Donnerhall(en)

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September, endlich.

Endlich gleicht sich die äußere Wetterlage der inneren an.

Die Heulkrämpfe sind weniger geworden, aber die Haut ist immer noch nicht dick genug.

Eine Erkältung bremst alle Pläne aus und anstatt die tatenlose Woche zum Nachdenken zu nutzen, bin ich einfach nur indigniert.

Wie soll man denn das alles nicht persönlich nehmen? All die versäumten Dinge, die Absagen und nie passierten Momente. Das Universum steht in meiner verdammten Schuld. 

Regen und Tee, Wollsocken und Schokolade. Kerzenlicht und leere Seiten, die beschrieben werden wollen.

September.

Ein Teil von mir kann kaum erwarten, dass dieses Jahr zu Ende ist.Der Rest hat sich noch ein paar Dinge vorgenommen und hofft nicht allzu enttäuscht zu werden.

Ganze Abende mit einzelnen Sätzen von Styron.

“There he must, despite the anguish devouring his brain, present a face approximating the one that is associated with ordinary events and companionship. He must try to utter small talk, and be responsive to questions, and knowingly nod and frown and, God help him, even smile. But it is a fierce trial attempting to speak a few simple words.”

Darkness visible ; William Styron

Ich verlerne das Erzählen, überhaut das mit dem Nutzen der Sprache in all ihrer Länge und Breite. Ich dachte so lange ich müsse beweisen, dass ich  mehr kann als Worte aneinanderreihen und jetzt merke ich, dass ich kein Stück besser schreibe als vor einigen Jahren. Flucht nach vorn, ab in die Bücher, in die Schreibübungen in das gefährlichste aber auch mir bekannteste Gebiet, das ich kenne: meinen Kopf.

Wo die Selbstzweifel-Schatten und die Geister der verlorenen Menschen wohnen, wo die dunklen, zähen Flüsse meine Energie davon tragen und listige Raben meine Pläne sabotieren. Aber nur hier stehen auch die Ruinen der Geschichten, die Rohbauten einer Zukunft, das Baumaterial für alles was sein kann. Verleimt mit der Sehnsucht nach falschen Erinnerungen. Nur wenn ich hier Schlösser baue und die Flüsse vom Schlamm befreie, die Raben auf die Reise, dann kann das nächste Jahr ein anderes, ein wirklich anderes werden.

</Pathos>

Wenn Nachdenken, dann über bemerkenswert radikale Neuanfänge. Übers Brücken anzünden, Festland hinter sich lassen, vielleicht auch nochmal die eigenen Fähigkeiten neu aufstellen. Vielleicht ist es nach all dem Verlieren, nach dem Vergessenwerden und der Apathie zwischen mir und der Welt Zeit alles über den Haufen zu werfen.

Wenn nicht jetzt wann dann?

Fragen 101-125 (von hier)

101. Treffen die deinem Sternbild zugeordneten Charaktereigenschaften auf dich zu?

Ja, aber es sind dieselben, die langsam dazu führen, dass die Frage nicht lautet, ob ich auf dem Spektrum liege, sondern nur wie weit entfernt von der Norm. (langer Blogeintrag für ein andermal.)

102. Welche Farbe dominiert in deinem Kleiderschrank?

Beeren und Meer. Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte, aber ich finde Schwarz mittlerweile fast langweilig.

103. Holst du alles aus einem Tag heraus?

Ich weiß nicht, was das heißen würde. Manchmal, wenn ich eine bestimmte Energie habe. Wenn etwas mich beflügelt, dann bringe ich in einem Tag mehr als sonst unter. Auch wenn das manchmal nur dem „normalen“ Tag von anderen entspricht.

104. Wie viele TV-Serien schaust du regelmäßig?

Viele meiner aktuellen Serien enden dieses Jahr, ich glaube bald sind es nur noch eine handvoll.

105. In welchen Momenten wärst du am liebsten ein Kind?

Wenn ich Sehnsucht danach habe, dass jemand sich um mich kümmert. Weil ich krank bin, weil jemand gemein zu mir war, weil mein Schmerz ungehört bleibt.

106. Kannst du eine Woche auf das Internet verzichten?

Gute Frage. Das Internet ist mittlerweile so sehr Infrastruktur. Ich könnte mich versorgen, auch beschäftigen. Aber von den Telefonnummern in der Cloud über die Nachrichten zu Twitter – meinem Hauptnetzwerk – es wäre eine seltsame Woche.

