Donnerhall(en)

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Monat: Mai 2018

whatever, nevermind

Hallo Grippewelle, nimm dir den restlichen Ingwertee, mach’s dir gemütlich, ich hab grad gar keine Zeit für dich. Sie ignoriert das natürlich.
Gut, nutze ich dich halt als Echokammer, wenn ich schon wieder zwangsgebremst werde.

Wo ich doch grade zu nächsten Schritten ansetze. Naja, so ein bisschen. Diese seltsamen Menschen im Internet, die mir ein offenes Ohr bzw. eine offene Mailbox angeboten haben? Das werden sie zwar bereuen, aber ich nehme das jetzt mal. Du weißt ja wie das ist, wenn ich anfange auszuholen. Die armen Empfänger. Besonders in einem Fall. (Manchmal verschleudere ich Worte über Dinge als hätten sie keinen Wert. Das tut mir dann ein bisschen leid.)

Aber: es könnte halt auch was nützen. Da fiel der Begriff ‘Kommunikationsdesaster’ zu einer Sache (Gott segne all die klugen und geduldigen Menschen, die sich mit mir rumschlagen) und irgendwie springen da grade ein paar Rädchen an. Weil wie zur Hölle macht man jemandem den Alarmlevel klar, wenn die Person einen auch nur als halbwegs beisamen kennt? Das ist, stelle ich fest, ein wiederkehrendes Muster.
Selbst sogenannten Profis, deren gottverdammter Job es war sicherzustellen, dass es mir gut geht, hielten mich für stabiler als ich war. Hab ich etwas matronenahaftes an mir? Also, ist es die Physis? Darf man ab Kleidergröße 42 nicht mehr innerlich fragil sein? Oder ich rede zuviel und die Worte, die ich nutze um zu kommunizieren, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, verpuffen als, naja, Statusmeldung.
Ich musste immer erst Bettwäsche zerschneiden, Geschirr werfen oder das Tomatenmesser ansetzen (mit Links. What the hell was I thinking?). Nachweisbar, offensichtlich irrsinnig sein. Plötzlich kommt Bewegung in die Sache.

Dabei will ich das gar nicht. Die Frage ist, bin ich nicht nachdrücklich genug oder stimmt meine Theorie, dass es für Menschen einfacher ist zu reagieren, wenn Dinge ein bisschen unausweichlich sind? Die Blogeinträge, die Twitter-Threads, die direkten Emails, das sind nur Worte. Manchmal sogar derart abstrakt formuliert, dass man im Nachhinein jederzeit glaubwürdig sagen kann, dass man das nicht richtig verstanden hat.

Wer weiß, wie oft ich selbst solche Dinge schon übersehen habe, übersehen wollte. Ganz zu schweigen von Menschen, die zu dieser Sorte Dämonen selbst keinen Zugang haben.
Es sollte einen Code geben, ein Geheimzeichen. Etwas, das man überall anhängen kann und jemand weiß, dass die Lage verdammt nochmal ernst ist. Wenn man dann immer noch ignoriert wird, weiß man wenigstens woran man ist.

Einer von diesen wundervollen Twittermenschen hatte letztes Mal gefragt, ob man irgendjemanden anstupsen oder treten sollte und was war ich kurz davor zu sagen: Da, hier, genau dort müsste man mal mit der Stecknadel in die akut zu sonnige Bubble pieksen und stören. Aber noch befinden wir uns auf der High Road. Noch versende ich nicht Schrödingers Einladung, weil man will ja nicht diese Sorte Irre sein. Ich will nicht bitter sein, ich hab es so satt.

Kann ich nicht zu irgendeinem anderen Thema obsessiv sein? Bitte?

Wie diese ganzen Blogeinträge, die seit Wochen unlesbar sind und vom Muster her immer wieder gleich, weil ich nicht aufhöre mir dieselben Fragen zu stellen und an Türen zu kratzen, die nun mal zu sind.

