Zynismuslevel: Pending

Am meisten erschrocken hab ich mich, als der (vermutlich) heimatlose Mann beim Warten auf den Zug die traurige Geschichte von einer jungen Mutter aus der Gegend erzählte. Sie war den schlagkräftigen Ehemann gerade losgeworden und ist nach Indien gegangen. Davon kam sie schwanger wieder, das war dann Kind Nummer vier. Jedenfalls hat ihr irgendetwas mehr zugesetzt, als es irgendwer geahnt hat, weil sie sich vor kurzem durch Erhängen das Leben nahm. Die Geschichte ist traurig und voller schlimmer Details und Nebenschauplätze. Auch die erzählt er mir, um kurz vor Acht bei strömendem Regen. Die Geschichte passt gerade so in die drei Minuten bis der Zug kommt.

Jedenfalls sagt er, so halb abschließend, “sie hoad si woi doch ned aussegseyng. Des hod ihra nochad ‘s Gnack brocha.” [Sie sah wohl keinen Ausweg. Das hat ihr das Genick gebrochen]
Eine Milisekunde langt liegt mir “Buchstäblich” auf der Zunge. Aber dann hab ich mich, wie gesagt, vor mir selbst erschrocken und nur genickt.

Wird Zeit, dass ein rührseliges Weihnachten um die Ecke kommt.

20 Sachen über mich

Kaum passt man einmal nicht auf, wird einem ein Stöckchen an den Kopf geworfen. Ja gut, dann.

  1. Ich mag keine Gurken. Wirklich nicht. Weder kleine saure noch die großen und ich schmecke sie auch aus allem heraus. Bäh.
  2. Ich hatte noch nie Liebeskummer. Klingt komisch, is aber so. Was natürlich auch mit meiner Beziehungsunfähigkeit zusammen hängt. Aber was soll ich machen, es langt ja oft gerade so zum verlieben, kaum zum beinander sein geschweige denn zum dramatischen Trennen.
  3. Trotzdem ist mein innerer Monolog unfassbar kitschig. Es ist absurd und gern dramatisch. Da können herzgebrochene Serien-Ärztinnen einpacken. Alle.
  4. Dazu passt, dass ich mich zu oft an die Namen derer erinnere, die gemein zu mir waren und regelmäßig die vergesse, die es gut gemeint haben. Ich erinnere mich an das Mädchen aus der siebten, die mir das Leben zur Hölle gemacht hat und den Verräter aus dem Studium. Aber viele, mit denen ich mich gut unterhalten habe, sind nur noch Schatten in meiner Erinnerung.
  5. Ich sehe aus wie mein Vater, nur ohne Schnauzer. Der sieht eigentlich aus wie seine Mutter, nur mit Schnauzer. Und wie der verschrobene Cousin von Tom Selleck.
  6. Ich habe praktisch keinen Orientierungssinn und neige dazu, die Bahn für Verspätungen verantwortlich zu machen, obwohl ich nur an der Kreuzung falsch abgebogen bin und im falschen Stadtteil…jedenfalls, keinerlei Ahnung davon.
  7. Wenn ich Rachephantasien habe, dann detailreich und inklusive den Gedanken daran, wie das juristisch ausgehen könnte. Ich bereite im Geiste manchmal schon meine Verteidigungsstrategie vor.
  8. Ich bin eher größenwahnsinnig.
  9. Weil ich Angst davor habe, Durchschnitt zu sein. Nicht meinetwegen, sondern wegen Leuten, die aus mir unbekannten Gründen denken, aus mir sollte mal irgendetwas werden. Vielleicht ein Wandschrank, oder so.
  10. Von allen Sachen, die ich wegen der kleinen Sache an meinem Fuß nicht kann, vermisse ich nur das Tanzen. Gut, Rennen und Springen wäre manchmal praktisch, aber nicht notwendig. Wenn ich glückliche Menschen beim Tanzen sehe, zieht es mir aber manchmal ganz schön das Herz zusammen. Was doof ist, weil ich gehen kann und gestikulieren und das ist mehr als viele andere.
  11. Ich habe meine Locken ganz lange regelrecht gehasst und sie ausgebürstet. Während meiner Pubertät sah ich entsetzlich aus, weil sie dauernd abstanden. Elmar (!) nannte mich in der sechsten Klasse deswegen mal Klobürste. Das hab ich dem Wicht nie verziehen.
  12. Ich bin besser im Beschenken oder große Emails schreiben, die ich mitten in der Nacht abschicke, als hinzugehen und Danke oder Entschuldigung zu sagen.
  13. Ich ordne ALLES. Mein Leben, meine Unterlagen, fremde Bücherregale und wenn es sein muss die gschlamperten Verhältnisse meiner Mitmenschen.
  14. Ich habe eine Art sechsten Sinn für die Schwachstelle anderer Menschen, wenn es sein muss. Dann kann ich mit wenigen Worten sehr brutal verletzen. Es ist meine last defence, wie man so sagt, wenn ich wütend bin, aber am Grund der Wut nichts ändern kann.
  15. ‘them teeth are fucked. Also meine. Irgendwo zwischen der zu groß geratenen Zahnspange, die die Substanz ruiniert hat und meinen komischen Anlagen (mir fehlen die gleichen Eckzähne wie Jürgen Vogel. Nur habe ich noch einen Milchzahn davon), müsste ich einen Kleinwagen investieren um ein halbwegs vorzeigbares Gebiss mein eigen nennen zu können. Ich nenne es britisches Flair.
  16. Ich kann viel, viel besser alleine sein als unter Menschen. Manchmal erfinde ich komplizierte Geschichten um A zu sagen, dass ich bei B bin und B, dass ich bei A bin (die dürfen sich halt nicht kennen), nur damit ich meine Ruhe habe.
  17. Aber sonst flüchte ich mich gern in die Wahrheit. Die schockt so schön. Wer mich nach meiner Meinung fragt BEKOMMT SIE AUCH. (Das hat jetzt alle sehr überrasche, ne?)
  18. Ich bin nicht gut mit Umarmungen. Ich zucke zusammen, selbst wenn Freunde mich spontan berühren. Ich weiß nicht woher das kommt, ich bin auch wirklich, ganz sicher, nicht so kaputt oder diagnostizierbar wie das klingt, aber, nun. Zuletzt sind mir diverse Menschen begegnet deren Habitus man als unabsichtliche Konfrontationstherapie betrachten könnte. Langsam, ganz langsam gewöhn ich mich daran.
  19. Sehr oft denke ich sehr detailiert darüber nach, wie ich eine neue Identität annehmen könnte, um von vorn anzufangen. (Momentaner Favorit: Ein Buch-Cafe irgendwo in Wales.)
  20. Fakten über mich selbst zusammen suchen, stürzt mich in seelische Krisen. Weil es droht, im Seelenstrip zu enden. Oder nicht quirky genug zu sein. Oder zu quirky. Oder komplett uninteressant. Gnah.

