Donnerhall(en)

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Schlagwort: la familia (Seite 2 von 4)

Hochwürden Herr Sepp

Kurzer Nachtrag zu Allerheiligen. Weil: Irgendwas ist ja immer.

Unter anderem das große Comeback des Trachtenjankers quer durch alle Generationen. Nicht, dass der wirklich weg gewesen wäre, aber es fällt halt auf.

Symbolbild einer sterbenden Friedhofskultur

Dann: eine seltsam chaotische Friedshofs-Prozedur. Lautsprecher die nicht funktionierten und daher Weitergabe der aktuellen Sprechformel via Flüsterpost. Irgendwann kam es dann zum dritten Vater Unser, die Fürbitten und mindestens ein Musikstück fehlten völlig. Wir hätten misstrauisch sein müssen.

Zu früh und zu schnell im Programm kam schließlich der Umzug des Pfarrers mit dem Weihrauch.(Der bis dato auf der anderen Seite des Friedhofs für uns kaum hörbar seine Show gemacht hatte.) Jetzt standen die R. und ich mit dem Rücken zum herannähernden Zug auf der einen Seite des Grabes. Meine Tante E. und meine Mutter uns gegenüber. Als der Zug näher kommt sehe ich die Gesichtszüge mir gegenüber entgleisen.

Es kam: Der Pfarrer St. Da muss ich jetzt kurz ausholen.

Als wir vor etlichen Jahren vom Heimatdorf meines Vaters ins Chiemgau zogen, war ich gerade im Kommunionalter und hatte den Religionsunterricht beim Pfarrer St. Ich fand es anfangs amüsant, dass er seine Stunden hauptsächlich mit dem Singen von Lauda tu si bestritt. Dann gab es irgendwann eine Informationsveranstaltung für Eltern der Kommunionkinder.
Von dieser kam meine Mutter, leicht aus der Fassung, zurück.

“Jessas Maria, des is ja der Hochwürden Herr Sepp.”

Die Sippe St. stammt natürlich auch ausgerechnet aus dem gleichen Kaff wie meine Mutter und sie hatte bereits unter seinem älteren Bruder als Chorleiter gelitten. Dass nun der Hochwürden Herr Sepp ausgerechnet hier wieder auftauchte war das eine, dass er sich so über ein bekanntes Gesicht wie meine Mutter freute das andere. Sie, ich und meine Schwester R. standen fortan unter spezieller Beobachtung.

Was ansonsten keine schlimmen Folgen gehabt hätte, weil wir unser Christen-Dasein nicht gerade dramatisch pflegen. Nur, wie gesagt, die Kommunion. Wer die Kommunion erhalten wollte hatte sich gefälligst einige Male in der Kirche einzufinden und eigentlich auch Fürbitten zu lesen. Was ich dann auch tat.

Es stellte sich heraus, dass der Hochwürden Herr Sepp, so er denn ein volles Haus hatte, lieber sang als predigte. Wobei, er predigt auch gern lang und enthusiastisch. Aber noch lieber singt er. Drei Strophen mindestens. Überhaupt lag ihm die musikalische Untermalung eines Gottesdienstes immer sehr am Herzen. So sehr, dass er auch fertige Programme von aufopfernden Kinderchorleiterinnen gern am Tag vorher komplett über den Haufen geworfen hat. (Ja, ich war im katholischen Kinderchor, jetzt tun sie nicht so empört.)

Noch letztes Jahr hat er eine Freundin von R. vermählt und der Kampf um die musikalische Untermalung drohte den Pfarrer und die Zukünftigen zu entzweien.

Zwischenzeitlich hat man dem Pfarrer St. dann wohl doch nahe gelegt in den Ruhestand zu gehen. So jedenfalls unsere Rekonstruktion bis hierher. (Die Recherchen laufen noch.) Und weil der Hochwürden Herr Sepp aber gar so gern Pfarrer ist, muss er sich irgendwie in seiner alten Heimatgemeinde eingefunden haben.

Wo er zum Schrecken meiner Mutter durch die Reihen glitt. Neben mir die R. daraufhin: “Wie weit müssen wir eigentlich fahren, um nicht immer den gleichen Leuten zu begegnen?”

Wir überlegten kurz nächstes Jahr das Grab der anderen Familienseite zu besuchen. Dann fielen uns Grundschullehrer und dergleichen ein. Nein, es hilft nichts. Gut, dass Lauda tu si nicht zu Allerheiligen passt.

Alte Leute

Eigentlich sollte hier ein großer Politik-Rant stehen, aber… ach. Wir haben dann Fotos sortiert.

