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Damaged Goods

Posted in Allgemein

Cause there’s a hole where your heart lies
And I see can it with my third eye
And though my touch, it magnifies
You pull away, you don’t know why

Es ist Donnerstagnacht, noch nicht mal elf. Im Schlafzimmer ist es dunkel, aber nicht dunkel genug. Es ist nie dunkel genug. Ich setze mich im Bett auf, weil ich nicht aufhören kann zu weinen. Das ist neu. Ich weiß nicht, was dieses Mal der Grund dafür ist, ein bisschen trage ich die Tränen schon ein paar Stunden mit mir rum. Während ich da sitze, fallen mir zwei Dinge auf: 1. Das ist die nächste Stufe. Jetzt stecke ich wirklich im Treibsand dieses großen Schattens. Und 2. Ist Tränenflüssigkeit immer so warm? Warum fühlt sie sich grade so an?

Ich merke, wie ich fast automatisch nach dem Smartphone greifen will. Womöglich etwas schreiben. Ich ahne, dass der Impuls für die stattfindende Schlaflosigkeit auch irgendwo in diesem Wischphone steckt. Am Wochenende – einem eigentlich fabelhaften Wochenende mit neuen Eindrücken, Erlebnissen und in charmanter Begleitung – hatte ich schon mal versucht einen von diesen absurden Sachverhalten in Worte zu packen, zu erklären, was da an mir zieht. Ich erntete mehr Konfusion als mir lieb war, auch, wenn ich es nachvollziehen konnte. Und fing auch da an zu heulen. Ich hab es nicht mehr unter Kontrolle. Da hat jemand ein Loch in den Damm gemacht und nun hab ich ein Problem. So öffentlich wie in einer Kneipe weinen – wann ist das zum letzten Mal passiert? Ich komme nicht drauf. Vielleicht im Klassenzimmer damals.

Dabei steckt, wie momentan bei allen Dingen die mich stören, keinerlei Logik dahinter. Mein Kopf weiß das. Er hatte auch angefangen sich zu erholen, als ich während des langes Wochenendes in einer anderen Stadt einfach mal ein paar hundert Tweets nicht gelesen habe, mich nicht in Konversationen gemischt habe, nicht mitbekam was alle anderen tun. Ohne mich tun.

Das hier ist kein „Twitter ist toxisch“-Eintrag. Im Gegenteil. Das Wochenende hätte ohne Twitter nicht stattgefunden. Einige der besten Momente der letzten Jahre hätten ohne Twitter nicht stattgefunden. Ich sehe keine Plattform. Ich bekomme gar nicht so viel Hass und Empörung mit. Twitter ist mein Schulhof. Der, den ich in echt nicht hatte. Ich folge nicht ganz 350 Menschen und ich glaube, mittlerweile habe ich ein Drittel davon persönlich kennengelernt.

And therein lies the problem.

Wenn es mir gut geht, ist dieses lose aber nicht belanglose Netzwerk ideal. Sich hier und da einklinken, zeitlich und räumlich ungebunden aber doch dabei sein und hier und da dann eben auch in der Kohlenstoffwelt sehen – für jemanden, der die sozialen Normen zum Thema Freundschaft als Fremdsprache wahrnimmt, ideal.
Bis es einem zu gut geht und man vergisst, dass wir alle Maulhelden sind.

Als ich 16 war und ein Büchlein führte, in dem ich alle Suizidarten, mit Vor- und Nachteilen sowie logistischen Hürden aufgelistet habe, war es eine ähnliche, heute sagt man Community, die das aufgefangen hat. Wir hatten Foren und Chats und haben uns gegenseitig unsere Teenager-Seelen offenbart. Übrig geblieben sind zwei, vielleicht drei Kontakte und auch die hängen an seidenen Fäden, nicht zuletzt wegen der räumlichen Distanz.
Auch damals gab es Dramen und Zerwürfnisse und beendete Kapitel. Wir konnten uns nicht entfolgen oder blocken, aber ignorieren und in Lager aufteilen. So kindisch das im Nachgang klingt, so viel einfacher hat es alles gemacht.

Jetzt ist alles wischiwaschi.

Wenn es mir gut geht, ist das hervorragend auszuhalten. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Menschen im wahren Leben nicht wissen wohin mit mir. Ich bin ein bisschen zu stachelig, zu kantig, tauge nicht für engere Kreise. Als entfernte Bekanntschaft, die ob Humor und Kuriositätenfaktor so ungefähr ab dritter Reihe dazu gehört, eigne ich mich aber offensichtlich hervorragend. Für jeden Schritt auf mich zu, machen die meisten Menschen zwei zurück. Dadurch bin ich auch leichter auszusortieren, wenn es mir nicht gut geht, wenn die beschädigte Ware augenscheinlich wird. Dazu hab ich selber beigetragen.

I’ve built this cage myself.

