umpflanzen

„Wenn ich das entsprechende Talent hätte, ich hätt‘ Schreiner gelernt.“, höre ich mich am Wochenende sagen. Der unverschämte Sonnenschein hat mir Energie eingeflößt und neben allgemeinem Aufräumen und Einkaufen schaffe ich auch noch ganz locker die Grundreinigung vom Balkon plus Tomatenanzucht. Nach der Grippe und zwei Bürotagen aus der Hölle möchte ich meine Zeit mit Möbelaufbauen, Erde umfüllen und Dinge wegwerfen verbringen. Wäre ich besser mit Menschen, ich wäre eine MariKondo geworden, bewaffnet mit Etikettiergerät, alphatebischen Registern und Müllbeuteln. Mein Problem ist nie das Aussortieren, sondern das fachgerechte Wegwerfen/ Weiterveräußern. Again: Die Sache mit den anderen Menschen.

Ich kaufe Tulpen, es gibt Käsekuchen. Käsekuchen muss noch warm sein.

Die neue Woche bekomme ich nicht zu fassen, sie entzieht sich mir wo sie kann. Ob im Büro oder in der Kommunikation mit Anderen, es ist, als wären alle auf einem Rave und ich möchte aber Bach hören. Vorsichtiges Herzfassen und jemanden fragen, der sich mit einer bestimmten Sorte auskennt. Planungen für kleine Fluchten. Schließlich: Ach ja richtig, zuletzt hab ich es mit dem Sport ein bisschen schleifen lassen. Eine Grippe will do that to you. Als ich auf der Yogamatte liege und absichtlich in irgendwelche Bereiche hineinatme klärt sich mein Blick ein wenig.

Während ich mich aus der Kobra strecke, lache ich mich selber dafür aus, dass ich mir wegen einer anstehenden vielleicht stattfindenden Begegnung Sorgen mache. Als könnte ich etwas daran ändern.  Contenance ist eh immer schon für die anderen gewesen.

Geändert wird ohnehin, was sich ändern lässt. Da muss auch die Konzentration hin.

Die Kräuter auf dem Balkon wurden gerade erst von der schützenden Folie befreit, wollen aber dafür jetzt ständig Wasser. Mehr, noch mehr. Gib mir Stoff, ich kann die Sonne sehen, hier geht was mit dem Wachstum. Ich will auch wachsen.

Vorsichtshalber – man hat ja was gelernt – schicke ich das Bauchschmerzthema schon mal in die Welt hinaus und arbeite an meiner Atmung. Mal sehen wie lange die Rüstung hält. Der Ärger darüber, dass ich mir hochnotpeinlicherweise darüber Gedanken machen bzw. andere fast schon vorwarnen muss, obwohl ich versucht hatte einen anderen Status Quo zu erreichen, begleitet mich aber durch den Rest der Woche. Sagt einem auch kein Therapeut, dass alle erlangten Fähigkeiten und Erkenntnisse manchmal nix nutzen, wenn man vorher den Fehler gemacht hat einer lausigen Performance auf den Leim zu gehen.

So schwer ich mich mit Veränderungen tue, aktuell gehen sie mir nicht schnell genug, nicht mal annähernd. Vielleicht komme ich jetzt in das Alter wo die ganz kurzfristigen Sachen aber auch einfach nicht mehr tragen. Ein Plan muss her. Mehrere, wohl eher. So wie man mehr als einen Samen einsetzt, damit was draus wird. Oh je, Gärtner-Metaphern. Kein gutes Zeichen.

Das linke, untere Augenlid hört nicht auf zu zucken. Ja ja, ich weiß, ich bin dabei.


Huch, Dido ist wieder da.

Fragen 601-625

601. Worauf achtest du bei jemandem, dem du zum ersten Mal begegnest?

Ich bin niemand der auf bestimmte Dinge achtet, mir können nur Sachen negativ auffallen. Jaja, ich weiß.

602. In welcher Hinsicht könntest du etwas aktiver sein?

Fast jeder. Wobei. Öfter die Schnauze halten, leiser sein und stattdessen…. hm, etwas tun. Anything.

