Donnerhall(en)

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Schlagwort: körperdinge

Monarchy Now

Dance Mephisto, Dance Mephisto
Wenn dich erst der Teufel packt
So bist du ausgeliefert nackt
Dance Mephisto, Dance Mephisto
Hit them with your rythm stick
Vollstrecke deinen Psycho-Trick
Dance Mephisto, Dance Mephisto
Nimm die Tänzerin im Takt
Bis es in den Speakern knackt
Dance Mephisto, Dance Mephisto
Schlag mit deinem Pferdefuß
Go on with your Bühnenshow

(Fragen’s mich nicht, wo das jetzt herkommt. Seit Tagen singt der damische Wiener in meinem Kopf rauf und runter.)

Aber es passt zu diesem gspinnerten Januar.
Mitte des Monats beende ich die Twitter-Fastenzeit und merke schon eine Woche später wieder, wie die Aufmerksamkeitsspanne sich verringert, wie die inneren Schwankungen eine größere Divergenz bekommen, weil sich dort sehr lustige und sehr bemerkenswerte mit wahnsinnig dämlichen und eben auch wütend machenden Dingen wild abwechseln.
Noch merke ich, dass ich jetzt wieder 2 oder 3 Stunden lang Dinge tun kann, ohne ins Telefon zu gucken, dass ich meine Existenz auch mal wieder sehr klar als getrennt von einem Netzwerk wahrnehme, gelohnt hat sich die Sache also allemal. Vielleicht ein Ritual draus machen.
Überhaupt, Rituale und Angewohnheiten.

Der gspinnerte Januar treibt an der Stelle die wildesten Blüten. Der Schalter in meinem Kopf, der sich zum Thema Bewegung im Dezember umgelegt hat, liegt immer noch. Ich komme nach Hause, wechsle die Klamotten (Oida, ich muss mir eventuell Sporttextilien kaufen. Dafuq.) und mache Pilates oder Cardio oder was auch immer ich mir in meinen Fitnessblender-Kalender (ja, soweit sind wir schon) gelegt habe. 15 Minuten kommen mir jetzt, nach knapp 4 Wochen etwas wenig vor und ich lege mittlerweile immer ein ordentliches Warm-up vorher dazu. (Ehrlich, ich kann nicht fassen, dass ich das hier schreibe.)
Nach 4 Wochen traue ich mich auch gewisse Beobachtungen zu machen. Beweglichkeit: Korrekt eingeschätzt. Ich komme, solang es meine Balance zulässt, mit allen Körperteilen genauso weit wie es die Trainer tun. Stretching macht Spaß, keinen Schweiß. Kondition: Verschätzt. Ich dachte ich würde ein bisschen was herhalten, hab das aber wohl mit meiner allgemeinen Zähigkeit verwechselt. Aber nach nur 4 Wochen mit fast durchgehend täglicher Bewegung wird’s merklich besser. Ich bekomme langsam eine gewisse Kontrolle darüber wie sehr ich mich reinhängen muss. Ich kann sogar „pushen“, wenn’s sein muss. (Fitness-Vokabular. Das ist der eigentlich abschreckende Teil.) Kraft: Insofern richtig eingeschätzt, als mir klar war, dass keine vorhanden ist. Also gar keine. Ich besitze Muskelgruppen, die wurden sich in den letzten Wochen wohl überhaupt mal wieder ihrer Aufgabe gewahr. Das ist zuerst sehr frustrierend und man kommt sich ein bisschen doof vor, weil es nicht ob der größeren „range of motion“ irgendwo zieht, sondern man einfach Schwierigkeiten hat, die Knie im „table top“ zu halten, denn die Oberschenkel sehen das gar nicht ein.
Es ist der größte Berg, aber ich schätze der lohnenswerteste. Also wird weitergemacht.

