Donnerhall(en)

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Schlagwort: ism (Seite 2 von 7)

in der ich Niveau-Limbo tanze

“Sag mal Bella, warum hast du den zu den ganzen Diskussionen nichts geschrieben?”

Nun, da sind zunächst die offensichtlichen Dinge. Zuwenig Zeit, zu viele kluge Texte anderer Leute. Außerdem habe ich erneut festgestellt, wie wenig ich eigentlich weiß.
Eine erste Ahnung davon bekam ich bereits während meines Gastspiels bei den Stützen der Gesellschaft. Die dortige, famose Kommentatorenschaft wirft sich galant die Literatur-Referenzen zu und ich google hektisch lateinische Phrasen. Ähnlich fehlt mir der akademische Boden in Sachen Feminismus. (Wobei ich das für gar nicht mal so schlecht halte.)

Aber die Wahrheit ist: Ich bin doofer als die meisten glauben.

bling bling

Das ist keine Koketterie, sondern der Versuch einer Einordnung. Das Internet raubt dem Begriff “Allgemeinwissen” langsam die Berechtigung. Weil, was ist schon noch allgemein? Dass ich den Kader des FC Bayern aufzählen kann, weiß wer grade Bildungsministerin ist und das Style Sheet des Blogdingsis selbständig ändern kann? Oder fehlt mir jedes Allgemeinwissen, weil ich außerhalb von H2o keine einzige chemische Formel kann, nicht ein einziges Buch von Günther Grass gelesen habe und bis vor kurzem dachte Casper (Rapper, Emo, Hoodie) und Cro (Rapper, Emo mit Synthezisern, Pandamaske) wären ein und dieselbe Person?

Weil ich meine Jugend und Kindheit weniger mit Gleichaltrigen und mehr in Phantasiewelten (eigene, niedergeschriebene) verbracht habe, ist mein Wortschatz nicht der schlechteste. Darum bin ich auch schwer zu beeindrucken. Filterbubble hin, Bildungsgrad her – ich war mir immer sicher gar nicht sooo schlecht da zu stehen. So lautete auch die Rückmeldung meiner Umgebung. Ich wurde also wegen allem nach einer Antwort und bei vielen Dingen nach einer Meinung gefragt. Ein Teil von mir entwickelte auch den absurden Ehrgeiz immer die richtige Antwort zu kennen und eine möglichst differenzierte, blumig formulierte Ansicht zu besitzen. Dass mein Charakter so kantig ist, liegt zum Teil mit Sicherheit daran, dass ich immer nur versucht habe meinen Intellekt zu feilen. Der Rest lief halt so mit.

Dabei ist das alles nur eine Frage der Perspektive. Als in der zwölften Klasse eine Mitschülerin hinter dem Kürzel SPD die sozialpädagogische Partei Deutschlands vermutete (dies war ihr ernst und kurz darauf erhielt sie die Fachhochschulreife) wirkte ich dagegen natürlich brillant. Genauso hat mein Hang zu Diskussionen mir gewisse, rhetorische Werkzeuge verschafft. Und wer Reden schwingen kann, wirkt schnell clever. Ob nun in 140 Zeichen oder auf 1000 Worte verteilt – wer den Geist mit Worten auf eine Fährte führen kann, gilt als raffiniert und wird erstmal zur Kenntnis genommen.

Das Problem der Filterbubble ist nicht was drin oder draußen ist, sondern dass überhaupt nur wahrgenommen wird, was ungefähr auf dem eigenen Bildungslevel artikuliert werden kann. Das war bis zu einem gewissen Grad immer schon so. Dass wir Menschen mit verpeilter politischer Orientierung mittlerweile automatisch Dumm nennen, obwohl sie das ja nicht immer sind, ist Ausdruck der nicht vorhandenen Anerkennung dieser Einstellung. Der Nazi ist immer ein dummer Nazi, weil dumm schlimmer ist als falsch. Außerdem können wir uns auf dumm einigen. Was heute richtig oder falsch ist, darüber geraden wir in Seitenlange Auseinandersetzung. Daher ist diese intellektuelle Sortierung ein Filtermechanismus, den die meisten von uns nachvollziehen können. Aber auch einer, mit nur einer Messungsgröße. Der Sprache.