“Das? Ach, das ist die alte Pf., die Mutter vom W.” Der W. war das naheste am Großvater das ich jemals kennen gelernt habe. Eine viel zu gute Seele für die dramatische Donna Dora, aber ihr zutiefst ergeben.
Mein Großvater (also der höchstwahrscheinliche. Donna Dora wußte, nun ja, das Leben zu genießen und war meinem Vater gegenüber sogar absichtlich kryptisch.) segnete entsprechend relativ früh das Zeitliche. Die Männer auf dieser Seite der Familie arbeiten lang und hart und sterben dann. Der Großvater F. hatte außerdem als Meldefahrer den Krieg überstanden und erlag folgerichtig einem schwachen Herz. Absurdität ist hier genetisch.

Jedenfalls, die alte Pf. entstammte einem Juwelier-Clan vom Schliersee. Darum konnte der W. die Donna Dora auch eine Weile noch mit antikem Schmuck bezirzen. Obwohl es denn nicht gebraucht hätte, er war ja charmant. (Wirklich, wenn man etwas weiches und gutes an der Donna Dora finden will, dann ihre Liebe zum W. Die beiden hatten eine kitschig innige Verbindung für über 40 Jahre. Der einzige Mann, der sich über sie lustig machen durfte.)

Worauf ich hinaus will: angeblich haben die R. und ich die alte Pf. sogar noch kennen gelernt, als meine Mutter Donna Dora und den W. zu ihr in eines der luxuriösen Altersheime im bayerischen Voralpenland kutschierte. Dort wollte man eigentlich zusammen Kaffee trinken, draußen. (Die Parkanlage, sie verstehen.) Die alte Pf. allerdings, ordentlich angezogen, die Haare hochgesteckt und ihre Lieblingsringe tragend war arg schwach. Der Pfleger erzählte dem W. schließlich, dass sie nur noch allein essen wollte und auch sonst sehr wählerisch war.

Als er sie schließlich fragte, was denn los sei sagte die alte Pf.: “Da unten, im Speisesaal? Nein, wirklich nicht. Da sind all diese alten Leute, die sich nicht benehmen können.”

Allerheiligen

“Ja, ja aber ihr könnt mich Allerheiligen nicht allein stehen lassen. Dann bekomme ich wieder Mitleidshandschläge. Und die Blicke erst!”
Weil die E., meine Tante ist jetzt über die 60 und achduje, alleinstehend und sie sieht zwar aus wie Ende 40 mit ihrem Kaschmirpullover und fast faltenlos (wie alle Frauen auf der Seite der Familie. Ich bete täglich dieses Gen erwischt zu haben.), aber wenn nicht meine Mutter, die R. (meine viel zu schöne Schwester) und ich Allerheiligen neben ihr stehen, am Grab meiner Großmutter und des Großvaters den ich nie kennen gelernt habe und Urgroßmüttern und Urgroßvätern die sich zum Teil gegenseitig unter die Erde gebracht haben (weil, wenn nicht vom eigenen Ehemann erschlagen werden die faltenlosen Frauen dieser Familie auch noch immer mindestens 86 Jahre alt. Mindestens.), dann jedenfalls, gucken die Leute so ein bisschen mitleidig.
Was Blödsinn ist, weil eines Tages so zu leben wie meine Lieblingstante E., damit wäre ich hochzufrieden. Die einzigen Dinge die es immer zuverlässig in ihrer Küche gibt sind Wein, Schokolade und Vitaminpräparate. Und Zigaretten, jetzt wieder, seit das Rauchen überall verboten ist. Da hat sie wieder damit angefangen. Sie arbeitet noch und im Büro fürchten sie die richtigen Leute. Weil sie zuverlässig und patent und grade raus ist.

Jedenfalls, Allerheiligen. Wir reden hier natürlich vom dörflichen Bayern, von einer Ecke die früher ein eigenständiges Dorf war und jetzt irgendwie zu Bad Aibling gehört, darum gehört man ja noch lang nicht wirklich dazu. An Allerheiligen kommen sie alle, aus München und Rosenheim und vom Ferienhaus in Garmisch und Tage vorher schon hat jemand das Grab hergerichtet. Das ist dann auch DAS Small-Talk Thema. Besonders bei denen die gar nicht erst in die Kirche gehen, sondern langsam durch den Friedhof schlendern und hier und da hallo sagen, was man halt so macht wenn man sich nur einmal im Jahr sieht.