107. Wer kennt dich am besten?

Keine Ahnung. Manchmal befürchte ich, dass man mich entweder kennen oder mögen kann und darum mich jemand sehr gut kennt, der mich aber nicht mehr mag und ich es darum nicht merke.

108. Welche Arbeit im Haushalt findest du am wenigsten langweilig?

Aussortieren und neu ordnen. Nach Alphabet, nach Gebrauchsfrequenz, nach Zuständigkeit – mit Etikettendrucker!

109. Bist du manchmal von anderen enttäuscht?

Ha. Haha. Manchmal.

110. Wie sieht ein idealer freier Tag für dich aus?

Ausschlafen, Schwimmen gehen, Schreiben, Lesen, Abends mit einem interessanten Menschen essen / etwas trinken gehen. Bis spät in der Nacht auf dem Balkon sitzen – weil man am nächsten Tag nochmal ausschlafen kann. (Ganz wichtig!)

111. Bist du stolz auf dich?

Ich wüsste nicht worauf. (vielleicht für’s Durchhalten?)

112. Welches nutzlose Talent besitzt du?

Ein Talent allein ist ja weder nützlich noch nutzlos. Talent allein ist einfach nur da. Man muss auch etwas damit anfangen wissen. Insofern sind alle meine Talente nutzlos.

113. Gibt es in deinem Leben etwas, das du nicht richtig abgeschlossen hast?

Die Liste der abgeschlossenen Dinge wäre kürzer. Der Titan-Nagel in meinem Bein hätte vor Jahren rausgekonnt, ich komm nur nicht dazu. All die ungeschriebenen Emails, begonnenen Projekte, wilden Ideen, ach, ach.

114. Warum trinkst du Alkohol beziehungsweise keinen Alkohol?

Weil er mir schmeckt. Weil ich die erste Stufe der Trunkenheit, das langsame nach hinten kippen der Anspannung und das vorsichtige Absinken der Hemmungen mag. Darüber komme ich eh nur selten hinaus. Vielleicht auch, weil es ein Laster ist, in dem man sich zumindest mittlerweile durchaus mit nerdiger Natur sehr wohlfühlen kann, weil es „angesagt“ ist, sich ein bisschen auszukennen.

115. Welche Sachen machen dich froh?

Da ist immer noch dieses High, wenn ich Bücher kaufe. Wenn jemand an mich denkt und sich meldet, einfach so. Wenn sich rausstellt, dass ich mir zu viele Gedanken gemacht habe, also immer. Wenn ich jemandem helfen konnte. Und dann gibt es da noch diesen Zustand in den man geraten kann, wenn man schreibt, wenn es fließt, wenn man die Kontrolle verliert. Das ist meine Lieblingsdroge.

116. Hast du heute schon einmal nach den Wolken am Himmel geschaut?

Jeden Tag.

117. Welches Wort sagst du zu häufig?

Oida.

118. Stehst du gern im Mittelpunkt?

Nein. Jein. Ja. Manchmal. Aber eigentlich, ach, es ist kompliziert. Aufmerksamkeit, so ein zerbrechliches, hell strahlendes Ding.

119. Wofür solltest du dir häufiger Zeit nehmen?

Andere Menschen. Spaß haben.

120. Sind Menschen von Natur aus gut?

Menschen sind von Natur aus gar nichts, alles andere fände ich furchterregend.

121. Gibst du der Arbeit manchmal Vorrang vor der Liebe?

Ich wünschte die Liebe hätte mich schon mal vor diese Wahl gestellt.

122. Wofür bist du deinen Eltern dankbar?

Für ihre Entspanntheit und den daraus resultierenden großen Freiraum. Dass sie immer, immer da waren. Wenn ich wieder wegen irgendetwas exotischem im Krankenhaus lag. Jedes Mal wenn ich gegen Ungerechtigkeit in den Kampf mit den Windmühlen gezogen bin.  Auch, als sich ihre Tochter in eine dunkle Wolke aus depressiver Todessehnsucht verwandelt hatte. Wie sie immer darauf bestanden, dass ich trotz allem wertvoll bin. So, so unendlich dankbar.

123. Sagst du immer, was du denkst?

Das ist ja das Problem.

124. Läuft dein Fernsehgerät häufig, obwohl du gar nicht schaust?

Nein, allerdings auch hauptsächlich weil Podcasts mein neues nebenher-lauf-Medium sind.

125. Welchen Schmerz hast du nicht überwunden?

Ich bin nicht gut im Überwinden. Es gibt Dinge, die sind so lange her aber ich würde nicht sagen, dass ich sie überwunden habe. Jetzt gerade: Dass ich, obwohl ich es besser wissen sollte, erneut jemanden nur wegen etwas das in meinem dummen Kopf schief läuft, wohl dauerhaft in die Flucht geschlagen habe. Was nicht zum ersten Mal passiert und mich zusehends wütend auf mich selbst macht.

