Anna and the Truthtellers

Ich liebe das Internet. Für die Rettung, die es mir während der Adoleszenz war. Für die Dinge, die ich dort gelernt habe und immer noch lerne. Für die Menschen, die ich hier gefunden habe. Vielleicht am allermeisten für die Nachweise davon, dass einem manche Dinge nicht exklusiv passieren.

Trotz allem, liebe ich das Internet sogar, obwohl diese Dinge manchmal alle zusammengehören.

Das wundervolle Fräulein Read On hat die traurige Geschichte vom J. und von Anna aufgeschrieben und damit gefühlt das ganze Internet an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen. Mich auch.
Auf ganz furchtbare Weise war es beruhigend zu lesen, dass der J. nie ganz darüber hinweg gekommen ist. Dass es auch…normalen Menschen passiert, dass sie nicht loslassen können, dass die Fragen bleiben.

Auch, weil oft am Ende diejenigen die gehen, die den Kontakt abbrechen die Protagonisten der Geschichte sind, wenn sie erzählt wird. Nicht diejenigen, die zurückbleiben und vielleicht Narben davon getragen haben. Klar, aufregender sind die Menschen, die sich “trauen” einfach alles abzubrechen und Menschen aus ihrem Leben zu verbannen. Die, auf die eine oder andere Art, weiterziehen.

Als wäre Stille eine Leistung. Als wäre das Ausbleiben einer Erklärung spannend, interessant.

Ich bin nicht gut mit Menschen, das habe ich mittlerweile schriftlich. Trotz intensiver Beobachtung verstehe ich sie die meiste Zeit über nur bedingt. Schon gar keine Nuancen, Andeutungen, Zaunpfähle. Darum bin ich ehrlich statt nett. Direkt statt höflich. Immer in der Hoffnung, dass es mein gegenüber dazu ermuntert im Zweifel auch unangenehme Dinge sagen zu können anstatt zu schweigen.
Lassen Sie es mich so sagen: Es funktioniert so mittelgut.
Vor einer Anna schützt es am Ende nicht.

Es macht, wenn es dann passiert, noch eine hübsche neue Baustelle auf. Weil so sehr man sich fragt was in der anderen Person vorgegangen sein mag, an irgendeinem Punkt fragt man sich noch viel mehr was man womöglich selbst falsch gemacht hat. Vielleicht bin ich besonders empfindlich weil meine “Annas” bevorzugt dann auf Distanz gegangen sind, wenn es mir nicht besonders gut ging. Womöglich gerade weil ich auch noch die Unverschämtheit hatte darüber zu sprechen – mit der digitalen Allgemeinheit oder direkt mit der Person.

Womit wir zu einem Punkt kommen müssen, der anstrengend werden könnte. Naja, zumindest für mich.
(Einschub: Es ist auch der Bereich, wo meine Geschichte nichts mehr wirklich mit Anna und dem J. zu tun hat. Es ist der Sonderfall Bella, der jetzt kommt.)

Weil einerseits ist es gut, dass es zumindest ein bisschen einfacher geworden ist, über die eigenen psychologischen Instabilitäten zu sprechen. Es hilft, die fellow crazies zu treffen. Es hilft zu begreifen, dass man ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft und trotzdem krank sein kann. Es hilft auch für sich selbst zu reflektieren, dass man nicht davon stirbt diese Schwäche zuzugeben.
Ich schreibe seit annähernd 20 Jahren ins Internet und immer wieder auch über die dunklen Schatten in meinem Leben.
Die oft überraschenden Reaktionen darauf waren immer auch Teil des Heilungsprozess. Da war Empathie, Besorgnis und manchmal auch einfach nur ein Angebot, obwohl Menschen kaum wussten, wie sie richtig reagieren sollten.

