tun die wenigsten. Man ist ja “befreundet” oder kann halt eben aus dem Status des Kerls noch mehr Vorteile ziehen als einfach auf die Frau Rücksicht zu nehmen. What’s in it for me?

Anstatt Männer zu konfrontieren oder wenigstens zum Schutz der anderen zu isolieren, unsere eigenen Standards zu heben, formulieren wir für sie Entschuldigungen, pochen auf Graubereiche, darauf “neutral” zu sein.

Unsere Argumente und unsere Reaktionen sind nicht agil. Und nein, das heißt nicht, dass man kein Rückgrat hat, dass Überzeugungen nicht absolut sein können. Es geht darum, wie wir diese Haltung kommunizieren und in unser Verhalten übertragen.

Als großer Fan von klarer Linie und eindeutigem Verhalten kostet es mich jeden Tag sehr viel, nicht einfach ständig zu eskalieren. Auszuhalten, dass andere die Welt völlig anders wahrnehmen oder Konflikt eben nicht austragen wollen, das treibt mich immer noch regelmäßig in den Wahnsinn.

Also warum rede ausgerechnet ich von agil, wenn ich offensichtlich nicht damit klar komme, welche Bedingungen mir der Markt vorgibt? Weil es nicht um mich geht.

And if I don’t wanna go, leave me alone, don’t push me

Eine der wichtigsten Faktoren in agilen Projekten ist, herauszufiltern welches Feedback, welcher Änderungswunsch wirklich wichtig und/oder ein Fortschritt ist. Zu erkennen, wo sich die Kursänderung lohnt. So versuche ich es mittlerweile mit meinem Feminismus zu halten.

Bei den Beispielen oben, mit den Kollegen, bin ich erst in die Diskussion gegangen, dachte, ich könnte hier Aufklärungsarbeit leisten. Das war … naiv. Jetzt investiere ich meine Energie nach oben, dahin wo die Multiplikatoren der Organisation sitzen, um sie zu überzeugen und anzuschieben, diese Haltung weiterzugeben.

In meinem heimatlichen Umfeld mache ich kleine, sehr kleine Schritte. Hauptsächlich in dem ich auf Dinge hinweise, immer wieder draufzeige, wenn Frauen anders behandelt werden. Die Matrix sichtbar machen.

Online…habe ich vielleicht ein Problem. Zu viel Spaß am Streit, eine zu kurze Leitung und zu viel Enttäuschung erlebt. Ich sage geradeaus, wenn ich von Verhalten enttäuscht bin, versuche von anderen die Haltung einzufordern und nicht jedesmal wieder komplett enttäuscht zu sein, wenn mit den Schultern gezuckt wird, wenn ich weiche, weil mein persönlicher Problemfall bevorzugt wird.

Kurz: Weniger mit jedem Idioten diskutieren, nur da Aufklären wo Hoffnung besteht, sondern sofort klar abgrenzen. Soziale Konsequenzen, so schwierig es ist.

Aber mehr als alles, aber auch alles andere: Automatisierte Solidarität.

“Ich gehe mit dir zu HR. Ich bezeuge was du sagst.”,

“Ich komme auch nicht zur Party, auf der er ist. Du bist nicht allein.”,

“Du bist nicht verrückt. Du bildest es dir nicht ein. Es ist so passiert.”

“Du darfst so lange wütend und enttäuscht sein, wie du willst. Du musst dich nicht wieder einkriegen. Du bist nicht schuld.”

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Auch nicht bei der aufgeklärten Online-Crowd. Da gibt es die, die solche Dinge erlebt haben und untereinander solidarisch sind und den Rest, die bekanntermaßen toxischen Männern folgen, ihnen noch mehr Reichweite geben. Und offline sowieso. Der Typ, von dem alle wissen, wie mies er zu seiner Freundin ist, aber mit ihm kann man gut zocken. Der Kollege, der herablassende Kommentare über Mitarbeiterinnen macht, aber er ist so gut beim Pitchen, den brauchen wir.

Nein, brauchen wir nicht.

Macht es zu einem EPIC in eurem Backlog. Genies sind ersetzbar, Männer, die man nicht kritisieren darf,sind keine Freunde und solange wir Frauen mit ihrem Trauma allein lassen, braucht sich keiner von uns Feminist nennen.

Don’t “carry yourself with the confidence of a mediocre white man”, die treffen nämlich keine harten Entscheidungen, die führen keine schwierigen Gespräche, die machen nichts besser.

Hannah Gadsby (ihr dachtet wirklich ich würde sie nicht einbauen, nach den Chapelle-Wochen of all things?) hat gesagt:

There is nothing stronger, than a broken woman who has rebuild herself.

Das ist, als was wir durch die Welt gehen sollten. Als das stärkste Material, dass es gibt – eine Frau mit nichts zu verlieren. Eine Frau, die Dinge beim Namen nennt anstatt Frauen zu untergraben. Die männliche Solidarität gegenüber Idioten als das sieht, was es ist: ein lächerlicher Privilegien-Schutzmechanismus, ein armseliges Festhalten an der Vergangenheit.

Automatisierte Solidarität, kein Bohren, kein anzweifeln, kein abwägen des eigenen Vorteils. Und Jungs: Das dürft ihr auch machen. Es ist okay sich vom Alphatier abzuwenden, die Männerfreundschaft in die Luft zu jagen, Grenzen zu ziehen, Schwäche einzugestehen, etwas zu lernen anstatt zu wissen.

Als jemand der nicht immer ganz freiwillig hinter sich Brücken anzündet, um den Weg zu erhellen: Es kann sogar Spaß machen.

25