Autor: DonnerBella (Seite 72 von 206)

Gelesen KW 42

Gesammelt bei Quote.fm. Und heute mit ganz vielen tollen Reaktionen auf mein kleines Lesegeständniss.

Allerheiligen

“Ja, ja aber ihr könnt mich Allerheiligen nicht allein stehen lassen. Dann bekomme ich wieder Mitleidshandschläge. Und die Blicke erst!”
Weil die E., meine Tante ist jetzt über die 60 und achduje, alleinstehend und sie sieht zwar aus wie Ende 40 mit ihrem Kaschmirpullover und fast faltenlos (wie alle Frauen auf der Seite der Familie. Ich bete täglich dieses Gen erwischt zu haben.), aber wenn nicht meine Mutter, die R. (meine viel zu schöne Schwester) und ich Allerheiligen neben ihr stehen, am Grab meiner Großmutter und des Großvaters den ich nie kennen gelernt habe und Urgroßmüttern und Urgroßvätern die sich zum Teil gegenseitig unter die Erde gebracht haben (weil, wenn nicht vom eigenen Ehemann erschlagen werden die faltenlosen Frauen dieser Familie auch noch immer mindestens 86 Jahre alt. Mindestens.), dann jedenfalls, gucken die Leute so ein bisschen mitleidig.
Was Blödsinn ist, weil eines Tages so zu leben wie meine Lieblingstante E., damit wäre ich hochzufrieden. Die einzigen Dinge die es immer zuverlässig in ihrer Küche gibt sind Wein, Schokolade und Vitaminpräparate. Und Zigaretten, jetzt wieder, seit das Rauchen überall verboten ist. Da hat sie wieder damit angefangen. Sie arbeitet noch und im Büro fürchten sie die richtigen Leute. Weil sie zuverlässig und patent und grade raus ist.

Jedenfalls, Allerheiligen. Wir reden hier natürlich vom dörflichen Bayern, von einer Ecke die früher ein eigenständiges Dorf war und jetzt irgendwie zu Bad Aibling gehört, darum gehört man ja noch lang nicht wirklich dazu. An Allerheiligen kommen sie alle, aus München und Rosenheim und vom Ferienhaus in Garmisch und Tage vorher schon hat jemand das Grab hergerichtet. Das ist dann auch DAS Small-Talk Thema. Besonders bei denen die gar nicht erst in die Kirche gehen, sondern langsam durch den Friedhof schlendern und hier und da hallo sagen, was man halt so macht wenn man sich nur einmal im Jahr sieht.

Wer hat was gepflanzt und wie sieht das aus und da ist schon wieder ein Loch in der Hecke am Rand, ja tut den keiner was gegen die elendigen Hasen? “Unser” Grab ist auf der kalten Nordseite, am Rand gleich neben der Kirche. Gottseidank, da steht keiner lang gern der nicht dazu gehört. Trotzdem schüttele ich jedes Jahr wieder Hände völlig unbekannter Menschen. Ach, mit dem Dings ist die Mama noch in die Schule gegangen und die Gitte hatte letztens ein Klassentreffen organisiert, aber wir haben niemanden erreicht und wir sind ja auch nur noch 12 die noch leben.

Mit Einigen (fast allen, so scheint es) sind wir auch irgendwie verwandt. Da war jahrelang die M., eine Cousine meiner Mutter, aber so unterschiedlich können Familienzweige sein. Vor einigen Jahrzehnten hätte die Großtante A. eigentlich meiner Mutter und der Tante E. Land vererben wollen, aber dann hat die Cousine M. sie so lange gepflegt bis sie das gesamte Erbe hatte, mit dem kleinen Häusl und dem ganzen Grund und dem Schmuck.
Aber Karma, gell. Weil, als die M. und ihr Mann vor zwei Jahren plötzlich an Allerheiligen nicht kamen und über beide Backen grinsend unsere Hände schüttelten stellte sich kurz darauf heraus, dass die M. ganz arges Parkinson bekommen hat. Es ging ganz schnell, plötzlich konnte sie nicht mehr laufen. Und, mei, wir sagen nix, aber die Mundwinkel zucken bei allen denen die M. im Laufe ihres Lebens böse nachgeredet hat.

