Donnerhall(en)

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Monat: Februar 2018

ice ice baby

Gut ist, dass draußen Kälte herrscht. Kälte und Schnee und Wind. Es hilft beim Abkühlen, wenn innen drin alles tobt. Wenn manchmal, aber endlicher seltener die Wut aufblitzt. Wenn positiv überraschend, Emails aus einem anderen Leben aufschlagen. Wenn ich mich bei Gedanken an eine Begegnung aus noch einem anderen Leben ertappe.
So wirklich auf Menschen loslassen kann man mich immer nur noch bedingt, aber der Biss kommt zurück, ganz langsam. Eine widerspenstige Ambition, hin- und hergerissen zwischen ‚lasst mich alle in Ruhe, ich will nur hier sitzen, allein vor mich hin arbeiten‘ und ‚Weltherrschaft, aber sofort‘.
Nach und nach baue ich die Dinge ab, die mir im Nacken sitzen. Steuererklärung, ein überfälliger Text, jetzt noch ein ehrgeiziger Plan und eine große Wunscherfüllung. Ein einziges Rumoren.
Das Büro bürotiert so vor sich hin, ich gebe das Fräulein Rottenmeier in einer Welpinnen-Runde, was die momentan niedrige Frusttoleranz enorm fordert. Erstmals sehr seriöses Fernweh. Vermutlich nach einem Ort, der nicht existiert. Aber stark genug, dass ich darüber nachdenke wie es wäre woanders zu leben, etwas ganz anderes zu machen. Vielleicht ist es der Wunsch nach der Neuerfindung des eigenen ichs.
Oder auch ein kleiner Teil Fluchtinstinkt, seit ich jetzt schon im Beuteschema von doch älteren Busfahrern liege. In Wahrheit funktioniert die große Klappe ja bei vielen Dingen, aber eben fast gar nicht, wenn Männer Annäherungsversuche starten. Das passiert so selten, dass ich erstmal ehrlich schockiert bin und gar nicht schnell genug beurteilen kann, ob das nun ernst gemeint oder einfach nett oder übergriffig ist. Da gehen alle Systeme auf immediate exit.

Ich bin nicht einfach nur unspontan, ich fühle mich regelrecht gekränkt, wenn sich zu viel, zu schnell ändert und niemand mich fragt, ob das so okay ist. (Macht sich mentale Notiz für die Therapeutin.)
Was besonders irritierend ist, wenn man aus einer Spontanitäts-Sippe wie meiner kommt. Apropos.

In der elterlichen Wohnung beginnt das große Räumen. Aus- und Weg- und Abräumen. Mama Donnerhall nimmt nur das Nötigste mit in die neuen vier Wände, fängt auch nochmal neu an. Als erstes werden 5×2 Meter Bücherregal aufgelöst und großzügig an die Töchter verteilt. Das geht, weil wenigstens eine von uns es nicht übers Herz bringt Bücher wegzuwerfen. Also bekomme ich jetzt ein Lexikon in 16 Bänden. Soviel zu meinem Plan von der neuen Agilität.
Ein Teil von mir kommt sich vor wie ein Midlife kreisender Mittvierziger. Jetzt, wo alles geregelt und demnächst Alle aus dem Gröbsten raus sind, könnte man ja nochmal aufdrehen. Meine Güte, wie früh ich alt geworden bin.

Um mich herum herrscht so viel Aufbruch, Wagemut. An guten Tagen denke ich, das will ich auch. Dann liege ich abends im Bett, der rechte Fuß ist ein einziger Eisklumpen und mir wird wieder klar, dass ich eben auch aufgrund meiner Physis so vorsichtig geworden bin. Roadtrips, durchgetanzte Nächte und barfuß am Strand entlang spazieren, sind alles Konzepte die mich durchaus reizen könnten, aber deren Preis ich eben doch nicht bereit bin zu zahlen.

