Protokoll großer Erschöpfung

Hold me down, I’m so tired now
Aim your arrow at the sky
Take me down, I’m too tired now
Leave me where I lie

Als ich am Freitagabend bei Mama Donnerhall aufschlage, liegt mir die Woche wie Blei in den Adern. Es war die letzte vollständige Arbeitswoche des Jahres und in vielerlei Hinsicht die Bestätigung meiner zwiespältigen Gefühle gegenüber des Jobs. Vor einem Jahr hat jemand zu mir gesagt, dass andere in meiner Situation jetzt ihre Koffer packen und abhauen würden. Damals war das keine Option, jetzt klingt die große weite Welt plötzlich verlockend. Nicht einfach nur eine andere Stadt, ein anderes alles.
Ein ganzes Bürogebäude als böser Ghost of christmas past und es hätte mich nicht gewundert, hätte der beleuchtete Christbaum im mittlerweile-Konferenzraum-früher-Büro Funken geschlagen und ein Portal in eine Dämonen-Dimension geöffnet. So eine Woche nämlich.
Aber dann laufen wir durch die glitzernde Altstadt mit der Allee aus lichterkettenbehangenen Bäumen und alles ist wieder sehr Stars Hollow. Ich beiße wie ein Tier in meine Steaksemmel, weil mein Körper seit Wochen nur noch auf Fleisch, Zucker und Alkohol pocht – gerade so, als wäre er an der eigenen Zerstörung interessiert.

Wir bleiben viel zu lange an dem Stand mit einer Schmuckdesignerin hängen und alle Umstehenden sind sich bei jedem Paar, das ich probiere einig, wie gut es mir steht. Ich kaufe dunkeltürkise Tropfen und große, silberne Kanten mit kleinen glitzernden Steinen.
Währenddessen höre ich mich durchgehend reden, über dies und das, Weihnachten und die Welt und wie unerträglich München gerade ist. Alles ist sehr belanglos, aber zu mehr langt es auch nicht mehr. Nach einer Tasse süßem Punsch mit Sahne stakse ich nach Hause wo Pakete auf mich warten und ich halte mich für einen Moment daran fest, dass ich geschafft habe, einige Menschen von meinen waghalsigen Ideen zu überzeugen, sogar zu begeistern.

Um halb zehn liege ich im Bett, lese mit zufallenden Augen wie Viktor Frankenstein eine Kreatur zum Leben erweckt, vor der er sich am Ende selbst fürchtet, deren Antlitz, ja deren schiere Existenz das erste ist, was ihn in seinem wissenschaftlichen, gottgleichen Eifer bremst. Mir tut die Kreatur leid.
Am nächsten Morgen bin ich zuerst um 6 Uhr morgens wach, weigere mich aber das anzuerkennen. Ich kämpfe mich zurück in den Schlaf und plötzlich ist es halb zehn. Einkaufen, Wäsche, Aufräumen, Abtauen, Nachfragen wo die letzten Pegelwichtel-Päckchen bleiben.
Ich verbringe gefühlt die nächsten 8 Stunden des Tages zum Teil in meiner Twitter-Inbox und lerne über angeblich nicht existierende Postleitzahlen (weswegen ein Päckchen wohl seit Tagen durch die Gegend fährt, zu der die PLZ gehört), bekomme selbst etwas zugestellt auf dem die Post die Hausnummer falsch ergänzt hat und rätsele mit den Wichteln, was wohl mit dem Ablageort in der Sendungsverfolgung gemeint sein könnte.
Am Ende habe ich einen Knoten im Bauch, weil es sein kann, dass dieses Jahr mehrere Wichtel trotz allem nicht alle Päckchen bekommen. Fühle mich vom Universum übers Ohr gehauen.
Ich merke, auf wie kleiner Flamme ich unterwegs bin, als ich anfange Nudeln zu kochen und mich wundere warum der Lachsschinken nicht im Kühlschrank ist. Im leeren, offenen Kühlschrank, der gerade abgetaut wird. Zuerst hole ich den Lachsschinken vom Balkon und wiederhole die Prozedur später für Sahne und Parmesan. Jedesmal schaue ich vorher in den Kühlschrank.

Ich trinke zu viel Wein und schaffe es kaum komplett durch Single Bells, den einzig wahren Weihnachtsfilm. Schwarzenberger ist ein Gott.
(leider nicht in der Mediathek des BR, aber komplett auf Youtube. Für Nicht-Alpenregionbewohner mal ein Teaser :

)

Auch am Sonntagmorgen viel zu früh wach. Schreibe stattdessen stoisch die Einkaufsliste fürs Weihnachtsdessert. Die Müdigkeit hängt in jeder Faser, in meinen Gedanken und nicht einmal der Weg durchs Schneegestöber und den sich langsam öffnenden Weihnachtsmarkt Mittags will dagegen ankommen. Schweinsbraten, Knödel, Spitzkohlkraut mit Datteln und Zimt. Meine Schwester hat ihren Kerl und das Beutekind dabei, das auf Essen von Mama Donnerhall mit einem Gesicht reagiert, das keine Bescherung der Welt toppen könnte. Sie haut so enthusiastisch rein, dass wir sie nach dem Essen auf die Couch bugsieren. Das funktioniert genau bis zu dem Moment, als es Plätzchen gibt. Die Auferstehung ist ein Dreck dagegen.