Komplett unerwartet: Die inneren Veränderungen. Heißhunger auf Nüsse und Trockenobst, kein Bock auf Alkohol ( I KNOW ) oder Schokolade (was ja nicht heißt, dass ich nicht nach wie vor großer Kuchenfan bin und überhaupt ist Krapfen-Saison!) und wenn ich mich nach dem Büro erstmal mindestens zum Low Impact Cardio Pilates Workout Full Body (Oida) überwunden habe, kann ich oft Abends noch andere Dinge von der To-Do Liste abhaken anstatt nur noch eine Serienfolge zu gucken. Ich meine, die gucke ich meistens trotzdem, aber irgendwie kann ich mich noch zu Papierkram, Emails oder einem Telefonat aufraffen.

Und dann ist da noch die Sache, die man schwer in Worte fassen kann, die bei mir aber langsam Verständnis für Leute aufkeimen lässt, die an schlechten Tagen erstmal Laufen gehen. (Laufen gehen. Komische Formulierung.) Weil der gspinnerte Januar trug noch eine, hoffentlich vorerst letzte Welle, von der großen Dunkelheit mit sich, von Gedanken an Verlorengegangenes und am Ende auch noch möglichen Begegnungen mit alten Geistern. Außerdem ist es dreckskalt und da reagiere ich empfindlich.
Wenn man mal wieder einen Heimweg lang mit solchen Gedanken verbracht hat, nicht mehr einholbares zum xten Mal im Kopf durchspielt, ist es etwas geradezu beruhigend ganz automatisch Daheim schließlich die Yogamatte auszurollen und sich via Video von der netten Trainerin durchs richtige Atmen, ein paar Aufwärm-Posen und schließlich einige schweißtreibende Übungen leiten zu lassen. Da ist kein Platz für die dunklen Dinge und danach muss man erstmal einen Liter Wasser trinken oder Mandeln essen und überhaupt ist einem grade noch eingefallen was man auf die Einkaufsliste schreiben wollte. Die nicht gesagten Dinge, die alten Missverständnisse und alle Verluste müssen draußen bleiben.

Das gilt alles für mich und ist kein Endorsement für irgendwas. Es ist mir auch tatsächlich schleierhaft welcher Schalter da warum umgelegt wurde, weil, Disziplin hab ich keine. Bei nix. Ask anyone.
Vielleicht ist das nur in Vorbereitung auf ein Jahr, das zumindest bereits jetzt ein paar Highlights verspricht, die mich über Wasser halten sollten. Live-Musik, Feiern, Gelegenheiten. Und ein paar Dinge ändern will ich ja eh.
2019 ist womöglich das erste Jahr seit sehr, sehr langer Zeit, das ich ganz egoistisch nur für mich planen kann. Ich muss mir keine existenziellen Sorgen machen, mich um niemand anderen ernsthaft kümmern und selbst die ungeahnten Eventualitäten bewegen sich bis jetzt in machbaren Größenordnungen. (Nennen wir es die Causa Bücherregal.) Wer weiß, vielleicht legt der Fitness-Craze nur die Grundlage für die exzentrischte Bella, die der Planet bisher gesehen hat.

Fragen 526-550

526. Wie aufgeräumt ist es in deinem Kopf?
Ahahahahahahahahahahahaha.

527. Welches Gedicht magst du sehr?
Ich hab’s ja nicht mit Lyrik. „If I should die“ von Emily Dickinson mag ich aber sehr.

If I should die,
And you should live,
And time should gurgle on,
And morn should beam,
And noon should burn,
As it has usual done;
If birds should build as early,
And bees as bustling go,—
One might depart at option
From enterprise below!
’T is sweet to know that stocks will stand
When we with daisies lie,
That commerce will continue,
And trades as briskly fly.
It makes the parting tranquil
And keeps the soul serene,
That gentlemen so sprightly
Conduct the pleasing scene!

528. Bist du ein guter Verlierer?
Nein, aber ich kann gut so tun als ob ich einer wäre.

529. Wer sollte dich spielen, wenn man dein Leben verfilmen würde?
Tilda Swinton und Sabin Tambrea sollten sich die Rolle teilen.

530. Wie viel Zeit brauchst du, um dich für einen festlichen Anlass zu stylen?
Immer so viel, wie ich habe. Es macht halt schon auch Spaß.