Darum ist das Internet toll für alle, die immer schon wissbegierig waren. Wir finden zu jedem Thema einen klugen Text, eine neue Anregung. Es macht also da weiter, wo mitreißende Lehrer, Dozenten und enthusiastische Freunde angefangen haben. Wir können uns in ein Thema vergraben oder dank Links vom Baum zum Zweig und vom Zweig zum Ast hangeln und am Ende landet man bei einer absurden Sexualpraktik. (Verdammt, jetzt hab ich wieder den drunt in der grünen Au – Ohrwurm.)
weltanschauung, anders

Hin und wieder habe ich mit jungen Menschen zu tun, deren Leben fernab aller Memes und Shitstorms stattfindet. Sie arbeiten mit Menschen die manchmal einfach nur langsam denken oder Schwierigkeiten haben diese Gedanken zu äußern. Die aber jederzeit intelligent genug sind, um ihre Betreuer und Pfleger auszutricksen oder zu erheitern. Das Internet dieser jungen Menschen mit mittlerer bis hoher Bildung ist Facebook für Fotos, Whatsapp für tägliche Kommunikation und Youtube für lustige Videos. Mehr brauchen sie kaum. Sie beherrschen ihr Fachvokabular, schreiben sich aber Emails in komplettem Dialekt.
Sie haben aber, im Gegensatz zur mir, Bausparverträge, sind komplett versichert, betreiben strategische Altersvorsorge und stehen den praktischen Dingen des Lebens ganz allgemein weniger verwirrt gegenüber. Sie finden mich zwar clever, aber auch verkopft, unpraktisch und wahnwitzig tollpatschig. (Zugegeben, sie haben recht.)
Was in Büchern schon als “emotionale” Intelligenz bezeichnet wurde besitzen sie ohnehin mehr als die meisten anderen. Überdurchschnittliche empathisch nehmen sie ihr Gegenüber, egal was für große Reden es schwingt, psychologisch auseinander und reagieren entsprechend. Ich nenne es nützliche Intelligenz.

Was fehlt, ist die Meta-Ebene. Also der schwer greifbare Überbau, der online dafür sorgt, dass wir Twittergespräche ohne direkt Anrede (Postmentionismus) führen, Popkulturzitate im ironischen Kontext anbringen und so ein Netz aus Bezugspunkten schaffen, das uns das Gefühl verleiht auf der richtigen Seite von etwas zu stehen. (Also nicht doof zu sein.)

Darum gehe ich momentan Diskussionen und Themen online etwas anders an. Kann ich zu dem Thema einen wirklich neuen Gedanken beitragen? Kann ich dies, ohne mich dabei in sprachliche Finessen und ein paar lakonische Bemerkungen zu flüchten? Wenn die Antwort dazu nein lautet, halte ich im Rahmen meiner Möglichkeiten die Klappe. (Wir reden hier immer noch von mir. Es gibt Momente da geht es mit mir durch, das Über-Ich.)

Stattdessen versuche ich mir Rückmeldung aus dieser anderen Welt zu holen. Das blubbernde heiße Wasser Internet mit dem kühlen, gleichmäßigen Strom von draußen zu mischen. Und wenn mir dann etwas einfällt, dann geb ich auch meinen Senf dazu. Es ist ein durchaus anstrengendes Experiment. Weil dieser Blick nach draußen zwei Dinge offenbart: Meine Filterbubble ist grundsätzlich progressiver und liberaler als die Außenwelt und die Außenwelt findet schnell die Schwierigkeiten, die progressive Ansichten in der praktischen Umsetzung bieten können.

To be continued. (womöglich)

…but I wouldn’t call myself a feminist

Oh FUCK YOU.

Das ist genau das Problem. Ihr seid zwar für Gleichberechtigung, wollt aber nicht mit dem identifiziert werden, was euren veralteten Vorstellungen nach für Feminismus steht?
Gratulation. Ihr seid das Problem des Feminismus 2013.

Ich habe es so satt, dass erwachsene, geschätzte und kluge Menschen so tun als gäbe es da einen Unterschied. Sie begeben sich damit auf das absurde Niveau von Leuen wie der weizenblonden Country-Göre Taylor Swift. Ach, ihr glaubt es ist eine Ideologie? Ihr empfindet die Bewegung als zu Radikal? Hört auf zu heulen.
Na dann wollen wir gleich mal 12 Punkte von der IQ-Schätzung abziehen. Das ist es nämlich nicht. Feminismus ist eine Haltung – nicht mehr und nicht weniger. Ich hadere momentan extrem mit der Politik. Mit den Politikern, den Parteien, dem System. Höre ich darum auf eine überzeugte Demokratin zu sein? Natürlich nicht. Das Prinzip hinter Feminismus ist das Gleiche. Es gibt verschiedene Strömungen und Bewegungen. Und ich gebe sofort zu, dass gerade die lauten Stimmen dazu, momentan arg anstrengend und oftmals abschreckend wirken. Aber darum seid ihr trotzdem Feministen und Feministinnen.