Angie ain’t yo mama

Hach ja.

Zunächst wollte ich den Fragen nachgeben und was dazu schreiben man wie man Feministin sein kann, ohne die CDU schlichtweg zu hassen. Aber dann haben einige kluge Leute schon was dazu geschrieben und jetzt schreib ich den Eintrag, den ich schon seit einem Jahr schreiben will.* (viermal schreiben in einem Absatz. Diverse frühere Deutschlehrer schütteln den Kopf.)

Warum ich einen leichten Würgereiz bekomme, jedesmal wenn eigentlich gar nicht so dumme Menschen unsere Kanzlerin “Mutti” nennen. Oder Journalisten. Oder die eigene Partei. (Unfassbar, was für Schwachmaten da bei der JU sitzen.)

Mutti ist dabei nicht nur eine antifeministische Bezeichnung, sondern eine Herabwürdigung für gleich mehrere Seiten. Für Mütter, deren Erziehungsarbeit mit dem stoischen Leiten einer Horde von mittelintelligenten Ministern verglichen wird, für Frau Merkel, die ihr Geschlecht im Gegensatz zu ihren politischen Gegnern nie zum Thema gemacht hat und als kinderlose Naturwissenschaftlerin keinerlei Bezug zum Alltag einer Mutter hat und abschließend für jede Frau in einer leitenden Position, deren Autorität in einem Fachbereich reduziert wird auf das bemuttern irgendwelcher Untergebenen.

Außerdem hat der Spiegel damit angefangen und wir wissen ja wie feministisch-positiv und gar nicht von alten weißen Männern durchsetzt diese Publikation ist.
Natürlich, viele “große” Politiker bekommen einen Beinamen, einen Titel. Aber Mutti? Nein, das ist eine Schmähung.

Sezieren wir die Angelegenheit mal. Frau Doktor Angela Merkel, geschieden, evangelisch (Pfarrerstochter!), kinderlos. Wie kommt sie zu diesem Beinamen? Gilt sie als besonders warmherzig oder kümmernd? Eher nein. Hat sie sich in ihrer Politik oft und viel inbesondere für Frauen und Mütter eingesetzt? Im Gegenteil. Angela Merkel hat, das kann einen stören oder nicht, nie besonders feministische Positionen vertreten. Sie hat sogar den Komplettausfall Kristina Schröder ins Kabinett geholt.
Gleichermaßen hat die Kanzlerin nie weibliche Lebensentwürfe als politische Munition missbraucht. Sie sagt weder “Karrieremütter” (Seehofer) oder Herdprämie (alle außer Seehofer), noch spielen ihre wie auch immer gearteten religiösen Ansichten eine besondere Rolle in ihren Reden oder ihren Entscheidungen. Tatsächlich würde ich Angela Merkels politischen Stil als eine Mischung naturwissenschaftlicher Beobachtung und strategischen Kompromissen beschreiben.