603. Spielst du in deinem Leben die Hauptrolle?

Ja, wobei es beginnt sich anzufühlen, als wäre ich eigentlich nur der Erzähler. (Reader: She was confused.)

604. Welcher Lehrer hat einen positiven Einfluss auf dich gehabt?

Frau Schm. Mit dem simplen Satz „Du musst doch schreiben.“, als es um meine Zukunftsplanung ging.

605. Was würdest du am meisten vermissen, wenn du taub wärst?

Musik, doch, ja.

606. Über welche Nachricht warst du in letzter Zeit erstaunt?

Wir schreiben das Jahr 2019, niemand hat mehr die Kraft überrascht zu sein.

607. Wärst du gern wieder Kind?

Nein, oh gott, bloß nicht, niemals.

608. Was kannst du stundenlang tun, ohne dass es dir langweilig wird?

Mir wird nicht langweilig, ich habe ja diesen Kopf in dem ständig der Teufel los ist. Die Zeit vergessen kann ich beim Dinge sortieren.

609. Wann warst du zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Was mich bis heute verblüfft: Als ich im Herbst 2002 in stationärer Behandlung war, hatte die Zimmergenossin eine Frauenzeitschrift dabei in der ich blättern durfte. Zu einem fürchterlichen Bericht über junge Asiatinnen, die sich unter Schmerzen die Beine verlängern lassen, stand in einer Infobox ein Hinweis auf einen deutschen Arzt, der eine neue Methode für die Korrektur und Verlängerung von Extremitäten gefunden hatte. Es dauerte danach noch ein Jahr, aber genau dieser brillante Chirurg reparierte mein Bein samt Fuß und Zehen. Anders hätte ich heute noch nicht von ihm gehört. (Which is a whole ‚nother problem.)

610. Denkst du oft darüber nach, wie Dinge hergestellt werden?

Als ich vor kurzem ein Regal zusammengebaut habe, konnte ich 10 Minuten begeistert über die neue, bereits im Brett eingelassende Verschraubung des mittleren Bodens reden. Ja, doch, schon.

611. Welchen kleinen Erfolg konntest du zuletzt verbuchen?

Ich konnte zuletzt mehrere drastische Impulse unterdrücken. (Reader: She was wrong.)

612. Wirst du am meisten jünger oder älter geschätzt?

Es kippt gerade, weil dieses Gesicht schon so lang so aussieht. Schon als Teenager ging ich als Mittzwanziger durch. Jetzt, wo ich mich Mitte 30 nähere, gehe ich wohl noch für Ende 20 durch. So I’ve been told.

613. Wann hast du zuletzt Sand zwischen den Zehen gespürt?

Letzten Sommer, am Chiemseestrand.

614. Welchen Beruf haben sich deine Eltern für dich vorgestellt?

Nix konkretes,  Hauptsache ich gehe lange zur Schule, fülle meinen Kopf mit möglichst viel Zeug und zettele irgendwann eine Revolution an.

615. Welches Gerät von früher fehlt dir?

Hä?

616. In welcher Hinsicht denkst oder handelst du immer noch wie ein Kind?

Ich kann Konflikte nicht nicht austragen. Gras über Dinge wachsen lassen ist für weitaus erwachsenere Menschen als mich. Und ab einer gewissen Eskalationsstufe debattiere ich auch nicht vernünftig, sondern brülle und zerstöre. Nicht oft. Aber…nun.

617. Heilt die Zeit alle Wunden?

Haha. Nein.

618. Bist du romantisch?

Das ist so ein Begriff, von dem ich kaum noch eine Vorstellung habe. Ich kann Aufmerksam sein, ich überrasche Menschen auch gern mit Dingen. Aber dieser Symbol-Quatsch liegt mir nicht.

619. Was würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?

Triff nie, nie niemals Entscheidungen für dich in Abhängigkeit von anderen Menschen. Auf gar keinen Fall.

620. Was machst du mit Souvenirs, die du bekommen hast?

Größtenteils in sehr hübsche Schächtelchen packen und wegräumen. Ähem. Deko ist nicht meine Stärke.