Found at sea

  • Wenn wir mehr schlafen würden, ginge es uns allen besser.
  • Der Recruiter, der am ersten freien Vormittag anruft und mich in planerischer Laune erwischt. Ich hatte vergessen wie gern ich noch viel größere Brocken bearbeiten würde.

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  • „Aber jetzt mal ehrlich, du gehörst doch gar nicht nach München, da passt du gar nicht hin.“ (Danke)
  • Rosenheim, du alte Eishockey-Schabracke.

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  • Für jeden neuen Kilometer Autobahn, sollte man Badeseen ausheben müssen und Wildwiesen anlegen und überhaupt, wenn wir die Welt schon mit Klimaerwärmung ruinieren, dann wenigstens in dem wir am Wasser rumliegen.
  • Zeit für Schwimmen und Schreiben und Katzenkraulen sollte therapeutisch abgerechnet werden können.

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  • Sehr geehrte Deutsche Bahn: Als nächstes bitte die Schnellstrecke MUC – HH
  • ABER VORHER AUF FLIEGERBOMBEN PRÜFEN
  • WIRKLICH GENAU NACHSCHAUEN

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  • Dinge, die ich nicht lerne: Alsterwasser ist immer einen Hauch zu süß gemischt und darum trinke ich es noch schneller. Ungut.
  • Zum Ausgleich ist der Hamburger um nicht zu sagen sind große Teile der norddeutschen Bevölkerung fantastisch. Wir müssen uns nur noch darauf einigen wo der Norden losgeht. Nicht alles hinter Hannover ist Bayern. Wirklich.
  • Hamburg erscheint dreckiger als München, vielleicht der Missing Link zwischen Bayern und Berlin. Ein bisschen lauter, ein bisschen ungehobelter und zumindest für meine Augen mit mehr vordergründiger Armut. Aber das ist in Bayern, selbst in München auch so ein Thema. Man ist da gschamig und im Zweifel gibt es halt auch die Sheriffs in Manhatten, die Menschen vertreiben. Es ist ein Unding. Andererseits war ich geneigt den Bettler mit den nackten Füßen am Hamburger Bahnhof auf seine sehr neu und eher teuer aussehende Uhr hinzuweisen. Das ist einfach unprofessionell.
  • Das Stück an der Binnen-Alster, wo die großgewachsenen blonden, schlanken Hamburger Mütter in den perfekten gestreiften Polo-Shirts dem kleinen Mauri vorschlagen, dass sie sich im ‚Conti‘ schnell was zu trinken holen könnten. Hach ja.
  • Lasst das mit den Brezen. Um Gotteswillen, bitte.
  • Aber ich komme wieder, keine Sorge. Oder halt doch Sorge, ist Ansichtssache.

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„Das hier ist die flache Ecke von Schleswig-Holstein.“

  • „Dein Glas ist schon wieder leer.“
  • Bis 2 Uhr morgens reden. Didn’t know I could still do that. Ich habe keinen Kater, das ist nur eine sehr flauschige Katze.
  • Letztendlich bin ich sehr pflegeleicht. Regelmäßig Alkohol und Booooooooooooooootfahrn, dann bin ich eigentlich ein ausgeglichener Mensch.
  • MEER. MEEEEEEEER.
  • (Da müssen irgendwo Wikinger-Vorfahren im Stammbaum lauern.)
  • Bitte gebt mir keine Bälle mehr in die Hand. Lieber Gläser.
  • Lernen Norddeutsche das unauffällige Nachfüllen von Schnapsgläsern eigentlich in der Schule? Gibt es darum bei euch diese mythischen Supermärkte?
  • The Dänen-Problem of it all. Aber auch die Schweden.
  • Nie wieder Witze über süddeutsche Ortsnamen, solange ihr ohne die Mundwinkel zu verziehen über Schuby und Tart reden könnt.
  • 5 Sorten Gin, 11 Sorten Whisky, etwas Rum und da ist noch ein ulkiger Likör in meiner Tasche. Gutes Wochenende.
  • FLAUSCH
  • Nachdenken über Neuanfänge, womöglich sogar außerhalb der bajuwarischen Comfort-Zone

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Jetzt schon so viele Pläne und Einladungen für das kommende Jahr, dass ein großer Kalender angeschafft werden muss. Irgendwie gutes Gefühl. 

