Schieflage

Von der eigenen Bibliothek begraben werden – das hielt ich durchaus immer für eine stilvolle Art des Ablebens. Aber doch nicht jetzt schon!

Ich wohne in einer Altstadt. In einem Altstadthaus. An einem Ufer.
Das muss man wissen, um zu verstehen, wie es dazu kam, dass ich letzten Dienstag um ein Haar von einem Bücherregal begraben worden wäre. Weil diese ufernahen Altstadthäuser wurden dereinst ohne Bodenplatte gebaut. Was, solange es noch offene Zugänge gab, dazu führte, dass jedesmal, wenn sich aufgrund eines kleinen Hochwassers das Grundwasser anhob, auch das Haus ein bisschen angehoben wurde. Inklusive des späteren Absinkens. Aber eben nicht gleichmäßig.

Um es kurz zu machen: Wenn man in meinem Wohn- und meinem Schlafzimmer von der Eingangstür zum Fenster geht, überwindet man dabei eine Steigung von über 7cm. Lachen Sie jetzt nicht, das ist viel!
Ich gebe zu, ich war in der Möbelangelegenheit trotzdem etwas naiv. Es hat zwar alles eine ganz kleine Neigung, aber nicht so wild. Und als ich Anfang des Jahres die Gelegenheit hatte, zweieinhalb Meter raumhohes, massiv von einem Schreiner gebautes Bücherregal aufzustellen, hatte ich dafür in meinem Schlafzimmer die passende Lücke.
Eigentlich sollten die Bücher ins Wohnzimmer kommen, aber da habe ich spezifische Vorstellungen wie es aussehen soll und da darf es nicht so tief und auch nicht raumhoch sein.

Jedenfalls wurde der handwerklich begabte, um nicht zu sagen, ausgebildete Bruder vom mehr oder weniger Schwager rekrutiert und innerhalb sehr kurzer Zeit hatten wir die Bretter aufgebaut. Es gab auch diesen Moment, als ich die Schrauben zur Wandbefestigung in der Hand hatte, aber, Sie kennen das, Wandbefestigung von Möbeln, das ist was für Leute mit Kleinkindern oder anderen Problemen. Ansonsten ist das vom Lässigkeits-Level her überhaupt nicht diskutabel. Also wirklich.

Ich räumte grob 250, vielleicht auch 300 Bücher, den ersten Schwung meiner Sammlung ins Regal. Doppelreihen, die peinlichen Sachen nach hinten. In den folgenden Wochen und Monaten zeigte das Regal durchaus, dass es eben auf einer Art Rutsche stand, aber hey, in Pisa funktioniert das seit Ewigkeiten!
In der kleinen Stadt am Inn funktionierte es bis Dienstag. Dann muss es einen Knall gegeben haben, den ich aber in Unterföhring nicht mitbekam.

Als ich an diesem Abend aber nach Hause kam und mich in die Sportklamotten (still with the pilates, this is getting weird) werfen wollte, fand ich mein Schlafzimmer von innen verbarrikadiert vor. Versuchen Sie sich meinen Gesichtsausdruck einfach mal vorzustellen. (Nein, noch viel, viel konfuser.) Die Kommode, sonst ungefähr anderthalb, fast zwei Meter von der Tür entfernt, hatte sich quasi davor geschoben. Dazwischen stand nur der Staubsauger, das arme Ding muss Höllenqualen gelitten haben.
Ich stemmte mich gegen die Tür und erspähte durch den sich langsam öffnenden Spalt, dass sich mein Schlafzimmerboden in eine Art Bücherflohmarkt verwandelt hätte. Noch mehr stemmen und ich konnte zumindest mit eingezogenem Bauch durch die Tür.

Leser, wenn Sie Bücher schätzen, können Sie sich ungefähr den Schmerz vorstellen, der mir durch Mark und Bein fuhr. Ach ja, und das Regal war wohl kaputt.
Ich holte einige Male tief Luft, verschickte erste Bilder der Zerstörung an die Familie und versuchte einen Plan zu fassen.
Dann holte ich eine Flasche Wein und rief meine Mutter an. Eventuell habe ich hysterisch gelacht.

Ich weiß, Plastik ist Satan, aber fucking hell, lang lebe die blaue Ikea-Tasche in all ihrem Volumen und ihrer Unzerstörbarkeit. Ich begann mit den Aufräumarbeiten. Immer mal wieder rutsche natürlich ein Brett nach, fielen Bücher hinterher – vereinzelt natürlich auf mich drauf und ich werde demnächst viele neue, lustige blaue Flecken an mir entdecken. Am Ende hatte ich das ganze Ding bis auf die Bodenplatten abgebaut. Die stehen übrigens immer noch da, wo ursprünglich das Regal positioniert wurde. Gegen Mitternacht lag ich im Bett und fühlte die wenigen Muskelstränge, die vom Fitness-Wahn der letzten Wochen noch verschont geblieben war. It’s a method.

Jetzt verteilen sich die Bücher teilsweise gestappelt, teilweise in Ikea-Taschen quer durchs Wohnzimmer und die Reste vom Regal stehen im Flur.
Kinder, befestigt eure Regale an der Wand, I beg of you!

Das Ramosgroupie warf den klugen Gedanken ein, dass es für Altbauwohnungen einstellbare Mini-Podeste für Möbel geben sollte, um sowas auszugleichen. Vielleicht gründen wir ein Schreinerei-Start-up.
Ich brauch jetzt jedenfalls irgendeinen Schieflagen-Experten, bevor die Bücher-Lieblinge ein neues Zuhause finden können. Ein paar werden wohl aussortiert. Die Ausgabe von „getting things done“ und aus mir unbekannten Gründen alle vier Twilight-Bände auf Englisch (Don’t ask) definitiv.