531. Wer hat für dich Vorbildfunktion?
Du gute Güte. Ich schätze Menschen, die ihr Leben einer einzigen Sache verschreiben.
(Aus aktuellem Anlass, as of Januar 2019: Nancy Pelosi. #BitchesGetStuffDone)

532. Würdest du etwas stehlen, wenn du nicht dafür bestraft würdest?
Mir fällt zwar grade nix ein, aber bei meiner Schwäche für schöne Dinge – vermutlich.

533. Hättest du gern eine andere Haarfarbe?
Einmal ein richtiger Rotschopf sein, das hätte schon was. Aber so insgesamt, ach, passt schon.

534. Was ist der grösste Unterschied zwischen dir und deinem Partner?
Die Existenz.

535. Wo isst du zu Hause am liebsten?
Wenn ich kann: Auf dem Balkon. Ansonsten ganz klassisch am Esstisch.

536. Wenn alles möglich wäre: Welches Tier hättet du gern als Haustier?
Eine Katze. Moment, nein, zwei Katzen. Mindestens.

537. Auf welche Frage wusstest du in letzter Zeit keine Antwort?
Beruflich ist das beantworten von Fragen so ein bisschen meine Hauptaufgabe und privat…hm. Wobei, da war letztens dieser Moment.
„Änderst du jetzt deswegen dein Leben?“ und ich hab noch nicht fertig darüber nachgedacht.

538. Was ist in deinen Augen die großartigste Erfindung?
Internet ist schon nicht schlecht und ich bin Fan von Kühlschränken, aber ganz ehrlich? Impfstoffe.

539. Wenn du emigrieren müsstet: In welches Land würdest du auswandern?
Grundsätzlich: Schottland. Aber Brexit.
Ansonsten: Italien. Aber Politik.
Im Zweifel: Canada. Aber ziemlich weit weg.

540. Nach welchen Kriterien suchst du einen Film aus?
Das Genre nach Stimmung, ansonsten kann ein bestimmter Drehbuchautor oder Darsteller ausschlagend sein.
„What We Did on Our Holiday“ klang ziemlich seltsam und eher kitschig in der Beschreibung, aber Tennant, Connolly und Rosamund Pike? Yes please.

541. Führst du Tagebuch?
*guckt sich um* Sowas ähnliches.

542. Welche Personen sind auf deinem Lieblingsfoto abgebildet?
Es gibt ein Bild von meiner Taufe, da sind mit Ausnahme meiner Schwester alle Familienmitglieder drauf, die mich am Anfang sehr geprägt haben und sie gucken auf dieses kleine Bündel da in der Mitte und, naja, ich mag wie geschützt sich das Bündel gefühlt haben muss.

543. Hast du häufig unnötigerweise Schuldgefühle?
Oh ja, sowas kann man prima an mich abgeben.

544. Was magst du am Sommer am liebsten?
Die warmen Abende, lange draußen sitzen und sinnieren, reden, Wein trinken.

545. Auf was kannst du am leichtesten verzichten?
Frühes Aufstehen.

546. Wie häufig gönnst du dir etwas?
Ich lebe grundsätzlich gut – kaufe z.B. tendenziell keine sehr billigen Lebensmittel – , darum kommt „gönnen“ entweder sehr regelmäßig oder höchst selten.
Als wirkliches Gönnen empfinde ich eher sowas wie einen freien Tag ohne besonderen Grund oder das eine Bier mehr in guter Gesellschaft, wodurch ich erst einen Zug später nach Hause komme. Vielleicht ist das meine Sorte Exzess.

547. Mit welcher Art von Fahrzeug fährst du am liebsten?
Fernzüge, 1. Klasse. So sollten wir alle reisen, ernsthaft. Das kann die Bahn auch gar nicht so schlecht.

548. Wovon bist du glücklicherweise losgekommen?
Ich neige nicht zum Suchtverhalten… also am ehesten wohl der ein oder andere Mensch, der mir nichts Gutes wollte.