621. Von wem hast du vor Kurzem Abschied genommen?

Von der Idee, dass alles wieder gut werden könnte.

622. Bist du (oder wärst du) eine Jungenmutter oder eine Mädchenmutter?

Ich, äh…was?

623. Hast du schon mal individuelle Ansichtskarten gestaltet?

Das klingt nach Basteln. Nein, ich bin Bastelverweigerer.

624. Wir würde dich deine Familie beschreiben?

Sie nennen mich kopfgesteuert, weil ich Listen und Pläne mag. Nun.

625. Wonach suchst du deine Kleidung aus?

– muss passen

– darf mich nicht anschreien

– ist kombinierbar und muss nicht gebügelt werden

out of order

Mal abgesehen von der fehlenden Disziplin: Was machen Tagebuchblogger, wenn sie krank sind und nur hustend rumliegen? Das war nämlich meine letzte Woche. Mittwochmorgen hielt ich das noch für den Muskelkater aus der Hölle, woraus im Laufe des Tages aber einfach die schlimmsten Gliederschmerzen meines Lebens wurden. Soviel zu 6 Wochen Sport am Stück. Also Krankmeldung, bei der Ärztin vorbei („Ich fühle mich, als hätte mich ein 30-Tonner überfahren.“ ‚Ja, sie bleiben jetzt mal Zuhause.‘), auf dem Weg zur Apotheke löst sich die Handtasche in ihre Einzelteile auf, isklar, und ich hieve mich wie eine dreimal so alte Frau am Ende in den zweiten Stock hinauf, um die Wohnungstür aufzumachen.

Es folgten Husten, Kopfweh und mein Kreislauf ergriff  fürs erste die Flucht.

Also keine Kinoverabredung, kein zugesagtes Regalaufbauen, stattdessen unsagbar viel Schlaf (so, so viel Schlaf), ein bisschen lesen, ein bisschen Netflix und viel Gedanken kreisen lassen. Das geht mit und ohne Kopfschmerzen.

Mama und Schwester Donnerhall drängen mir förmlich ihre Hilfe auf, obwohl ich so gut wie nichts brauche. Andererseits: So ein Netzwerk in direkter Nähe, schon gut. Die beste kleine Schwester von allen bringt im Laufe der Woche selbstgemachte Suppe und ich bin mal wieder erstaunt, was für eine fabelhafte Frau dieses terroristische kleine Chaos-Wesen aus meiner Kindheit geworden ist. (Liebe Eltern: There’s hope!)

Ich lese zum zweiten Mal, wie Lin Manuel Miranda Hamilton geschrieben hat, überhaupt, mal wieder etwas schreiben, das wäre gut. Beim Verplanen der Steuerrückerstattung räume ich gedanklich einen Betrag für neue Balkonmöbel zur Seite, um die Sommerabende dort loungend und schreibend verbringen zu können.

Beim Blick auf den Kalender stelle ich leicht verdattert fest, bei wie vielen Gelegenheiten mich Menschen dieses Jahr dabeihaben wollen. Geburtstage, Hochzeiten, Hochzeitsjubiläen. Etwas krallt sich um mein Herz bei dem Gedanken daran, dass ich seit der Grundschule nie mehr jemand war, den man zu etwas eingeladen hat. (Obwohl ich FUCKING DELIGHTFUL sein kann.)

Zu Anfang der neuen Woche geht der Blick dann aus dem Fenster, weil die Sonne rauskommt und mit dem Inn fangen spielt. Komm Frühling, komm fang mich. In der kleinen Stadt am Inn sitzen die Menschen sofort wieder draußen vor den Cafes und reden darüber, dass es zu wenig Cafes gibt. Was stimmt, weil das Obermayr mit den Kuppeltorten zugemacht hat und eines wird renoviert, die Eisdielen sind noch zu und jetzt bekommt man am Wochenende in der Altstadt an grade noch 4 Stellen ordentliche Torte. Wenn man in der Backstube mit der hervorragenden Schwarzwälder Kirsch am Wochenende Kaffeetrinken will, sollte man reservieren. Die Lage ist ernst. Aber die Sonne sagt, dass bald die Magnolien wieder blühen und die Eisdielen aufmachen und man mit seinem Kaffee und der Torte wieder quer durch die ganze Hofstatt verteilt sitzen kann.

