Equilibrium and other fun things I’ll never try again.

Äh, hi. *klopft auf Mikro* Does this thing work?

(Warnung, es wird hier etwas medizinisch, sehr befindlich, dezent oversharing und nur bedingt unterhaltsam. Aber da müssen wir jetzt durch. Zweng da Dokumentation.)

Weil, wissen’s, zuletzt hat so gar nichts funktioniert. Also vor allem ich nicht. Ich wollte das zwischendurch schon mal aufschreiben, aber da wusste ich nicht, dass ich grade erst die Mitte der Reise hinter mir hatte. Follow me zu Anfang August.

“Schöne Aussicht haben Sie da, bissl viel Wasser aber grade.” Das ist so ziemlich der letzte Satz an den ich mich erinnern kann, von der kompetenten Notärztin. Da musste der Inn grade über die 6 Meter gegangen sein, die rote Holzbrücke längst gesperrt, der Notarzt stand auf der anderen Seite des Marienplatzes und startete ein kleines Verkehrschaos um mich abzuholen. Es war Mittwoch.

Am Dienstag war ich noch im Büro gewesen, da hatte mich die Schwindligkeit aber Mittag schon im Griff, ich war mit Alibi-Hochwasser Mittag nach Hause gefallen und hatte mich an einem Zwischenbahnhof aber schon abholen lassen. Die Entzündung im Gleichgewichtszentrum, die Neuronitis Vestibularis war da längst voll ausgebrochen. Ich aber, zäh und überhaupt alles nie so shchlimm, bestimmt nur der Kreislauf, wollte davon nix wissen. Mittwochmorgen dann doch die Kapitulation. Hier stimmt was nicht, überhaupt nicht, ich kann nicht geradeaus sehen oder mich bewegen, mein Zentrum war weg.

Verstehen’s mich nicht falsch, mein unkooperativer Kadavaer und ich, das geht bald 35 Jahre so. Ungehorsame Extremitäten, Schmerzen, fehlende Kraft, Rollstuhleinsätze, Arme die nutzlos sind und auch mal das ein oder andere komplett-Ausfall-Medikament – Herrschaft, zäh sein ist mein zweiter Vorname. Aber nein, once more into the breach. Dieseses Mal Hashtag Stroke-Unit. Aufregend, naja. Dafür 3 Tage jede Untersuchung, Röhre, Stich, Sensor und Kontrolle die es so gibt. If there’s a Diagnostik for it, I know it now. Aber auch 3 Tage nichts und niemand, zu doof für ein Smartphone, zu Corona für eine Info nach Draußen, zu Datenschutz für einen Austausch in Richtung Familie oder Chef (der erstmal die Polizei ruft und Gottseidank war ich zu schwach um mich damit wirklich auseinandner zu setzen.) Nach 3 Tagen dann: Congratulations, es ist kein Schlaganfall, keine Hirnblutung, kein Tumor. Hurra! Man ist ja zu schwach, um sich nicht drüber zu feuen.

Erste vorsichtige Nachrichten nach draußen – man kann grade wieder Sprachnachrichten formulieren, die Familie geht längst die Wände hoch. Ab dem Wochenende wird dann de Cortison-Bazooka gezogen. Jetzt aber mal richtig.

Die Betonung dieser letzten Sätze wird später noch wichtig.

Und ab hier gerieten die Dinge erst richtig außer Kontrolle. Weil trotz jahrzehntelanger, professioneller Erfahrung als Patient hielt sich mein Cortison- Know How in Grenzen und ich hab einfach nur ärztliche Anweisungen befolgt. Als ich nach 3 Tagen Stroke-Unit und einer Woche Normalstation (hauptsächlich um mich so lange in MRT-Röhren zu schieben bis das mit dem alles doppelt sehen endlich geklärt war. Die Entzündung hatte eine vorhandene Verdickung der Augenmuskulatur mit in den Abgrund gezogen. Fun!) durfte ich dann wieder in die eigenen 4 Wände. Ramponiert, entkräftet und genervt, aber eigentlich auf dem Weg der Besserung. Gottseidank gibt es Podcasts und Hörbücher, weil das mit den Augen war erstmal sehr anstrengend. Spezielle Ausnahmen wie Champions League Spiele gegen Barcelona mal ausgenommen.

Meine sehr kompetente und genaue Hausärztin übernahm die Behandlung. Das erste Mal kam ich vor etlichen Jahren in ihre Praxis mit unsagbaren Kopfschmerzen und leichten grippalen Symptomen. Ich hatte damals auch so ein Gefühl und sie überwies mich noch am selben Tag ins Krankenhaus. Das MRT war zwar ohne Befund aber einer Ärztin dort kam der Patient in den Sinn, den sie gerade frisch entlassen hatten – nach einer Meningitis. Ich bekam damals meine erste Lumbalpunktion (die große Nadel mit der ins Rückenmark gestochen wird, um Nervenflüssigkeit zu ziehen. Sag noch einer ich weiß nicht wie man sich amüsiert.) und wouldn’tyouknow, es war eine Hirnhautentzündung. Seither weiß Frau Dokter, wenn ich in die Praxis komme, erstmal alle Optionen offen lassen.

Was ich gelernt habe: Es gibt Cortison in unterschiedlichen Konzentrationen und Darreichungsformen. Im Krankenhaus bkeam ich Infusionen, später Tabletten. Prednisolon, von 100mg langsam runter. Ausschleichen, so nennen sie das.

Ich weiß nicht wie es ist, in diesen Zeiten Arzt zu sein. Ich stelle es mir aber außergewöhnlich anstrengend vor. All this to say, Menschen machen Fehler. Vielleicht war es Corona. Oder die Vertretung. Die letzte Woche vor dem Praxis-Urlaub oder die neue Software. We’ll never know.

