Network-Error

Now and then I think of all the times you screwed me over
But had me believing it was always something that I’d done
But I don’t wanna live that way
Reading into every word you say
You said that you could let it go

(Gotye; Somebody that I used to know)

(Debattiere mit mir die Frage, ob eigentlich jeder Eintrag, der etwas mit Wahrnehmung und Empfindung zu tun hat, einen Autismus-Disclaimer braucht. Darum schreibe ich hier auch Dinge aus, die sonst vielleicht kryptisch bleiben würden. Let’s cut open my insides together, won’t you?)

Am Anfang von Staffel 2 guckt Fleabag in die Kamera und sagt „This is a love story“. Ähnlich gucke ich hier jetzt auch, nur ist das her eine Geschichte von Verlust. Und ein bisschen von dem, was meine erste Therapeutin mal „am Du zum Ich verzweifeln“ nannte. 

Als ich anfing zu bloggen, war es meine Therapie. Ein Teenage-Depression-Tagebuch in dem ich meine Überforderung mit der Welt breittreten konnte. Daraus wurde mein Knotenpunkt für die ersten Verbindungen zu Menschen online. Zum ersten kleinen digitalen Freundeskreis. Und ursprünglich stand an dieser Stelle eine gar nicht so kleine Zusammenfassung meiner ersten prägenden Internetfreundschaften (Nicht zum ersten Mal, insofern ‚skip intro‘). Wie überlebenswichtig sie waren, wie ich am Ende aus Dankbarkeit sehr viel mitgemacht und sogar deswegen Entscheidungen getroffen habe. Wie ich dachte Menschen gefunden zu haben, die da sind, wenn es schwierig wird. Und, wie sehr es das Ende vom Anfang war, als einer dieser Menschen genau einen solchen Moment nicht nur verstreichen lies, sondern sich danach wortlos entfernte, mich ohne Vorwarnung oder jemals folgende Begründung aus ihrem Leben löschte. Bis heute ist es weniger die Ablehnung die schmerzt, als die Art und Weise. Ghosting (wie es die Kids nennen) ist aus vielerlei Gründen problematisch – bei Menschen, die Schwierigkeiten haben menschliches Verhalten zu erklären oder zu interpretieren ist es aber auf eine Weise herabsetzend, die vermutlich kaum einem neurotypischen Menschen klar ist. Einer – und sei sie noch so niederschmetternd – dringend gebrauchten Erklärung beraubt zu werden, ist für jemanden wie mich das ultimative fuck you. Geh weg, du bist hier nicht gewollt, ganz im Gegenteil, du bist so fürchterlich, dass ich nicht mal mehr eine Absage für dich übrig habe.

Der lange Schatten dieser Erschütterung hat sich mir erst über die Zeit erschlossen. Weil das entstehende Vakuum, die offenen Fragen – ein Kopf wie meiner füllt das mit allen angesammelten Selbstzweifeln und eigenen Verurteilungen darüber wie wertlos man ist. Es sollte Jahre dauern, bis ich im Entferntesten daran denken konnte mich unter Menschen noch einmal so sicher zu fühlen, dass ich tatsächlich eine Verbindung aufbauen könnte. Dass ich einfach ich sein konnte. 

Wenn man anders ist, lernt man als erstes den Unterschied zwischen willkommen und geduldet sein. 

All das konnte ich auch immer online verarbeiten weil obwohl die Freundschaften auch in Fleisch und Blut existierten, liefen sie parallel zu meinem sonstigen Leben, blieben ihr eigenes Universum. Selbst wenn Leute aus dem „normalen“ Leben von der digitalen Persona wussten, es blieben getrennte Welten. Was wichtig war, denn das „Draußen“ war immer so viel herausfordernder als die Internet-Gang. Ich konnte einige der irritierenden Erlebnisse, der Ausgrenzungen und Ablehnungen verarbeiten, weil da im Bildschirm war mein sicherer Ort, mein Fluchtpunkt. 

::Title Card::

Enter: Twitter. 