Oder eben auf einem Balkon.

Aber noch liegt Schnee, noch ist Krapfen-Saison. Ich esse Suppe und gucke auf Netflix „Black Earth Rising“. Ruanda ist eines dieser furchtbaren Geschehnisse um das ich theoretisch weiß, aber das zu nah für den Geschichtsunterricht und zu weit weg für Sozialkunde passiert ist. Außerdem in Afrika. Was weiß ich schon über Afrika. Immer zu wenig. Womit ich sagen will: Das lohnt sich anzuschauen, es ist kein blutrünstiger Kriegs-Mehrteiler, sondern eine Studie über die Aufarbeitung, über die Generation danach.

Ende der Woche schleiche ich zurück ins Büro, mitten ins Getümmel, High Noon an allen Fronten überhaupt High Noon, ganz offiziell.

Wie zur Gegenwehr kann ich nicht aufhören dieses Lied zu summen. Eine große, dramatische Ballade, eine Anklage. The boy’s got pipes.

Bad habit, I know
But I’m needin’ you right now
Can you help me out?
Can I lean on you?
Been one of those days
Sun don’t wanna come out
Can you help me out?
Can I lean on you?

Fragen 576-600

576. Was versucht du zu vermeiden, weil du Angst hast?

Unsicheren Untergrund. Meta- als auch Physisch.

Und den Fehler Leute wissen zu lassen, wenn ich gekränkt bin, mach ich auch nie wieder. People are the worst.

577. Was ist deine neueste harmlose Leidenschaft?

Pilates. (Wobei Flutter Kicks nicht wirklich harmlos sind.)

578. Was würdest du auf dem roten Teppich tragen?

Ein mörderisches Ballkleid, Diamanten im Wert des Bruttosozialproduktes mehrere Kleinstaaten und die längsten falschen Wimpern, die sich auftreiben lassen.

579. Wie geht es dir wirklich?

Ich denke zu viel über Dinge nach, über die ich hinweg sein sollte. Ich zweifle manchmal an meinen Ambitionen. Ich hab keine Lust darauf die Welt alleine zu erkunden. Manchmal würde ich gern irgendetwas exzessiv machen, um zu wissen, ob man sich dann lebendiger fühlt.

580. Worauf hast du zuletzt schweren Herzens mit Nein geantwortet?

Ein sehr spezifisches Therapieangebot. Es wäre auch die Entscheidung zu einem neuen Label, einer Schublade gewesen. Da kann ich noch nicht rein.

581. Wie kannst du es dir selbst leichter machen?

Akzeptieren, loslassen. Vielleicht Drogen.

582. Worum weinst du insgeheim?

Um die Erkenntnis, dass ich vermutlich den Rest meines Lebens allein bleiben werde.

583. Hast du jemals einen Liebesbrief geschrieben?

Es gab mal etwas, das waren eigentlich nur Abschiedsworte, aber vielleicht war da auch etwas mehr.

584. Hast du jemals einen Liebesbrief erhalten?

Ich glaube nicht. Zu früh ins digitale Zeitalter gerutscht.

585. Spendest du regelmässig für einen guten Zweck?

Yo. Ärzte ohne Grenzen und das Münchner Kinderhospiz. Woran halt so denkt, wenn man eines von diesen Kindern war, dem immer irgendwas exotisches fehlte.

586. In wie vielen Weltstädten bist du gewesen?

„Städte von überragender weltweiter Wichtigkeit„ sagt Wiki. Aha. Dann vermutlich bloß 5, vielleicht 7. Da bräuchte ich jetzt eine klarere Definition.

587. Welchen Modetrend von früher findest du heute lächerlich?

Ich bin in den 90ern aufgewachsen. Also alle.

588. Ist deine Grundeinstellung positiv?

Nein.

