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Schlagwort: la familia (Seite 2 von 5)

Himmelfahrt

Dieses Sprechen über Gefühlsdinge können wir beide nicht. Umarmungen können wir nicht. Unser Humor ist eher grob, unsere Art Zuneigung zu zeigen äußert sich manchmal in komischen Bemerkungen.

Stur und eigensinnig sind wir. Deswegen war es dir auch vollkommen egal, dass es zwei Töchter statt Söhnen geworden sind. (Die hätte Oma halt gern gesehen, konnte ja keiner ahnen, dass die gesamte Familiengeneration weiblich wird.) Du hast uns trotzdem eingetrichtert, vor genau niemandem zu kuschen und den Mund aufzumachen wenn etwas nicht passt. Dass ich nicht auf den Kopf gefallen bin, habe ich natürlich von dir. So wie meine Schwester ihre unendliche Loyalität. Und ihren Fahrstil. Dafür hab ich deine Augenbrauen und sogar das habe ich dir verziehen.

Ich mag nicht sentimental werden. Aber wenn ich an uns denke, dann sehe ich das alte Foto vor mir. Du, schlafend auf dem Sofa. Ein Berg von einem Mann im roten Zopfpulli. Auf deinem Bauch liegt so ein rosa Bündel und schläft selig. Sicher, dass ihr Papa sie vor allem beschützen würde. Auf deine, manchmal etwas eigenwillige Art, hast du das auch immer getan. Als groß, stark und laut.

Seit einiger Zeit sehe ich, wie die Jahre sogar dir plötzlich etwas anhaben. Wie die immer befürchteten Spätschäden deine ohnehin schon launige Natur noch mehr beeinträchtigen. Rasiert und gekämmt bist du immer noch was die Leute “stattlich” nennen. Aber deine Hände gehorchen nicht mehr so und manchmal spielt sogar dein Kopf nicht mehr mit. Die hilflose Wut darüber lässt dich altern.

Ich hätte dich gern gekannt, bevor manche Dinge passiert sind. Bevor andere dir Narben zugefügt haben, seelisch und körperlich. Es gibt so vieles, was ich gern sagen würde. Aber jetzt, nach all der Zeit, bist du empfindsam geworden. Einiges werde ich mit mir selbst ausmachen müssen. Für manches wird sich die richtige Zeit finden. Ich brauche noch ein kleines bisschen Abstand. Damit ich deinen Schmerz nicht mehr länger zu meinem mache. Das kriegen wir aber auch noch hin. Mia zwoa Gschwoischädl.

Noch haben wir Zeit.

Hochwürden Herr Sepp

Kurzer Nachtrag zu Allerheiligen. Weil: Irgendwas ist ja immer.

Unter anderem das große Comeback des Trachtenjankers quer durch alle Generationen. Nicht, dass der wirklich weg gewesen wäre, aber es fällt halt auf.

Symbolbild einer sterbenden Friedhofskultur

Dann: eine seltsam chaotische Friedshofs-Prozedur. Lautsprecher die nicht funktionierten und daher Weitergabe der aktuellen Sprechformel via Flüsterpost. Irgendwann kam es dann zum dritten Vater Unser, die Fürbitten und mindestens ein Musikstück fehlten völlig. Wir hätten misstrauisch sein müssen.

Zu früh und zu schnell im Programm kam schließlich der Umzug des Pfarrers mit dem Weihrauch.(Der bis dato auf der anderen Seite des Friedhofs für uns kaum hörbar seine Show gemacht hatte.) Jetzt standen die R. und ich mit dem Rücken zum herannähernden Zug auf der einen Seite des Grabes. Meine Tante E. und meine Mutter uns gegenüber. Als der Zug näher kommt sehe ich die Gesichtszüge mir gegenüber entgleisen.

Es kam: Der Pfarrer St. Da muss ich jetzt kurz ausholen.

Als wir vor etlichen Jahren vom Heimatdorf meines Vaters ins Chiemgau zogen, war ich gerade im Kommunionalter und hatte den Religionsunterricht beim Pfarrer St. Ich fand es anfangs amüsant, dass er seine Stunden hauptsächlich mit dem Singen von Lauda tu si bestritt. Dann gab es irgendwann eine Informationsveranstaltung für Eltern der Kommunionkinder.
Von dieser kam meine Mutter, leicht aus der Fassung, zurück.

“Jessas Maria, des is ja der Hochwürden Herr Sepp.”