Vielleicht schreibe ich einen Brief, wenn du mir schon nicht  zuhören willst. Nicht einen, den man abschickt. Einen, den man aussetzt. Herrgottnochmal, das hätte es nicht gebraucht. Der Schrankkoffer mit den Geistern ist doch schon voll. 

Fragen 76-100

76.Welches Märchen magst du am liebsten?

Geh mir weg mit Prinzessinnen, ey.

77.Was für eine Art von Humor hast du?

Ob ich das beantworten sollte? Ich würde sagen Sarkasmus mit einer Prise schwarzem Ruß und einem Körnchen hysterischer Albernheit. 

78.Wie oft treibst du Sport?

Selten. Außer ich habe die Möglichkeit schnell und unkompliziert ins Wasser zu kommen. Alles andere verbinde ich mit verspannter Fuß-Muskulatur, mit schmerzenden Gelenken und überhaupt Pfui Deife.

79.Hinterlässt du einen bleibenden Eindruck?

So they tell me. (Teilweise auch nach 10, 15 Jahren in denen sie meiner nicht ansichtig wurden, um mich dann aber sofort wiederzuerkennen. Spooky.)

80.Auf welche zwei Dinge kannst du nicht verzichten?

In Bezug auf…? Ächz. Natürlich ist immer ein Getränk und etwas zum Aufschreiben in der Handtasche. Aber wirklich unverzichtbar sind eher so Dinge wie Haltung und Selbstachtung. (Ha. Haha. Hahahahaha.)

81.Was würdest du tun, wenn du fünf Jahre im Gefängnis sitzen müsstest?

Lesen. Alles lesen. Schreiben. Sollte ich dort unschuldig sitzen: Kämpfen. Wenn ich was angestellt habe, hatte ich bestimmt einen guten Grund. He had it coming. (Cue Ohrwurm von Chicago.)

82.Was hat dich früher froh gemacht?

Bücher. Bücher kaufen, Bücher lesen, über Bücher reden. Hm. Darüber sollte ich nachdenken. Ach und Dampfnudeln. Der erste Schwimmzug in einem neuen See. Okay, streichen wir das „früher“. Ich wusste mit 10 was mich glücklich macht und wirklich geändert hat es sich nicht.  

83.In welchem Outfit gefällst du dir sehr?

Meine Figur und ich, wir sind ja mehr so der Retro-Typ. Lange Kleider funktionieren sehr gut – aktuell sehr verliebt in das petrolfarbene mit passendem Gürtel. Und der gemusterte Flatterrock, den ich noch nicht lange habe. Alles was Pink wie Orchideen oder Saphir-Blau ist.

84.Was liegt auf deinem Nachttisch?

Immer mindestens ein Buch, die Schilddrüsen-Tabletten, mein Lichtwecker und Feuchtigkeitscreme, falls mir erst wieder im Dunkeln einfällt, dass meine Ellenbogen sich ein bisschen wenig geschmeidig anfühlen.

85.Wie geduldig bist du?

Nicht.

86.Wer ist dein gefallener Held?

Das mit den HeldInnen ist schwierig, gerade in diesen Zeiten. Wem ich glauben wollte: Elizabeth Holmes. Ja, gut, äh. Das war eher unklug

Ich weiß nicht, ob es passt, aber manchmal, da haben mir Menschen heldenhafte Dinge versprochen. Da zu sein, zuzuhören, mitzukämpfen. Das ist mein Pantheon gefallener Verbündeter. Heute leben sie als Dämonen in einem unsichtbaren Schrankkoffer unter meinem Bett.

87.Gibt es Fotos auf deinem Mobiltelefon, mit denen du erpressbar wärst?

Nö.  (Ich bin selbst gleichermaßen unfotogen wie unbegabt was Selfies etc. angeht. )

88.Welcher deiner Freunde kennt dich am längsten?

Äh. Ähm. Rechnet man da brutto oder netto Zeit? Oder sagt man gleich, dass Menschen mit Schwestern an dieser Stelle immer quasi nur mit Platz 2 antworten können?

89.Meditierst du gern?

Nein. Aber ich kann lang und entspannt aufs Wasser gucken. Darin bin ich sogar ganz hervorragend.

90.Wie baust du dich nach einem schlechten Tag wieder auf?

Let’s put a pin in this. Momentan gelingt das irgendwie nicht.

91.Wie heisst dein Lieblingsbuch?

Aber sonst geht’s gut?

92.Mit wem kommunizierst du am häufigsten über WhatsApp?

Eigentlich mit der R, dem Schwesterherz. Aber die B (Whisky, Schottland, Katzen) als close second.