Natürlich ist mir längst klar, dass ich zu viel darüber nachdenke was mich hindert oder beeinflusst, anstatt einfach mal trotzig etwas einfach zu tun – aber auch das ist diese fiese Krankheit. Zumindest hoffe ich das. Noch kann ich mich daran erinnern, wie ich zuletzt einfach mal etwas angefangen und mich in etwas gestürzt habe. Das war gut. Ich vermisse die Bella, die so war, sich das getraut hat.

P.S.: ICE ICE ICEHOCKEY BABY *eskaliert noch eine Weile vor sich hin*

Don’t you forget about me

Will you recognize me?
Call my name or walk on by
Rain keeps falling, rain keeps falling
Down, down, down, down

Ein bisschen Schwund ist immer, das weiß man, sobald man einmal Bekanntschaft mit dieser walzenden Muräne im eigenen Gemüt geschlossen hat. Menschen bleiben auf der Strecke. Entweder weil sie freiwillig die Flucht ergreifen, auf Abstand gehen – oder, weil sie letztendlich aufgeben, zu oft zurückgewiesen letztendlich resignieren.

Das ist nämlich eine Krux an der Schatten-Krankheit. Der wilde Widerspruch aus maximaler Zurückgezogenheit, den abgesagten Treffen, den vorgeschobenen Beschwerden und dem gleichermaßen dringenden Wunsch danach bemerkt, wahrgenommen und aufgenommen zu werden. Dieses Paradox muss man im Hinterkopf behalten, wenn man verstehen will, warum Menschen mit Depressionen manchmal so seltsam reagieren.

Als ich im Laufe der letzten Wochen von mindestens zwei Gelegenheiten erfuhr, zu denen ich sonst dazugehört hätte, oder zumindest ursprünglich mal eingeladen war, merkte ich wieder, wie sehr mein Blick auf die Realität momentan getrübt wird. Mit nüchternem Verstand betrachtet, gibt es für beide Instanzen vollkommen nachvollziehbare Erklärungen. Bei der ersten, von deren Stattfinden ich überhaupt nur durch Dritte erfuhr, ging man traditionsbedingt vermutlich schlicht davon aus, dass ich – mich noch mehr oder minder in Trauer befindlich – nicht in irgendeiner Gruppe verlustieren wollen würde. Tatsächlich hätte ich, wäre ich formal dazu geladen worden, wohl auch sehr lange überlegt.
Bei der zweiten Sache, überhaupt nur auf Twitter erwähnt, hatte ich in der Planungsphase eine Art Einladung bekommen, aber dann nichts mehr Genaues gehört. Ich hätte in der schlussendlich geladenen Gruppe auch wirklich nichts verloren gehabt, um Gotteswillen. Was mich nicht davon abhält über Schrödingers Partyeinladung zu spekulieren.

Vom unabsichtlichen Vergessen der ursprünglichen Email über vorausseilende Rücksichtnahme zu bewusstem Abstandnehmen ist da alles dabei. Das nämlich, ist der Dämon im Kopf. Vergessen Sie Ockhams Rasiermesser (Von vielen Erklärungen ist immer die nächstliegendste vorzuziehen.), hier befinden wir uns mitten im Gewirr von Aristoteles – “Eine wahrscheinliche Unmöglichkeit ist immer einer wenig überzeugenden Möglichkeit vorzuziehen.”

Als jemand, der dieses dunkle Meer bereits einmal mehr oder minder erfolgreich durchschwommen hat (I’m still here, so that counts, right?), ist man dafür erst recht in einer kalten, zynischen Schleife gefangen. Mit dem Wissen um die Menschen im eigenen Leben, die es vielleicht nicht aushalten, beginnt man derlei Kleinigkeiten als Grundlage für eine Berechnung zu nehmen.

Ist es Vielleicht Person X, in deren Leben gerade gute Dinge passieren und für die ich darum erst recht eine zu aufwändige Anomalie darstelle? Oder Mensch Y, der obwohl aktuelle noch sehr bemüht, am Ende die Segel streichen wird? Diese gefährliche ‘ihr haltet mich eh nicht aus, ich habe völlig recht mich euch nicht aufzudrängen’-Attitüde ist vielleicht der längste Arm der Krakenkrankheit, die sich in alle Lebensbereiche mischt.