549. Woran denkst du morgens zuerst?
Das mit dem Denken dauert lang, weil ich morgens nur aus Automatismen bestehe. Am ehesten wahrscheinlich „okay, neuer Tag, du und ich können das gemeinsam oder gegeneinander machen. Aber ich würde mich nicht mit mir anlegen.“

550. Was hast du vom Kindergarten noch in Erinnerung?
„Arschloch“ sagt man nicht. Recyclen ist wichtig. Die kleinen Schiffchen mit Teelichtern, die wir an einem Abend auf der Attl ausgesetzt haben. Der große, rotgewandete Nikolaus mit Bischofsmütze draußen auf einem schneebedeckten Feld. Mein Engelskostüm mit den Flügeln. „Spiel doch auch mal mit den anderen Kindern.“

Rückwärts

Neulich beim Blick in den Spiegel leicht erschrocken. Meine linke Gesichtshälfte zeigt langsam an, dass ich nicht mehr 27 bin. Nicht schlimm, alles sehr dezent. Die Nasolabioalfalte, der Mundwinkel, unter den Augen zeichnen sich leichte Vertiefungen ab. Ich kann damit leben. Also, könnte ich, wenn die rechte Gesichtshälfte mitmachen würde.
Aber nein, nichts, alles glatt wie immer. Es gibt auch Mimik-Bewegungen, die kriege ich rechts nicht hin. Die wilderen Ärzte hatten hier und da immer mal die Theorie, dass der kaputte rechte Fuß nur das Ende einer leicht angedätschten rechten Seite ist. Vielleicht hatte ich als Ungeborenes ein kleines Schlagerl oder irgendwas anderes, das zu einer ganz kleinen Seitenlähmung geführt hat.
Nichts was groß jemals aufgefallen wäre. Okay, Handschrift hab ich keine, aber das könnte auch einfach meine Grobmotorik sein.
Aber kaum wartet man 33 Jahre, schon sieht man, dass hier was nicht stimmt. Jetzt denke ich die ganze Zeit darüber nach, ob ich vielleicht nicht nur eine kauzige alte Frau, sondern auch noch eine sehr merkwürdig aussehende werde. Mit einer Gesichtshälfte, die meinem tatsächlichen Alter entspricht und einer, die immer einige Jahre, haha, hinterherhinkt.
Worüber man halt so nachdenkt.

Wie ich da so nachdachte, brach eine von diesen Wellen über mich hinein. Eine von den Erkenntnissen bei der man danach sagt, BOAH, das hättest du wirklich eher sehen können.
Weil: Die Sache mit dem Hinterherhinken ist in meinem Fall ja keine rein metaphorische. Es waren immer alle schneller als ich, sind an mir vorbei gezogen, vorangegangen. Womit ich mich physisch mehr oder minder abfinden kann, aber der Rest ist damit eben nicht einverstanden.
Muss man halt schneller denken und schneller reden und Abkürzungen finden, damit nicht immer alle bei allem schneller, früher da sind.
Was sie aber trotzdem sind. Alle haben eher geknutscht, alle hatten die Tricks im Studium früher raus, gefühlt machen natürlich auch alle schneller Karriere. (I KNOW, ihr fühlt euch auch alle so, aber lasst mich mal meinen Punkt machen.)

Weil, man entwickelt dann so eine fiese Seite. Man merkt sich die wenigen Gelegenheiten wenn jemand hinter einem geblieben ist und die seltenen Momente, wenn jemand stehengeblieben ist und gewartet hat. Oder wenigstens umguckte, wo ich blieb. Sowohl auf der echten Strecke als auch der metaphorischen. Und irgendwann, mittendrin, muss ich eine Dreckspanik bekommen haben, dass ich nicht ankomme. Keine Ahnung warum genau, aber irgendwo war da so eine stille Wut, ein keuchender Ärger darüber, dass alle anderen immer zuerst vorwärts kamen.
Klar, ich hätte ja auch mal stehenbleiben und mich umschauen können, ob ich auf jemanden warten muss (wobei da eigentlich nie jemand drauf Wert legt) oder ob es, wenn ich noch ein bisschen warte, jemanden gibt in dessen Windschatten ich unterwegs sein könnte. (Sie wissen schon, wie beim Biathlon, wenn einer bis kurz vor Schluss hinter dem Führenden zurückbleibt und dann erst kurz vorm Ziel überholt. Wie jetzt, Sie gucken keinen Wintersport?)

