Donnerhall(en)

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Schlagwort: gedankensturm (Seite 2 von 4)

BER – STR

“Oh toll, du hast Berliner mitgebracht!”
Ich stelle die Schachtel mit dem halben Dutzend an Gebäckstücken hin. Nein, habe ich nicht.
Die Krapfen glänzen noch ein bisschen und zwischen den ersten Bissen debattiert die Frauenrunde jetzt natürlich die korrekte Bezeichnung. Es ist ein übliches, erwartetes Ritual. Wer zuerst Pfannkuchen sagt, ist raus. Innerlich bin ich kurz dankbar für die Faschingszeit, in der meine Mitstreiterinnen auch einfach mal über die gefüllten Kugeln freuen, anstatt ihren Kaloriengegenwert zu erläutern. Wir beißen synchron in die Hefeteigstücke und eine Wolke von Puderzucker verteilt sich über den Tisch. Der Krapfen könnte saftiger sein. So wie früher. Sie waren doch früher besser, oder? Gebäck ist meine persönliche Nostalgiefalle.

Ich denke an Wolfang Thierse und die Schrippen. An Fleischpflanzerl und Semmeln, Knödel und Leberkäse und was es über uns aussagt, wie ernst wir diese regionalen Bezeichnungen nehmen. Als ich 12 oder 13 war, musste ich zum ersten Mal auf einer Karte “Fleischkäse” lesen. Ich hatte keine Ahnung was gemeint war. Eine Bildungslücke? Vielleicht, wenn ich heute noch nicht wüsste was sich dahinter verbirgt, würde es mich bei der Bezeichnung “Hawaipizza-Fleischkäse” weniger schütteln. Genauso war mein erstes Jahr in Ulm von konstanter Konfusion geprägt. Warum werden hier Seelen gegessen und bin ich ein schlechter Mensch weil ich Maultaschen für überbewertet halte? (Ernsthaft, wagen Sie es mal in schwäbischen Gefilden Zweifel daran zu äußern, dass man Maultaschen IMMER und ZU ALLEM essen kann.)

Würde ich heute zum Beispiel in den Norden Republik ziehen, täte ich an Servus und Grüß Gott und natürlich den Semmeln festhalten? Halte ich damit meine Wurzeln in Ehren oder verweigere ich die Migration? Wir sind schon ein putziges und leidlich neurotisches Volk. Weil Migrationspolitik diffizil und kontrovers ist, verlegen wir die symbolische Diskussion nach Innen. Wobei, wer ist schon wir. Der fast vergessene Thierse ist nur der neuste alte Mann, der mit absichtlich-grenzwertiger Rhetorik nach ein bisschen Aufmerksamkeit lächzt. Dabei ist der Schwabe in Berlin auf der Skala der Andersartigkeit für viele nicht so weit weg vom Türken in der Oberpfalz. Fremde Religion, andere Nahrungsmittel und Gebräuche, die man nicht sofort nachvollziehen kann. Hashtag #Kehrwoche. Es ist ein Seiltanz. Wer zu ernst auf den Lokalkolorit besteht, wird schnell als provinziell abgestempelt. Und provinziell will man nicht sein. Schon gar nicht in Berlin. Einerseits sind wir alle längt globalisiert und wollen über diesen Dingen stehen, andererseits machen wir die Witze über spießige Schwaben und verpeilte Hauptstädter als wäre es ein Religionsersatz.