Ich will nur noch schlafen. Tagelang, wochenlang. Danach eine Weile nur noch von Gemüse und Obstsalat leben, bis ich mich nicht mehr fühle, als bestünde ich aus Hefeteig. Letztes Jahr konnte ich nicht erwarten, dass es vorbei ist. Jetzt schon wieder. Das geht doch so nicht.
Anstatt aber Sonntag vor Erschöpfung in einen langen, tiefen Schlaf zu fallen, baut mein Unterbewusstsein ein steiles Alptraum-Szenario zusammen, eine große Feier, sehr hübsch alles und die Bar ist gut ausgestattet, aber die einzigen Gäste sind alle Menschen die mir jemals etwas angetan haben. Die Dinge über mich verbreiteten, die sich abgewandt haben, die mir Vorwürfe gemacht haben, weil ich ihre Unwahrheiten nicht mittragen konnte. Ich führe Diskussion um Diskussion, erst kalt und kalkuliert, durchaus darauf aus beim Gegenüber Schmerzen zu verursachen, aber am Ende bleibe ich immer mit Fragen zurück. Was wohl so falsch, so unerträglich an mir ist, wieso ich keine Antwort, keine Entschuldigung bekommen habe. Alles schon zum x-ten Mal, ich kann es einfach nicht abstellen. Wie dämlich und naiv man sein kann, keine offenen Enden zu akzeptieren. Vergeben, vergessen, nichts davon scheint in meiner DNS angelegt zu sein. Das Gift in meinen Zellen, es ist eine krude Mischung aus Wein, Zucker und der Sehnsucht nach Vergeltung.

Es wird Mitternacht und ich sitze aufrecht in meinem Bett, alles pocht. Zum wievielten Mal spiele ich dieses Szenario dieses Jahr durch, wie viele Nächte fehlen mir weil ich die alten Geister nicht ausräuchern kann?

Ich zähle Mantra-artig all die guten Dinge auf, die noch kommen. Das alljährliche Mittagessen mit dem Team, ein Abend mit charmanter Begleitung, Pegelwichteln, in welcher Form auch immer.

Um 5 werde ich wach. Ich schließe die Augen. The only way out is through.

Fragen 401-425 (von hier)

401. Was isst du am liebsten, wenn du frustriert bist?
Bei Frust greife ich eher zu flüssiger Nahrung, ähem. Wenn es darum geht, dass ein Tag einfach übel war: Pasta, PASTA. Eine gigantische Schüssel Nudeln, entweder mit Gemüse oder Sauce und auf jeden Fall ordentlich Käse. Ich glaube, ich brauche dann dieses Gefühl von Sattheit. Von fast schon zu viel. Darum ist Schokolade bei mir kein Frust-Essen.

402. Hast du mal etwas Übernatürliches oder Unerklärliches erlebt?
Herrje. Einerseits nichts konkretes, andererseits komme ich aus einer Sippe, in der die Energie der Vorfahren oder das Karma bestimmter Taten für Dinge verantwortlich gemacht wird. Aber abgesehen von wirklich merkwürdig fallenden Bildern, stehengebliebenen Uhren und arg zufälligen Begegnungen will mir grade nix einfallen.

403. Welche Herausforderung musst du noch bestehen?
Müssen? Ach, da fallen einem nur vollumfänglich unangenehme ein, we’ll burn that bridge when we get to it.

404. Wer hat dich in deinem Leben am meisten beeinflusst?
Was für eine Tragödie es wäre, wenn man hier nur einen Menschen nennen könnte, anstatt der Hundertschaften, die mit kleinen oder großen Gesten, den richtigen Worten oder manchmal nur als Beispiel dramatischen Einfluss auf mich hatten. Ich trage sie alle mit mir rum, jeden Tag.

405. Was ist kleines Glück für dich?
Wenn unerwartet an mich und meine Bedürfnisse gedacht wurde, wenn Dinge entgegen der Prognose klappen, wenn etwas um das man sich sehr viele Gedanken gemacht hat, plötzlich ganz unkompliziert wird.

406. Tust du manchmal etwas aus Mitleid?
Mitleid hat einen schlechten Ruf, aber es ist doch nur die Vorstufe zur Empathie. Ja, natürlich tue ich manchmal etwas weil ich mitleide.

407. Wann hast du zuletzt einen Abend lang nur gespielt?
Das ist unfassbar lange her, weil ich irgendwie immer alleine dastehe mit meinem Spaß daran.