Thing is – diese Art von Validierung funktionierte damals wie heute genauso gut wie Likes, Herzchen oder Emojis. Meine Wahrnehmung ist verzerrt, weil mir das Internet überwiegend gesagt hat, dass meine Echokammer mich inklusive aller meiner Probleme aushält. Umso schockierter, gekränkter und verwirrter reagiere ich, wenn das bei Menschen nicht mehr der Fall ist. Vermutlich habe ich gelernt Hinweise darauf zu ignorieren und aufgehört darüber nachzudenken was es mit jemandem macht, wenn er mit einer Person mitten in einer depressiven Episode konfrontiert ist.

Normalerweise stehe ich der Triggerwarning-Kultur in den sozialen Netzwerken ein bisschen kritisch gegenüber. Mir ist klar, dass es Bilder und Szenarien gibt, die Menschen an Trauma oder Ängste erinnern und es sollte Optionen geben, diese Dinge zumindest zu reduzieren. Aber das völlige Ausblenden sollte vielleicht gar nicht möglich sein. Wir sollten uns manchmal mit Dingen auseinandersetzen müssen. Wobei das nicht die Debatte ist, die ich haben will.

Meine Frage ist: Was ist, wenn ich der Trigger bin?

Wenn ich nicht irgendetwas falsch gemacht habe, nicht zu viel oder nicht gut genug war, sondern einfach nur ich – mit der ganzen Dunkelheit? Was, wenn diese Kombination bei der anderen Person dazu geführt hat, dass die Worte ihren Weg erst gar nicht mehr finden konnten? Und in Konsequenz auch – was, wenn nicht nur meine Offenheit zum Thema psychische Erkrankungen bei anderen die umgekehrte Wirkung hat?
Auf die Gefahr hin wie jemand zu klingen der auch nach Jahren noch verzweifelt nach Erklärungen sucht – ich frage mich seit einer Weile inwiefern ich in Kauf nehme Menschen derart vor den Kopf zu stoßen, um auch weiterhin vom Internet aufgefangen zu werden.

Antwort habe ich noch keine. Ich will keine Beisshemmung entwickeln, nicht aufhören über Dinge zu sprechen, die unbedingt bei Licht betrachtet werden sollten. Aber wenn ich mitbekomme, dass meine Dunkelheit zu Überforderung bei anderen führt, dass sie nicht mehr recht wissen ob man mich nun anders behandeln muss oder ich am Ende halt einfach gemutet werde – dann macht diese erneute Isolierung nichts besser. Im Gegenteil, es bestätigt mich in all meinen finsteren Szenarien. Dass ich nur akzeptiert und gesehen werde, wenn ich unkompliziert, unterhaltsam und aufmerksam für die Bedürfnisse von anderen bin.
“Du solltest dankbar sein, dass sich jemand mit dir abgibt” – aber als verinnerlichtes Mantra.

Anders als sonst, habe ich in dieser dunklen Episode nicht nur mehr Zuspruch erfahren, sondern gab es auch Menschen die einen deutlichen Schritt auf mich zugemacht haben. Das ist bei meinem fragilen Ego mehr oder minder ein Erdbeben. Aber weil wir alle gerne einen guten Verriss lesen und Künstler sich ihre negativen Kritiken merken, klopf in meinem Kopf ein kleiner Hammer an den Ereignissen und Menschen herum, die mit Distanz oder Widerstand auf mich reagiert haben. Auch und gerade weil ich mit meinen Defiziten und Diagnosen (so nenne ich das Konzeptalbum) offensiv umgehe.
Zumindest ist das die naheliegende Erklärung, weil – und damit sind wir wieder bei Anna – man bekommt ja sonst keine.