Natürlich wird mir nicht Bescheid gesagt, selbstverständlich werde ich übergangen, ich hätte mich auch nicht eingeladen.Den größten Schaden richtet oft nicht das Feuer, sondern das Löschwasser an.

How to care for the depressed person in your life?
Keep bugging them.

Dass ich diese kleine Plattform nutze, um offen – manche nennen es offensiv – über solche Dinge zu schreiben ist für sich selbst genommen die nächste Hürde. Wenn wir sagen, dass zu wenig über psychische Krankheiten gesprochen wird, dann meinen wir nicht, dass kein Interesse daran besteht – zumindest fachlich. Aber die persönlichen Geschichten, oft extrem unterschiedlich aber in sich auch ähnlich zäh und grau, sind nichts mit dem jeder erstmal konfrontiert werden möchte. Ich sage das, weil ich selbst nur bedingt Geduld für Me&My Depression&I Stories habe, in denen sich jemand nicht mal Hilfe holt. (Allein für die Stories sollten viel mehr von uns zum Therapeuten gehen. Trust me, that shit is hilarious.)

Meine quasi öffentliche Auseinandersetzung mit der Malaise wird zusätzlich Menschen abschrecken. Freunde, Bekannte – ein paar werden irritiert und mit leicht rümpfender Nase viel Raum zwischen mich und sie selbst bringen. Man spricht nicht über Krankheiten, außer vielleicht in einem Wartezimmer, aber dann auch nur im Flüsterton.
Bis zu einem gewissen Grad bin ich sogar Fan von dem Konzept, wir behelligen uns alle heute viel zu oft mit Zipperlein und fordern Rücksichtnahme wegen Kleinigkeiten. Ein bisschen mehr Zähne zusammenbeißen würde etliche von uns weniger anstrengend machen – ohne, dass uns etwas fehlen würde.

However – sagte sie, nach 600 Worten über ihren Zustand.

Ich schreibe das hier auf, weil ich nichts anderes referenzieren kann. Weil belehrende Twitter-Threads nicht dasselbe sind wie eine aufgeschriebene Erklärung für widersinniges Verhalten.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Vergesst meiner nicht. Auch wenn ich wieder absage, vielleicht nicht auf die Email antworte oder mich anderweitig rar mache. Es hat nichts, aber auch nicht das Geringste mit meiner tatsächlichen Wertschätzung euch gegenüber zu tun. Im Gegenteil.
Aber ich weiß, dass ich die gleiche Logik nicht auf mich selbst anwenden kann, zumindest nicht jetzt. Wenn die Kontakte also ausbleiben, die Feiern ohne mich stattfinden und ich aus der Ferne sehe, dass alle Spaß haben, wenn ich nicht dabei bin – dann werde ich nicht denken, dass es trotz meiner Abwesenheit sondern wegen meiner Abwesenheit so ist.

Das sind die Fake News, die das eigene Hirn auf die Titelseite druckt.

Ich will nicht behaupten, dass ich ohne Depressionen in meinem Leben plötzlich extrovertiert wäre, um Himmelswillen, nein.
Aber objektiv betrachtet weiß ich, dass die guten Zeiten in meinem Leben durch eine geschickten Balance aus allein verbrachter Zeit und anregender Gesellschaft identifizierbar waren.

Es ist nicht nur die Antriebslosigkeit, die fehlende Perspektive, die innere Düsternis. Es ist, und vielleicht steckt hier das größte Schadenspotential, die tiefe Überzeugung nicht gewollt zu werden. Alle Self-Acceptance, jedes Selbstbewußtsein und die größte innere Unabhängikeit ersetzen nicht die beruhigende Wirkung von ehrlich gemeinter Aufmerksamkeit von Außen. Am Ende braucht man die innere Stärke und die äußere Bestätigung.

Am Ende muss aus dem inneren Widerspruch etwas werden, das ineinander greift. Ich hoffe, es dauert dieses Mal nicht so lang.

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Thema von Anders Norén.