93.Was sagst du häufiger: Ja oder Nein?

Ich gucke eher. Dann wissen Menschen was ich meine. Ich gucke seltener aufmunternd.

94.Gibt es Gerüchte über dich?

Das will ich doch stark hoffen. (Kommt, rückt raus, ich erzähl’s auch nicht weiter!)

95.Was würdest du tun, wenn du nicht mehr arbeiten müsstest?

Im Sinne von: Ich wäre trotzdem versorgt? Dann vermutlich viel Schreiben, Reisen und es mir gut gehen lassen.

Im Sinne von: Sehr viel Geld übrig? Dann ein großes Projekt suchen. Tendenziell ein altes, riesiges Haus, das man herrichten muss. Mit Obstgarten und Gewölbestall. Eine Heimat schaffen für alle, die auch keiner haben will.

96.Kannst du gut Auto fahren?

Ich kann sogar überhaupt nicht Auto fahren.

97.Ist es dir wichtig, dass dich die anderen nett finden?

Selten bis gar nicht. Ich bin ja auch nicht nett. Hin und wieder ist es schön, wenn man mich trotzdem irgendwo haben will. Aber mehr kann ich gar nicht verlangen.

98.Was hättest du in deinem Liebesleben gerne anders?

Eine Existenz davon wäre schon auch… nett.

99.Was unternimmst du am liebsten, wenn du abends ausgehst?

Reden. Wein trinken. Über fantastisches Essen freuen. Leute gucken. Wirklich lange reden. Irgendwann zu Whisky wechseln. Reden, bis dieser Level erreicht ist, an dem du dich traust Dinge auszusprechen, die du sonst niemandem erzählst.

100.Hast du jemals gegen ein Gesetz verstossen?

Bestimmt.

Send in the Clowns

Es gibt diese eine Stelle in „Nanette“, dem viel besprochenen Programm der australischen Comedian Hannah Gadsby (läuft auf Netflix und ich werde eventuell in diesem Leben nicht mehr aufhören es Menschen zu empfehlen. Go, watch, I’ll wait.), in der sie darüber redet, wie früh sie lustig war. Survival-Instinct nennt sie das.

Weil Jokes die aufgebaute Spannung auflösen. Und wenn man selbst die Spannung ist, sich so empfindet, löst man die Spannung in dem man Witze über sich selbst macht. (Hannah erklärt das alles viel besser. Go. WATCH. I’ll wait.) Gelächter, das gleichermaßen alle entspannt, während es den Selbsthass bestätigt.

Sie war so früh schon so lustig, dass ihr schließlich jemand empfahl das ganze beruflich zu machen. Sie lernte mit einer Geschichte Spannung aufzubauen und diese durch eine Punchline oder einen trockenen Kommentar zu lösen. Als lesbische Komödiantin, die sich völlig bewusst ist, dass sie durch ihr Aussehen öfter auf den ersten Blick für einen Kerl gehalten wird, herrschte kein Mangel an Material. Lesbian Content. A bit of feedback.

Es ist der Punkt an dem ich immer wieder hängen bleibe. An dem ich kurz stoppen und Luft holen muss. Tief und langsam ein- und ausatmen. Mit Sauerstoff gegen das arbeiten, was sich da von unten versucht nach oben zu graben.

Ich war lustig, bevor ich verstand wie Humor funktioniert, sarkastisch lang bevor mir klar war wie viel Gift darin steckt. Wenn die Erwachsenen lachen, dann gucken sie nicht so besorgt. Wenn die Mitschüler lachen, dann bin ich in Sicherheit. Wenn die Menschen mit denen ich an einem Tisch sitze lachen, dann fällt ihnen nicht auf wie merkwürdig ich bin. Wenn sie lachen, darf ich da sein.

Solange ich witzig bin, darf ich auch existieren, vielleicht sogar Raum einnehmen.

Das war der Faustschlag mit dem mich Hannah Gadsby ausgeknockt hat. In einem Programm das so voller roher Wahrheiten steckt, das den Vorhang aus Jokes vor dem Schmerz wegzieht, war es die Sache die mich bis heute verfolgt.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht so witzig wie Hannah Gadsby oder irgendjemand der das professionell macht. Ich bin die mit den Bonmots, den sarkastischen Antworten, dem trockenen Kommentar zur Situation. Der bitchy Sidekick-Charakter in der Sitcom, dessen kleine Gemeinheiten alle mögen, weil sie auf spezifischen Beobachtungen basieren, ein Nachweis für Aufmerksamkeit sind.