Jetzt sind mir schon wieder Schußwaffen dazwischen gekommen – wo war ich? Ach ja, genau, der schleichende Zynismus, der einen ergreift, wenn man selber nicht mal ordentlich schleichen kann. Das klingt jetzt alles schon wieder selbstmitleidiger als beabsichtigt, weil hinaus will ich eigentlich auf die Perspektive. Ich gucke also die meiste Zeit anderen hinterher und komme mir dabei dämlich vor. Einen freien Horizont habe ich immer erst, wenn die anderen schon über den Berg sind und ich grade erst oben stehe. Das ist merkwürdig und kostet Kraft und in diesen Tagen denke ich, hat mich das zu einer ausnehmend anstrengenden Person gemacht.

Schließlich habe ich an dieser Stelle schon durchaus ausführlich darüber geschrieben, wie ich aufgehört habe mich zu vergleichen und vor allem nur noch sehr bedingt Wert darauf lege, was andere von mir denken. Im Kern stimmt das auch. Außer bei denen direkt vor mir auf der Strecke. Das meint weniger Kollegen und Freunde als, so stelle ich fest, Menschen mit ähnlicher Persönlichkeitsstruktur. Also durchaus etwas sperrig und nicht vollends für den einfachen, direkten Weg geeignet. Wenn sogar solche an mir vorbei ziehen, macht das etwas mit mir. Es ist gleichermaßen Kränkung wie Motivation und generell enervierend. (Oh je, jemand hat wieder Bücher gelesen und will jetzt hier staubige Vokabeln unterbringen.)

Vielleicht gibt es einen guten medizinischen Grund für mein asymmetrisch alterndes Gesicht. Vielleicht zeigt sich auch nur, dass die Hälfte von mir, die manchmal eben doch nicht auf sich selbst guckt, sondern anderen hinterher trachtet, schneller altert.
Ich denke nicht, dass Anti ageing Kosmetik da eine Lösung für hat. Aber so wirklich habe ich auch keine. Wenn eine Perspektive so sehr Teil von einem geworden ist, wenn man nichts anderes kennt, seit man auf zwei Beinen steht – kann man das nochmal loswerden? Is there an app for that?

Fragen 501-525 (von hier)

501. Lässt du dich gern überraschen, wenn du essen gehst?
Es gibt zwei Arten von Essen gehen. Nr. 1: Ich will gut essen, etwas neues am besten, gern exotisch und wie ich es nie nachmachen könnte. 2. Ich hatte einen unsagbar blöden Tag und will sofort die Penne dello Chef / die Frühlingsrollen / das richtig scharfe Curry für mein Seelenheil haben. Es überwiegt zwar Variante 1, aber für eine Pauschalaussage langt es natürlich nicht.

502. Was war die beste Entscheidung deiner beruflichen Laufbahn?
Ich habe zwar die Hoffnung, dass die noch kommt, aber bisher – am Ende doch der naive Pitch für den Accelerator. Auch wenn es nicht wurde was sein hätte können, die Monate haben mir neue Horizonte eröffnet und mich neu über mein Berufsleben nachdenken lassen. Das war’s wert.

503. Wie heisst deine Lieblingsblume?
So ein Klischee, aber ich mag Orchideen.

504. Glaubst du, dass man dich hypnotisieren kann?
Eher so mittel.

505. Was musst du endlich wegwerfen?
Diverse Erwartungshaltungen, einige Ansprüche, eine ganze Kiste anhaltender Ressentiments und ach so, ein paar alter Schuhe.

506. Welche Stadt im Ausland würdest du gern besuchen?
Wie lang darf die Liste sein? Aber New Orleans ist aktuell die Stadt, die eigentlich weit oben auf der Wunschliste steht aber auch unerreichbar scheint, weil dieses Amerika ist kein Land in das ich reisen will.

507. Trägst du häufig Lippenstift?
Mittlerweile ja, sehr oft.

508. Wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten?
Viel Milch. Guter Kaffee: Nur ein Hauch Zucker. Bürokaffee: ZUCKER.