Und dann ist da noch die V. und ihre Schwiegermutter, die um irgendein Eck (ich glaube eingeheirateterweise) auch die I. näher kennt, die früher da war und mit der ich über genug Ecken wohl auch verwandt bin. Aber dann hat die I. Karriere gemacht. München, Berlin und ja mei bald wieder München. So viele Termine, der Wahlkreis und ach, aber wahnsinnig stolz sind sie daheim alle. Nach dem Unglück der Tante (Cousine? Ich habe längst den Überblick verloren.), die vor vielen vielen Jahren mit ihrem Soldaten (der ein General war, aber naja, ein Amerikaner.) in die USA gegangen ist. Und zuerst im furchtbaren Florida gelebt hat und dann in Dallas landete, bis dann die Kinder ausgezogen sind und sie war drauf und dran entweder an die Ostküste zu ziehen oder sogar nach Europa zurück zu kommen, als der Krebs kam. Das muss ihr unglückliches Leben gewesen sein, weil sonst niemand in der Familie jemals irgendeinen Krebs hatte. Nein, so ein Unglück und alle stehen da und schütteln eine halbe Sekunde lang betroffen den Kopf.

Aber dann muss sie Platz machen für eine größere Gruppe, die zwischen Kirche und unserer Gräberreihe durch will. Zu dem relativ frischen Grab weiter hinten. Noch mit Holzkreuz und schwarzem Band und schon beim vorbeigehen drehte sich mir der Magen um, weil das Geburtsjahr unter dem Foto 1994 eine eigene Tragödie erzählt und mir sowas die folkloristische Freude an Allerheiligen immer vollkommen verdirbt.

Da rette ich mich nur noch durch die Prozedur und den heftigen Geruch des Weihrauchs mit dem der Pfarrer nach der Kirche durch die Gräberreihen schreitet. An guten Tagen, ohne so ein Grab machen die R. und ich uns den Spaß die Ministranten böse anzustarren, bis manchmal einer stolpert. Aber die werden auch immer abgebrühter. Die Bläsergruppe steht außerdem in so einem schrägen Winkel zu uns, fast auf der anderen Seite der Kirche, dass der Wind auch noch die paar ordentlichen Töne verzerrt und dann frag ich mich immer kurz ob ich nicht eigentlich in einem Film bin, denn so jemand wie der Schwarzenberger inszeniert. Weil das komische Potential ist auf jeden Fall da.

Und dann geben wir alle noch ein bisschen Weihwasser auf das Grab und fahren zur E., wo es Kaffee und Kuchen gibt. Wir witzeln, dass sie für uns nicht so einen Aufwand mit der Torte betreiben hätte müssen. (Die E. hat in ihrem ganzen Leben noch nichts gebacken. Sie ist mehr der Bohrmaschinentyp. Darum ist sie aber nicht alleinstehend. Sie mag nur nicht wie anhänglich Männer schnell werden.) Dann trinken wir noch Wein und sagen natürlich nichts böses über die M. und ihr Parkinson und ich gebe zu, ich mag die Rituale. Am Tag darauf verfalle ich normalerweise in einen mehrstündigen Rant gegen die katholische Kirche. Das muss eine Reaktion meines Immunsystems sein.

Doch, ja. Natürlich kommen wir Allerheiligen vorbei.

