Send in the Clowns

Es gibt diese eine Stelle in „Nanette“, dem viel besprochenen Programm der australischen Comedian Hannah Gadsby (läuft auf Netflix und ich werde eventuell in diesem Leben nicht mehr aufhören es Menschen zu empfehlen. Go, watch, I’ll wait.), in der sie darüber redet, wie früh sie lustig war. Survival-Instinct nennt sie das.

Weil Jokes die aufgebaute Spannung auflösen. Und wenn man selbst die Spannung ist, sich so empfindet, löst man die Spannung in dem man Witze über sich selbst macht. (Hannah erklärt das alles viel besser. Go. WATCH. I’ll wait.) Gelächter, das gleichermaßen alle entspannt, während es den Selbsthass bestätigt.

Sie war so früh schon so lustig, dass ihr schließlich jemand empfahl das ganze beruflich zu machen. Sie lernte mit einer Geschichte Spannung aufzubauen und diese durch eine Punchline oder einen trockenen Kommentar zu lösen. Als lesbische Komödiantin, die sich völlig bewusst ist, dass sie durch ihr Aussehen öfter auf den ersten Blick für einen Kerl gehalten wird, herrschte kein Mangel an Material. Lesbian Content. A bit of feedback.

Es ist der Punkt an dem ich immer wieder hängen bleibe. An dem ich kurz stoppen und Luft holen muss. Tief und langsam ein- und ausatmen. Mit Sauerstoff gegen das arbeiten, was sich da von unten versucht nach oben zu graben.

Ich war lustig, bevor ich verstand wie Humor funktioniert, sarkastisch lang bevor mir klar war wie viel Gift darin steckt. Wenn die Erwachsenen lachen, dann gucken sie nicht so besorgt. Wenn die Mitschüler lachen, dann bin ich in Sicherheit. Wenn die Menschen mit denen ich an einem Tisch sitze lachen, dann fällt ihnen nicht auf wie merkwürdig ich bin. Wenn sie lachen, darf ich da sein.

Solange ich witzig bin, darf ich auch existieren, vielleicht sogar Raum einnehmen.

Das war der Faustschlag mit dem mich Hannah Gadsby ausgeknockt hat. In einem Programm das so voller roher Wahrheiten steckt, das den Vorhang aus Jokes vor dem Schmerz wegzieht, war es die Sache die mich bis heute verfolgt.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht so witzig wie Hannah Gadsby oder irgendjemand der das professionell macht. Ich bin die mit den Bonmots, den sarkastischen Antworten, dem trockenen Kommentar zur Situation. Der bitchy Sidekick-Charakter in der Sitcom, dessen kleine Gemeinheiten alle mögen, weil sie auf spezifischen Beobachtungen basieren, ein Nachweis für Aufmerksamkeit sind.

Aber ich bin amüsant genug, dass diese Eigenschaft oft genug die Rechtfertigung, ja geradezu der Grund für meine Teilnahme an etwas war.

Es gibt Menschen, die mich mögen. Und Menschen, die mich unterhaltsam finden.

Mir ist völlig klar welche Gruppe größer ist, ich kann das nachvollziehen. Menschlich bin ich kein ganz so großer Gewinn. Da hakt es in Sachen Empathie und Warmherzigkeit und wiesagtman, generelles Nett-sein. Nett sein ist kein Entertainment und ich hab gelernt mich in die Pointe zu retten.

Dadurch, dass mein Default-Setting gegenüber anderen Menschen Misstrauen ist, hab ich gelernt Personen halbwegs treffsicher zu kategorisieren. Was in diesen Tagen, wo ich die Kreise enger ziehe, die Sache einfacher macht. Manchmal, öfter als gedacht, sind sogar positive Überraschungen dabei und Leute, die ich in die Kategorie „Entertainment“ gepackt hatte, entpuppen sich als Fans des Gesamtpakets. Sind sogar da, wenn ich mehr Aufwand als Unterhaltung bin.