Ich habe diese Persona aufgebaut. Ein bisschen zu laut, ein bisschen zu schrill. Ein axtschwingendes, schnapstrinkendes Großmaul, unabhängig und furchtlos.
Ein Großmaul, das man mit Winzigkeiten aus der Fassung bringen kann. Ein „deinetwegen“ langt völlig. Wichtig genug, präsent genug zu sein, dass jemand irgendetwas tut und sei es nur eine Formalität, bringt das fein justierte Weltbild ins Wanken. (Es ist ein sehr eingerostetes Weltbild, das böse quietscht und dann fast bricht, wenn es zurückkippt, weil man sich in der Realität wiederfindet, in der man wie sonst auch ausgelassen wird. )
Die letzte zu sein, die etwas weiß, die zu sein, deren Wünsche erst am Ende berücksichtigt werden – das ist durchaus mein Normalzustand. Weil trotz aller Therapie, aller positiver Erlebnisse – jetzt, wo ich wieder in den Keller hinunter steige, ist die innere 13jährige verzweifelt wie eh und je. Die, der gesagt wurde, dass sie dankbar zu sein hat, weil sich jemand mit ihr „abgibt“. Sie hat gelernt keine Bedürfnisse gegenüber anderen zu haben, sondern lustig und unkompliziert zu sein, damit sie mitmachen darf.

Vielleicht ist es ihre Wut, die ich mit mir rumtrage. Sie hat hart daran gearbeitet, dass niemand an ihrer Zähigkeit zweifelt, dass sie alles alleine hinbekommt. Sie wäre so empört, das wir es in unsere Dreißiger geschafft haben, nur, um Nachts zu heulen weil Realität und Erwartung auseinander driften. Wo wir uns doch die Erwartungen abtrainiert hatten. Ich bin nicht misstrauisch, ich habe eine Statistik.

And yet.

Etwas, das an Twitter sehr viel Spaß machen kann, sind die – nennen wir sie mal – Mikrosignale. Die „jemand ist gemeint, wird aber nicht erwähnt“-Tweets. Die Favs oder Retweets, die in einem bestimmten Kontext passieren. Komplettes Inside-Baseball. Der Schulhof, den ich nie hatte.
Genau diese Mikrosignale sind es jetzt, die vermutlich zwischen meinem Kopf und etwas Abstand zu den Dingen stehen, die passiert sind.
Natürlich ist es ziemlich plem plem, wegen vereinzelter Assoziationen auf Tauchstation zu gehen, obwohl es genug Menschen dort gibt, denen man vielleicht sogar ernsthaft fehlen würde. Mir werden sie fehlen.
Aber was Besseres fällt mir grade nicht ein.

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6 Comments

  1. eeek
    eeek

    Ach, ach.
    Menno.

    Heul Dich aus, sortier Dich, komm zu Dir. In aller Ruhe. Und dann wäre es schön, wenn Du wiederkämst. Da ist nämlich kein vielleicht, die Timeline ist sehr ernsthaft doof unvollständig wenn Du nicht da bist.
    (Und falls ich was tun kann, sagst Du es, ok?)

    04/05/2018
    |Reply
    • Bella
      Bella

      <3 Ach, ach. Ich komm mir ohne euch fast ein bisschen unvollständig vor. Aber vielleicht ist das das Problem. Ich muss mich neu zusammensetzen. Aber ich komm zurück. Zumindest kann ich mir nix anderes vorstellen. Dauert bloß ein wenig.

      07/05/2018
      |Reply
  2. Ich denke manchmal, Twitter oder Social Media im Allgemeinen sind der Schulhof oder der Dorfbrunnen mit anderen Mitteln. Die Menschen ändern sich nicht wirklich, nur weil sie sich nur noch via Notebook / Smartphone “treffen”. Wer mich also ohne Twitter nicht einmal mit dem Hintern angucken würde, wird das auf Dauer auch mit Twitter nicht tun. Man täuscht sich da manchmal, und es entsteht für Tage und Wochen oder sogar länger das Gefühl einer Vertrautheit, die letztlich eine Illusion ist. “Alles nicht so ernst nehmen” ist das Klischee, das mir auf der Zunge liegt, aber das funktioniert ja auch nicht immer. Ich habe da in letzter Zeit auch die eine oder andere Illusion verloren, was beweist, dass man mit dem Alter nicht immer gescheiter wird. Mehr Distanz und ein geschützter Account waren hilfreich.
    (Vielleicht habe ich Ihren Text aber auch falsch verstanden; ich bewege mich ja auf Twitter in anderen Kreisen als Sie, glaube ich.)

    05/05/2018
    |Reply
    • Bella
      Bella

      Ja und Nein.
      Natürlich ist genau das die Gefahr. Aber was einen so schleudert sind ja nicht die großen Unterschiede zwischen Twitter und was ich Carbon-Welt nennen, sondern die feinen. Wenn alles auf Twitter die entscheidende Nuance vertrauter wirkt, als außerhalb. Nur ein ganz kleines bisschen. Zack, hängt man mitten im Schlamassel. Ich befürchte auch, dass sich da die Twitterkreise nicht groß unterscheiden. Vielleicht sollte ich über den geschützten Account nachdenken.

      07/05/2018
      |Reply
  3. Normalerweise verstehe ich Twitterpausen nicht. Die hier schon. (Glaube ich.)

    You do you. Sag Bescheid, wenn Du was brauchst. (Im Ernst jetzt.)

    06/05/2018
    |Reply
    • Bella
      Bella

      Ich befürchte, wenn ich wüßte was ich brauche, wäre ich einen entscheidenden Schritt weiter. Aber danke. Es hilft zu wissen, dass man wenigstens kleine Teile noch nachvollziehbar erklären kann. (Es hilft nicht an allen eigenen, äh, Fakultäten zu zweifeln.)

      07/05/2018
      |Reply

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