Während ich in meinem realen Alltag Menschen zusehends weniger verstand (was, in retrospect, nun, d’uh!), zimmerte ich mir beim Kurznachrichtendienst eine unlikely Bezugsgruppe. 

Aus Freaks und Fussball-Nerds, Serien-Enthusiasten und anderen Nischen-Humoristen. Twitter halt. Heute nennen wir das Blase. Dabei war am Anfang das Gegenteil der Reiz der Plattform: Sie war ein bisschen lose, unstrukturiert und man stolperte fast zufällig über Menschen und Themen. Aber auch das ist über 10 Jahre her. (Nur um den Kreis zu schließen: Zu Twitter brachte mich genau die Person, die später beschloss auf keinem wie auch immer gearteten Kanal mehr mit mir zu sprechen. It’s a little bit funny.) Die Dynamik der Plattform war in Sachen zwischenmenschliche Verbindungen, als hätte das digitale Zeitalter Speed genommen. Die Geschwindigkeit mit der sich Verbindungen oder auch Fronten bildeten war das Produkt der early Adopter, die eh schon lange online unterwegs waren und längst wussten, dass es dort nicht nur Serienmördern, sondern auch ganz knorke People gibt. Diskussionen, Direktnachrichten, Meet-ups. Twitter hat Ehen gestiftet (und Kinder nach sich gezogen), Freundschaften entstehen lassen, Jobs möglich gemacht und an unendlich vielen kleinen Stellen geholfen. 

Für mich war Twitter, im Nachhinein betrachtet, eine Rehabilitation.

Ich saß noch als Studentin in der Donaustadt, als ich Menschen unter fadenscheinigen, fussballerischen Gründen dazu aufrief, sich doch mal zu einem Stammtisch zu treffen – in der Stadt an der Isar. Das war im Kern so bescheuert wie es klingt, aber eben auch für mich eine angemessene Distanz. Irgendwie war ich dabei, gehörte dazu ohne Gefahr zu laufen, dass Menschen tatsächlich mit mir konfrontiert werden und feststellen, dass ich eben doch nur eine sehr verdrehte, ausgesprochen anstrengende und kein Stück liebenswerte Irre bin. Aber Jahr um Jahr wurden die Verbindungen enger, der Boden unter meinen Füßen ein bisschen fester. Ich hatte mir, ganz ohne es vorzuhaben, eine Struktur aufgebaut in der ich zumindest für ein paar Stunden an einem Abend irgendwo dazugehören konnte, sogar ohne explizit eingeladen worden zu sein. 

Es ist einem normal sozialisierten Menschen kaum zu erklären was es bedeuten kann, wenn man genug Grundvertrauen in Menschen hat, dass man glaubt es würde sich tatsächlich jemand über das eigene Erscheinen freuen. All die kleinen Triumphe über meine eigenen Dämonen – wie ein Wachstumsschub für die innere Stärke. 

Eine Gruppe von Menschen zu haben, mit denen man mal gern Zeit verbringt ohne, dass es gleich die große lebenslange Blutsbrüderschaft sein muss – das war ein für mich völlig neuer Grad an, naja, Normalität. Angenehm aber auch gefahrlos. Ein Kreis bei dem ich anfing zu denken, dass solange ich niemandem einen Grund gebe, mich auch niemand anders als einen normalen Menschen behandeln würde. 

::Zur Kamera: Ich lag so, so falsch. ::

Ich schätze die Sache mit der Vernetzung, mit der Sehnsucht danach Teil von etwas zu sein, war immer schon auf sehr spezielle Weise mein Thema. 

Diese feinen Unterschiede zwischen jemanden zur Kenntnis nehmen und jemanden sehen, ihn tolerieren oder akzeptieren – wie viel Kraft mich meine Unsicherheit in dem Bereich kostet, wird erst jetzt klar.   Diese RealLife/ Twitter-Blase, voll mit Randsportarten, Flachwitzen und anderen schlechten Ideen war aber eben auch meine Therapiegruppe. Hashtag Support.  Vielleicht darf ich existieren, vielleicht darf ich sogar existieren, ohne dass ich witzig oder laut oder besonders sein muss. Vielleicht bin ich genug.