408. Bist du gut in deinem Beruf?
Ziemlich sicher so gut, dass ich ihm gerade entwachse.

409. Wen bewunderst du?
Menschen, die Ruhe bewahren können.

410. Hast du eine gute Gewohnheit, die du jedem empfehlen würdest?
Aufschreiben. Alles, alles aufschreiben. (Auch die Nabelschau, das Selbstmitleid. Man weiß nie, wofür es gut ist.)

411. Was überspringst du in der Zeitung?
Die Aktienkurse.

412. Was machst du, wenn du graue Haare bekommst?
Aktuell: Ignorieren und Zupfen, je nach Lage und Länge. Noch plane ich keine Färberei.

413. Was war auf deinem letzten Instagram-Foto zu sehen?
Die Wasserburger-Altstadt bzw. die geschlossenen Weihnachtsmarktstände mit Beleuchtung.

414. Stehst du lieber im Vordergrund oder im Hintergrund?
Ich sage jetzt Hintergrund und dann lachen alle, weil ich qua Ungeduld und Lautstärke oft im Vordergrund lande. Aber doch nur, weil ich die Unentschlossenheit oder den fehlenden Humor kompensieren will.

415. Wie oft lackierst du dir die Nägel?
Gab mal eine Phase, da gehörte das dazu, aber mittlerweile nur noch zu besonderen Anlässen. Ich bin aber auch dermaßen unbegabt und zu ungeduldig dafür.

416. Bei welchen Nachrichten hörst du weg?
Wenn es um nichts als die Egos der handelnden Personen geht. Egal ob Politik oder Entertainment.

417. Bei welcher TV-Sendung würdest du gern mitwirken?
Also nicht mit vor die Kamera, richtig? Och. Hm. Zimmer frei! Gibt’s leider nicht mehr, da Spieleausdenker sein war bestimmt super. Ich mag Capriccio im BR, die beschäftigen sich mit spannenden Sachen und Leuten, da täte ich mich gern nützlich machen.

418. Womit belegst du dein Brot am liebsten?
Ich bin ja eh keine große Brot-Esserin (da setzen die teutonischen Gene irgendwie aus), also wenn dann Weißbrot und dazu natürlich fantastischer Käse mit Feigensenf oder hauchzarte Edel-Salami mit Walnüssen oder Rote-Zwiebel-Chutney und Frischkäse oder… Man kann mich nicht einfach so nach Essen fragen!

419. Was ist deine größte Schwäche?
Wie schwach ich manchmal bin.

420. Wie kumpelhaft bist du?
Äh….was? Im Sinne von Lockerheit? Loyalität? Ich bin mehr so jemand zum in-die-Schlacht-ziehen, schätze ich.

421. Welches Ritual hast du beim Duschen?
Aber ich hab doch eine Badewanne! (Gedimmtes Licht.)

422. Wie gefährlich ist deine Arbeit?
Ha. Haha. Hahahahahaha.

423. Welchen Kinofilm hast du sehr genossen?
Genossen klingt seltsam, so, als wäre es gedankenloser Konsum. Aber 25 km/h hat mich unterhalten wie schon lang kein deutscher Film mehr.

424. Welches Brettspiel magst du am liebsten?
Monopoly natürlich.

425. Wem hast du zuletzt eine Postkarte geschickt?
Zählen die beim Pegelwichteln…?

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1 thought on “Protokoll großer Erschöpfung”

  1. Nachdem ich gerade meine sicherlich ganz, ganz doll schlimme Männererkältung(TM) hinter mich gebracht habe und dabei jeden Tag gedacht habe, hoffentlich bin ich Weihnachten fitt, ich muss ja noch so viel… da stolper ich über diesen Text (Twitter ist doch für was gut!)
    Und kann nur Danke sagen, dafür, dass es den Text und seine Erstellerin gibt. Ein für mich schöner Entdecker in einem durchwachsenen Jahr.
    Danke sehr geehrte Frau Donnerhall und da mir gerade danach ist und ich hoffe Ihnen damit nicht zunahezutreten ein paar Verslein:
    In tiefen dunklen Twittersphären,
    wo Böses, böse Wort´ gebiert.
    Sich mancher arrogant geriert,
    Wo Angst zu Hass wird schwären,
    Von Followern sich alle nähren.
    Da ist´s wo´s Dunkel mich umpfängt.

    Doch mittendrin gibt’s Lichterpunkte,
    in bunten Farben reingetunkte,
    die machen einen leicht und froh
    denn manchmal geht´s mir ebenso,
    sowohl frustriert, krawallig und genant,
    als auch lustig, glücklich und galant,
    in aller Pracht in Wahn und Schall,
    Frau Isabella Donnerhall!

    Danke und leckere Feiertage und ein gutes Neues Jahr 2019!

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