being honest is being kind

Ich bin durch meine radikale Ehrlichkeit oft unangenehm aufgefallen. Aber ich glaube auch, dass sich meinetwegen noch nie jemanden fragen musste, woran er ist. Ich denke an den J. aus der Geschichte und die tiefen, tiefen Narben die er wohl mit sich rumträgt. Weil so einig sich alle um ihm herum sind, dass Anna egoistisch und grausam war, ein Teil von ihm wird sich immer fragen, warum er nicht genug sein konnte.
Vielleicht fragt er sich, ob das was an ihm am hellsten geleuchtet hat, für sie am Ende zu grell war.
Und das, ist der wahre Preis dieser individuellen Freiheit sich solchen Konflikten nicht zu stellen. Es bohrt ein Messer in Menschen, genau an der Stelle, an der sie am eigenwilligsten sind. Es ist ein Angriff auf die Eigenschaften, die uns definieren.
Man kann jetzt sagen, dass es doch keinen Unterschied macht, ob man gesagt bekommt, dass man zu anstrengend ist oder jemand einfach so geht – aber ich behaupte, dass es den Unterschied gibt. Der hat nicht nur etwas mit grundsätzlichem Respekt gegenüber einem Menschen zu tun, sondern kann auch Kontext geben. Vielleicht gibt es einen guten Grund warum ein Mensch so reagiert. Warum man ein Trigger geworden ist.

Ob Mensch oder Bild – je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich, dass wir auch mit denen, die etwas in uns anrühren, uns vielleicht verstören in Dialog treten sollten. Im Stillen. Oder direkt. Aber selbst wenn es noch so anstrengend ist und uns aufreibt – aus Reibung entsteht Wärme. Dort, wo einst jemand war der ohne ein Wort gegangen ist, bleibt eine Stelle kalt.

Es langt jetzt auch mit der Kälte, so insgesamt.

Fragen 551-575


551. Welchen Wochenendtrip oder welche Kurzreise hast du gerade geplant?

Innerdeutsch dieses Jahr noch einige, international bis jetzt nur Mailand im Juli. Langes Wochenende, Konzert, Gelato. So muss das!

552. Bist du ein Landmensch oder ein Stadtmensch?
You can take the girl out of the bavarian countryside but not the countryside out of the girl

553. Mit welcher Person, die du nicht persönlich kennst, fühlst du dich verbunden?
Ich fühl mich manchmal kaum verbunden mit denen, die ich kenne… puh.

554. Was gibt dir in schweren Zeiten Halt?
Nix. Ich neige dazu mich umnieten zu lassen.

555. Bist du gut zu dir selbst?
Manchmal. Öfter. Es wird.

556. Was bedeutet Freundschaft für dich?
Wir haben’s aber heute mit den Minenfeldern. Es gibt diese Idee von Freundschaft in meinem Kopf, vielleicht auch als Abbild dessen was ich bei anderen beobachte – und manchmal wünsche ich mir das für mich. Aber ich weiß, dass das sowohl meinetwegen als auch wegen der Sorte Menschen mit der ich mich anfreunde so nicht geht. Wir sind alle nicht robust genug dafür. Heute bin ich einfach dankbar dafür, dass ich für annähernd alles was mir widerfahren kann jemanden habe, dem ich es erzählen kann und zumindest eine Antwort bekommen werde.

557. Wer hat dich in letzter Zeit überrascht?
Obacht: Ich! Aus Untiefen, die ich selbst vergessen hatte, hole ich gerade Motivation, Wahnsinn und Ambitionen hervor. Sehr überraschend.

558. Traust du dich, Fragen zu stellen?
Die eigentliche Frage ist: Traust du dich auch mal eine Frage nicht zu stellen? Was mir zugegebenermaßen schwer fällt.

559. Hast du Dinge vorrätig, die du selber nie isst oder trinkst?
Mir fallen eigentlich keine ein.

560. Setzt du dir Regeln, die du dir selber ausgedacht hast?
Ist das wieder eine von den Sachen von denen ich denke, dass alle sie tun und am Ende hab ich mir da wieder… Nevermind.

