la familia

Allerheiligen

“Ja, ja aber ihr könnt mich Allerheiligen nicht allein stehen lassen. Dann bekomme ich wieder Mitleidshandschläge. Und die Blicke erst!”
Weil die E., meine Tante ist jetzt über die 60 und achduje, alleinstehend und sie sieht zwar aus wie Ende 40 mit ihrem Kaschmirpullover und fast faltenlos (wie alle Frauen auf der Seite der Familie. Ich bete täglich dieses Gen erwischt zu haben.), aber wenn nicht meine Mutter, die R. (meine viel zu schöne Schwester) und ich Allerheiligen neben ihr stehen, am Grab meiner Großmutter und des Großvaters den ich nie kennen gelernt habe und Urgroßmüttern und Urgroßvätern die sich zum Teil gegenseitig unter die Erde gebracht haben (weil, wenn nicht vom eigenen Ehemann erschlagen werden die faltenlosen Frauen dieser Familie auch noch immer mindestens 86 Jahre alt. Mindestens.), dann jedenfalls, gucken die Leute so ein bisschen mitleidig.
Was Blödsinn ist, weil eines Tages so zu leben wie meine Lieblingstante E., damit wäre ich hochzufrieden. Die einzigen Dinge die es immer zuverlässig in ihrer Küche gibt sind Wein, Schokolade und Vitaminpräparate. Und Zigaretten, jetzt wieder, seit das Rauchen überall verboten ist. Da hat sie wieder damit angefangen. Sie arbeitet noch und im Büro fürchten sie die richtigen Leute. Weil sie zuverlässig und patent und grade raus ist.

Jedenfalls, Allerheiligen. Wir reden hier natürlich vom dörflichen Bayern, von einer Ecke die früher ein eigenständiges Dorf war und jetzt irgendwie zu Bad Aibling gehört, darum gehört man ja noch lang nicht wirklich dazu. An Allerheiligen kommen sie alle, aus München und Rosenheim und vom Ferienhaus in Garmisch und Tage vorher schon hat jemand das Grab hergerichtet. Das ist dann auch DAS Small-Talk Thema. Besonders bei denen die gar nicht erst in die Kirche gehen, sondern langsam durch den Friedhof schlendern und hier und da hallo sagen, was man halt so macht wenn man sich nur einmal im Jahr sieht.

Wer hat was gepflanzt und wie sieht das aus und da ist schon wieder ein Loch in der Hecke am Rand, ja tut den keiner was gegen die elendigen Hasen? “Unser” Grab ist auf der kalten Nordseite, am Rand gleich neben der Kirche. Gottseidank, da steht keiner lang gern der nicht dazu gehört. Trotzdem schüttele ich jedes Jahr wieder Hände völlig unbekannter Menschen. Ach, mit dem Dings ist die Mama noch in die Schule gegangen und die Gitte hatte letztens ein Klassentreffen organisiert, aber wir haben niemanden erreicht und wir sind ja auch nur noch 12 die noch leben.

Mit Einigen (fast allen, so scheint es) sind wir auch irgendwie verwandt. Da war jahrelang die M., eine Cousine meiner Mutter, aber so unterschiedlich können Familienzweige sein. Vor einigen Jahrzehnten hätte die Großtante A. eigentlich meiner Mutter und der Tante E. Land vererben wollen, aber dann hat die Cousine M. sie so lange gepflegt bis sie das gesamte Erbe hatte, mit dem kleinen Häusl und dem ganzen Grund und dem Schmuck.
Aber Karma, gell. Weil, als die M. und ihr Mann vor zwei Jahren plötzlich an Allerheiligen nicht kamen und über beide Backen grinsend unsere Hände schüttelten stellte sich kurz darauf heraus, dass die M. ganz arges Parkinson bekommen hat. Es ging ganz schnell, plötzlich konnte sie nicht mehr laufen. Und, mei, wir sagen nix, aber die Mundwinkel zucken bei allen denen die M. im Laufe ihres Lebens böse nachgeredet hat.

Und dann ist da noch die V. und ihre Schwiegermutter, die um irgendein Eck (ich glaube eingeheirateterweise) auch die I. näher kennt, die früher da war und mit der ich über genug Ecken wohl auch verwandt bin. Aber dann hat die I. Karriere gemacht. München, Berlin und ja mei bald wieder München. So viele Termine, der Wahlkreis und ach, aber wahnsinnig stolz sind sie daheim alle. Nach dem Unglück der Tante (Cousine? Ich habe längst den Überblick verloren.), die vor vielen vielen Jahren mit ihrem Soldaten (der ein General war, aber naja, ein Amerikaner.) in die USA gegangen ist. Und zuerst im furchtbaren Florida gelebt hat und dann in Dallas landete, bis dann die Kinder ausgezogen sind und sie war drauf und dran entweder an die Ostküste zu ziehen oder sogar nach Europa zurück zu kommen, als der Krebs kam. Das muss ihr unglückliches Leben gewesen sein, weil sonst niemand in der Familie jemals irgendeinen Krebs hatte. Nein, so ein Unglück und alle stehen da und schütteln eine halbe Sekunde lang betroffen den Kopf.