Feminismus ist sowohl ein intellektuelles Bekenntnis als auch eine politische Bewegung und tritt für Gleichberechtigung, Menschenwürde und Selbstbestimmung von Frauen ein sowie das Ende aller Formen von Sexismus. Der Begriff bezeichnet heterogene Denkansätze und Theorien, deren gemeinsamer Ausgangspunkt das Aufbegehren gegen die Identifizierung von Frauen als einer Männern nachgeordneten Gruppe ist. Ziel ist die Veränderung der Lebenssituation von Frauen als auch der Strukturen, die eine Nachrangigkeit von Frauen hervorbringen. Feminismus grenzt sich von Gleichstellungspolitik durch die Vorstellung ab, dass die geschlechtergerechte Teilhabe an der gesellschaftlichen Gestaltung nicht ohne eine Veränderung der Machtverhältnisse zu realisieren sei. (Wikipedia)

Es ist, um es kurz auf den Punkt zu bringen: Humanismus. Wer es von sich weißt Feminist/in zu sein, sollte sich sehr gut überlegen bevor er oder sie “Diskriminierung!” brüllt.
Ich weiß, das hat viel mit den Generationen vor uns zu tun. Mit euren Albträumen von lila Latzhosen und Männerhass. Und diesem alten Feindbild überlasst ihr jetzt das Feld. Den Begriff, die Diskussion, die Haltung. Ganz schön schwach. Die Grünen kann man wählen – die haben sich ja weiter entwickelt. Google – vielleicht doch ein bisschen evil. Dinge bewegen sich, Bewegungen verändern sich.
Bloß hier machen es sich so viele sehr einfach. Reden in spöttischem Ton über Genderdings, weil es in ihren Augen das alles nicht mehr braucht. Borniertheit war selten so offensichtlich.
Ich fange an den Respekt vor Menschen zu verlieren, die glauben es wäre cool oder entspannt zu behaupten man wäre eben kein Feminist oder Feministin. Weil, die sind ja alle schrill und radikal und unsexy und überhaupt.
Jessasmaria.

Merkt ihr was? Merkt ihr, wie ihr mit diesem Bild nicht nur einen Stereotyp am Leben erhaltet, sondern dabei noch ganz lässig gleich eine Gruppe von Menschen herabsetzt? Währenddessen klatschen die hysterischen Maskulinisten in die Hände und schreiben Essays darüber, wie wir alle verloren sind, weil Männer nicht mehr das Ruder führen. Und die Jungs so sehr die Orientierung verlieren, dass sie entweder Amok-laufen oder vergewaltigen.
Diese halbseidene Haltung zur Gleichberechtigung ist der Nährboden gesellschaftlich akzeptierten Sexismus (Altherrenhumor, Grenzüberschreitung, etc.) und, ironischerweise, der Katalysator radikaler Feminismus-Strömungen. Der Satz “…aber ich bin kein/e Feminist/in” wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Mit Verlaub: IHR VOLLDEPPEN.

Ihr seid doch alle nicht so doof, oder? Was ist denn so schwer daran den Begriff von der Bewegung zu unterscheiden? Niemand zwingt euch auf Demos zu gehen oder tief in die Materie einzusteigen – es langt völlig sich nicht sexistisch zu verhalten und sexistische Muster nicht zu unterstützen. Und das tut ihr doch angeblich eh alle, so cool und aufgeklärt und dabei total postfeministisch wie ihr seid.

Es tut mir leid euch diese schreckliche Wahrheit zu sagen, aber: Höchstwahrscheinlich seid ihr Feministen. Alle. Die andere Seite dieser Medaille ist nämlich die hinderliche. Oder ist euch das Label Sexist lieber?
Eben.

Also bitte. Entstaubt bitte eure Definitionen, hört mir auf mit Alice Schwarzer und gebt mir nicht mehr so viele Gelegenheiten wütend zu werden. Mein Feminismus muss nicht eurer sein. Nicht der von Frau Schwarzer oder sonstwem. Baut euch eine eigene Definition. Egal. Wenigstens denkt ihr mal darüber nach.

P.S.

Unfortunately the question appears now to not only be “are you a feminist” but more “are you a feminist like me?” But, I ask, do the minor details really matter that much? When asking on Twitter “what does feminism mean to you?” every single reply I received was unique. Maybe we don’t need one complete definition; if we have the fundamental understanding then we’re all on one team, right?. Moreover, some replies mentioned bad experiences what other people thought of them. Culture editor Victoria Finan said: “feminism is the right to define one’s gender oneself and to expect equality, if you ask me anyway. I once got told I wasn’t a feminist, as I don’t believe in raising gender-neutral children. It really upset me.” (Is it OK that our definitions of feminism aren’t 100% the same?)