589. Wie reicht wärst du gern?

Nicht mehr arbeiten müssen. Ein großes Haus für mich und alle die einen Platz brauchen besitzen. Bisschen reisen, alle Bücher kaufen, die mich interessieren. Alles, was über ein paar Millionen ginge, würde ich spenden. Vielleicht eine eigene Stiftung, um auch was sinnvolles zu tun zu haben.

590. Darf man lügen, um jemanden zu schützen?

In Abhängigkeit dessen wovor geschützt wird: Ja.

591. Was hast du in letzter Zeit gebraucht gekauft?

Platten.

592. Was ist als Kopie besser als das Original?

Ich glaube ja, wenn es so viel besser ist, ist es sein eigenes Original.

593. Hörst du gut auf deinen Körper?

Naja.

594. Von welchem Beruf weisst du nicht, was man da genau macht?

Manager. Produzent. Vorstandsmitglied.

595. Was stimmt nicht, wenn du dich jetzt umschaust?

Der Ort, die Zeit, die Verfassung.

596. Was wünschst du dir für die Menschheit?

Weniger Ungerechtigkeit.

597. Gehst du unter die Leute, wenn du dich allein fühlst?

Um Gotteswillen nein. Im Gegenteil. Herrje. Oh Gott. Furchtbar.

598. Welche Droge würdest du gern ausprobieren, wenn sie legal wäre?

Ich finde das Konzept Micro Dosing sehr spannend, gerade im Bereich LSD.

599. Wann hattest du zuletzt Schmetterlinge im Bauch?

Äh… Das muss wahnsinnig lang her sein.

600. Wie oft schaltest du dein Telefon aus?

Meistens so einmal in der Woche, wenn ich das Gefühl hab es wird langsamer. Oder ist hier für länger gemeint? Nee.

Anna and the Truthtellers

Ich liebe das Internet. Für die Rettung, die es mir während der Adoleszenz war. Für die Dinge, die ich dort gelernt habe und immer noch lerne. Für die Menschen, die ich hier gefunden habe. Vielleicht am allermeisten für die Nachweise davon, dass einem manche Dinge nicht exklusiv passieren.

Trotz allem, liebe ich das Internet sogar, obwohl diese Dinge manchmal alle zusammengehören.

Das wundervolle Fräulein Read On hat die traurige Geschichte vom J. und von Anna aufgeschrieben und damit gefühlt das ganze Internet an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen. Mich auch.
Auf ganz furchtbare Weise war es beruhigend zu lesen, dass der J. nie ganz darüber hinweg gekommen ist. Dass es auch…normalen Menschen passiert, dass sie nicht loslassen können, dass die Fragen bleiben.

Auch, weil oft am Ende diejenigen die gehen, die den Kontakt abbrechen die Protagonisten der Geschichte sind, wenn sie erzählt wird. Nicht diejenigen, die zurückbleiben und vielleicht Narben davon getragen haben. Klar, aufregender sind die Menschen, die sich “trauen” einfach alles abzubrechen und Menschen aus ihrem Leben zu verbannen. Die, auf die eine oder andere Art, weiterziehen.

Als wäre Stille eine Leistung. Als wäre das Ausbleiben einer Erklärung spannend, interessant.

Ich bin nicht gut mit Menschen, das habe ich mittlerweile schriftlich. Trotz intensiver Beobachtung verstehe ich sie die meiste Zeit über nur bedingt. Schon gar keine Nuancen, Andeutungen, Zaunpfähle. Darum bin ich ehrlich statt nett. Direkt statt höflich. Immer in der Hoffnung, dass es mein gegenüber dazu ermuntert im Zweifel auch unangenehme Dinge sagen zu können anstatt zu schweigen.
Lassen Sie es mich so sagen: Es funktioniert so mittelgut.
Vor einer Anna schützt es am Ende nicht.