Aber dann muss sie Platz machen für eine größere Gruppe, die zwischen Kirche und unserer Gräberreihe durch will. Zu dem relativ frischen Grab weiter hinten. Noch mit Holzkreuz und schwarzem Band und schon beim vorbeigehen drehte sich mir der Magen um, weil das Geburtsjahr unter dem Foto 1994 eine eigene Tragödie erzählt und mir sowas die folkloristische Freude an Allerheiligen immer vollkommen verdirbt.

Da rette ich mich nur noch durch die Prozedur und den heftigen Geruch des Weihrauchs mit dem der Pfarrer nach der Kirche durch die Gräberreihen schreitet. An guten Tagen, ohne so ein Grab machen die R. und ich uns den Spaß die Ministranten böse anzustarren, bis manchmal einer stolpert. Aber die werden auch immer abgebrühter. Die Bläsergruppe steht außerdem in so einem schrägen Winkel zu uns, fast auf der anderen Seite der Kirche, dass der Wind auch noch die paar ordentlichen Töne verzerrt und dann frag ich mich immer kurz ob ich nicht eigentlich in einem Film bin, denn so jemand wie der Schwarzenberger inszeniert. Weil das komische Potential ist auf jeden Fall da.

Und dann geben wir alle noch ein bisschen Weihwasser auf das Grab und fahren zur E., wo es Kaffee und Kuchen gibt. Wir witzeln, dass sie für uns nicht so einen Aufwand mit der Torte betreiben hätte müssen. (Die E. hat in ihrem ganzen Leben noch nichts gebacken. Sie ist mehr der Bohrmaschinentyp. Darum ist sie aber nicht alleinstehend. Sie mag nur nicht wie anhänglich Männer schnell werden.) Dann trinken wir noch Wein und sagen natürlich nichts böses über die M. und ihr Parkinson und ich gebe zu, ich mag die Rituale. Am Tag darauf verfalle ich normalerweise in einen mehrstündigen Rant gegen die katholische Kirche. Das muss eine Reaktion meines Immunsystems sein.

Doch, ja. Natürlich kommen wir Allerheiligen vorbei.

stone cold stories

Heute fand ich mich plötzlich auf einem Friedhof wieder. In der kleinen Stadt am Inn. Einer dieser alten aber gepflegten Friedhöfe. Man kennt sich, verbindet mit den Namen auf den Grabsteinen Anekdoten. Friedhöfe sind immer stumme Zeuge von Geschichten. Und auf ihre Weise erzählen sie die Geschichten weiter.

So stehe ich da, im Jahr 2012. Vor Namen und Leben die zum Teil vor 150 Jahren begannen. Familien, Verluste, Tragödien. Generationen davon. Die Mutter, geboren 1915. Der Vater, prakt. Med. , geboren 1911. 1936 kam ihr Sohn zur Welt. Herangezogen während des Krieges also. Wahrscheinlich kam er in einen der Jahrgänge mit Not-Abitur.

Er fing an Medizin zu studieren, wie sein Vater. 1959, kurz bevor die Welt sich in vielen Bereichen grundlegend verändert, kommt er mit nur 24 Jahren ums Leben. Neben seinem Namen steht Stud. Med. auf dem Grabstein.
Die Eltern sind erst ende der 80er bzw. Anfang der 90er gestorben. Noch nachträglich spürt man den Schmerz, den das Fehlen des womöglich einzigen Kindes ausgelöst hat.

Vor allem, weil einem klar wird, dass es ein Unglück gewesen sein muss. Nicht wie 15 Jahre vorher, 1944, eine Jahreszahl die überdurchschnittlich häufig auf den Grabsteinen in dieser kleinen Stadt steht. Oft gleich nach Geburtsjahrgängen der 20er. Geschwister, halbe Familien. Die dunklen Zeiten.

Dann noch diese Entdeckung der ‘von Manns’, einer davon sogar mit Ritter-Titel. Plötzliche, greifbare Neugierde die einen überkommt.
Das einzelne Grab mit der italienischen Inschrift.
Die Skulptur eines gebeugten Mannes statt eines Grabsteines.
Kleine Engel an den Ecken der Grab-Kanten.

Niemand heißt mehr Amalie oder Bartholomäus. Eigentlich schade.

Es lässt sich ja schon kaum noch jemand traditionell eingraben. Man lässt sich verbrennen und die Urne eingraben. Selbst das wird sich mit der Zeit vermutlich ändern. Unser Grab-Kultur wird sich ändern. Ob meine Angehörigen wohl mal einen Platz haben werden, an dem sie Blumen ablegen? Oder werden wir Urnen wie in Regale stellen und uns zurück gezogen an die erinnern, die wir verloren haben?
Ich wäre für schöne Platten, wie Regaldeckel. Auf denen hätte viel Text platz. Und notfalls auch noch ein QR-Code.