509. Gehst du gelegentlich auf einem Friedhof spazieren?
Oft und sehr gern. Die alten Namen, die Geschichten, die man aus den Gräbern liest, ich liebe das.

510. Wie viel gibst du maximal für eine gute Flasche Wein aus?
Uiuiui. Das ist so ein Wert, der merklich steigt. Ganz lange waren 15 Euro sehr viel Geld, dann 20. Sehr viel mehr als 20 Euro sind es auch aktuell nur ganz selten, allerdings waren es für eine wirklich, wirklich gute Flasche eben jetzt auch schon mal über 30 Euro. Das ist dann aber auch eine Flasche für einen bestimmten Anlass und nicht für mich allein, sonst könnte ich das mit mir nicht gut ausmachen.

511. Wie würdest du deinen Kleidungsstil beschreiben?
Sophisticated Langeweile.

512. Was ist wahr geworden, wovon du als Teenager geträumt hast?
Noch zu wenig.

513. In welchem Meer bist du zuletzt geschwommen?
Das ist auch schon wieder viel zu lange her. Im Mittelmeer.

514. Kochst du oft Fertiggerichte?
Nein, ich bin viel zu verzogen dafür. Manchmal sind Notfall-Pommes im Haus, für ganz üble Abende auch Ramen, aber mehr niemals.

515. Wo fühlst du dich geborgen?
Am Wasser. Im Wasser. Auf dem Wasser.

516. Was ist dein Schönheitsgeheimnis?
*blickt in den Spiegel*
Schlechte Augen…?

517. Bist du manchmal streng mit dir?
Immer, befürchte ich.

518. Welche Geschichte wird schon seit Jahren immer wieder in deiner Familie erzählt?
Gibt es so viele. Wir sind eine Anekdoten-Sippe. Ich mag die, in der die Clique meines Vaters seinerzeit das Lokalverbot umging, in dem einer sich als Handwerker einschlich, zuerst den Strom abstellte (die Band hat halt weitergespielt. So lang ist das her.), den Rest über die Terrasse nachholte und einer schließlich ein ganzes Tablett vom Kuchenbuffet mitgehen ließ. (Nein, das mit dem Kuchenbuffet klingt zwar nach ihm, er war aber wohl mit einer jungen Dame beschäftigt. Nix ausgelassen. Nix.)

519. Wann bist du zuletzt den ganzen Tag an der frischen Luft gewesen?
Den GANZEN Tag? What is this witchcraft you speak of?

520. Wie schön schreibst du noch mit der Hand?
Genauso hässlich wie immer schon.

521. Welcher Dokumentarfilm hat dich beeindruckt?
Zuletzt? Wild Wild Country, die mehrteilige Reihe auf Netflix. The Act of Killing hängt mir bis heute in den Kleidern. Und Paris is burning ist ein kraftvolles Werk, das auch zeigt wie lang der Weg noch ist.

522. Machst du in der Regel das, was du willst?
In der Regel erst recht nicht, da hat man ja Krämpfe….‘tschullingung, ich hab manchmal so einen Reflex.

Joah, im Allgemeinen schon.

523. Wie weit hast du deine Vergangenheit hinter dir gelassen?
Nicht annähernd weit genug.

524. Was solltest du eigentlich nicht mehr tun?
Über die Vergangenheit nachdenken.

525. Magst du klassische Musik?
Zumindest Opern und einige Konzerte, wenn auch sehr mainstreamig. Die Romantiker, italienische Hysterie, russische Walzer.

Vernäht

Neulich ging es in der Twitter-Timeline um Narben. Irgendjemand war im Krankenhaus gewesen und sorgte sich, dass die Narbe am Bein nicht schön heilen würde. Jemand anderes bestätigte, dass das aber doch sehr schöne Arbeit sei und bestimmt gut und vor allem kaum sichtbar verheilt.
An anderer Stelle wurde kurz davor nach einem Heilmittel für eine kleine Brandnarbe gefragt. Auch noch irgendwie mit “nicht beim Essen aufs Bild gucken”. Und ich dachte: HÄ?

