Noël

*Der Arbeitstitel ist jetzt irgendwie hängen geblieben, die Referenz erkläre ich nachher. CW für Autism, I guess?

I swear, I am completely unimpressed with clever answers.
“And I was so hoping we’d have a second date”
You’re in nine kinds of pain. You don’t even know what’s going on inside of you. And you are so locked into damage control that you can’t…
“You diagnosed me in eight hours?”
Josh, I diagnosed you in five minutes.

A. Sorkin

Mein Kiefer tut immer noch weh, zwei Tage später. So angespannt hatte ich jeden Muskel. Ich wusste nicht, dass das in ein paar Stunden geht, aber ich wusste ein paar Dinge vor Samstagabend nicht. Als ich auf einer Party war, viele liebe Menschen seit einiger Zeit das erste Mal wiedergesehen habe, ein freudiger Anlass, eine hinreißende Einladung am anderen Ende der Republik, es war doh alles wirklich in Ordnung.Bis es überhaupt nicht mehr in Ordnung war und ich warne jetzt einmal vor: Es geht heute ein bisschen ausführlicher um die Sache mit dem autistischen Spektrum und das schreckt manchen ab. Ist okay, mich verschreckt es ja auch und ich stecke drin.

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen so ist, dear reader, aber ein erschütternder Anteil meiner Freunde mittleren Alters fällt irgendwie nicht in die Abteilung “ambient Jazz zur Dinnerparty” oder gar “klassische Instrumentalisten beim Soiree”. Nein, sie hören Bands, die ich nicht kenne, kaum unterscheiden kann, aber vor allem eines sind: laut. Was ja schön ist, ich hatte auch meine Linkin Park – und Apocalyptica Phase, zugegeben, ich bin dann auch irgendwann 20 geworden, aber doch nett, wenn Leute im Herzen jung bleiben. Das Gehör lässt eh nach, da ist laut womöglich gut.

Bei der Feier am Samstag, wo ich zur Minderheit u40 gehörte (noch bin ich das, einself!), spielte der befreundete DJ auf Wunsch der Gastgeberin also vor allem Dinge mit sehr schrammelnden Gitarren, lautem Bass und/oder wahrhaft exzessivem Getrommel.

Zu Beginn so einer Feier, zum Aufwärmen quasi, fand ich das so gar noch ganz erheiternd. Das Separee einer gastronomischen Einrichtung, in der die Feier stattfand, war mit langen Tischen und ein paar plüschigen Sitzgelegenheiten ausgestattet, was mich aber womöglich denken ließ, dass es irgendwann mal ruhiger werden würde, qua anregender Unterhaltung. (Look, innerlich war ich immer schon MINDESTENS Mitte 30, hier läuft aus Gründen Yo-Yo Ma, lasst mich.)

Apropos G Major, vielleicht gärte alles auch schon eine Weile. Nach langer Anreise am Freitag hatte ich mich Samstagmittag in eine vorweihnachtliche Innenstadt gewagt, selber Schuld also. So viele Menschen, Straßenmusiker, Lichter, Black Friday Deals, Kinderkreisch, Frittengeruch, Glühwein, Leuchtreklame – womöglich war nicht mehr viel im Sensorik-Tank. Danach dann mit eingetroffenen Freunden eine etwas chaotische Suche nach Versorgung mit Kaffee und Kuchen oder Vergleichbarem, auch die innere Planerin war eher nicht mehr in Balance. So in der Gesamtbetrachtung war die anschließende Beschallung mit 6 Stunden, nun, für meine Ohren Lärm, einfach zu viel.

Es muss dann irgendwann nach dem Essen passiert sein, als ich merkte, wie mir die Musik die Haut abzog. Wie ich innerlich in ein “es muss doch gleich besser werden” verfiel, in ein Hoffen, dass es leiser, langsamer, erträglicher wird. Stattdessen fühlte sich sehr schnell jeder Song an, als würde er wieder den Schäler ansetzen und noch eine Schutzschicht abziehen, als würde der tendenziell brüllende Gesang direkt mein Nervenzentrum angreifen.