Ich mag regionale Eigenheiten. Nicht nur die meiner bajuwarischen Heimat. Als Angehörige eines Volksstammes, der oft wegen zu vieler Bräuche und erfolgreicher Eigenheiten verspottet wird, bin ich da sehr tolerant. Wenn es nach mir geht: Mehr Feiertage für alle! Ich verstehe viele solcher Traditionen nicht aber finde es dennoch gut, wenn man versucht sie zu erhalten. Sogar, dass sich die Diskussion am Essen entzündet, ist eigentlich eine ganz clevere Variante – jeder isst gern. Vielleicht, wenn wir über Schrippen und Semmeln und Wecken reden, reden wir demnächst über Bäcker und uniforme Teiglinge, die aus Fabriken kommen und in der Bestellform des Großlieferanten Brötchen heißen. Parmaschinken heißt so, weil er aus Parma kommt. Die selbe Regel gilt für Champagner und die Nürnberger Bratwurst. Das werden regionale Eigenheiten, Bezeichnungen und Herstellungsarten zum Markenschutz. Zum Qualitätsmerkmal.
Eigennamen und Dialekte hatten immer schon zwei Funktionen: 1. die Identifizierung und Stärkung der Verbindungen im Inneren. 2. Die Abgrenzung nach Außen. Wenn ein schwäbischer Bäcker nach Berlin zieht und dort Semmeln nach seinem Rezept macht – sind es dann Schrippen? Und wenn der bayerische Franchisenehmer einer Backshop-Kette von München nach Hamburg wechselt – macht das noch irgendeinen Unterschied? Ich esse gern Falafel mit Hummus. Frittierte Bohnenpüreeklöße mit Kichererbsenpaste. Nur, dass niemand diese Aufschrift auf einer Tafel fordern würde. Wäre auch verdammt lang.

Wenn der Berliner Flughafen eines Tages fertiggestellt sein wird, werde ich dort einen ordentlichen Döner bekommen. Genauso wie Burger und Fritten, Sushi, Currywurst, womöglich Fish and Chips und vermutlich auch Krapfen, äh, Pfannkuchen und eine Butterbrezn. Wobei die höchstwahrscheinlich in einer miserablen Backshopkette dann 1,40€ kostet. Die Chance, dass der geneigte wie verhasste Tourist eine echte Bulette in einer echten “berliner” Schrippe bekommt, sind eher schwer zu schätzen. Auch die Snack-Tauglichkeit von Maultaschen ist mir spontan nicht geläufig. Eine leere Bezeichnung allein setzt sich nicht einfach so durch. Da kann sich Herr Thierse auf den Kopf stellen. Aber vielleicht ist er ja der Gründer einer Petition, die sich für die Bevorzugung von regionalen Läden und Marken im Willy Brandt – Flughafen einsetzt. Dann will ich nichts gesagt haben.

Mit tropft Marillenmarmelade auf den Ärmel. Das ist beim Krapfenessen immer so. Der Puderzucker ist mittlerweile überall verteilt. Hätte auf der Schachtel Berliner oder gar Pfannkuchen gestanden, ich hätte genauso hinein gebissen und stattdessen wäre mir dann eben Pflaumenmuss auf den Ärmel getropft. Ich kann auch sehr gut damit leben, dass der präparierte Faschingskrapfen mit Senf aus der Mode kommt und es stattdessen öfter welche mit Vanillepudding gibt. Nicht jede Tradition muss unbedingt überleben.
“Im Rheinland,” sagt die L. zwischen zwei Bissen, “ist gar keine Marmelade drin. Nur Rosinen.”
Rosinen? Das geht jetzt zu weit.

neverwhere footprints

Es ist schon ein paar Tage her. Ich wachte auf und für einen kurzen, wirren Moment war ich überzeugt davon, dass das Gespräch tatsächlich stattgefunden hatte. Dass wir im Cafe saßen, vielleicht nach einem Film. Mein Unterbewußtsein ist ein Schweinehund.
windowdressing
Der A. saß da. So kauzig wie eh und je. Er rührte in seinem Tee und krächzte ein bisschen.
“Weißt du, Bella, seit du wieder wunderlich wirst, bist du glücklicher als sonst. Du hast dich zurück verpuppt und bist jetzt eine Raupe, ganz zufrieden mit allem.”
Und ich weiß gar nicht was ich erwidern soll und höre einfach zu, was auch sonst.
“Das Alleinsein und das Schreiben und der Rückzug von der Welt – früher hätte keiner versucht das weg zu therapieren. Aber es wußte ja niemand, dass die Welt dich so schwermütig macht. Du doch auch nicht. Alle dachten, dass dich das Alleinsein erst so traurig macht. Andere sind traurig, wenn sie allein sind. Du … nicht.”