Das erste Publikum als Kind waren neben meinen Bezugspersonen die Ärzte. Immer drückte irgendjemand an mir rum oder setzte wieder eine Spritze an, es gab irgendetwas zu röntgen oder zu ultraschallen. (Das ist kein Wort, richtig? Egal.) Ich war neunmalklug, wissbegierig und hab furchtlos die Klappe aufgerissen. Hat gelangt, um für Erheiterung zu sorgen – und die Spannung im Raum zu lösen.

Später hab ich gelernt zu reden, die Zeit zu überbrücken, in der man auf mich warten musste, weil ich langsamer war als alle anderen. Sie sind weniger genervt, wenn man einen passenden Spruch dazu macht. Dann schaut auch keiner mehr so genau, ob man grade vor Schmerzen das Gesicht verzieht. Witzischkeit kennt keine Wirklichkeit.

Später dann schwarzgetränkter, pubertär wankender Depressions-Humor gegen die Isolation. Ach, ihr mögt mich alle nicht? Ja, nun, ich kann über jede einzelne eurer Schwächen etwas sagen, worüber die anderen lachen können. Ich bin der Freak? Ja, aber wenigstens kann ich Leute ablenken.

Es hat dann noch ein paar Jahre gedauert, bis ich das alles so gezielt einsetzen konnte, wie nötig. Bis ich den Performance-Hebel lokalisiert hatte und ihn umlegen konnte, wenn innerlich alles stockfinster war, aber ich nicht mehr ertragen konnte, wie man um mich herum versucht sensibel zu sein. Pfuideife. Dann lieber Performance.

Wer im Zweifel den Satz am Rande der Pietät sagt, wirkt im Übrigen wohl auch souverän und unabhängig. „Sie ist mehr so der einsame Wolf“ , das war in der 3. Klasse.

Es gibt Menschen, die mich kennen. Und Menschen, die meinetwegen lachen.

Hin und wieder verschätze ich mich natürlich auch in die andere Richtung. Nicht oft, immer seltener. Aber manchmal, entweder weil es Hinweise gab oder diejenigen Menschen es schlichtweg behauptet hatten, dachte ich, jemand könnte da sein, sogar wenn ich grade humormäßig eher am Bodensatz kratze.

Mit mehr oder minder großer Überraschung lerne ich dann, dass genau diese Menschen auf Distanz gehen, sobald ich mehr dunkle Wolke als Showtime bin. Wohl nicht genug gewesen. Nicht witzig, nicht interessant, nicht… genug.

„Du solltest froh sein, wenn man sich mit dir abgibt, anstatt auch noch Forderungen zu stellen.“ , das muss ungefähr mit 13 oder 14 gewesen sein. Einer von denen, der sich eingegraben hat, vielleicht bis in mein Erbgut, jeden einzelnen Zellkern. Ein Teil von mir wird das immer für die Wahrheit halten. Wird glauben, dass ich meine Existenz mit Punchlines begründen und akzeptieren muss, wenn ich weggeschickt werde, sobald die Gags ausbleiben.

„I need to quit comedy“ sagt Hannah Gadsby dann mitten im Programm. Noch bevor sie vollumfänglich erklärt, wie schwierig es ist die eigenen Trauma, den eigenen Schmerz anders zu teilen. „I need to tell my story properly.“, hängt sie dran. (Go. WATCH. I’ll wait. REALLY, I’LL WAIT.)

Sie steht auf dieser Bühne und erklärt, dass sie ihre Geschichte teilen muss, dass wir sie aushalten, mittragen müssen. Weil die Witze darüber, sie heilen nicht. Sie reißen die Wunde wieder und wieder auf, um sie rumzuzeigen, wie eine moderne Freakshow. (Es sollte T-Shirts geben. „This is what Depression looks like ™“, wie die für Feminismus.)

Wenn Menschen sich entgegen meiner Erwartung nicht als alliierte sondern eben „nur“ als, hm, Klatschvieh (too harsh?) entpuppen, reißt das genau die Wunde wieder auf. Wenn du nicht witzig bist, gehen wir. Weil aushalten, deine Geschichte teilen, das tun wir nicht. Dafür bist du nicht gut genug. Aufmerksamkeit gegen Lacher, das war der Deal.