Bemerkenswert finde ich immer all die Dinge, die außerhalb der ‘normalen’ Daten auf Grabsteinen stehen. Sebastian, genannt ‘Wastl’. Oder ‘die Huber-Bäuerin’. “Ehemaliger Bürgermeister von Mühldorf’. Kleine Bemerkungen die am meisten über die aussagen, die sich um das Grab des Verstorbenen gekümmert haben. Sie fanden es wichtig, dass es dort steht. Weil es ein Teil der Menschen, ihrer Persönlichkeit, ihrer Geschichte war.

Ich meine, es wird sich kaum jemand ‘Krawall-Bloggerin’ eingravieren lassen, oder? Vielleicht doch.

Viktoria bedeutet “die Siegreiche”

Portrait meiner Großmutter anno 1940

Zuerst wollte ich ein paar Worte zur Frauenquote schreiben. Aber dann schien die Sonne und man brachte mir ein Bild. Heute ist Donna Dora, Matriarchin vor dem Herrn, ein Jahr tot. Damals habe ich die folgenden Zeilen in mein rotes Notizbuch geschrieben. [Sollte Ihres oder mein Leben dereinst verfilmt werden, verbiete ich hiermit sowohl Iris Berben als auch Veronica Ferres jeden Zutritt zu der Rolle meiner Großmutter. Christine Neubauer nur, wenn es ein Film in Original-Dialekt wird.]

Meine Locken habe ich von ihr. Meinen zweiten Vornamen.
Manche würden wohl behaupten auch meinen Sturkopf und das fehlende Talent zum Flüstern. Oder für Diplomatie.
Eher stark, zäh und amüsant als warmherzig und liebenswert.
Ich verwandle mich also bereits jetzt in meine Großmutter. Und nun, wo sie nicht mehr da ist, kann ich nicht mehr beobachten ob ich vielleicht doch auch ein paar positive Eigenschaften aus der Erbmasse ergattert habe.
Nicht, dass nur wir beide diese Attribute hatten. Das sind ziemlich durchsetzungsfähige Gene. (Das erwähnte ich ja bereits.)

Außerdem hatte sie als Jahrgang 1922 durchaus Gründe, um nicht zu sagen Umstände, die sie so haben werden lassen. Mit kaum 18 verlobt, kurz darauf Bäuerin, Ehefrau und wichtigste Madame auf dem Dorf. Man war schließlich der größte Bauer, der Ehemann hatte den Ortsverband der CSU, den Sportverein und die Trachtler mitbegründet. Mia san ja eppa
Es folgen Kinder, Krieg, Wittwen-Dasein, Ramtamtam. Der Mann stirbt kurz nach dem Krieg und eine ganze Weile ist sie alleinige Chefin auf dem Hof. So ganz hat sie ihn nie aus der Hand gegeben, zum Leidwesen ihrer Schwiegertochter. Die einzige Tochter muss sie zu früh zu Grabe tragen und bevor sie wirklich zum trauern kommt liegt der jüngste Sohn nach einem Unfall im Koma. Aber sie hat immer die Fäden in der Hand behalten.
Was soll man da werden – außer zäh?

Ein kluger Kopf und ein scharfes Mundwerk waren ihr gegeben, lange bevor das einer Frau irgendetwas nutzte. Sie konnte schneller Kopfrechnen als die Händler auf dem Kälber-Markt, hat sich gemerkt wer was wann über wen gesagt hat und das zu ihren Gunsten genutzt.
Trotzdem war sie eben nur die Frau vom Bauern. Darüber nicht ganz zu verbittern ist schon eine Kunst. Aber sie schuf sich kleine Fluchten, das konnte sie. 1

Trotzdem, sie war meine Oma mit den Dampfnudeln und einem großen Glas voller Toffees neben dem grünen Fernsehsessel. Und Streichwurstsemmeln mit einer dicken Schicht Butter als Unterlage. Die mit uns nach München in den Tierpark fuhr und handgemachte Dirndl spendierte. Eine Patronin eben und sowas hat nicht jeder zur Großmutter.

Manchmal bedeutete das auch, dass andere verlieren, einstecken mussten. Hauptsach, die Familie war geschützt. Wir sollten alle immer den Kopf oben halten und auf Respekt pochen, do kannd ja nachad jeda daher kemma.

Jetzt, wo ich plötzlich mit einer gewissen Wehmut an sie denke, schaue ich erst recht darauf, dass ich ihr kei Schand’ mach. Das ist die Macht von Großmüttern.

  1. Bei einer solchen Gelegenheit entstand das obige Bild. Frisch verlobt war sie auf einmal verschwunden. Zuerst in München, wo sie sich portraitieren ließ und nach einem kurzen Abstecher in Italien zurück kam, um brav den älteren Bauern zu heiraten.