#NurSchreinerMachenFrauenGlücklich

Das war auch in Sachen Twitter-Abstinenz die vielleicht härteste Prüfung. Can you imagine the thread? #Me&MyBigMitteilungsdrang

Fragen 476-500 (von hier)

476. Findest du es wichtig, an besonderen Jahrestagen inne zuhalten?
Nicht so wichtig, wie es hin und wieder ganz ohne Jahrestag zu tun.

477. Was würdest du in einen Guckkasten kleben?
Ich hatte ja immer vor, das mal mit einem Best-of meiner Röntgenbilder zu machen

478. Welche Cremes verwendest du?
Herrje. Immer im Schrank hab ich einen Pott der Dream Cream von Lush. Der Rest wechselt gern mal vor sich hin.

479. Wärst du gern körperlich stärker?
Ja, definitiv. Manchmal glaub ich, das würde mich vielleicht auch innerlich stärker machen, was aber vermutlich Blödsinn ist.

480. Findest du, dass jeder Tag zählt?
Nicht im großen, philosophischen Carpe Diem Sinn. Aber insgesamt, für die Menschheit, ja.

481. Bei welcher Fernsehsendung schaltest du sofort um?
Alles mit hohem Fremdschämfaktor. Shows wo Menschen mit unterschiedlichem Verzweiflungslevel Partner suchen, im Dschungel sitzen oder versuchen berühmt zu werden.

482. Wann hast du zuletzt jemandem vorgelesen?
Oh, das ist schon eine ganze Weile her, ich bin mir gar nicht sicher wann.

483. Bist du gut in Small Talk?
*zieht Augenbraue hoch*
Du bist neu hier, hm?

484. Welche Nachricht hat dich in letzter Zeit stark berührt?
Ich sollte abstumpfen, es sollten weniger werden, aber das Gegenteil scheint der Fall. Die Bilder aus dem Yemen genauso wie die 23jährige Fußgängerin, die im Nachbarort überfahren wird. Ich weiß nicht, wie ich das finde.

485. Welche Sprache würdest du gerne gut beherrschen?
Italienisch (allein schon, damit ich endlich antworten kann, wenn ich mal wieder für eine ortsansässige gehalten werde). Griechisch. Swahili.

486. Kannst du Kaugummiblasen machen?
Nja.

487. Welcher deiner Geburtstage hat dir am besten gefallen?
Was für eine Frage.

488. Welche Floskel benutzt du zu oft?
Ist OIDA eine Floskel? Wobei neuerdings auch das allumfassende „tja, nun“ ein bissl oft vorkommt.

489. Kannst du dich leicht in Zeichentrickfilme hineinversetzen?
Nein, zu dem Genre fehlt mir der Zugang eher vollständig.

490. Suchst du dein Waschmittel nach dem Duft aus?
Gott nein. Ist that a thing people do?

491. Kommt es dir so vor, als wäre das Gras des Nachbarn immer grüner?
Nö. Mein Gras, mein Garten, das ist was ich selber pflanze, also würd ich es nicht sehr viel anders haben wollen.

492. Welchen gesunden Snack magst du am liebsten?
Sind getrocknete Mangos gesund? Dann die. Gern in ungesunden Mengen.

493. Wie fest ist dein Händedruck?
Woher soll ich das denn beurteilen? Also schon ganz ordentlich, denke ich.

494. Schreibst du häufig etwas auf, damit du es dir besser merken kannst?
Alles, ständig. Was ich aufschreibe wird auch erledigt/besorgt/erinnert.

495. Worauf hast du zuletzt mit Ja geantwortet?
„Wollen wir was trinken gehen?“

496. Welche Mahlzeit am Tag magst du am liebsten?
Immer die, für die genug Zeit ist. Normalerweise das Abendessen, aber wenn ich frei habe kann ein tolles Frühstück den ganzen Tag veredeln.

497. Schläfst du manchmal beim Fernsehen ein?
Soweit ich weiß noch nie passiert. Es muss still sein, damit ich schlafe.

498. Wie stark ist deine Sammelleidenschaft?
Abgesehen von Ohrringen und Büchern (*hüstel*) hält sie sich sehr in Grenzen. Ich mag keine Dinge haben, nur um des Besitzens Willen.

499. Hältst du dich immer an den Plan, den du gemacht hast?
Der Plan hält sich meistens ja schon nicht an den Plan.

500. Welches Kunstwerk hat dich stark beeindruckt?
Wenn es um Gemälde geht, bin ich relativ leicht zu beeindrucken. Weil mich die Technik genauso fasziniert wie die Darstellung.
Das letzte Mal, dass ich mit hängendem Kiefer reagiert habe – und das obwohl ich es noch nicht mal live gesehen habe (Es hängt in, of all places, Detroit), war allerdings eindeutig James McNeill Whistler’s „Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket

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5 thoughts on “Schieflage”

  1. Massiv! Vom Schreiner! Hoffentlich läßt sich das Regal reparieren.
    Niveauausgleicher gibt es, aber vorher mit Wasserwaage oder Senkblei den auszugleichenden Winkel erkunden.

    1. *Notiert sich das mit dem Senkblei*

      Nun, so wie es ist wird das Regal kaum wieder auferstehen, aber es steht zur Debatte eine gekürzte Version aufzustellen, was wohl auch die Wahrscheinlichkeit des Kippens sehr reduziert.

  2. Och du Schande. Das hab ich ja auch noch von jemandem gehört, dass ein Bucherregal einfach mal so zusammenbricht. Ich stimme Dir zu, zum Heulen irgendwie.

    1. Nun, der Charme von Altbauten halt. Ich hab zumindest jetzt Einiges darüber gelernt. /seufzend ab

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