Und so war die Timeline irgendwann Teil des Alltags, es gab kaum noch getrennte Welten – im Gegenteil, ich arbeitete sogar auf die Zusammenführung hin. Warum nicht das Leben an allen Fronten mit den Leuten auffüllen von denen man nicht auf die Idee kommt, dass man es irgendwann mal bereuen würde? (Voice-over: You See where this is going?)

::Flashback-Montage mit traurigem Trip-Hop::

Wie an dieser Stelle schon mehrfach aufgedröselt, machte es 2017 ein paar Mal PENG in meinem Leben – an unterschiedlichen Fronten. 

Die Dämonen kamen also mal wieder aus ihren Katakomben gekrochen und ich versuchte mich an allem festzuhalten, was an guten Dingen übrig hätte bleiben können. Insbesondere an den Menschen, von denen ich dachte, dass sie schon sagen würden, wenn ich störe, wenn ich weggehen soll. Wie ich stattdessen vertröstet und getäuscht wurde, vermutlich im Vertrauen darauf, dass sich Dinge mit der Zeit von selbst erledigen. Wie schließlich die Antworten ausblieben und ich anfing an meinem Verstand zu zweifeln, weil ich dieses Mal doch so viel vorsichtiger gewesen war.  Hope for the best, prepare for the worst. Für Ablehnung war ich präpariert, für ein nein, für `jetzt nicht`.  

Ich meine – wenn man in 280 Zeichen klar und direkt kommunizieren kann – dann klappt das schließlich auch außerhalb, richtig? Außerdem ist es viel schwieriger sich davon zu schleichen, wenn die Timeline in allen Fugen des Lebens wuselt. 

Und so tat es 10 Jahre nach dem ersten solchen Einschnitt erneut einen dumpfen Schlag, mir wurde wortlos eine Tür zugeknallt und ich stand benommen wie orientierungslos da. In den folgenden Wochen und Monaten vergrub ich mich so sehr in der Frage was ich falsch gemacht hatte, wie ich mich so hatte täuschen können, dass ich das Futter für die Dämonen am Ende selbst zubereitete. Dabei warf ich mit so viel Geschirr, dass sich für mich halbwegs verblüffend auch wahre Verbündete fanden – it’s a bittersweet kind of thing. 

::You see: I was very, very, exceedingly stupid.::

Als ich es letzten Herbst schriftlich bekam, dass die Felder Menschenkenntnis und Einschätzen von zwischenmenschlichen Signalen schwach besetzt sind, konnte ich zumindest einordnen, warum mich Funkstille so sehr schockiert. Dass meine Verletztheit bzw. deren Demonstration dann auch keine Antworten, sondern nur maximale, selbstgerechte Kaltschnäuzigkeit (als die Person, die den Kontakt abbricht einzufordern, dass Smalltalk möglich sein sollte – da muss es doch auch neurotypischen Menschen die Nackenhaare aufstellen, oder?) nach sich zieht, das ist dann einfach die Realität mit der man leben muss, wenn man Schwierigkeiten hat irgendwelche Konventionen über menschliches Verhalten zu stellen. Das ist so ein Privileg, über das wir noch nicht wirklich sprechen, womöglich weil es zu schwierig ist. Weil diejenigen, die sich ihres Platzes in der sozialen Hierarchie sicher sind, eben auch online keine Konsequenzen befürchten müssen, wenn sie uns Freaks in die Flucht schlagen. Ihr Verhalten ist schließlich „normal“. Ich bin diejenige, die womöglich die Contenance verliert und abhaut, weil die Angst davor von noch mehr Menschen zu erfahren was sie tatsächlich über mich denken, wie das Schellen von gigantischen Alarmglocken in meinem Kopf nachhallt. 