Vernäht

Neulich ging es in der Twitter-Timeline um Narben. Irgendjemand war im Krankenhaus gewesen und sorgte sich, dass die Narbe am Bein nicht schön heilen würde. Jemand anderes bestätigte, dass das aber doch sehr schöne Arbeit sei und bestimmt gut und vor allem kaum sichtbar verheilt.
An anderer Stelle wurde kurz davor nach einem Heilmittel für eine kleine Brandnarbe gefragt. Auch noch irgendwie mit “nicht beim Essen aufs Bild gucken”. Und ich dachte: HÄ?

Ging in Gedanken meinen Körper durch. Die lange Narbe die an der rechten Ferse beginnt und fast 10cm entlang der Achillessehne geht. Die großen Flecken am Knöchel, wo die Haut so großflächig von den Metallspießen des Fixateurs aufgerissen war. So geht es den Unterschenkel hinauf weiter. In der Mitte des rechten Unterschenkels ist die lustige dünne Narbe unter der man, wenn man mit dem Finger darüber fährt, die Delle im Knochen spüren kann. Die lädierten Knie zu beiden Seiten, weil ich immer schon zu blöd fürs Radfahren war. In der Leiste ist es nur ein Punkt, weil sie damals eine Laser-Prozedur ausprobiert haben um die Lücke in der Nähe meines Herzens zu schließen.

An den Unterarmen sieht man, dass ich immer durchs Leben gestolpert bin, gern an Dingen hängen bleibe und das Maul aufreiße, wenn Leute mit Messern in der Nähe sind. Und heiße Bleche sollte man mir auch nicht geben. Und Katzen, natürlich.
Am linken Oberarm ist die häßlichste von allen. Ziemlich lang und ziemlich dick, weil sich die Ärzte doch arg verschätzt hatten bei der Größe der Exostose. (Jaja, so ein Röntgenbild kann täuschen!) Also haben sie am Ende an diversen Stellen gezogen und mit einem dicken Faden genäht.
Neu ist der winzige Knubel an einem Schlüsselbein, weil mich in Hamburg ein herabfallender Ast hinterlistig angegriffen hat.

Worauf ich hinaus will: Ist das auch so eine Schönheitswahn-Sache oder bin ich einfach zu abgebrüht? Gut, bei mir verheilt das Zeug immer nur so mittelgut und ich habe die Hautfarbe eines gesunden Raffaellos. Aber wirklich – sind Narben jetzt auch böse und unerwünscht, weil wir alle glatt und perfekt und eigentlich Androiden sein sollten?

Habe ich tatsächlich übersehen auch noch an diesen Markern meines Lebens herum zu mäkeln? An Männern gelten Narben doch noch irgendwie als cool. Männer haben Kampfspuren. Hallo, meine Narben sind auch Kampfspuren. Von den Kämpfen meines Lebens. Von kleinen Niederlagen und großen Siegen. Von allen Dingen und “Fehlern” die mein Körper angeblich hat, empfinde ich die Narben als am wenigsten Relevant.

Wenn ich so stehe und an mir herunter blicke, dann sehe ich nur alles, weil ich auf beiden Füßen stehen kann. Weil clevere Ärzte die Sehnen meiner Zehen durchschnitten haben, um sie zu begradigen. Sehen sie darum seltsam aus? Ja. Find ich sie genau darum toll? Aber hallo.

Manchmal sind Geschichten hinter Narben furchtbar trivial (heißes Blech, über die eigenen Füße fallen, sich am Blech (!) festhalten wollen) und manchmal fast heroisch. (Du Nazi-Depp solltest erstmal deinen Hauptschulabschluß nachholen! Das ist ja ganz toll, dass du ein großes Messer hast. Gaaanz toll, haha.) Aber es sind Geschichten. Und während andere sich Bilder in die Haut stechen lassen und dramatisch die Haare abschneiden, sind Narben Geschichtenerzähler, die einfach da sind, ohne zusätzlichen Aufwand gewissermaßen.

Meine Narben gehören zu mir, wie meine Locken und meine Zahnlücke. Ich pflege sie auch. Manchmal sind sie die beste Erinnerung daran, dass egal wie der Tag gerade war, wie schlecht die Situation ist, ich habe schon andere Kämpfe durchgestanden. Kommt ihr mir ruhig mit der Sorge darum, ob man noch ärmellose Tops und Röcke tragen kann, wenn dabei ein Stück unperfekte Haut sichtbar wird. Ich freue mich über die Gesichter der Menschen, wenn ich meine Geschichten mit echten Narben beweisen kann.