Zwischenzeitlich eine kurze Frage – außerhalb der JU-Pfuscher – haben Sie schon mal jemanden “Mutti Merkel” mit positiver, anerkennender Konnotation hören sagen? Ich auch nicht.

Also wenn Fr. Merkel gar keine Mutti ist – woher dann die Bezeichnung?
Ich befürchte, es ist eine reine sprachliche Spitzfindigkeit. Während Mutter, auch die eines Staates, nach einer positiv besetzten und starken Rolle klingt, oder Mama uns das Gefühl von Zuhause und Geborgenheit vermittelt, ist die Mutti ein Begriff, der immer auch ein bisschen nach Mütterchen klingt. Nach einer in ihrem Horizont beschränkten, braven aber nicht besonders charismatischen Frau. Nicht nach einer Spitzenpolitikerin.

(Sollte es an dieser Stelle Leser geben, die ihre Frau Mutter seit jeher und durchaus positiv Mutti nennen, entschuldige ich mich, möchte aber zu bedenken geben wie außergewöhnlich mir das erscheint. Das ist ungefähr so wie mein Vater, der jeden seiner Freunde ganz liebevoll einen oiden Deppen, einen versoffenen nennt. Nun ja.)

Jedenfalls. Damit wäre klar warum Mutti Merkel im speziellen gegenüber Frau Merkel nicht nett ist, aber warum meine feministische Empörung? Nun, wegen der Männer. (höhöhö) Als Günther Jauch vor kurzem meinte, aus Mutti Merkel würde nun die schwarze Witwe werden, weil die Koalitionsfrage nicht auf der Stelle geklärt werden konnte, saß ich mit offenem Mund vor dem Fernseher. Welche Akzeptanz von frauenfeindlicher Kaltschnäuzigkeit führt zu solchen Begrifflichkeiten? Hätte er auch einen Herrn Steinbrück als, sagen wir mal, einen Biber der den eigenen Damm anknabbert, bezeichnet? Oder Vatti?

Manchmal erscheint es, als hätten insbesondere Journalisten eine innere Skala für den Beißreflex, der schwächer wird je älter und konservativer der, selbstverfreilich, Mann ihnen gegenüber ist. Aber Mutti hält das ja alles aus. Mutti beschwert sich nicht. Sie ist doch nicht vollkommen bescheuert.

Mutti Merkel. Die schöne Sarah Wagenknecht. Die burschikose Frau Künast.

Mächtige Frauen sind momentan wie einsame, bedrohte Eisberge und solche Kommentare, die allgemeine Stimmung gegenüber diesen Menschen ist der verfluchte Klimawandel. Diese Frauen wollen einfach nur ihren Job tun und sollen sich aber doch bitte auch um ihre Frisur kümmern, den richtigen Schmuck tragen und einerseits ansehnlich aber bitte auch nicht zu attraktiv sein. Klar, kein Problem.

Solange diese Art von Respekt gegenüber jemandem wie Angela Merkel hoffähig ist, was bedeutet das für andere Frauen in verantwortlichen Positionen? Wie sehr müssen Frauen sich winden und verformen lassen, um am Ende nicht als hysterische Zicke, inkompetente Furie oder eben die Mutti der Kompanie zu gelten?

Diese Grundhaltung hat für mich nichts mit politischer Sympathie zu tun. Darum ist es umso trauriger, dass viele der Mutti-Sager ansonsten tolerante, offene, auf politische Korrektheit bedachte Leute sind. Aber weil sie Frau Merkel nicht mögen, ist Mutti plötzlich okay.

Ist es nicht. Bitte.

P.S. Aber, werden manche sagen, wenn die Mutti so antifeministisch ist, warum wehrt sie sich nicht dagegen, hm?
Nun, weil sie keine Trolle füttert. Weil sie ihr Leben und ihre Politik nach anderen Prioritäten führt. Weil sie echt keine Zeit für auch noch diesen Blödsinn hat, wo gleich wieder der Seehofer was will oder Frankreich anruft und überhaupt wollte sie noch mit Russland telefonieren. Mutti? Bitch please.

*Phew. Das musste raus. Das war dann auch der Politik-Block und demnächst wieder vorweihnachtlicher Wahnsinn von der Landfront, keine Sorge.