Wohlfühlmethadon

Ich liebe die Wissenschaft. Ernsthaft, ich bin ein großer Fan von Physik und Chemie, von Ingenieuren und Biologen. Wissenschaft erklärt die Welt und verbessert unser Leben in unfassbar vielen Bereichen.
Hätte man einen Menschen der 1912 mein Alter hatte gefragt, wie es wohl in 100 Jahren aussieht – hätte dieser Mensch auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, dass wir uns heute gern darüber beschweren, dass Dinge nicht AUF DER STELLE verfügbar sind und wir unverschämterweise einen vollen Tag auf die High Resolution BlueRay Komplettserienbox warten müssen?
Eher nicht.
Und lassen sie mich gar nicht erst anfangen über Dinge wie medizinischen Fortschritt zu reden. Da werde ich zum Cheerleader.1

Was ich sagen will: Die Wissenschaft ist für mich der Inbegriff von Fortschritt, von Zukunft. (Auch von Klarheit, weil sich so ein Molekül nicht erst positionieren oder verorten muss.) Und natürlich ist nicht alles super was diese hervor bringt. Wir werden uns auch weiterhin neuen ethischen Fragen stellen müssen und werden immer wieder darüber debattieren welcher der richtige Weg ist.
Aber ich glaube, so generell, wird die Zukunft super. Atomare Weltuntergangsszenarien mal ausgenommen. Im Übrigen braucht es Menschen denen die Zukunft positiv am Herzen liegt, sonst wird irgendwann schlicht nicht mehr geforscht und entwickelt. (Und sich fortgepflanzt!)

Die Sache ist die: Mit der Ausnahme von vereinzelten ScienceFuckYeah-Momenten wie lustigen Robotern auf dem Mars und Menschen mit künstlichen Extremitäten bei den Paralympics scheint mir der Zukunftsglaube in Gefahr. (Okay, und wirren Österreichern die aus großen Höhen für Brausehersteller springen. Isjagut.)

Wir hängen an der Nostalgie-Nadel. Ironischerweise insbesondere diejenigen von uns, die sich mit Elan ins Internet und die social Networks werfen. Wo wir dann Katzenbilder mit Flausch-Filter, Kuchenrezepte und anderen Vintage-Kram teilen. Sogar die 8bit sind wieder da! Früher war ALLES SUPER. Oder so.

Hm.

Wobei, reden wir erstmal kurz darüber wer “Wir” sind, denn wir vergessen sehr oft, dass wir weder eine Mehrheit noch besonders repräsentativ sind. Mich würde ja ein Tag interessieren, an dem sämtliche Studenten, Agenturmitarbeiter, IT-Menschen und diejenigen aus dem erweiterten Medienfeld, sagen wir mal Print und PR nichts im Internet anstellen dürften. Wer bleibt da eigentlich übrig? Und worüber würde geredet, wie würde es dargestellt? Meine Twitter-Timeline zumindest wäre um mindestens die Hälfte gekürzt. Wohl eher zwei Drittel. Auch sonst glaube ich, dass “unser” Internet dann ein anderes wäre.

Wir also, die sich für gesellschaftlichen Pluralismus begeistern, noch an Migration und Gleichberechtigung glauben, für ein faires Urheberrecht und Möglichkeiten für alle einsetzen, und sei es nur digital, haben uns gleichzeitig ein flauschiges Paralleluniversum voller warmer Erinnerungen gebaut. (Und dann Pinterest. Aber das ist eine eigene Baustelle.)

Was ich verstehen kann. Ich gehöre schließlich zu denen, die sogar gewisse seltsame Traditionen gern erhalten und für die ein Ringen um Bestand und Entwicklung von Traditionen ein Zeichen für einen gesunden kulturelle Austausch gehört. Ich mag es, dass wir darüber diskutieren wo Tradition und Religion sich trennen sollten (haha, trennen. Gut, dass ich keine Vorhaut habe über die ich an dieser Stelle Witze reißen könnte.)

Und natürlich liebe ich Katzenbilder.

Dabei sind wir nicht generell pessimistisch. Kritisch und unsicher ja, aber nicht durchgehend negativ gestimmt. (Obwohl wir verdammt viele Lieferservices am Leben erhalten, insbesondere wenn wir die Bestellung komplett ohne menschlichten Kontakt abwickeln können.)
Aber dieses leichte Unwohlsein in mir will nicht weggehen.
Was wohl viel mit der Tonart der momentanen Nostalgie-Welle zu tun hat. Die ist lieblich und süß, fast klebrig und deswegen so einlullend.
Dabei merken wir manchmal nicht, dass eine Nostalgie-Welle auch eine Bewegung sein kann. Dass wir in westlichen, industrialisierten Ländern noch und immer wieder und, so mein Empfinden, häufiger über eigentlich selbstverständliche, moderne Freiheiten diskutieren.