Es macht, wenn es dann passiert, noch eine hübsche neue Baustelle auf. Weil so sehr man sich fragt was in der anderen Person vorgegangen sein mag, an irgendeinem Punkt fragt man sich noch viel mehr was man womöglich selbst falsch gemacht hat. Vielleicht bin ich besonders empfindlich weil meine “Annas” bevorzugt dann auf Distanz gegangen sind, wenn es mir nicht besonders gut ging. Womöglich gerade weil ich auch noch die Unverschämtheit hatte darüber zu sprechen – mit der digitalen Allgemeinheit oder direkt mit der Person.

Womit wir zu einem Punkt kommen müssen, der anstrengend werden könnte. Naja, zumindest für mich.
(Einschub: Es ist auch der Bereich, wo meine Geschichte nichts mehr wirklich mit Anna und dem J. zu tun hat. Es ist der Sonderfall Bella, der jetzt kommt.)

Weil einerseits ist es gut, dass es zumindest ein bisschen einfacher geworden ist, über die eigenen psychologischen Instabilitäten zu sprechen. Es hilft, die fellow crazies zu treffen. Es hilft zu begreifen, dass man ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft und trotzdem krank sein kann. Es hilft auch für sich selbst zu reflektieren, dass man nicht davon stirbt diese Schwäche zuzugeben.
Ich schreibe seit annähernd 20 Jahren ins Internet und immer wieder auch über die dunklen Schatten in meinem Leben.
Die oft überraschenden Reaktionen darauf waren immer auch Teil des Heilungsprozess. Da war Empathie, Besorgnis und manchmal auch einfach nur ein Angebot, obwohl Menschen kaum wussten, wie sie richtig reagieren sollten.

Thing is – diese Art von Validierung funktionierte damals wie heute genauso gut wie Likes, Herzchen oder Emojis. Meine Wahrnehmung ist verzerrt, weil mir das Internet überwiegend gesagt hat, dass meine Echokammer mich inklusive aller meiner Probleme aushält. Umso schockierter, gekränkter und verwirrter reagiere ich, wenn das bei Menschen nicht mehr der Fall ist. Vermutlich habe ich gelernt Hinweise darauf zu ignorieren und aufgehört darüber nachzudenken was es mit jemandem macht, wenn er mit einer Person mitten in einer depressiven Episode konfrontiert ist.

Normalerweise stehe ich der Triggerwarning-Kultur in den sozialen Netzwerken ein bisschen kritisch gegenüber. Mir ist klar, dass es Bilder und Szenarien gibt, die Menschen an Trauma oder Ängste erinnern und es sollte Optionen geben, diese Dinge zumindest zu reduzieren. Aber das völlige Ausblenden sollte vielleicht gar nicht möglich sein. Wir sollten uns manchmal mit Dingen auseinandersetzen müssen. Wobei das nicht die Debatte ist, die ich haben will.

Meine Frage ist: Was ist, wenn ich der Trigger bin?

Wenn ich nicht irgendetwas falsch gemacht habe, nicht zu viel oder nicht gut genug war, sondern einfach nur ich – mit der ganzen Dunkelheit? Was, wenn diese Kombination bei der anderen Person dazu geführt hat, dass die Worte ihren Weg erst gar nicht mehr finden konnten? Und in Konsequenz auch – was, wenn nicht nur meine Offenheit zum Thema psychische Erkrankungen bei anderen die umgekehrte Wirkung hat?
Auf die Gefahr hin wie jemand zu klingen der auch nach Jahren noch verzweifelt nach Erklärungen sucht – ich frage mich seit einer Weile inwiefern ich in Kauf nehme Menschen derart vor den Kopf zu stoßen, um auch weiterhin vom Internet aufgefangen zu werden.

Antwort habe ich noch keine. Ich will keine Beisshemmung entwickeln, nicht aufhören über Dinge zu sprechen, die unbedingt bei Licht betrachtet werden sollten. Aber wenn ich mitbekomme, dass meine Dunkelheit zu Überforderung bei anderen führt, dass sie nicht mehr recht wissen ob man mich nun anders behandeln muss oder ich am Ende halt einfach gemutet werde – dann macht diese erneute Isolierung nichts besser. Im Gegenteil, es bestätigt mich in all meinen finsteren Szenarien. Dass ich nur akzeptiert und gesehen werde, wenn ich unkompliziert, unterhaltsam und aufmerksam für die Bedürfnisse von anderen bin.
“Du solltest dankbar sein, dass sich jemand mit dir abgibt” – aber als verinnerlichtes Mantra.