Aber ich bin amüsant genug, dass diese Eigenschaft oft genug die Rechtfertigung, ja geradezu der Grund für meine Teilnahme an etwas war.

Es gibt Menschen, die mich mögen. Und Menschen, die mich unterhaltsam finden.

Mir ist völlig klar welche Gruppe größer ist, ich kann das nachvollziehen. Menschlich bin ich kein ganz so großer Gewinn. Da hakt es in Sachen Empathie und Warmherzigkeit und wiesagtman, generelles Nett-sein. Nett sein ist kein Entertainment und ich hab gelernt mich in die Pointe zu retten.

Dadurch, dass mein Default-Setting gegenüber anderen Menschen Misstrauen ist, hab ich gelernt Personen halbwegs treffsicher zu kategorisieren. Was in diesen Tagen, wo ich die Kreise enger ziehe, die Sache einfacher macht. Manchmal, öfter als gedacht, sind sogar positive Überraschungen dabei und Leute, die ich in die Kategorie „Entertainment“ gepackt hatte, entpuppen sich als Fans des Gesamtpakets. Sind sogar da, wenn ich mehr Aufwand als Unterhaltung bin.

Das erste Publikum als Kind waren neben meinen Bezugspersonen die Ärzte. Immer drückte irgendjemand an mir rum oder setzte wieder eine Spritze an, es gab irgendetwas zu röntgen oder zu ultraschallen. (Das ist kein Wort, richtig? Egal.) Ich war neunmalklug, wissbegierig und hab furchtlos die Klappe aufgerissen. Hat gelangt, um für Erheiterung zu sorgen – und die Spannung im Raum zu lösen.

Später hab ich gelernt zu reden, die Zeit zu überbrücken, in der man auf mich warten musste, weil ich langsamer war als alle anderen. Sie sind weniger genervt, wenn man einen passenden Spruch dazu macht. Dann schaut auch keiner mehr so genau, ob man grade vor Schmerzen das Gesicht verzieht. Witzischkeit kennt keine Wirklichkeit.

Später dann schwarzgetränkter, pubertär wankender Depressions-Humor gegen die Isolation. Ach, ihr mögt mich alle nicht? Ja, nun, ich kann über jede einzelne eurer Schwächen etwas sagen, worüber die anderen lachen können. Ich bin der Freak? Ja, aber wenigstens kann ich Leute ablenken.

Es hat dann noch ein paar Jahre gedauert, bis ich das alles so gezielt einsetzen konnte, wie nötig. Bis ich den Performance-Hebel lokalisiert hatte und ihn umlegen konnte, wenn innerlich alles stockfinster war, aber ich nicht mehr ertragen konnte, wie man um mich herum versucht sensibel zu sein. Pfuideife. Dann lieber Performance.

Wer im Zweifel den Satz am Rande der Pietät sagt, wirkt im Übrigen wohl auch souverän und unabhängig. „Sie ist mehr so der einsame Wolf“ , das war in der 3. Klasse.

Es gibt Menschen, die mich kennen. Und Menschen, die meinetwegen lachen.

Hin und wieder verschätze ich mich natürlich auch in die andere Richtung. Nicht oft, immer seltener. Aber manchmal, entweder weil es Hinweise gab oder diejenigen Menschen es schlichtweg behauptet hatten, dachte ich, jemand könnte da sein, sogar wenn ich grade humormäßig eher am Bodensatz kratze.

Mit mehr oder minder großer Überraschung lerne ich dann, dass genau diese Menschen auf Distanz gehen, sobald ich mehr dunkle Wolke als Showtime bin. Wohl nicht genug gewesen. Nicht witzig, nicht interessant, nicht… genug.

„Du solltest froh sein, wenn man sich mit dir abgibt, anstatt auch noch Forderungen zu stellen.“ , das muss ungefähr mit 13 oder 14 gewesen sein. Einer von denen, der sich eingegraben hat, vielleicht bis in mein Erbgut, jeden einzelnen Zellkern. Ein Teil von mir wird das immer für die Wahrheit halten. Wird glauben, dass ich meine Existenz mit Punchlines begründen und akzeptieren muss, wenn ich weggeschickt werde, sobald die Gags ausbleiben.

„I need to quit comedy“ sagt Hannah Gadsby dann mitten im Programm. Noch bevor sie vollumfänglich erklärt, wie schwierig es ist die eigenen Trauma, den eigenen Schmerz anders zu teilen. „I need to tell my story properly.“, hängt sie dran. (Go. WATCH. I’ll wait. REALLY, I’LL WAIT.)