Ging in Gedanken meinen Körper durch. Die lange Narbe die an der rechten Ferse beginnt und fast 10cm entlang der Achillessehne geht. Die großen Flecken am Knöchel, wo die Haut so großflächig von den Metallspießen des Fixateurs aufgerissen war. So geht es den Unterschenkel hinauf weiter. In der Mitte des rechten Unterschenkels ist die lustige dünne Narbe unter der man, wenn man mit dem Finger darüber fährt, die Delle im Knochen spüren kann. Die lädierten Knie zu beiden Seiten, weil ich immer schon zu blöd fürs Radfahren war. In der Leiste ist es nur ein Punkt, weil sie damals eine Laser-Prozedur ausprobiert haben um die Lücke in der Nähe meines Herzens zu schließen.

An den Unterarmen sieht man, dass ich immer durchs Leben gestolpert bin, gern an Dingen hängen bleibe und das Maul aufreiße, wenn Leute mit Messern in der Nähe sind. Und heiße Bleche sollte man mir auch nicht geben. Und Katzen, natürlich.
Am linken Oberarm ist die häßlichste von allen. Ziemlich lang und ziemlich dick, weil sich die Ärzte doch arg verschätzt hatten bei der Größe der Exostose. (Jaja, so ein Röntgenbild kann täuschen!) Also haben sie am Ende an diversen Stellen gezogen und mit einem dicken Faden genäht.
Neu ist der winzige Knubel an einem Schlüsselbein, weil mich in Hamburg ein herabfallender Ast hinterlistig angegriffen hat.

Worauf ich hinaus will: Ist das auch so eine Schönheitswahn-Sache oder bin ich einfach zu abgebrüht? Gut, bei mir verheilt das Zeug immer nur so mittelgut und ich habe die Hautfarbe eines gesunden Raffaellos. Aber wirklich – sind Narben jetzt auch böse und unerwünscht, weil wir alle glatt und perfekt und eigentlich Androiden sein sollten?

Habe ich tatsächlich übersehen auch noch an diesen Markern meines Lebens herum zu mäkeln? An Männern gelten Narben doch noch irgendwie als cool. Männer haben Kampfspuren. Hallo, meine Narben sind auch Kampfspuren. Von den Kämpfen meines Lebens. Von kleinen Niederlagen und großen Siegen. Von allen Dingen und “Fehlern” die mein Körper angeblich hat, empfinde ich die Narben als am wenigsten Relevant.

Wenn ich so stehe und an mir herunter blicke, dann sehe ich nur alles, weil ich auf beiden Füßen stehen kann. Weil clevere Ärzte die Sehnen meiner Zehen durchschnitten haben, um sie zu begradigen. Sehen sie darum seltsam aus? Ja. Find ich sie genau darum toll? Aber hallo.

Manchmal sind Geschichten hinter Narben furchtbar trivial (heißes Blech, über die eigenen Füße fallen, sich am Blech (!) festhalten wollen) und manchmal fast heroisch. (Du Nazi-Depp solltest erstmal deinen Hauptschulabschluß nachholen! Das ist ja ganz toll, dass du ein großes Messer hast. Gaaanz toll, haha.) Aber es sind Geschichten. Und während andere sich Bilder in die Haut stechen lassen und dramatisch die Haare abschneiden, sind Narben Geschichtenerzähler, die einfach da sind, ohne zusätzlichen Aufwand gewissermaßen.

Meine Narben gehören zu mir, wie meine Locken und meine Zahnlücke. Ich pflege sie auch. Manchmal sind sie die beste Erinnerung daran, dass egal wie der Tag gerade war, wie schlecht die Situation ist, ich habe schon andere Kämpfe durchgestanden. Kommt ihr mir ruhig mit der Sorge darum, ob man noch ärmellose Tops und Röcke tragen kann, wenn dabei ein Stück unperfekte Haut sichtbar wird. Ich freue mich über die Gesichter der Menschen, wenn ich meine Geschichten mit echten Narben beweisen kann.

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Thema von Anders Norén.