Am Ende stand auf meinem Rezept aus der Praxis jedenfalls Dexamethason. Was im Nachhinein natürlich wirklich, wirklich komisch ist. Weil ein paar Wochen später ging das bis dato unbesungene, hochkonzentrierte Steroid als Teil der Behandlung eines gewissen amerikanischen Präsidenten durch die Presse. Ich Trendsetter.

Aber noch war es August, dann September und während die Neuronitits-Symptome besser wurden, wollte sich mein Körper nicht so wirklich fitter fühlen. Ich war Matsch, bestand nur noch aus Durst und Müdigkeit, ließ mich sogar länger krank schreiben – dann bei der Vertretung meiner Hausärztin. Dort schilderte ich auch, dass das Cortison wohl ganz schön drastisch wirkt, erntete aber nur ein Schulterzucken. Anfang September fühlte ich mich zwar wirklich nicht gut, plante aber fleißig meine Rückkehr in den Job.

Und dann kam das Wochenende an das ich mich nicht mehr ganz erinnere. Ich verbrachte es hauptsächlich schlafend, dazwischen trank ich bis zu 6 Liter am Tag. Wasser, Tee, Saft, nichts kam mehr an. Am Sonntag war ich eigentlich zu einem Familienessen verabredet, aber offensichtlich war ich mit dem Konzept Zeit überfordert und schaffte es nicht pünktlich überhaupt aufzustehen. Das nächste woran ich mich erinnere, ist meine Schwester die fassungslos in meinem Schlafzimmer stand (ich hatte ihr nach einem wirren Whatsapp-Austausch wohl noch die Tür geöffnet) und kurz darauf mal wieder ein Notarzt, der meine Werte nahm.

Für Wiederworte langte es noch. (“Ihr seids doch hysterisch, ich bin nur müde. Nein, ich fahre nicht mit ins Krankenhaus.”) Aber natürlich fand ich mich dann doch in einer Notaufnahme wieder. Wir lernen: Sehr hoch dosiertes Cortison kann einen ins diabetische Koma befördern und die Nebennieren ausschalten.

Es dauerte dann ein paar Tage (Intensivstation, obviously, drunter machen wir’s ja nicht mehr) bis klar war, dass das Dexa der Schuldige war und ich erstmal vorübergehend Diabetikerin bin. Wieder tagelang zu wirr um nach draußen zu kommunizieren und dank Corona (schleich dich endlich) auch kein Besuch.

Das war dann der Rest des Septembers. Das Cortison wurde wieder ausgeschlichen, unter noch mehr Beobachtung als davor. Als ich am ersten Tag nach dem Praxis-Urlaub wieder bei meiner Ärztin vorstellig wurde und sie feststellte, dass sie nach 12 Jahren zum ersten Mal ein falsches Medikament verschrieben hatte – ausgerechnet mir, wie sie sagte – war dann auch nochmal sehr emotional.

Am Wochenende dann endlich die letzte Dosis Cortison. Dazwischen liegen ein halbes Dutzend blöde Nebenwirkungen (beim Haarausfall war der Spaß vorbei. NICHT DIE LOCKEN, DA WERD ICH GRANTIG.), ein wirklich so nicht geplanter Geburtstag und die Erfahrung wie es ist in Unterzucker zu fallen. Vor allem für Umstehende nur so mittel unterhaltsam. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran. (Nie bis zur Erinnerungslücke gesoffen, das überlasse ich den Amateuren.)

Die Zuckerwerte haben sich normalisiert, aber ich werde natürlich noch ein paar Monate dazu untersucht. Ich habe Termine beim Augenarzt (der verdickte Augenmuskel), dem Orthopäden (Koordination, schwache Muskulatur und der lustigen Physiotherapeutin im ersten Krankenhaus fiel noch was zum Fuß ein), der Neurologin (vereinzelte taube Stellen, die Doppelbilder, whathaveyou) und irgendwann mal einem Endokrinologen (offensichtlich die Einhörner unter den Ärzten. Wäre sehr dringend, niemand hat Termine). Wenigstens muss ich mir während eines eventuellen Lockdowns kein neues Hobby suchen.

But here’s the thing.

Als ich völlig hilflos und schwach war, hab ich gelernt welches Glück ich habe. Mit einer Familie die nah und zur Stelle ist. Ich wurde bekocht, umsorgt und musste mich um nichts kümmern. (Andererseits hat meine Schwester jetzt die Telefonnummer meines Chefs. Not sure about that one.) Das ist schon mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Dann sind da zu allem Überfluss auch noch diese anderen Menschen die mich mögen. Die nicht verwandt sind, aber trotzdem da waren. Die Nachfragen, mich aus dem Krankenhaus holen, mir motherfucking Geschenkkörbe zukommen lassen und auf mich acht geben, während ich mich immer noch orientieren muss. Notfalls mit Doughnots, Cola und Parmesanbutter.

Die Isolation während der Pandemie schien mir nicht viel auszumachen, bin ich doch weiß Gott kein social Butterfly. Weniger Reize, weniger Gelegenheiten in einer Welt voller neurodiverser Menschen Dinge falsch zu machen – eigentlich genau meine Atmosphäre. Aber nach allem was die letzten Monate passiert ist, weiß ich noch mehr als zuvor welchen Wert diese Bindungen im Leben haben können. Als jemand für den es noch ein kleines bisschen schwieriger ist diese Beziehungen am Leben zu halten und für den das immer mit der Angst vor Ablehnung verbunden ist, ging der Heilprozess dieses Mal wohl ein Stück weiter als geplant.

You came back to me around a distant axis
I didn’t even hear the door
I was looking up at the levels in between us
‘Cause I was sinking through the floor
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