Sensory Overload heißt das, fast schon lapidar. Der deutsche Begriff ist “Reizüberflutung”, nur, dass der leider schon a weng strapaziert und nur noch bedingt im Zusammenhang mit Autismus genannt werden kann. Ich war immer stolz darauf, wie zäh ich bin. Was ich alles aushalte. Gerade auch nach der Diagnose dachte ich, Gottseidank bin ich nicht SO empfindlich. Ich habe zwar ein wirklich gutes Gehör und schiefe Töne können sich regelrecht schmerzhaft anfühlen, aber mei, für wen ist das nicht so? Für die meisten Leute, wie ich gelernt habe. Es mag auch niemand helle, lichtdurchflutete Räume und große helle Leuchten, richtig? RICHTIG?

Zuerst wurde ich, zumindest in meiner vagen Erinnerung, etwas zickig zum Thema Musik. Strategisch völlig idiotisch erstmal die laufende Playlist gedisst, weil mir die Werkzeuge fehlten, um zu erklären, dass ich es wirklich gerade nicht mehr aushalte. Dass ich mich keine Minute mehr mit jemandem Unterhalten kann, solange es sich anfühlt, als ob das verdammte Schlagzeug auf meine Nervenenden eindrischt, ich nichts mehr mitbekomme außer dem anstrengenden Grölen des Sängers und generell gleich implodiere, WENN NICHT ENDLICH JEMAND DEN DRECK LEISER MACHT. Also das war innen.

Außen wurde ich halt still. Habe versucht, die Ecke des Raumes zu finden, wo es vielleicht weniger schlimm ist. Wo es mir die Luft weniger abschnürt, ich nicht den Drang verspüre zurück zuschreien, dass es bitte bitte endlich aufhören soll, dass ich ganz dringend und auf der Stelle Ruhe und Dunkelheit brauche und alle Entscheidungen hinterfrage, die mich an diesen Ort gebracht haben, wo offensichtlich alle außer mir mit dieser Geräuschbelästigung leben und sogar feiern konnten.

Wie ich für einen kurzen Moment sogar hinterfragte, wie ich mit diesen Menschen befreundet sein kann, wenn sie ranzige Kneipen und schlechtes Bier und unerträgliche Musik gut finden und Dinge improvisieren und überhaupt, das geht doch alles so nicht, wie haltet ihr das alle aus, WIE HALTET IHR DAS ALLE AUS UND MERKT IHR DENN NICHT, DASS ES MICH GERADE ZERREISST.

Aber es wurde ja bemerkt und auch das ist die Geschichte vom Samstag. Von ausgerechnet, oder vielleicht selbstverständlich der jüngsten Person auf dem Fest, die nicht nur sah, sondern auch verstand und jetzt fange ich schon wieder an zu heulen, weil ich die Gelegenheiten in meinem Leben, wo jemand aktiv und ohne mein Bitten advocacy für mich betrieben hat, an einer Hand abzählen kann. So eine Person haben, die einen erstmal in Sicherheit bringt und die bescheuerte, erschöpfte Heulerei aushält und sogar dafür sorgt, dass es etwas leiser wird. Nicht leise genug, aber das ist natürlich die Krux jetzt.

Ich hätte ja einfach gehen können, aber einfach ist gar nichts. Ich wollte doch so gern mitfeiern, ich wollte mitlachen, auch lustig sein, für die Gastgeberin zu einem gelungenen Geburtstag beitragen. Ohne, dass sie dabei auf ihren, egal wie zweifelhaften für mich, Musikgeschmack verzichten muss. Auch logistisch alles völliger Wahnsinn. Selbstverständlich passiert dieser Meltdown nach fast 10 Stunden Anfahrt und kaum 5 Stunden Party. Ja was auch sonst.