Ich bin nicht in der Lage so zu tun, als könnte ich im Sinne aller anderen irgendwelche Anekdoten zum Besten geben und dabei neben jemandem stehen, dessen für mich herabwürdigendes Verhalten immer noch eine Blockade in meinem Kopf auslöst.  Es ist eine Sache zu lernen, wie man Depressionen übertüncht – aber als Autistin das zu wahrende Gesicht und die Diplomatie dem offenen Konflikt voranzustellen, ist nahezu unmöglich und kostet unfassbare Kräfte. Wir merken es ja eh erst, wenn es zu spät ist. 

::Zoom in::

Die Zeit heilt keine Wunden. Wunden fangen an zu heilen, wenn sie gereinigt und versorgt worden sind. Sonst können sie sich entzünden und am Ende muss amputiert werden. Wenn man jung ist, wird man vom Leben weitergezogen und die Wunde trocknet aus, wird taub. Wenn man älter wird, werden diese Optionen weniger. Man muss sich mehr Schutzschichten zulegen, um die Wunden halbwegs zu schützen.  Ich bin nicht genug, ich bin zu viel. It’s all just smoke and mirrors now. 

Und wo ist nun mein Fluchtpunkt? Das ist das Problem, darum ist das hier so akward. Ist „das Internet“ jetzt also auch nur noch ein weiterer Ort an dem Vorsicht geboten ist – weil the garbage people sind längst everywhere? 

Darüber habe ich mir über ein Jahr den Kopf zerbrochen und zerbrochen ist er dabei tatsächlich fast. 

So persönlich der Weg zu dieser Frage in meinem Fall, so universell stellt sie sich gerade. 

Die sozialen Netzwerke treiben immer mehr zurück ins private, in die noch kleinere Blase. Die Motive sind andere. Politik, Hass, Hetze – es ist eine allgemeine, anerkannte und noch viel mächtigere Form von Grausamkeit die dort um sich greift. Aber ich glaube eben auch, dass meine Geschichte eine gar nicht so untypische für diejenigen von uns ist, die als erstes vor der Welt ins Netz geflohen sind. Weil wir für einen kleinen, strahlenden Moment dachten, dass es anders, besser gehen könnte. Das hier ist kein „und darum mache ich alle meine Accounts zu“ Eintrag. Das hier ist ein: Ich habe in diesem Ökosystem meinen Platz verloren und kann nicht mehr so teilhaben wie es mal der Fall war – Eintrag. Nicht, weil ich Angst vor Anfeindungen habe, sondern weil eine einzige Erschütterung Brüche in allen Verbindungen zur Folge hatte. 

::Cliffhanger::

Festzustellen, dass der Schmerz zu groß, die Situation zu seltsam ist, um sie auf die Dauer sowohl On- als auch Offline auszuhalten, ist einer von diesen Momenten, die einen erschlagen, erstarren lassen. Denn, und das ist die Natur eines Netzwerks in egal welcher Form, jede Veränderung wird immer auch Menschen betreffen, die es nicht verdient haben. Deren Kontakt und Gesellschaft fehlen wird. 

Ich mag das Internet. Ich schätze sehr viele Menschen die ich dadurch kennengelernt habe. Die echten Freundschaften daraus, sie existieren. Aber die heuchlerische Unterstützung-via-Klick-Kultur ist in diesen für uns alle so ermüdenden Zeiten noch viel größer geworden. Ganz vertreiben lassen werde ich mich eh nicht. Wenn man seit 20 Jahren ins Internet overshared, kann man das nicht einfach abstellen. But I’m looking differently at you guys now. 

So wie es ist, kann es nicht bleiben. Ob es einfacher ist, die Schranken offline wieder hochzuziehen, die Welten wieder zu trennen oder sich online von der einen Blase weg zur anderen hin zu orientieren- ich werde es ausprobieren müssen. 

Ja, es hat jetzt ein ganzes Essay lang gebraucht, um zu dem Schluss zu kommen, dass es mir Sonderling wie so vielen anderen Leuten geht – ich brauche getrennte Biotope, um nicht auseinander zu fallen, sobald es in einem davon Probleme gibt. 

So ist es auch einfacher darüber zu bloggen. 

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