Er sagt noch mehr, aber ich erinnere mich kaum daran. Ich habe den Geruch der schweren weißen, heißen Schokolade in der Nase. Ich kann die Sahne fast auf der Zungenspitze schmecken. Es geht vermutlich wieder darum, ob das heute überhaupt noch möglich ist – sich selbst genug sein. Nicht immer, natürlich. Er hat bestimmt mit Nachdruck darauf gepocht, dass man selbst nur besser wird, wenn man sich auch den anderen stellt. Weil wir nur so Spuren hinterlassen. Womöglich wurde es an einem Punkt eine Diskussion darüber, wie viele Verbindungen wir brauchen. Ich hätte Witze über lange Leinen gemacht. Vermutlich. Aber vielleicht war da auch gar nicht mehr. Wie das so ist. Zu klar ist mir doch die ganze Zeit, dass ich jemand anderen meine Worte aussprechen lassen. Nächtliches Puppentheater.

Nur am Ende, kurz bevor ich aufgewacht bin, hab ich geantwortet.

“Das ist alles nur, weil mein Kopf so bevölkert ist. Deswegen ist es immer laut.”

stone cold stories

Heute fand ich mich plötzlich auf einem Friedhof wieder. In der kleinen Stadt am Inn. Einer dieser alten aber gepflegten Friedhöfe. Man kennt sich, verbindet mit den Namen auf den Grabsteinen Anekdoten. Friedhöfe sind immer stumme Zeuge von Geschichten. Und auf ihre Weise erzählen sie die Geschichten weiter.

So stehe ich da, im Jahr 2012. Vor Namen und Leben die zum Teil vor 150 Jahren begannen. Familien, Verluste, Tragödien. Generationen davon. Die Mutter, geboren 1915. Der Vater, prakt. Med. , geboren 1911. 1936 kam ihr Sohn zur Welt. Herangezogen während des Krieges also. Wahrscheinlich kam er in einen der Jahrgänge mit Not-Abitur.

Er fing an Medizin zu studieren, wie sein Vater. 1959, kurz bevor die Welt sich in vielen Bereichen grundlegend verändert, kommt er mit nur 24 Jahren ums Leben. Neben seinem Namen steht Stud. Med. auf dem Grabstein.
Die Eltern sind erst ende der 80er bzw. Anfang der 90er gestorben. Noch nachträglich spürt man den Schmerz, den das Fehlen des womöglich einzigen Kindes ausgelöst hat.

Vor allem, weil einem klar wird, dass es ein Unglück gewesen sein muss. Nicht wie 15 Jahre vorher, 1944, eine Jahreszahl die überdurchschnittlich häufig auf den Grabsteinen in dieser kleinen Stadt steht. Oft gleich nach Geburtsjahrgängen der 20er. Geschwister, halbe Familien. Die dunklen Zeiten.

Dann noch diese Entdeckung der ‘von Manns’, einer davon sogar mit Ritter-Titel. Plötzliche, greifbare Neugierde die einen überkommt.
Das einzelne Grab mit der italienischen Inschrift.
Die Skulptur eines gebeugten Mannes statt eines Grabsteines.
Kleine Engel an den Ecken der Grab-Kanten.

Niemand heißt mehr Amalie oder Bartholomäus. Eigentlich schade.

Es lässt sich ja schon kaum noch jemand traditionell eingraben. Man lässt sich verbrennen und die Urne eingraben. Selbst das wird sich mit der Zeit vermutlich ändern. Unser Grab-Kultur wird sich ändern. Ob meine Angehörigen wohl mal einen Platz haben werden, an dem sie Blumen ablegen? Oder werden wir Urnen wie in Regale stellen und uns zurück gezogen an die erinnern, die wir verloren haben?
Ich wäre für schöne Platten, wie Regaldeckel. Auf denen hätte viel Text platz. Und notfalls auch noch ein QR-Code.

Bemerkenswert finde ich immer all die Dinge, die außerhalb der ‘normalen’ Daten auf Grabsteinen stehen. Sebastian, genannt ‘Wastl’. Oder ‘die Huber-Bäuerin’. “Ehemaliger Bürgermeister von Mühldorf’. Kleine Bemerkungen die am meisten über die aussagen, die sich um das Grab des Verstorbenen gekümmert haben. Sie fanden es wichtig, dass es dort steht. Weil es ein Teil der Menschen, ihrer Persönlichkeit, ihrer Geschichte war.

Ich meine, es wird sich kaum jemand ‘Krawall-Bloggerin’ eingravieren lassen, oder? Vielleicht doch.

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Thema von Anders Norén.