Aus dieser tollen Mischung aus komplett eingebrochen, aber dickköpfig und außerdem nicht negativ auffallen wollen, aber es dadurch natürlich tun heraus, konnte, wollte, weigerte ich mich also einfach zu gehen.
Sogar jetzt beim Aufschreiben drückt es meine Lungen wieder zu. Auch so ein Mega-Feature am Autistinnen Dasein – je traumatisierender die Erinnerung, umso weniger kann sie von der emotionalen Reaktion distanziert werden und so steckt man beim erneuten Nachdenken darüber wieder komplett im neuronalen Setting. Toll, oder?

Das ist auch die einzige Erklärung, die ich habe, warum ich – zumindest bis dato – gern auch auf große Konzerte gehe. Laut, Schrill, Bombast – I’ll take it. Aber halt Musik und Künstler, die ich mag, verehre – wodurch die emotionale Reaktion positiv ist und der Overload wohl ausgeglichen wird? Ich bin doch auch nur Laie.

Aber vielleicht ist das auch alles Vergangenheit.

Darüber denke ich seitdem nach. Ob das Wochenende ein Wendepunkt war, eine Zäsur. Die Intensität des Zusammenbruchs, die mir auch Tage später noch in den Knochen steckt, lässt mich ins Wanken kommen, was Pläne angeht. Viele Autist*innen berichten davon, dass ihre Widerstandskraft mit steigendem Alter weniger wird, die Rekonvaleszenzphasen länger sein müssen, Grenzen noch enger gesteckt werden.

And this is where the anger kicks in.

Weil das Universum schuldet mir noch ein paar Dinge, vor allem gute, intensive Momente. Ich war das kranke Kind, der gemobbte Teenager, die gestresste, brave Studentin. Ich kenne Einsamkeit und Isolation, ich kannte den gefühlten Lockdown lange vor der Pandemie. Je mehr zurück es für viele in die “Normalität” oder zumindest etwas Vergleichbares zu den before-times, wie ich sie nenne geht, desto öfter ist da ein kleines Stechen, eine unerhöhrte, fast unanständige Vermissung der Zeit, als es durch die zwanghafte Anpassung unser allen Lifestyles zu einer gemeinsamen Basis kam, aus der ich viel gezogen habe.

Ich habe in den letzten 3 Jahren mehr intensive, kluge, reflektierte Gespräche geführt als in allen Jahren davor zusammen. Mehr über Menschen erfahren, mehr hinter die Fassade geschaut und Verbindungen geknüpft als ich es für möglich gehalten habe. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich nichts aushalten, um dabei sein zu können, weil wir alle buchstäblich denselben Abstand halten mussten. Ich musste nicht physische oder mentale Ressourcen kalkulieren, um meinen Bedarf an Austausch mit anderen Menschen dagegen zu rechnen.

I miss the quiet conversation.

Manchmal denke ich, dass ich beruflich eigentlich gar nicht ambitioniert bin, aber ich möchte mir Komfort leisten können, weil wenn ich bestimmte Rahmenbedingungen nicht mit Komfort ausgleichen kann, müsste ich auf Gelegenheiten verzichten, die die Einsamkeit verhindern. Das 1. Klasse Bahnticket für die lange Fahrt, das Hotelzimmer in der Nähe vom Veranstaltungsort, die Reservierung für das gute Restaurant, das Taxi für die letzten Meter. Klar war mir die Verbindung zwischen meinem Hang zu solchen Komfort-Maßnahmen und meinen physischen Beeinträchtigungen. Aber erst langsam klickt die Synapse zwischen der inneren Luxus-Lady und der Autistin, die sich an Qualität orientiert, weil es weniger Aufwand ist. Weniger Risiko, dass etwas kaputtgeht, es keinen Service gibt, ich mich selbst kümmern muss, anstatt es einer Person mit entsprechender Expertise zu überlassen.

Being me is expensive y’all.