Das schlimmste ist das eigene Dasein als hängende Platte.

Ich wollte diese Fußballweltmeisterschaft in Russland wirklich an mir vorbeiziehen lassen, aber meine Güte, das könnte die Ablenkung sein, die ich brauche. Außerdem brauche ich eine Party-Playlist.

Irgendwelche Vorschläge?

Damaged Goods

Cause there’s a hole where your heart lies
And I see can it with my third eye
And though my touch, it magnifies
You pull away, you don’t know why

Es ist Donnerstagnacht, noch nicht mal elf. Im Schlafzimmer ist es dunkel, aber nicht dunkel genug. Es ist nie dunkel genug. Ich setze mich im Bett auf, weil ich nicht aufhören kann zu weinen. Das ist neu. Ich weiß nicht, was dieses Mal der Grund dafür ist, ein bisschen trage ich die Tränen schon ein paar Stunden mit mir rum. Während ich da sitze, fallen mir zwei Dinge auf: 1. Das ist die nächste Stufe. Jetzt stecke ich wirklich im Treibsand dieses großen Schattens. Und 2. Ist Tränenflüssigkeit immer so warm? Warum fühlt sie sich grade so an?

Ich merke, wie ich fast automatisch nach dem Smartphone greifen will. Womöglich etwas schreiben. Ich ahne, dass der Impuls für die stattfindende Schlaflosigkeit auch irgendwo in diesem Wischphone steckt. Am Wochenende – einem eigentlich fabelhaften Wochenende mit neuen Eindrücken, Erlebnissen und in charmanter Begleitung – hatte ich schon mal versucht einen von diesen absurden Sachverhalten in Worte zu packen, zu erklären, was da an mir zieht. Ich erntete mehr Konfusion als mir lieb war, auch, wenn ich es nachvollziehen konnte. Und fing auch da an zu heulen. Ich hab es nicht mehr unter Kontrolle. Da hat jemand ein Loch in den Damm gemacht und nun hab ich ein Problem. So öffentlich wie in einer Kneipe weinen – wann ist das zum letzten Mal passiert? Ich komme nicht drauf. Vielleicht im Klassenzimmer damals.

Dabei steckt, wie momentan bei allen Dingen die mich stören, keinerlei Logik dahinter. Mein Kopf weiß das. Er hatte auch angefangen sich zu erholen, als ich während des langes Wochenendes in einer anderen Stadt einfach mal ein paar hundert Tweets nicht gelesen habe, mich nicht in Konversationen gemischt habe, nicht mitbekam was alle anderen tun. Ohne mich tun.

Das hier ist kein „Twitter ist toxisch“-Eintrag. Im Gegenteil. Das Wochenende hätte ohne Twitter nicht stattgefunden. Einige der besten Momente der letzten Jahre hätten ohne Twitter nicht stattgefunden. Ich sehe keine Plattform. Ich bekomme gar nicht so viel Hass und Empörung mit. Twitter ist mein Schulhof. Der, den ich in echt nicht hatte. Ich folge nicht ganz 350 Menschen und ich glaube, mittlerweile habe ich ein Drittel davon persönlich kennengelernt.

And therein lies the problem.

Wenn es mir gut geht, ist dieses lose aber nicht belanglose Netzwerk ideal. Sich hier und da einklinken, zeitlich und räumlich ungebunden aber doch dabei sein und hier und da dann eben auch in der Kohlenstoffwelt sehen – für jemanden, der die sozialen Normen zum Thema Freundschaft als Fremdsprache wahrnimmt, ideal.
Bis es einem zu gut geht und man vergisst, dass wir alle Maulhelden sind.