Dieses Mal hab ich Glück. Es sind sehr wenige, sehr spezielle Fälle in denen ich mich getäuscht habe. Immer noch genug, um mich auseinanderzureißen, aber nicht, um deswegen meine Klappe zu halten. Kommen halt in den Schrank, zusammen mit den anderen Geistern.

I need to tell my story properly.

aus “Nanette”

Das bedeutet nicht, dass ich jetzt ernst werde. Es ist 2018, haben Sie sich mal umgesehen? Als wäre das alles anders zu ertragen. Also bitte. Aber manchmal. Vielleicht in diesen Moment, wo ich mich sonst in einen Satz, eine selbstreflexive Pointe rette. Ich sollte versuchen es anders auszuhalten. Zu sehen, ob ich ausgehalten werde.

Ich hab keinen Eintritt genommen, hier kann jeder aufstehen und gehen.

Ja, aktuell ziehe ich die Kreise enger, kein Platz für wankelmütige Lückenfüller. Aber solange ich falle, kann ich mich nur an den Standfesten wieder aufrichten. Neues Publikum findet sich, wenn ich wieder einsteige.

“Laughter is not our medicine. Stories hold our cure

Hannah Gadsby

Ganz egal was die Welt uns suggeriert, Heilung ist mehr Wert als Applaus.

P.S. Für mehr Mythen-Zerstörung in Kunstgeschichte! Go Hannah!

P.P.S. Komm, wir machen hier noch ein bisschen Füllmaterial.

51. Wen hast du das erste Mal geküsst?

Moment, geht’s jetzt um meinen ersten Kuss oder jemanden dessen erster Kuss ich war?  Seltsame Fragestellung. Egal, ich erinnere mich an beides nicht im Detail. Der erste Kuss war eine Party-Bekanntschaft. Er hatte dunkle Haare mit zu viel Gel drin und sehr hübsche braun-grüne Augen. Der Kuss war natürlich fürchterlich. Ungelenk und hektisch und schon damals hab ich nicht verstanden warum viele Kerle so küssen, als wollten sie einen verschlingen.

52.Welches Buch hat einen starken Eindruck bei dir hinterlassen?

So viele. Am nachhaltigsten oft Biographien, weil diese Leben wirklich passiert sind. Oft noch viel mehr als zwischen die Buchdeckel passt. Andererseits. Hotel New Hampshire hat mich damals in so einer Phase erwischt. ( I KNOW.)

53.Wie sieht für dich das ideale Brautkleid aus?

Ahahahahahaha. (Sollte ich mich aus irgendwelchen Gründen damit beschäftigen müssen: Scarlett O’Hara goes woke millenial. Also einfach bei Christian Siriano  in Auftrag geben.)

54.Fürchtest du dich im Dunkeln?

Nein, im Gegenteil.

55.Welchen Schmuck trägst du täglich?

Ohrringe. Ohne gehe ich nicht aus dem Haus. Außerdem seit knapp 12 Jahren dieselbe, überhaupt nicht smarte Armbanduhr.

56.Mögen Kinder dich?

Eher nicht. Aber wir sind uns auch gegenseitig nicht ganz geheuer.

57.Welche Filme schaust du lieber zu Hause auf dem Sofa als im Kino?

Alle.

58.Wie mild bist du in deinem Urteil?

Eigentlich gar nicht, außer jemand anders urteilt bereits scharf. Dann tritt irgendein wilder Reflex auf, der dazu führt, dass ich versuche die Nuancen zu sehen und die menschliche Natur zu verteidigen. Also außer man lässt mich im Stich. In that case – you’re dead to me.

59.Schläfst du in der Regel gut?

Och, naja, langt schon.

60.Was ist deine neueste Entdeckung?

Locken-Produkte. Jaha. Ich versuche das Zeug auf meinem Kopf ja schon lang ohne Silikone, Alkohol und Sulfate zu behandeln, also alles bio. Nach der letzten Kräusel-Krise und mit Hilfe von Instagram habe ich aber eine komplett neue Welt von Marken und Produkten nur und exklusiv für Locken aufgetan. Es ist ein bisschen ein Kulturschock. Es gibt eine Locken-Community. Ich bin nicht allein. Ach, es ist ein Traum. (Ja, ich kann auch sehr oberflächlich wenn’s sein muss. )

61.Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?