Anders als sonst, habe ich in dieser dunklen Episode nicht nur mehr Zuspruch erfahren, sondern gab es auch Menschen die einen deutlichen Schritt auf mich zugemacht haben. Das ist bei meinem fragilen Ego mehr oder minder ein Erdbeben. Aber weil wir alle gerne einen guten Verriss lesen und Künstler sich ihre negativen Kritiken merken, klopf in meinem Kopf ein kleiner Hammer an den Ereignissen und Menschen herum, die mit Distanz oder Widerstand auf mich reagiert haben. Auch und gerade weil ich mit meinen Defiziten und Diagnosen (so nenne ich das Konzeptalbum) offensiv umgehe.
Zumindest ist das die naheliegende Erklärung, weil – und damit sind wir wieder bei Anna – man bekommt ja sonst keine.

being honest is being kind

Ich bin durch meine radikale Ehrlichkeit oft unangenehm aufgefallen. Aber ich glaube auch, dass sich meinetwegen noch nie jemanden fragen musste, woran er ist. Ich denke an den J. aus der Geschichte und die tiefen, tiefen Narben die er wohl mit sich rumträgt. Weil so einig sich alle um ihm herum sind, dass Anna egoistisch und grausam war, ein Teil von ihm wird sich immer fragen, warum er nicht genug sein konnte.
Vielleicht fragt er sich, ob das was an ihm am hellsten geleuchtet hat, für sie am Ende zu grell war.
Und das, ist der wahre Preis dieser individuellen Freiheit sich solchen Konflikten nicht zu stellen. Es bohrt ein Messer in Menschen, genau an der Stelle, an der sie am eigenwilligsten sind. Es ist ein Angriff auf die Eigenschaften, die uns definieren.
Man kann jetzt sagen, dass es doch keinen Unterschied macht, ob man gesagt bekommt, dass man zu anstrengend ist oder jemand einfach so geht – aber ich behaupte, dass es den Unterschied gibt. Der hat nicht nur etwas mit grundsätzlichem Respekt gegenüber einem Menschen zu tun, sondern kann auch Kontext geben. Vielleicht gibt es einen guten Grund warum ein Mensch so reagiert. Warum man ein Trigger geworden ist.

Ob Mensch oder Bild – je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass wir auch mit denen, die etwas in uns anrühren, uns vielleicht verstören in Dialog treten sollten. Im Stillen. Oder direkt. Aber selbst wenn es noch so anstrengend ist und uns aufreibt – aus Reibung entsteht Wärme. Dort, wo einst jemand war der ohne ein Wort gegangen ist, bleibt eine Stelle kalt.

Es langt jetzt auch mit der Kälte, so insgesamt.

Fragen 551-575


551. Welchen Wochenendtrip oder welche Kurzreise hast du gerade geplant?

Innerdeutsch dieses Jahr noch einige, international bis jetzt nur Mailand im Juli. Langes Wochenende, Konzert, Gelato. So muss das!

552. Bist du ein Landmensch oder ein Stadtmensch?
You can take the girl out of the bavarian countryside but not the countryside out of the girl

553. Mit welcher Person, die du nicht persönlich kennst, fühlst du dich verbunden?
Ich fühl mich manchmal kaum verbunden mit denen, die ich kenne… puh.

554. Was gibt dir in schweren Zeiten Halt?
Nix. Ich neige dazu mich umnieten zu lassen.

555. Bist du gut zu dir selbst?
Manchmal. Öfter. Es wird.

556. Was bedeutet Freundschaft für dich?
Wir haben’s aber heute mit den Minenfeldern. Es gibt diese Idee von Freundschaft in meinem Kopf, vielleicht auch als Abbild dessen was ich bei anderen beobachte – und manchmal wünsche ich mir das für mich. Aber ich weiß, dass das sowohl meinetwegen als auch wegen der Sorte Menschen mit der ich mich anfreunde so nicht geht. Wir sind alle nicht robust genug dafür. Heute bin ich einfach dankbar dafür, dass ich für annähernd alles was mir widerfahren kann jemanden habe, dem ich es erzählen kann und zumindest eine Antwort bekommen werde.