Wer hat was gepflanzt und wie sieht das aus und da ist schon wieder ein Loch in der Hecke am Rand, ja tut den keiner was gegen die elendigen Hasen? “Unser” Grab ist auf der kalten Nordseite, am Rand gleich neben der Kirche. Gottseidank, da steht keiner lang gern der nicht dazu gehört. Trotzdem schüttele ich jedes Jahr wieder Hände völlig unbekannter Menschen. Ach, mit dem Dings ist die Mama noch in die Schule gegangen und die Gitte hatte letztens ein Klassentreffen organisiert, aber wir haben niemanden erreicht und wir sind ja auch nur noch 12 die noch leben.

Mit Einigen (fast allen, so scheint es) sind wir auch irgendwie verwandt. Da war jahrelang die M., eine Cousine meiner Mutter, aber so unterschiedlich können Familienzweige sein. Vor einigen Jahrzehnten hätte die Großtante A. eigentlich meiner Mutter und der Tante E. Land vererben wollen, aber dann hat die Cousine M. sie so lange gepflegt bis sie das gesamte Erbe hatte, mit dem kleinen Häusl und dem ganzen Grund und dem Schmuck.
Aber Karma, gell. Weil, als die M. und ihr Mann vor zwei Jahren plötzlich an Allerheiligen nicht kamen und über beide Backen grinsend unsere Hände schüttelten stellte sich kurz darauf heraus, dass die M. ganz arges Parkinson bekommen hat. Es ging ganz schnell, plötzlich konnte sie nicht mehr laufen. Und, mei, wir sagen nix, aber die Mundwinkel zucken bei allen denen die M. im Laufe ihres Lebens böse nachgeredet hat.

Und dann ist da noch die V. und ihre Schwiegermutter, die um irgendein Eck (ich glaube eingeheirateterweise) auch die I. näher kennt, die früher da war und mit der ich über genug Ecken wohl auch verwandt bin. Aber dann hat die I. Karriere gemacht. München, Berlin und ja mei bald wieder München. So viele Termine, der Wahlkreis und ach, aber wahnsinnig stolz sind sie daheim alle. Nach dem Unglück der Tante (Cousine? Ich habe längst den Überblick verloren.), die vor vielen vielen Jahren mit ihrem Soldaten (der ein General war, aber naja, ein Amerikaner.) in die USA gegangen ist. Und zuerst im furchtbaren Florida gelebt hat und dann in Dallas landete, bis dann die Kinder ausgezogen sind und sie war drauf und dran entweder an die Ostküste zu ziehen oder sogar nach Europa zurück zu kommen, als der Krebs kam. Das muss ihr unglückliches Leben gewesen sein, weil sonst niemand in der Familie jemals irgendeinen Krebs hatte. Nein, so ein Unglück und alle stehen da und schütteln eine halbe Sekunde lang betroffen den Kopf.

Aber dann muss sie Platz machen für eine größere Gruppe, die zwischen Kirche und unserer Gräberreihe durch will. Zu dem relativ frischen Grab weiter hinten. Noch mit Holzkreuz und schwarzem Band und schon beim vorbeigehen drehte sich mir der Magen um, weil das Geburtsjahr unter dem Foto 1994 eine eigene Tragödie erzählt und mir sowas die folkloristische Freude an Allerheiligen immer vollkommen verdirbt.

Da rette ich mich nur noch durch die Prozedur und den heftigen Geruch des Weihrauchs mit dem der Pfarrer nach der Kirche durch die Gräberreihen schreitet. An guten Tagen, ohne so ein Grab machen die R. und ich uns den Spaß die Ministranten böse anzustarren, bis manchmal einer stolpert. Aber die werden auch immer abgebrühter. Die Bläsergruppe steht außerdem in so einem schrägen Winkel zu uns, fast auf der anderen Seite der Kirche, dass der Wind auch noch die paar ordentlichen Töne verzerrt und dann frag ich mich immer kurz ob ich nicht eigentlich in einem Film bin, denn so jemand wie der Schwarzenberger inszeniert. Weil das komische Potential ist auf jeden Fall da.

Und dann geben wir alle noch ein bisschen Weihwasser auf das Grab und fahren zur E., wo es Kaffee und Kuchen gibt. Wir witzeln, dass sie für uns nicht so einen Aufwand mit der Torte betreiben hätte müssen. (Die E. hat in ihrem ganzen Leben noch nichts gebacken. Sie ist mehr der Bohrmaschinentyp. Darum ist sie aber nicht alleinstehend. Sie mag nur nicht wie anhänglich Männer schnell werden.) Dann trinken wir noch Wein und sagen natürlich nichts böses über die M. und ihr Parkinson und ich gebe zu, ich mag die Rituale. Am Tag darauf verfalle ich normalerweise in einen mehrstündigen Rant gegen die katholische Kirche. Das muss eine Reaktion meines Immunsystems sein.

Doch, ja. Natürlich kommen wir Allerheiligen vorbei.