Sie steht auf dieser Bühne und erklärt, dass sie ihre Geschichte teilen muss, dass wir sie aushalten, mittragen müssen. Weil die Witze darüber, sie heilen nicht. Sie reißen die Wunde wieder und wieder auf, um sie rumzuzeigen, wie eine moderne Freakshow. (Es sollte T-Shirts geben. „This is what Depression looks like ™“, wie die für Feminismus.)

Wenn Menschen sich entgegen meiner Erwartung nicht als alliierte sondern eben „nur“ als, hm, Klatschvieh (too harsh?) entpuppen, reißt das genau die Wunde wieder auf. Wenn du nicht witzig bist, gehen wir. Weil aushalten, deine Geschichte teilen, das tun wir nicht. Dafür bist du nicht gut genug. Aufmerksamkeit gegen Lacher, das war der Deal.

Dieses Mal hab ich Glück. Es sind sehr wenige, sehr spezielle Fälle in denen ich mich getäuscht habe. Immer noch genug, um mich auseinanderzureißen, aber nicht, um deswegen meine Klappe zu halten. Kommen halt in den Schrank, zusammen mit den anderen Geistern.

I need to tell my story properly.

aus “Nanette”

Das bedeutet nicht, dass ich jetzt ernst werde. Es ist 2018, haben Sie sich mal umgesehen? Als wäre das alles anders zu ertragen. Also bitte. Aber manchmal. Vielleicht in diesen Moment, wo ich mich sonst in einen Satz, eine selbstreflexive Pointe rette. Ich sollte versuchen es anders auszuhalten. Zu sehen, ob ich ausgehalten werde.

Ich hab keinen Eintritt genommen, hier kann jeder aufstehen und gehen.

Ja, aktuell ziehe ich die Kreise enger, kein Platz für wankelmütige Lückenfüller. Aber solange ich falle, kann ich mich nur an den Standfesten wieder aufrichten. Neues Publikum findet sich, wenn ich wieder einsteige.

“Laughter is not our medicine. Stories hold our cure

Hannah Gadsby

Ganz egal was die Welt uns suggeriert, Heilung ist mehr Wert als Applaus.

P.S. Für mehr Mythen-Zerstörung in Kunstgeschichte! Go Hannah!

P.P.S. Komm, wir machen hier noch ein bisschen Füllmaterial.

51. Wen hast du das erste Mal geküsst?

Moment, geht’s jetzt um meinen ersten Kuss oder jemanden dessen erster Kuss ich war?  Seltsame Fragestellung. Egal, ich erinnere mich an beides nicht im Detail. Der erste Kuss war eine Party-Bekanntschaft. Er hatte dunkle Haare mit zu viel Gel drin und sehr hübsche braun-grüne Augen. Der Kuss war natürlich fürchterlich. Ungelenk und hektisch und schon damals hab ich nicht verstanden warum viele Kerle so küssen, als wollten sie einen verschlingen.

52.Welches Buch hat einen starken Eindruck bei dir hinterlassen?

So viele. Am nachhaltigsten oft Biographien, weil diese Leben wirklich passiert sind. Oft noch viel mehr als zwischen die Buchdeckel passt. Andererseits. Hotel New Hampshire hat mich damals in so einer Phase erwischt. ( I KNOW.)

53.Wie sieht für dich das ideale Brautkleid aus?

Ahahahahahaha. (Sollte ich mich aus irgendwelchen Gründen damit beschäftigen müssen: Scarlett O’Hara goes woke millenial. Also einfach bei Christian Siriano  in Auftrag geben.)

54.Fürchtest du dich im Dunkeln?

Nein, im Gegenteil.

55.Welchen Schmuck trägst du täglich?

Ohrringe. Ohne gehe ich nicht aus dem Haus. Außerdem seit knapp 12 Jahren dieselbe, überhaupt nicht smarte Armbanduhr.

56.Mögen Kinder dich?

Eher nicht. Aber wir sind uns auch gegenseitig nicht ganz geheuer.

57.Welche Filme schaust du lieber zu Hause auf dem Sofa als im Kino?

Alle.

58.Wie mild bist du in deinem Urteil?

Eigentlich gar nicht, außer jemand anders urteilt bereits scharf. Dann tritt irgendein wilder Reflex auf, der dazu führt, dass ich versuche die Nuancen zu sehen und die menschliche Natur zu verteidigen. Also außer man lässt mich im Stich. In that case – you’re dead to me.

59.Schläfst du in der Regel gut?

Och, naja, langt schon.

60.Was ist deine neueste Entdeckung?