Nein? Ich glaube, dass etwas von uns bleibt, in den Herzen und Köpfen derer die wir zurücklassen. Daraus kann eine Energie entstehen, die all diese Dinge erklärt, für die wir sonst keine gute Begründung haben. Die stillstehenden Uhren, die von der Wand fallenden Bilder, die vermeintlichen Schutzengel. Wie alle Generationen vor uns operieren wir unter der Prämisse, dass wir alles, was es zu messen gibt, auch messen können. Nur mal angenommen dem ist nicht so: Vielleicht hinterlassen wir etwas, das nur niemand messen kann.

62.Auf wen bist du böse?

Meistens mich selbst. Ein auf alle die gegangen sind, ohne sich zu verabschieden. Zuviel Raum für Spekulation. Zu viel Platz für die Feststellung, dass ich schuld war. (sieh oberer Blogeintrag.)

63.Fährst du häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln?

Ich  bin Bahn-Pendler und wenn ich aus der Altstadt raus will, muss ich meistens den Bus nehmen. Aber ich mag das Konzept.

64.Was hat dir am meisten Kummer bereitet?

Über die annähernd 33 Jahre meines Lebens – ich schätze mein Aussehen oder besser gesagt meine Physis. Das krumme Lächeln, die strammen Oberschenkel und der Fuß, der nicht tut was er soll. Nicht einfach nur vom ästhetischen Standpunkt, sondern auch vom funktionellen. Ich will, dass Dinge einer Struktur folgen, sich fügen, funktionieren wie bestellt. Das tut mein Körper, mein Aussehen einfach nicht. Diesen Kampf gegen sich selbst aufzugeben, das ist wie eine Niederlage, die man nie los wird.

65.Bist du das geworden, was du früher werden wolltest?

Da ich weder Archäologin noch Astrid Lindgren bin – nein. Aber das kann ja noch werden.

66.Zu welcher Musik tanzt du am liebsten?

Tanzen? Have we met?

67.Welche Eigenschaft schätzt du an einem Geliebten sehr?

Geduld. Zuverlässigkeit. Ungezügelter Optimismus.

68.Was war deine grösste Anschaffung?

Äh. Im Sinne der tatsächlichen Größe? Oder des Preises oder wie jetzt? Trotz meines Hangs zu Luxusartikeln fällt mir spontan nichts exorbitantes in meinem Besitz ein. Vielleicht ein Möbelstück? Mein heißgeliebter Esstisch aus Mangrovenholz war nicht billig und klein ist er auch nicht. Oder der Laptop? WASN DAS ÜBERHAUPT FÜR EINE FRAGE EY.

69.Gibst du Menschen eine zweite Chance?

Mit wenigen Ausnahmen: Ja. Vielleicht aber auch nur in der Hoffnung, dass ich selbst eine bekäme.

70.Hast du viele Freunde?

Nein, oh gott, nein. (Again: See above.)

71.Welches Wort bringt dich auf die Palme?

Aktuell: Der Gebrauch von Almann und Kartoffel im politischen Kontext ist ungefähr genauso bescheuert wie Leute, die denken Gutmensch wäre eine Beleidigung. Wenn man doch auf der richtigen Seite steht, warum verunglimpfende Sprache nutzen? Was soll das? We go high sagt Michelle, WE. GO. HIGH.

72.Bist du schon jemals im Fernsehen gewesen?

Nicht, dass ich wüßte.

73.Wann warst du zuletzt nervös?

Vor dem Versenden einer Nachricht mit unbekanntem Ausgang.

74.Was macht dein Zuhause zu deinem Zuhause?

Die Hausbar…? Oder besser: Dass ich alles was es dort gibt selbst ausgesucht habe. Eine dunkelblaue Wand, ein türkisfarbener Flur, die grünen Vorhänge und ein Schaukelstuhl – ich wollte das alles so. Queen of my domain.

75.Wo informierst du dich über das Tagesgeschehen?

Tagesschau, Twitter bzw. die Twitter-Accounts diverser Zeitungen., New York Times online.

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