Die Sippe St. stammt natürlich auch ausgerechnet aus dem gleichen Kaff wie meine Mutter und sie hatte bereits unter seinem älteren Bruder als Chorleiter gelitten. Dass nun der Hochwürden Herr Sepp ausgerechnet hier wieder auftauchte war das eine, dass er sich so über ein bekanntes Gesicht wie meine Mutter freute das andere. Sie, ich und meine Schwester R. standen fortan unter spezieller Beobachtung.

Was ansonsten keine schlimmen Folgen gehabt hätte, weil wir unser Christen-Dasein nicht gerade dramatisch pflegen. Nur, wie gesagt, die Kommunion. Wer die Kommunion erhalten wollte hatte sich gefälligst einige Male in der Kirche einzufinden und eigentlich auch Fürbitten zu lesen. Was ich dann auch tat.

Es stellte sich heraus, dass der Hochwürden Herr Sepp, so er denn ein volles Haus hatte, lieber sang als predigte. Wobei, er predigt auch gern lang und enthusiastisch. Aber noch lieber singt er. Drei Strophen mindestens. Überhaupt lag ihm die musikalische Untermalung eines Gottesdienstes immer sehr am Herzen. So sehr, dass er auch fertige Programme von aufopfernden Kinderchorleiterinnen gern am Tag vorher komplett über den Haufen geworfen hat. (Ja, ich war im katholischen Kinderchor, jetzt tun sie nicht so empört.)

Noch letztes Jahr hat er eine Freundin von R. vermählt und der Kampf um die musikalische Untermalung drohte den Pfarrer und die Zukünftigen zu entzweien.

Zwischenzeitlich hat man dem Pfarrer St. dann wohl doch nahe gelegt in den Ruhestand zu gehen. So jedenfalls unsere Rekonstruktion bis hierher. (Die Recherchen laufen noch.) Und weil der Hochwürden Herr Sepp aber gar so gern Pfarrer ist, muss er sich irgendwie in seiner alten Heimatgemeinde eingefunden haben.

Wo er zum Schrecken meiner Mutter durch die Reihen glitt. Neben mir die R. daraufhin: “Wie weit müssen wir eigentlich fahren, um nicht immer den gleichen Leuten zu begegnen?”

Wir überlegten kurz nächstes Jahr das Grab der anderen Familienseite zu besuchen. Dann fielen uns Grundschullehrer und dergleichen ein. Nein, es hilft nichts. Gut, dass Lauda tu si nicht zu Allerheiligen passt.

Alte Leute

Eigentlich sollte hier ein großer Politik-Rant stehen, aber… ach. Wir haben dann Fotos sortiert.

“Das? Ach, das ist die alte Pf., die Mutter vom W.” Der W. war das naheste am Großvater das ich jemals kennen gelernt habe. Eine viel zu gute Seele für die dramatische Donna Dora, aber ihr zutiefst ergeben.
Mein Großvater (also der höchstwahrscheinliche. Donna Dora wußte, nun ja, das Leben zu genießen und war meinem Vater gegenüber sogar absichtlich kryptisch.) segnete entsprechend relativ früh das Zeitliche. Die Männer auf dieser Seite der Familie arbeiten lang und hart und sterben dann. Der Großvater F. hatte außerdem als Meldefahrer den Krieg überstanden und erlag folgerichtig einem schwachen Herz. Absurdität ist hier genetisch.

Jedenfalls, die alte Pf. entstammte einem Juwelier-Clan vom Schliersee. Darum konnte der W. die Donna Dora auch eine Weile noch mit antikem Schmuck bezirzen. Obwohl es denn nicht gebraucht hätte, er war ja charmant. (Wirklich, wenn man etwas weiches und gutes an der Donna Dora finden will, dann ihre Liebe zum W. Die beiden hatten eine kitschig innige Verbindung für über 40 Jahre. Der einzige Mann, der sich über sie lustig machen durfte.)

Worauf ich hinaus will: angeblich haben die R. und ich die alte Pf. sogar noch kennen gelernt, als meine Mutter Donna Dora und den W. zu ihr in eines der luxuriösen Altersheime im bayerischen Voralpenland kutschierte. Dort wollte man eigentlich zusammen Kaffee trinken, draußen. (Die Parkanlage, sie verstehen.) Die alte Pf. allerdings, ordentlich angezogen, die Haare hochgesteckt und ihre Lieblingsringe tragend war arg schwach. Der Pfleger erzählte dem W. schließlich, dass sie nur noch allein essen wollte und auch sonst sehr wählerisch war.

Als er sie schließlich fragte, was denn los sei sagte die alte Pf.: “Da unten, im Speisesaal? Nein, wirklich nicht. Da sind all diese alten Leute, die sich nicht benehmen können.”

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Thema von Anders Norén.