Locken-Produkte. Jaha. Ich versuche das Zeug auf meinem Kopf ja schon lang ohne Silikone, Alkohol und Sulfate zu behandeln, also alles bio. Nach der letzten Kräusel-Krise und mit Hilfe von Instagram habe ich aber eine komplett neue Welt von Marken und Produkten nur und exklusiv für Locken aufgetan. Es ist ein bisschen ein Kulturschock. Es gibt eine Locken-Community. Ich bin nicht allein. Ach, es ist ein Traum. (Ja, ich kann auch sehr oberflächlich wenn’s sein muss. )

61.Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?

Nein? Ich glaube, dass etwas von uns bleibt, in den Herzen und Köpfen derer die wir zurücklassen. Daraus kann eine Energie entstehen, die all diese Dinge erklärt, für die wir sonst keine gute Begründung haben. Die stillstehenden Uhren, die von der Wand fallenden Bilder, die vermeintlichen Schutzengel. Wie alle Generationen vor uns operieren wir unter der Prämisse, dass wir alles, was es zu messen gibt, auch messen können. Nur mal angenommen dem ist nicht so: Vielleicht hinterlassen wir etwas, das nur niemand messen kann.

62.Auf wen bist du böse?

Meistens mich selbst. Ein auf alle die gegangen sind, ohne sich zu verabschieden. Zuviel Raum für Spekulation. Zu viel Platz für die Feststellung, dass ich schuld war. (sieh oberer Blogeintrag.)

63.Fährst du häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln?

Ich  bin Bahn-Pendler und wenn ich aus der Altstadt raus will, muss ich meistens den Bus nehmen. Aber ich mag das Konzept.

64.Was hat dir am meisten Kummer bereitet?

Über die annähernd 33 Jahre meines Lebens – ich schätze mein Aussehen oder besser gesagt meine Physis. Das krumme Lächeln, die strammen Oberschenkel und der Fuß, der nicht tut was er soll. Nicht einfach nur vom ästhetischen Standpunkt, sondern auch vom funktionellen. Ich will, dass Dinge einer Struktur folgen, sich fügen, funktionieren wie bestellt. Das tut mein Körper, mein Aussehen einfach nicht. Diesen Kampf gegen sich selbst aufzugeben, das ist wie eine Niederlage, die man nie los wird.

65.Bist du das geworden, was du früher werden wolltest?

Da ich weder Archäologin noch Astrid Lindgren bin – nein. Aber das kann ja noch werden.

66.Zu welcher Musik tanzt du am liebsten?

Tanzen? Have we met?

67.Welche Eigenschaft schätzt du an einem Geliebten sehr?

Geduld. Zuverlässigkeit. Ungezügelter Optimismus.

68.Was war deine grösste Anschaffung?

Äh. Im Sinne der tatsächlichen Größe? Oder des Preises oder wie jetzt? Trotz meines Hangs zu Luxusartikeln fällt mir spontan nichts exorbitantes in meinem Besitz ein. Vielleicht ein Möbelstück? Mein heißgeliebter Esstisch aus Mangrovenholz war nicht billig und klein ist er auch nicht. Oder der Laptop? WASN DAS ÜBERHAUPT FÜR EINE FRAGE EY.

69.Gibst du Menschen eine zweite Chance?

Mit wenigen Ausnahmen: Ja. Vielleicht aber auch nur in der Hoffnung, dass ich selbst eine bekäme.

70.Hast du viele Freunde?

Nein, oh gott, nein. (Again: See above.)

71.Welches Wort bringt dich auf die Palme?

Aktuell: Der Gebrauch von Almann und Kartoffel im politischen Kontext ist ungefähr genauso bescheuert wie Leute, die denken Gutmensch wäre eine Beleidigung. Wenn man doch auf der richtigen Seite steht, warum verunglimpfende Sprache nutzen? Was soll das? We go high sagt Michelle, WE. GO. HIGH.

72.Bist du schon jemals im Fernsehen gewesen?

Nicht, dass ich wüßte.

73.Wann warst du zuletzt nervös?

Vor dem Versenden einer Nachricht mit unbekanntem Ausgang.

74.Was macht dein Zuhause zu deinem Zuhause?

Die Hausbar…? Oder besser: Dass ich alles was es dort gibt selbst ausgesucht habe. Eine dunkelblaue Wand, ein türkisfarbener Flur, die grünen Vorhänge und ein Schaukelstuhl – ich wollte das alles so. Queen of my domain.

75.Wo informierst du dich über das Tagesgeschehen?

Tagesschau, Twitter bzw. die Twitter-Accounts diverser Zeitungen., New York Times online.