557. Wer hat dich in letzter Zeit überrascht?
Obacht: Ich! Aus Untiefen, die ich selbst vergessen hatte, hole ich gerade Motivation, Wahnsinn und Ambitionen hervor. Sehr überraschend.

558. Traust du dich, Fragen zu stellen?
Die eigentliche Frage ist: Traust du dich auch mal eine Frage nicht zu stellen? Was mir zugegebenermaßen schwer fällt.

559. Hast du Dinge vorrätig, die du selber nie isst oder trinkst?
Mir fallen eigentlich keine ein.

560. Setzt du dir Regeln, die du dir selber ausgedacht hast?
Ist das wieder eine von den Sachen von denen ich denke, dass alle sie tun und am Ende hab ich mir da wieder… Nevermind.

561. Bedauerst du etwas?
Einiges. Aber hauptsächlich Dinge, die ich nicht getan habe.

562. Welchen Zeichentrickfilm magst du am liebsten?
Dschungelbuch forever! (Erster Kinofilm, beste Musik, bestes alles.)

563. Was würdest du deinem Kind gern fürs Leben mitgeben?
Angst lohnt sich seltener als man denkt.

564. Welches Buch hast du in letzter Zeit mit einem tiefen Seufzer zugeklappt?
Es ist schon wieder ein paar Wochen her, aber „Darkness Visible“ von William Styron. Worte für etwas, das eigentlich unbeschreibbar ist.

565. Würdest du gern wieder in einer Zeit ohne Internet leben?
ARE YOU SERIOUS

566. Wann hast du zuletzt ein Bild ausgemalt?
Das war mir ja schon als Kind zu doof. Wirklich nicht.

567. Wer war deine Jugendliebe?
Zählen auch unerwiderte? Blöde Frage, andere hatte ich ja kaum. Dann vermutlich der F. Der war der große Bruder eines Klassenkameraden und ich fand seine 16jährige Schweigsamkeit „mysteriös“ und sein seltsames Verhalten „cool“. Er war natürlich auch bloß maximal pubertär und meines Wissens in seine beste Freundin verknallt. Aber er hat halt Schlagzeug in der Schulband gespielt, was soll man machen.

568. Für wen hast du zuletzt Luftballons aufgeblasen?
Oida. Jugendliebe, Bilder ausmalen, jetzt Ballons. Ich konnte mit 12 kaum erwarten Mitte 30 zu sein, leave me be.

569. Wie würden andere Personen deine Wohnung beschreiben?
Dafür müsste ich sie ja reinlassen.

570. Mit wem stöberst du am liebsten in Erinnerungen?
Mit dem Internet.

571. Wie viele Stunden am Tag verbringst du vor dem Computer?
An Arbeitstagen 9-11, an freien Tagen kann es alles zwischen 2-12 sein. (Netflix, du alter Zeitfresser.)

572. Verschweigst du deinem Partner manchmal Sachen, die du gekauft hast?
Ich bin ein Fan von Diskretion und Geheimnissen.

573. Wen oder was benutzt du als Ausrede, um etwas nicht machen zu müssen?
Ich bin da eventuell simpel gestrickt, aber ein „ich will jetzt nicht“ besonders in Kombination mit „ich muss das gar nicht (jetzt) machen“ langt oft völlig.

574. Gehst du gern ins Kino?
Immer, wenn ich es hin schaffe, freue ich mich eigentlich sehr, aber dafür gehe ich eigentlich zu selten.

575. Wie grosszügig bist du?
In Bezug auf? Ich beschenke andere gern und reichlich – auch weil ich sonst nicht zu großen emotionalen Gesten/Worten neige. Wenn es passt und mir danach ist, lade ich eine Begleitung auch mal ein. Und beim Trinkgeld runde ich sowieso auf.