Als ich 16 war und ein Büchlein führte, in dem ich alle Suizidarten, mit Vor- und Nachteilen sowie logistischen Hürden aufgelistet habe, war es eine ähnliche, heute sagt man Community, die das aufgefangen hat. Wir hatten Foren und Chats und haben uns gegenseitig unsere Teenager-Seelen offenbart. Übrig geblieben sind zwei, vielleicht drei Kontakte und auch die hängen an seidenen Fäden, nicht zuletzt wegen der räumlichen Distanz.
Auch damals gab es Dramen und Zerwürfnisse und beendete Kapitel. Wir konnten uns nicht entfolgen oder blocken, aber ignorieren und in Lager aufteilen. So kindisch das im Nachgang klingt, so viel einfacher hat es alles gemacht.

Jetzt ist alles wischiwaschi.

Wenn es mir gut geht, ist das hervorragend auszuhalten. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Menschen im wahren Leben nicht wissen wohin mit mir. Ich bin ein bisschen zu stachelig, zu kantig, tauge nicht für engere Kreise. Als entfernte Bekanntschaft, die ob Humor und Kuriositätenfaktor so ungefähr ab dritter Reihe dazu gehört, eigne ich mich aber offensichtlich hervorragend. Für jeden Schritt auf mich zu, machen die meisten Menschen zwei zurück. Dadurch bin ich auch leichter auszusortieren, wenn es mir nicht gut geht, wenn die beschädigte Ware augenscheinlich wird. Dazu hab ich selber beigetragen.

I’ve built this cage myself.

Ich habe diese Persona aufgebaut. Ein bisschen zu laut, ein bisschen zu schrill. Ein axtschwingendes, schnapstrinkendes Großmaul, unabhängig und furchtlos.
Ein Großmaul, das man mit Winzigkeiten aus der Fassung bringen kann. Ein „deinetwegen“ langt völlig. Wichtig genug, präsent genug zu sein, dass jemand irgendetwas tut und sei es nur eine Formalität, bringt das fein justierte Weltbild ins Wanken. (Es ist ein sehr eingerostetes Weltbild, das böse quietscht und dann fast bricht, wenn es zurückkippt, weil man sich in der Realität wiederfindet, in der man wie sonst auch ausgelassen wird. )
Die letzte zu sein, die etwas weiß, die zu sein, deren Wünsche erst am Ende berücksichtigt werden – das ist durchaus mein Normalzustand. Weil trotz aller Therapie, aller positiver Erlebnisse – jetzt, wo ich wieder in den Keller hinunter steige, ist die innere 13jährige verzweifelt wie eh und je. Die, der gesagt wurde, dass sie dankbar zu sein hat, weil sich jemand mit ihr „abgibt“. Sie hat gelernt keine Bedürfnisse gegenüber anderen zu haben, sondern lustig und unkompliziert zu sein, damit sie mitmachen darf.

Vielleicht ist es ihre Wut, die ich mit mir rumtrage. Sie hat hart daran gearbeitet, dass niemand an ihrer Zähigkeit zweifelt, dass sie alles alleine hinbekommt. Sie wäre so empört, das wir es in unsere Dreißiger geschafft haben, nur, um Nachts zu heulen weil Realität und Erwartung auseinander driften. Wo wir uns doch die Erwartungen abtrainiert hatten. Ich bin nicht misstrauisch, ich habe eine Statistik.

And yet.

Etwas, das an Twitter sehr viel Spaß machen kann, sind die – nennen wir sie mal – Mikrosignale. Die „jemand ist gemeint, wird aber nicht erwähnt“-Tweets. Die Favs oder Retweets, die in einem bestimmten Kontext passieren. Komplettes Inside-Baseball. Der Schulhof, den ich nie hatte.
Genau diese Mikrosignale sind es jetzt, die vermutlich zwischen meinem Kopf und etwas Abstand zu den Dingen stehen, die passiert sind.
Natürlich ist es ziemlich plem plem, wegen vereinzelter Assoziationen auf Tauchstation zu gehen, obwohl es genug Menschen dort gibt, denen man vielleicht sogar ernsthaft fehlen würde. Mir werden sie fehlen.
Aber was Besseres fällt mir grade nicht ein.