Als ich die letzten Stunden der Party hinten in einem Sessel saß, kamen nach und nach einzelne Menschen vorbei, fragten wie es mir geht, was man tun kann. Aber, und das ist das Fiese an dieser Sorte Zusammenbruch, ich konnte nicht mal mehr wirklich antworten. Es war keine einmalige Eruption, kein Fieber, das kippt mit anschließender Heilung. Ein besonders tapferes Duo (the aformentioned inclusion advocacy heroine und noch so ein grumpy Berlin Union Fan) mühten sich bis zum Ende sehr, aber die Wut über meine eigene Schwäche, die Enttäuschung womöglich jemandem die Feier verdorben zu haben, die immer noch plärrende Musik – es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich wieder Normalzustand habe.

Selbst dann liegt eine Zukunft vor mir, die noch sensibler geplant werden muss, die damit potenziell auch meine Verbindungen zu anderen wieder fragiler macht. Selbst mit der Vorwarnung, wer ich bin, halte ich den Satz “danke für die Einladung, kann ich vorher die Playlist sehen?” für schwierig, wenn davon eine Zusage abhängt. Weil dafuq pflegt man Freundschaften, wenn zu viele davon in Großstädten wohnen, wo alles immer voll und laut ist und kann bitte jemand auf dem Spektrum ein Franchise aus halbdunklen Bars mit reduzierter Beschallung und Zutrittsverbot für Gruppen größer 5 (bei reinen Männergruppen eher 3) gründen? Mit Abständen zwischen Tischen, kontaktloser Reservierung und minimal dekorierten Cocktails.

Sagt die Frau, die im Sommer selber ein Mega-Fest veranstaltete und natürlich Tickets für Taylor Swift nächstes Jahr hat. Womöglich kam der Ausstieg aus der klassischen Consulting-Karriere gerade noch rechtzeitig, bevor ich zwischen Workshop und Präsentationen den Verstand verloren hätte, wer weiß. Wenn ich von einer Reise zurückkomme, bin ich eine von denen, die auf der Stelle noch den Koffer ausräumt, am besten eine Maschine Wäsche anwirft. Aufgeräumt wird die Wohnung ja schon vorm Verlassen. Dieses schnelle wieder Ankommen, das notwendige Wiederherstellen der Ordnung und Ruhe meines eigenen Refugium, vielleicht ist das mehr Coping als ich es mir eingestehen will.

Ach ja, da war noch was.

Irgendwann in den letzten Tagen, gegen Ende meines seit Wochen andauernden Emergency Room Marathons, kam in einer Folge Yo-Yo Ma’s Version der Cello Suite No. 1 von Bach vor. Eine Version, die ich aber vermutlich für alle Zeit mit einer anderen Serien und einer herausragenden Folge verbinden werde. In der Folge hat Deputy Chief of Staff Josh Lyman eine PTSD-Episode, während Yo-Yo Ma genau dieses Stück spielt. But he was already cooking.

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7 thoughts on “Noël

  1. Kaltmamsell sagt:

    Oh Gott oh Gott oh Gott, das tut mir sehr leid. Und den Wut-Selbstvorwurf-Kreisel kann ich sehr gut nachvollziehen.

  2. YellowLed sagt:

    Das verstehe ich – nicht aus persönlicher Erfahrung, aber um eine Ecke – teilweise vielleicht besser, als Du annehmen würdest. Auch und gerade diesen „seid bitte anders, aber ändert Euch nicht meinetwegen“-Gedanken.

  3. fschmidt sagt:

    Ach Bella, das tut mir leid, …
    … weil der Abend für Dich so anstrengend war.
    … weil ich das nicht gepeilt habe.
    … weil wir für Dich keinen safe space hatten.
    … weil ich Dich mag, wie Du bist.

  4. Ich verstehe Sie sehr gut.

  5. Been there, done that… aus anderen Gründen. (Ich lerne gerade, auf meine alten Tage, meine Introvertiertheit anzunehmen. Wäre schön, wenn das meine Umgebung auch könnte. LOL.)
    Ich wünsche alles Gute auf Ihrem Weg.

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