561. Bedauerst du etwas?
Einiges. Aber hauptsächlich Dinge, die ich nicht getan habe.

562. Welchen Zeichentrickfilm magst du am liebsten?
Dschungelbuch forever! (Erster Kinofilm, beste Musik, bestes alles.)

563. Was würdest du deinem Kind gern fürs Leben mitgeben?
Angst lohnt sich seltener als man denkt.

564. Welches Buch hast du in letzter Zeit mit einem tiefen Seufzer zugeklappt?
Es ist schon wieder ein paar Wochen her, aber „Darkness Visible“ von William Styron. Worte für etwas, das eigentlich unbeschreibbar ist.

565. Würdest du gern wieder in einer Zeit ohne Internet leben?
ARE YOU SERIOUS

566. Wann hast du zuletzt ein Bild ausgemalt?
Das war mir ja schon als Kind zu doof. Wirklich nicht.

567. Wer war deine Jugendliebe?
Zählen auch unerwiderte? Blöde Frage, andere hatte ich ja kaum. Dann vermutlich der F. Der war der große Bruder eines Klassenkameraden und ich fand seine 16jährige Schweigsamkeit „mysteriös“ und sein seltsames Verhalten „cool“. Er war natürlich auch bloß maximal pubertär und meines Wissens in seine beste Freundin verknallt. Aber er hat halt Schlagzeug in der Schulband gespielt, was soll man machen.

568. Für wen hast du zuletzt Luftballons aufgeblasen?
Oida. Jugendliebe, Bilder ausmalen, jetzt Ballons. Ich konnte mit 12 kaum erwarten Mitte 30 zu sein, leave me be.

569. Wie würden andere Personen deine Wohnung beschreiben?
Dafür müsste ich sie ja reinlassen.

570. Mit wem stöberst du am liebsten in Erinnerungen?
Mit dem Internet.

571. Wie viele Stunden am Tag verbringst du vor dem Computer?
An Arbeitstagen 9-11, an freien Tagen kann es alles zwischen 2-12 sein. (Netflix, du alter Zeitfresser.)

572. Verschweigst du deinem Partner manchmal Sachen, die du gekauft hast?
Ich bin ein Fan von Diskretion und Geheimnissen.

573. Wen oder was benutzt du als Ausrede, um etwas nicht machen zu müssen?
Ich bin da eventuell simpel gestrickt, aber ein „ich will jetzt nicht“ besonders in Kombination mit „ich muss das gar nicht (jetzt) machen“ langt oft völlig.

574. Gehst du gern ins Kino?
Immer, wenn ich es hin schaffe, freue ich mich eigentlich sehr, aber dafür gehe ich eigentlich zu selten.

575. Wie grosszügig bist du?
In Bezug auf? Ich beschenke andere gern und reichlich – auch weil ich sonst nicht zu großen emotionalen Gesten/Worten neige. Wenn es passt und mir danach ist, lade ich eine Begleitung auch mal ein. Und beim Trinkgeld runde ich sowieso auf.

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1 thought on “Anna and the Truthtellers”

  1. Kenne das. Und auch die Internetleuchten, die verschwinden.(noch bequemer):
    Trotzdem: Wer sich so verhält wie Anna, ist nicht echt, ist niemals echt gewesen. Dieses Leuchten war falsch und blendend. und anstatt zu ertragen, dass jemand Anna sieht, wie sie ist, ist sie lieber gegangen.
    Was ist besser? Es gibt Fälle, da braucht man das Leuchten so dringend, dass es nicht verletzt werden darf. Vom Leuchten bleibt mehr, wenn es verschwindet, als wenn man erkennen muss, dass es schartig, launisch, nicht verlässlich ist. Wer entscheidet das? Anna oder J? Vielleicht beide?
    Man kann ja nur mit dem “arbeiten”, was man sieht. Ich glaube, es ist wichtig für J. Damals oder für immer. Schauen, was man behalten kann, was einen verändert hat. Und die Ungreifbarkeit aufs Nichtfassbare schieben. Die Essenz einatmen, zu eigen machen.
    Wer oder was hat da geleuchtet? Die Anna? Die Projektion? Oder etwas ewiges, das sich ein Gefäß gesucht hat?

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