In den US of A, dem heiligen Land des Fortschritts hängt ein nicht geringer Teil der nächsten Wahl davon ab, ob man(n) Frauen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung lassen will. Ob Homosexuelle wirklich gleichgestellt werden sollen. Und mein persönlicher Liebling der amerikanischen Provinzpolitik: Ob wirklich alle an die wissenschaftliche Theorie der Evolution glauben (!). Unter dem Mantel der freien Rede versucht eine größer werdende Gruppe ihr rückständiges Weltbild voller Dogmen und Religion zu verbreiten. Europa liefert sich diese Diskussion gerade mit dem Islam, in den USA erobern die christlichen Splittergruppen das Parlament.

Auch deren Anhänger stellen Katzenbilder ins Netz. Mit Flauschfilter. Wie Treibholz das von der Nostalgie-Welle an den Strand geworfen wird, unterwandert ihr ‘nostalgisches’, rückständiges Gedankengut unsere Zukunft. Bevor man sich versieht verschaffen sie sich so Gehör und pochen darauf berücksichtigt zu werden, bei der Planung der Zukunft. Dass wir ihren zarten Gemütern nicht zuviel Entwicklung zumuten. Sie sich nicht sofort von ihren sexistischen, homophoben und diffamierenden Denkmustern verabschieden müssen.

Ich weiß. Wer gern Serien über eine Werbeagentur in den sechziger Jahren schaut und Schwarzwälderkirsch-Muffins backt und Filter über seine Fotos legt ist doch noch kein fundamentaler Irgendwas! Im Gegenteil! Natürlich nicht. Aber das ist die Sache mit der Vernetzung. Die Begeisterung für ‘Damals’ kann eine popkulturelle Vorliebe sein. Oder ein Zeichen dafür, dass das eigene Weltbild auch aus der Zeit kommt.

Das einzige worauf die zweite Gruppe nicht so gut anspricht: Auf die Zukunft. Auf eine stete Entwicklung hin zu einer offenen, demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft. Der beste Weg also, sich von ihnen zu distanzieren ist möglichst diese herauf zu beschwören. Mit dem Hinweiß darauf, was sich schon alles getan hat (Frauenwahlrecht, don’t ask don’t tell, etc.) enthusiastisch zu werden ob all den Dingen die erst noch kommen.

Vielleicht wird es Zeit wieder ein bisschen größer zu denken, wieder anmaßende Ansprüche an die Zukunft zu stellen. Und zwar so laut, so drastisch und pragmatisch, dass die Rückständigen nur noch nach Luft schnappen und nicht dazu kommen sich zu äußern.

Möglicherweise müssen wir dafür auf einigen Zuckerguß, auf ein paar Polkadots und Bilder von Schreibmaschinen verzichten. (Wärt ihr wirklich Vintage, hättet ihr Federn und Tintenfäßer!)
Nicht alles was futuristisch ist, muss Science Fiction sein.

Wenn mich jemand fragen würde, wie das Leben einer jungen Frau im Jahr 2112 wohl aussehen könnte: Es ist voller Möglichkeiten, weil mehr Menschen Zugang zu Bildung haben werden schneller Fortschritte gemacht. Menschen haben unabhängig von Alter, Rasse und Geschlecht die Chance ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Technologie hilft dabei noch vorhandene Hürden abzubauen. Und Religion hat die Funktion von Märchen. Geschichten die davon erzählen, wie die Welt früher einmal war. Ein gruseliger, dunkler Ort.

  1. Ernsthaft, ich kann mir heute normale Schuhe kaufen, weil ein Prof. Dr. med Dipl. Ing. (ja, die gibt es) sich darauf spezialisiert hat Menschen mit komischen und zu kurzen Extremitäten zu helfen. Medizinischer Fortschrit FTW!